Wer ist dieser Mann auf dem Esel?

Palmsonntag war früher der Tag des Einzugs. Dabei stand vor allem der Einzug von KonfirmandInnen in die Kirche im Mittelpunkt. Jugendlich, die ‚eingesegnet’ wurden, was immer dieses schöne Wort für jeden Einzelnen persönlich bedeutete.

Dabei geriet aber immer öfter der wahre Einzug verloren, der Einzug, der diesem Sonntag den Namen gegeben hat und die ‚stille Woche’ eröffnet. Dieser Einzug, der den Blick auf den Karfreitag öffnet, an dem sogar die Fußballbundesliga schweigt.

Das rauschende Fest der Konfirmation überlagerte oft die Kirchenjahreszeit, obwohl die Geschichte eigentlich doch auch passte.

Im Evangelium nach Johannes wird die Geschichte sehr eindrücklich erzählt:

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Ein wenig ist es wie bei ‚Deutschland sucht den Superstar’. Das Volk jubelt einem zu, von dem sie noch gar nicht richtig wissen, was er für sie bedeuten kann. Die Etablierten dagegen haben Befürchtungen: ‚alle Welt läuft ihm nach’. Alle Welt, das heißt der ganze Kosmos. Bedrohlich für die Macht und das Ansehen derjenigen, die das so sehen. Den muss man zurechtstutzen, auf Normalnull setzen oder kalt stellen. Die Sprache des Unmenschen steht hinter dieser Bemerkung. Die Sprache jener Menschen, die eher andere bekämpfen, als an sich selber zu arbeiten, sich selber zu überprüfen.

Jesus reist nach Jerusalem. Dort empfangen ihn Menschen, die ihn vorher erlebt haben mit allem Enthusiasmus zu dem eine Fangemeinde fähig ist. Es ist wohl davon auszugehen, dass es sich vor allem um Menschen aus der Provinz handelt, Menschen bei denen Jesus gelehrt hat und geheilt hat. Dem Hauptstadtpersonal dagegen macht dieser Aufzug Angst: Was soll daraus werden, in dieser Stadt, die versucht Balance herzustellen zwischen den Interessen Israels und den Interessen Roms.

Das, was wirklich hier vor sich geht, ist eigentlich erst für Menschen zu verstehen, die die Osterbotschaft gehört haben und ihr glauben. Darum könne die Jünger an dieser Stelle auch nichts verstehen, aber mit der Gemeinde nach Ostern. Denen erzählt Johannes seine Geschichte:

Die Menschen, denen dieser Jesus wichtig war, die, die er geheilt hat oder die Heilungen und die Totenauferweckung des Lazarus miterlebt haben genauso wie die, denen er vom Reiche Gottes gepredigt hat, bereiten ihm eine Empfang, der widersprüchlich ist.

Bei Johannes geht alle Aktivität vom Volke aus. Das Volk holt Jesus wie einen König ein. Aber was für einen König, erbärmlich gekleidet auf einem Eselchen. Und trotzdem müssen die Pharisäer ihre Ohnmacht eingestehen: ‚Die Welt läuft ihm nach’

Natürlich taucht sofort das Gerücht auf von denen, die heute Hosianna rufen und morgen ‚Kreuzige ihn’. Aber so war es wohl nicht. Das waren wohl, wie hier bereits angedeutet, unterschiedliche Gruppen.

Diese Diskussion erspart mir nicht den eigenen persönlichen Konflikt: Ich muss mich der Frage aussetzen: Wer ist dieser Einziehende wirklich für mich?

In unserer Geschichte gibt es zwei Volksgruppen. Beide sind fehlgeleitet. Die einen, weil sie die Wunder Jesu (Lazarus direkt vorher) in ihren Erfahrungshorizont einreihen und einen König krönen wollen, die anderen, weil sie Angst um das Bestehende haben. Beiden fehlt die Vision von etwas grundsätzlich Neuem. Beide begreifen nicht, dass es um den geht, der die Auferstehung und das Leben ist.

Beiden geht es über den Horizont – und doch stehen hinter Beiden mehr Ideale: Da sind die, die Jesus gehört und erlebt haben. Ob wir da wirklich Glauben vermuten dürfen – oder nur Begeisterung, ist erst einmal zweitrangig. Sie lassen sich auf einen Weg bringen. Sie lassen sich begeistern – vom Geist bewegen und bereiten Jesus in der Stadt, in der er gekreuzigt wird einen Empfang als König.

Die andere Gruppe ist auch nicht gottlos. Sie haben verstanden, was dieser Jesus bedeutet, vielleicht sogar wer er ist. Und sie haben ihre Sinne beieinander. Vor allem die politischen. Das könnte eine diplomatische Krise der Extraklasse werden, wenn sie jetzt nicht diesen einen opfern, dem all nachrennen. Terrorismusverdacht bei den Römern, das könne sie jetzt nicht brauchen. Dafür gibt es zu viele bürgerliche Freiheiten im römischen Reich. Besser man opfert den Einen – und wenn er Gottes Sohn ist , wird er das doch auch verstehen. Die theologischen Experten und die geistlichen Führer müssen ihre Ohnmacht eingestehen und tun das, was heute noch ohnmächtige Mächtige gerne tun. Sie blasen zum Angriff ohne Rücksicht auf Verluste. Wir müssen bei uns selber anfangen nach diesen Motiven zu suchen.

Und dann ist da dieser Jesus, der einzieht in seine Stadt, die Stadt Davids: Mit seinem Eselchen widerspricht Jesus allem, was hoch zu Ross daherkommt. Auch als der bejubelte ‚König von Israel’ begegnet er den Menschen noch auf Augenhöhe.

Die Situation bleibt offen – für mich? Es bleibt die Frage: wer ist dieser Mann auf dem Esel für mich persönlich?

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