Es gibt hier nichts zu sehen

„Weitergehen! Bitte gehen sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen. Gehen Sie bitte weiter…“ Der Polizist in Uniform spricht ruhig, aber bestimmt, und die Neugierigen wenden sich widerwillig ab. Zu Schade, dass man nicht sehen kann, warum hier die Straße gesperrt ist. Wäre sicher interessant gewesen. Aber macht ja nichts; man kann’s ja bestimmt auch morgen in der Zeitung lesen…

Wo immer die rot-weißen Hütchen auf der Straße stehen, wo der Weg zu einem Unfallort mit Flatterleinen abgesperrt wird oder auf hastig geparkten Rettungswagen das Blaulicht blinkt, werden wir wie magisch angezogen.

Die Severinstraße in Köln, in der ein Archivgebäude über einer U-Bahn-Baustelle eingestürzt ist, ist zu einer Art Touristenattraktion geworden. Zwei Menschen sind unter den Trümmern gestorben; doch in den folgenden Wochen kamen Tausende, um den Trümmerberg im Herzen der Stadt zu besehen… Warum? Was hat sie dahin gezogen?

Zu einer Trauerfeier in Winnenden, in dem kleinen Ort in Baden-Württemberg – wo bei einem Amoklaufes eines ehemaligen Schülers in an einer Realschule insgesamt 16 Menschen starben – sind über zehntausend Leute gekommen, größtenteils Fremde. Was wollten sie da? Warum sind sie gekommen?

Unfälle, Katastrophen, Leid und Tod haben etwas Erschreckendes und Faszinierendes. Was wir normalerweise verdrängt haben, was wir nicht zu denken wagen – nämlich, dass auch unser Leben nicht ewig dauert, dass auch wir einmal sterben werden, dass auch wir einmal tot sein werden – was wir normalerweise nicht zu denken wagen, dass wird dann unausweichlich und bestürzend real: Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen. Wir fühlen, dass wir an jedem Tag, in jeder Minute am Rande eines Abgrunds stehen, dass nur ein Moment unser Leben von den Toten trennt.

Wir schaudern und erschrecken, wenn wir Unfallopfer sehen, und denken: „Das könntest Du selbst sein, Du selbst würdest hier liegen, wärst Du wie dieser da zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen.“ Wir sind noch einmal davon gekommen – Hurra!, wir leben noch.

Faszinierend und erschreckend: so hat ein Theologe im vergangenen Jahrhundert das „Heilige“ beschrieben. Dieses Gefühl, das Menschen ergreift, wenn sie dem Heiligen, wenn sie Gott begegnen, ist uns fast völlig abhanden gekommen, nur in der Begegnung mit dem Tod ahnen wir noch etwas davon. Könnte es sein, dass darum die Nachrichten über Katastrophen oft so seltsam anziehend auf uns wirken?

„Weitergehen! Bitte gehen sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen. Gehen Sie bitte weiter…“ Ich könnte mir vorstellen, wie ein römischer Soldat auf dem Weg nach Golgatha steht. Schädelstätte. Hinrichtungsort. Drei Kreuze sind aufgerichtet, Menschen sterben daran. Nur wenige Meter neben einer Hauptverkehrsstraße. Das Sterben ist öffentlich, es soll abschrecken. Niemand macht sich selbst zum König der Juden, niemand stellt sich ungestraft gegen den Kaiser. Aber die römische Ordnungsmacht hat auch kein Interesse daran, dass hier ein Stau entsteht, Zusammenrottungen, Aufruhr. Darum werden die Neugierigen vertrieben. Zu Schade. Wäre sicher interessant gewesen. Aber man kann’s ja morgen in der Bibel lesen.

Der Tod Jesu hat Christen über Jahrhunderte hinweg fasziniert. Kirchenlieder, Altargemälde, Statuen und Schnitzereien stellen uns den Gekreuzigten vor Augen. Passionsspiele, Oratorien, dramatische Dichtung, Literatur und sogar Hollywood-Filme zeigen uns Jesus, den Schmerzensmann, das Lamm Gottes. Warum? Was zieht uns unter das Kreuz Jesu, was läßt uns jedes Jahr wieder in sein blutiges Gesicht unter der Dornenkrone blicken, was bringt uns dazu, sein Leiden und Sterben in den Mittelpunkt des Gottesdienstes am Karfreitag zu stellen?

Was bedeutet uns der Tod Christi?

Wir sind gewohnt, im Tod das spezifisch Irdische, Menschliche zu sehen. Wir sind sterblich. Gerade das ist es, was uns von Gott unterscheidet. „Von Erde sind wir, zu Erde sollen wir wieder werden…“ Das ist der Mensch. Gott aber ist ewig, ohne Anfang und Ende.

Manche sehen in der Sterblichkeit die Strafe Gottes für die Sünde, für den Hochmut, dass ich Gott nicht Gott sein lasse und mich selbst an seine Stelle setze, dass ich selbst Gott sein will an der Stelle Gottes. Und dass ich in meiner Trägheit unbeweglich bleibe, unfähig zu Taten der Nächstenliebe, unfähig, mich einem Mitmenschen liebevoll zuzuwenden, um meinen Egoismus herum verkrümmt in ein Universum, im den nichts existiert ausser dem, was mir selbst nützt, und in dem Gott keinen Platz hat.

Unsere Sterblichkeit und die Sünde reißen einen Abgrund auf zwischen Gott und den Menschen, der uns unabänderlich von Gott trennt. Nun irrt der Mensch unruhig umher auf der Suche nach dem Heiligen und lässt sich faszinieren und schrecken von den Zerrbildern des Todes, die ihn doch immer nur an seine eigene Vergänglichkeit erinnern können… Er selbst kann sich nicht erlösen.

In Jesus hat sich Gott den Menschen gleich gemacht. Liebe hat ihn getrieben, so zu werden, wie wir sind. Er hat Fleisch angenommen, so bekennen wir unseren Glauben. Er ist in Jesus das Ebenbild dessen geworden, der nach seinem Ebenbild geschaffen ist. Gott wird Mensch. Das heißt, an ihm wird auch unsere Angst sichtbar, unsere Sehnsucht, unsere Not, unsere Vergänglichkeit, unsere Sterblichkeit. Er hat sich uns so sehr gleich gemacht, dass er auch unseren Tod stirbt.

Jesu Passion ist vielleicht deshalb so faszinierend, weil er dem Tod nicht ausgewichen ist. Er war bereit, sich dem letzten, unbekannten Ende zu stellen. In ihm hält Gott uns einen Spiegel vor, in dem wir uns erkennen können, nicht als Zerrbilder des Todes, sondern als Ebenbilder Gottes, die er in seiner Liebe geschaffen hat. Jesus hat sich in den Abrund hineingeworfen, der Gott und Menschen trennt, Himmlisches und Irdisches scheidet. Und er hat diesen Abgrund gefüllt, den Tod überwunden. „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.“

Das Hinsehen auf den Tod, das Feiern seines Todes ist ein Tabubruch. Denn normalerweise sprechen wir nicht über den Tod. Bei aller Faszination überwiegt der Schrecken und macht uns stumm im Bewusstsein unserer Sterblichkeit. Aber am Karfreitag sprechen wir über den Tod, erzählen von dem Sterben Jesu am Kreuz, ja, wir singen von dem Tod Gottes.

Wo das Tabu gebrochen ist, gilt es nicht mehr, kann es nicht mehr belasten und binden. Durch Jesu Tod sind wir frei von dem eigenen Tod. Er hat zwar noch die Kraft, uns aus dieser Welt zu nehmen. Aber er hat nicht länger die Macht, uns von Gott zu trennen. Denn er ist überwunden, besiegt. Das Weizenkorn ist gestorben, nun wächst der grüne Halm des neuen Lebens.

„Weitergehen! Bitte gehen sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen. Gehen Sie bitte weiter…“ Am Ende müssen wir uns nicht länger vom Tod faszinieren lassen; er hat seinen letzten Schrecken verloren. Am Kreuz gibt es nichts mehr zu sehen, das Instrument des Todes wird zum Zeichen des Sieges. Auch das Grab ist leer und der Stein weggewälzt. Was heilig ist, begegnet uns in Christus, dem Auferstandenen.

drucken