Eine schrecklich schöne Geschichte

Gründonnerstag ist ein Feiertag im Verborgenen, einer dieser Tage, bei dem eine Umfrage auf der Straße fast nur Unkenntnis zu Tage bringen würde. Da käme viel von Spinat zur Sprache und wenig von Leiden.

Dabei kommt das ‚Grün’ nicht vom Spinat, sondern aus dem althochdeutschen von greinen, weinen. Gründonnerstag ist der Tag, der entweder zum weinen ist, oder an dem Menschen geweint haben.

Heute wäscht der Papst in Rom ausgewählten Menschen die Füße. Damit will er erinnern an eine Geschichte mit Jesus. Ob das gelingen kann? – Hören wir mal die Geschichte:

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Eine schrecklich schöne Geschichte. Schrecklich, weil sie von Leid und Elend erzählt. Schrecklich weil es hier um den Tod Christi geht.

Schön aber ist sie auch.

Da ist einer auf dem Weg in den sicheren Tod und will noch einmal mit den Seinen zusammen sein. Er kennt die Seinen und er weiß auch um ihre Schwächen, ihr Versagen, er kennt Verrat, Verleugnung und Flucht und verhält sich wie ein liebevoller Vater oder eine liebvolle Mutter: Er zieht sich nichts ins Schneckenhaus zurück, sondern lebt die Gemeinschaft und feiert mit seinen Weggefährten.

Jesus steht im Angesicht des Todes und lebt Gemeinschaft mit den Lebendigen. Er erweist sich hier als Herr über Leben und Tod, gerade weil er sich zum Diener macht.

Es geht bei Jesu Tod nicht um Sühne, es geht um die Liebe dessen, der alles tut für die Seinen, der alles aushält und alles erträgt. Es geht um den Sohn Gottes, der sich buchstäblich zu den Menschen herabbeugt.

Jesus hält die Wahrheit, die die Liebe ist, durch bis zum bitteren Ende – macht dadurch auch deutlich, dass Liebe nicht immer nur etwas Schönes Einfaches ist. Es ist absolut nicht schön, wenn einer sich aus Liebe derart erniedrigt, mir die Füße zu waschen und um meinetwillen Leid zu ertragen.

Es ist absolut nicht schön, dass seine Jünger diese Liebe nicht aushalten. Es ist absolut nicht schön, dass ich nicht einmal sagen kann, wo ich in dieser Geschichte vorkomme.

Ich muss mir diese Geschichte gefallen lassen, so wie Jesu Jünger sich diese Aktion gefallen lassen mussten. Jesus selber nennt das, was hier geschieht, ausdrücklich ein Beispiel. Diese Geschichte hat also etwas für das Leben der Gemeinde zu sagen. Ich kann aus ihr lernen, wie christliches Miteinander funktionieren kann.

Es geht nämlich nicht darum, dass wir diese Zeremonie nachmachen (das war schon Calvins Überzeugung), sondern darum, dass wir einen Lebensstil übernehmen, der bereit ist für Menschen da zu sein, der bereit ist, sich und die eigene Krise klein zu machen, weil das Leid anderer zu groß ist.

Es geht um die Demut, die Christus übt und die ChristInnen üben können, wenn sie diesem Herrn nachfolgen können.

Wie gesagt: es geht nicht darum, dass wir von Stund an überall Menschen die Füße waschen, aber wohl darum, dass wir es ertragen, dass Gott sich erniedrigt, sich herabbeugt, uns begegnen will in den Elenden, in den Leidenden, in den Menschen am Boden. Dass wir ihn am Erdboden suchen und nicht im Himmel.

Dazu müssen wir auch Fragen aushalten: Die Selbsterniedrigung Jesu – wo findet sie unter uns ihr Abbild, ihre Nachfolge? Wo sind die Menschen, die sich freiwillig in das Elend begeben wie Albert Schweitzer oder Mutter Theresa? Wo bin ich in dieser Geschichte?

Wer in diese Nachfolge eintreten will, muss sich den Dienst Jesu gefallen lassen, muss seine Passion akzeptieren und seine eigenen Unwürdigkeit annehmen.

Und trotzdem geht es um Erquickung, wie es der 23. Psalm in seiner schönen alten Sprache nennt. Erquickend sind Fußwaschung wie Abendmahl. Erfrischend, weil sie mich befreien aus aller Unmündigkeit, befreien zu einem Leben, das aus der Kraft des Heiligen Geistes seine Kraft schöpft.

Schwester- und Bruderliebe sind Zeichen der Gemeinschaft in Jesus Christus, die Liebe eben nicht nur zum Nahestehenden, sondern auch zu dem, der die Gemeinschaft verrät, dem Amokläufer von Winnenden oder der jungen Mutter, die ihr Neugeborenes tötet oder dem Chef der seine Mitarbeitenden ausspioniert. Auch wenn ich das Tun in dieser Welt nicht gutheißen kann, so bleiben sie doch alle Menschen, für die Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist.

Die Aktion Jesu zwingt mich dazu, über mich selbst und meine eigene Würde nachzudenken. Wie die Taufe Jesu Johannes zwingt zu bekennen: ‚Ich bin nicht würdig seine Schuhriemen zu lösen’, so muss auch Petrus bekennen: Das ist gegen jede Ordnung, so müssen auch wir bekennen: Dass wir dem Herrn der Welt soviel wert sind, ist gegen jede Ordnung ist Anarchie pur. Nur kommt diese Anarchie nicht von unten, sondern von Gott selber – und das ist auch gut so.

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