Jesus Christ, Shooting Star!

[Anmerkung: Von morgen an bis Samstag Abend werde ich im Bereich DRK / Notfallseelsorge und der zentralen Gefangenensammelstelle als Seelsorger tätig sein. Mit vielen erlebe ich, wie Kehl sich über die letzten Wochen verändert. Anlass genug zur Assoziation von "Die Mächtigen ziehen ein" zu "Jesus kommt nach Jerusalem" – in beiden Fällen – hier am Wochenende offensichtlich – stellt sich die Machtfrage: "Ja, welcher denn nun?" Die Predigt ist noch nur Entwurf und wird in den kommenden Tagen entsprechend dem Geschehen konkretisiert.]

In den „Kindern aus der Krachmacherstrasse“, einem Buch von Astrid Lindgren – die, von der auch Pipi Langstrumpf und die Kinder aus Bullerbü stammen –, da sagt Eva-Lotta: „Tante Berg hat sich nicht nur gefreut – Tante Berg hat sich zweimal gefreut.“ „Wieso denn das?“ fragt ihre Mutter. „Naja: einmal als wir gekommen sind und dann noch einmal, als wir wieder gegangen sind …“

Ob es Ihnen genauso geht mit dem NATO-Gipfel: Freude – oder zumindest Neugierde – in der Zeit der Vorbereitung. Und erleichterte Freude jetzt, wenn in diesen Stunden alles zu Ende geht?

Sie gehen, die Gäste: Und mit ihnen die 15000 Polizisten mit ihren Fahrzeugen – ich kam mir am Mittwoch richtig fremd vor, als mir auf dem Weg nach Sundheim nur zwei Streifenwagen begegneten –, mit ihren Hubschraubern, Schnellbooten, Hunde- und Reiterstaffeln, mit dem ganzen Geheimnisvollen, was da noch so im Hintergrund verlief: Die jungen Männer mit ihrem Knopf im Ohr und den dicken Jackets. Die Bundeswehr im Hintergrund und in der Luft.

Und dann die ganzen Rettungskräfte: Feuerwehr, Technisches Hilfswerk, Malteser, Johanniter, teilweise von weit her angereist wie damals die drei Könige. Wie gut, dass sie da waren. Dass es Menschen gibt, die zu helfen bereit sind. Stellvertretend für uns. – Ja.

Sie gehen wieder. – Nur die Verbotsschilder an den Straßenrändern, versiegelte Schächte und Briefkästen, die bleiben uns noch ein par Tage.

Liebe Gemeinde! Erstaunlich, was zwanzig Menschen an subjektivem Sicherheitsbedürfnis entwickeln können. Erstaunlich, wie sehr, wie schleichend und dann rasend schnell die bürgerlichen Rechte eingeschränkt werden. Das zu merken lohnt sich: Es geht schließlich um unsere Demokratie … und die kommen und gehen nicht mehr und nicht weniger als unsere Repräsentanten, keine kleinen und großen Königinnen und Könige. – Wir leben in der Bundesrepublik Deutschland und ich bin froh darüber.

Andere brauchen weniger an Sicherheit und schränken andere weniger ein. Der etwa, von dem bei uns immer wieder die Rede ist:

[TEXT]

Er. Jesus. Alle Welt erwartet ihn, möchte ihm die Hand schütteln, ihn zumindest gesehen haben – und hätte es damals schon die Medien gegeben wie heute, dann wäre da noch vile mehr los gewesen: Jesus Christ, Shooting Star!

Dann aber: Seine Staatskarosse ein Esel – ein Esel wie damals bei König David. Kein Streitross wie bei einem Krieger, sondern ein einfaches und friedliches Tier, Zeichen dafür, dass er, Jesus, in friedlicher Absicht kommt. Und seine schusssichere Weste und die Panzerung seiner Staatskarosse eine einfache Decke unterm Hintern. Die Leibgarde ein paar mitunter undurchsichtige Charaktere, Zöllner, Fischer, wer noch? Und ein paar Frauen: Frauen – die hat er geachtet, die hatten bei ihm eine Würde wie sonst damals nirgendwo. Die waren dabei.

Da kommt er also, Jesus, hinunter ins Tal der Weg, dann wieder hinauf zum Stadttor.

Keiner, von dem man denken muss, dass er einem das Fell über die Ohren ziehen will. Einer, dem der Ruf vorangeht, gerecht, freundlich zu sein. Einer, der zerbrochene Menschenleben wieder heil und schön macht.

Nicht einmal, als er den Tempel gewaltsam für seinen Vater im Himmel wieder zu dem zu machen versucht, was er eigentlich sein soll, die Händler hinauswirft, kommt irgend ein Argwohn auf: „Jesus – der ist in Ordnung. Lasst den mal: Der weiß schon, was er tut und was er will.“

Doch hinter den Kulissen brodelt es. Die Gerüchte, er sei gekommen, Seine Macht aufzurichten, die machen die Runde – nicht nur auf den Strassen, nicht nur bei denen, die im Tempel und Regierungsviertel das Sagen haben: Die hätten ihm ja am liebsten aus dem Verkehr gezogen: „Geheilt hin, gepredigt her: Der stürzt uns doch alle ins Unglück: Wie, wenn es wieder zu einem Aufstand gegen die römischen Besatzer kommt wie vor ein paar Jahren: Dann haben wir alle den Schaden …“ – Man ist aus der Geschichte gewarnt.

Die ganze Angst, das Misstrauen, die Sorge, die Eifersucht, dass ihm alles Volk nachläuft – aber dann eben nicht den Priestern im Tempel – spitzen sich zu. Die Luft knistert. Wie wird das ausgehen.

Sollte etwa das Volk so ein Sicherheitsbedürfnis entwickeln wie unsere zwanzig, die gerade aus Kehl abgezogen sind? – Nein, doch nicht das Volk: Die Mächtigen, die Regierenden. Die, die das Sagen haben und behalten wollen. Die nun zeigen müssen, wer der Herr im Haus ist. – Und hinter den Kulissen werden schon die neuen Parolen geschmiedet. Nicht mehr „Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn.“ Sondern „Kreuzige ihn!“

Und Er? Geht wieder. Feiert mit den Jüngern das Fest, das Sedermahl am Abend vor dem Passa. Erinnerung an die Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten. Fest der Dankbarkeit. Feiert, teilt das Brot, den Wein. Ahnt er denn nichts?

Doch, natürlich: Dreimal hat er den Jüngern gesagt, dass er nicht ewig bei ihnen bleiben werde. Dreimal davon gesprochen, dass der Menschensohn leiden werde – damit den Menschen dieses Leid erspart bleibt.

Und als Judas am Abend die Hand mit ihm in das Gefäß steckt, da ist offensichtlich, wer der sein wird, der ihn – verblendet – der Obrigkeit ausliefert.

Aber so weit ist es noch nicht in diesen ereignisreichen Tagen: Noch zieht er ein in die Hauptstadt, nach Jerusalem. Noch klingt das unbeschwert-fröhliche „Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn“ durch die Strassen. Noch scheint die Sonne und die Welt ist in Ordnung.

Und noch können wir ihn anschauen – ohne Not, ohne die Dornenkrone – und entscheiden: Wollen wir den? Oder doch lieber nicht, weil er gefährlich ist?

Aber wenn ich mir dann die zwanzig vom Wochenende anschauen und dann den, dann weiß ich – bei allem Respekt –schon, wen ich zum Herrn haben will.

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