Abgewaschen hat er deine Schuld

Liebe Gemeinde,

heute am Karfreitag denken wir an Jesu Tod. Wir denken nicht deshalb daran, weil wir so gerne über Folter und Mord und die Schrecken des Lebens nachdenken. Wir denken deshalb an Jesu Tod, weil in diesem Tod für uns das Leben liegt. Jesus Christus ist für uns gestorben, damit wir trotz all dem Schlimmen, das in der Welt und in unserem Leben geschieht, leben können, damit wir ewiges Leben empfangen.

Wenn ich so etwas sage, dann höre ich immer die Stimme eines guten Freundes im Hinterkopf, der einmal gesagt hat: „Ich will das nicht. Ich will nicht, dass jemand für mich stirbt. Ich will nicht, dass jemand für mich leidet. Ich will die Verantwortung für mein Leben selbst in der Hand behalten. Ich stehe für das gerade, was ich tue. Ich will nicht von dem Leiden eines anderen profitieren!“ Ich kann ihn da gut verstehen. Was er ausdrückt, entsprach auch einmal meinem Gefühl. Dieses Gefühl hat sich jedoch geändert als ich gegen die Wand gelaufen bin. Dieses Gefühl hat sich geändert als etwas so Schlimmes in meinem Leben passiert ist, dass ich die Kontrolle über mein Leben nicht mehr behalten konnte. Als ich gemerkt habe: Ich kann nicht mehr für das gerade stehen, was ich durch mein Handeln bewirkt habe. Wie unabsichtlich das auch gewesen ist. Ich kann mein Leben nicht selbst verantworten. Und ich kann an dem, was gewesen ist, nichts ändern. In dieser Situation habe ich die alte Formel des Zuspruchs der Vergebung neu gehört: „Abgewaschen hat er deine Schuld durch sein kostbares heiliges Blut!“ Ich habe mich zwar immer noch gefragt: Wie kann das sein, wie ist so etwas möglich?“ Aber ich habe nicht mehr bezweifelt, dass ich das brauche, dringend und verzweifelt brauche. Das war für mich der Anstoß, neu darüber nachzudenken, inwiefern Jesus für uns gestorben ist. Der heutige Predigttext aus dem Johannesevangelium hilft uns dabei, den Tod Jesu für uns besser zu verstehen.

Ich lese Johannes 19,16-30:

[TEXT]

Das Johannesevangelium bettet den Tod Jesu in den Ablauf des jüdischen Passahfestes ein. Es gibt Bibelausleger, die sagen: „So wie Johannes den Ablauf des Prozesses Jesu und der Kreuzigung im Zusammenhang mit dem Passahfest schildert, so könnte es abgelaufen sein. Dann wird Jesus in dem Moment gekreuzigt, in dem sich die Priester im Tempel auf das Schlachten der Passahlämmer vorbereiten. Das heißt, das Johannesevangelium legt dem Tod Jesu die gleiche Bedeutung bei, wie dem Tod des Passahlammes. Was heißt das?

Das Passahfest wird gefeiert, um sich an den Auszug aus Ägypten zu erinnern. Die Israeliten werden in Ägypten unterdrückt. Mose versucht zu erreichen, dass sie aus der Sklaverei weggehen können. Der Pharao von Ägypten weigert sich das Volk ziehen zu lassen. 9 Plagen können ihn nicht davon überzeugen, die Israeliten gehen zu lassen. Und dann kommt die 10. Plage. Die Erstgeborenen Söhne der Ägypter sollen sterben. Gott schickt seinen Todesengel durch das Land. Und die Israeliten bekommen den Auftrag: „Schlachtet ein Lamm, esst es ganz auf und bestreicht die Türpfosten mit seinem Blut. Dann wird der Engel Gottes an diesem Haus vorübergehen. Und seid bereit zum Aufbruch!“ In dieser Nacht verlassen die Israeliten Ägypten. Sie entkommen der Sklaverei. Es ist die Nacht ihrer Befreiung. Sie brechen auf in das Land, das Gott ihnen versprochen hat. Das Blut des Passahlammes schützt die Israeliten vor dem Tod. Der Tod des Passahlammes stärkt die Israeliten für ihren Aufbruch in die Freiheit. So versteht das Johannesevangelium den Tod Jesu: Sein Tod hat dem Tod die Macht genommen. Er führt uns in die Freiheit eines Lebens in der Gegenwart Gottes. Er schenkt uns das ewige Leben.

Das ist für uns eine große Herausforderung. Daran knüpfen sich viele Fragen. Wieso musste Jesus sterben? Hätte Gott uns nicht auch ohne so eine brutale und grausame Geschichte in die Freiheit eines Lebens mit ihm führen können. Hätte er uns nicht einfach so das ewige Leben schenken können?

Hätte und könnte Fragen sind in der Theologie wie im alltäglichen Leben oft schwer zu beantwortende Fragen. Aber vielleicht hilft uns ja unser Predigttext weiter. Ich möchte ihre Aufmerksamkeit einmal auf da lenken, was da unter dem Kreuz passiert. Jesus kümmert sich um seine Mutter Maria. Als der älteste Sohn hat er die Aufgabe sich um die Versorgung seiner Mutter zu kümmern. Und in all dem Leid und dem Schmerz nimmt er diese Aufgabe noch wahr. Er vertraut seine Mutter seinem engsten Freund an und den engsten Freund seiner Mutter. Er hilft den beiden, die am meisten um ihn trauern werden, sich gegenseitig zu unterstützen. Er schließt sein Leben ab, indem er noch das nötigste regelt. Vorher hatte er ja keine Zeit dazu. Er wurde von einem seiner Freunde verraten in einer Nacht- und Nebelaktion verhaftet, noch in der gleichen Nacht verurteilt und zur Hinrichtung geschleppt. Aber das alles kann ihn nicht daran hindern, sein Leben in einem guten Sinne abzuschließen. Er macht aus dem schlimmsten aller möglichen Tode, den besten aller möglichen Tode. Jesus beendet sein Leben mit einem fast zufrieden wirkenden Satz: „Es ist vollbracht!“ Seine Aufgabe in dieser Welt ist zu einem guten Abschluss gebracht worden. Er hat erledigt, was er tun wollte und er hat erreicht, wozu er in die Welt gekommen ist. Können wir uns einen besseren Tod vorstellen, als in dem Gefühl zu sterben: „Ich habe alles erreicht, was ich wollte und was Gott von mit wollte?“ Ja, alles ist gut. Die Botschaft Jesu ist bei den Menschen angekommen. Sie hat die Menschen in ein neues Verhältnis zu Gott gebracht. Der Weg zu Gott ist nun für alle Menschen frei. Der Tod ist ein für alle Mal überwunden.

Und auf der anderen Seite: Können wir uns einen schrecklicheren Tod vorstellen als stundenlang am Kreuz zu hängen und langsam zu ersticken? Was das römische Reich sich damals als Foltertod für Sklaven ausgedacht hat, ist heute in seiner Grausamkeit noch immer unerreicht.

Beides kommt hier im Tod Jesu zusammen. Das Schlimmste und das Beste. Auch durch die denkbar furchtbarsten Umstände hindurch stirbt Jesus in der Freiheit der Kinder Gottes. Jesus schafft es einen guten Tod zu sterben, denn er hat Gottes Willen getan und ist zufrieden mit seinem Leben.

Wenn ich auf diesen Tod schaue, dann bin ich getröstet. Es kann mir nichts Schlimmeres passieren als Jesus. Die haben ihm alles angetan, was menschenmöglich ist. Aber sie konnten ihm seine Würde und sein Gottvertrauen nicht nehmen. Im Gegenteil sie haben ihm zu seinem letzten Sieg verholfen, dem Sieg über den Tod.

Nicht Gott braucht den Tod Jesu am Kreuz. Gott hätte uns auch so unsere Schuld vergeben können. Gott hätte uns auch so ewiges Leben schenken können. Offensichtlich sind wir es, die diese Geschichte brauchen. Wir brauchen den Menschen Jesus mit diesem guten und diesem schrecklichen Schicksal, um unser Leben darin wieder zu erkennen. In dem Tod Jesu erkennen wir die Güte Gottes, der uns auch im schlimmsten Leid nicht alleine lässt. Wir erkennen die Güte Gottes in unserem Leben, der uns Glauben schenkt und Vertrauen, dass am Ende auch wir sagen können trotz allem Schmerz und allem Leid: Ja, es war gut. Es war gut und sinnvoll zu leben.

Und in dem schlimmsten Moment meines Lebens als ich gemerkt habe, wie tief meine Schuld reicht und dass sie weiterhin das Leben der nächsten Generation beeinflussen wird, da hat mir der leidende Erlöser Jesus Christus geholfen. Da hätte ich keinen strahlenden Sieger gebrauchen können. Ich brauchte den Befreier Jesus, der von Gott her kommt, um zu erkennen was mit meinem Leben los ist. Und ich brauchte den Menschen Jesus, der Gottes Willen getan hat, um zu erkennen, wie es anders sein kann auch in meinem Leben. Befreiung geschieht durch Leiden hindurch. Und ich finde es ungeheuer ermutigend am Leiden und Sterben Jesu zu sehen, dass die Güte Gottes nicht aufzuhalten ist. Was immer wir Menschen auch tun, wie schrecklich das auch immer ist, was wir anderen antun. Die Güte Gottes überwindet den Tod und sie überwindet unsere Schuld. Es gibt tatsächlich ein gutes und freies und ewiges Leben in der Gegenwart Gottes. Jesus hat uns gezeigt, dass dieses Leben nicht aufgehalten werden kann, dass es alles selbst die brutale Herrschaft des scheinbar so mächtigen riesigen römischen Reiches überwindet.

Gibt es eine bessere eine schönere eine mutmachendere Botschaft als diese, die uns im Leben und Sterben Jesu geschickt worden ist? Ich kann es mir nicht vorstellen. Lassen Sie es uns feiern im Abendmahl. Die Güte Gottes kann durch nichts und niemanden je von uns fern gehalten werden. Die Güte Gottes überwindet alles, was wir getan haben, was wir je tun werden, und was uns je begegnen wird. Nichts und niemand kann sie aufhalten. Im Vertrauen darauf lassen Sie uns Abendmahl feiern.

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