Frei zum Dienen

Wieder einmal, so möchte man ausrufen, die Söhne des Zebedäus: Johannes und sein älterer Bruder, Jakobus! Wieder einmal stehen sie mitten drin im Geschehen, sind ganz nah bei ihrem Herrn und symbolisieren so für uns am deutlichsten die Stärken und die Schwächen des Menschen, der Christ sein will in dieser Welt. Erinnern wir uns! Die Söhne des Zebedäus, die mit zu den erstberufenen Jüngern Jesu gehören werden auch Donnersöhne genannt – vielleicht wegen ihres Eifers, den sie bei der Sache Jesu haben. Diese sind dabei, als Jesus auf den Berg steigt und sie mit Petrus zusammen die Vision von der Verklärung Christi haben. Was sagt Petrus damals?: „Kommt lasst uns drei Hütten bauen!“, so als ob das Geschehnis einfangbar wäre. Aber das Grundbedürfnis der menschlichen Natur auf Sicherheit wird dort nicht befriedigt. Später sind die Zebedaiden ebenfalls ganz nah im Garten Gethsemane mit Jesus zusammen, ebenfalls mit Petrus. Jesus will beten und bittet seine Anhänger: „bleibet hier und wachtet mit mir – wachet und betet!“ Was aber tun diese Menschen?: sie schlafen ein. Ja, liebe Gemeinde, das sind die Tücken, mit denen wir Christenmenschen in diesem Leben zu kämpfen haben: den Drang, alles fest in der Hand halten zu wollen, Sicherheit zu haben statt Gewissheit. Gleichzeitig aber zu träge und zu müde zu sein, um durchhalten zu können. Und heute an Judika, benannt nach dem 43 Psalm – die deutsche Übersetzung lautet am ehesten: „Schaffe mir Recht, Gott“ – hören wir die dritte Schwäche, mit denen wir Menschen in der Nachfolge Jesu zu ringen haben. Denn die Zebedaiden tun etwas, was wir nur zu gut kennen und wozu wir heutzutage allenthalben im Beruf aufgefordert werden: sie planen ihre Karriere. Das ist an sich nicht dumm. Sich zu überlegen, wo soll es denn hingehen mit mir in meinem Beruf? Was will ich vielleicht noch erreichen und welche Schritte müsste ich dazu unternehmen? Die beiden Jünger haben also verstanden, dass Jesus bald wird sterben müssen und sie glauben daran, dass er danach auf dem Herrscherstuhl Gottes sitzen wird. Nun bitten sie darum, in diesem Reich der Herrlichkeit zu seiner Linken und zu seiner Rechten sitzen zu dürfen. „Ihr wisst nicht, was ihr da erbittet!“, antwortet Jesus ihnen. Ihr wisst es nicht, so können wir es aus dem letzten Wort unserer Perikope lesen, weil ihr nicht wisst, was dieses Herrschen bedeutet! Denn es ist nicht wie bei den Mächtigen dieser Welt, die die ihren mit Gewalt unterdrücken, sondern dieses Herrschen wird ein Herrschen durch das Dienen sein. Und dieses Dienen, liebe Gemeinde, sie wissen es, geschieht durch das Kreuz. Dieses aber ist der Welt eine Torheit, wie es bei Paulus heißt. Wer aber Christus nachfolgen will, der ist gewiesen auf diesen Dienst des Kreuzes, und damit auf die Anteilhabe am Dienen des Gekreuzigten.

Es ist für uns tröstlich, liebe Gemeinde, dass trotz dieser Irrungen des Petrus und der Zebedaiden dennoch gerade diese drei an herausragender Stelle die junge Kirche weitergetragen haben – vielleicht weil sie in diesen Unterweisungen Jesu doch etwas verstanden haben, worauf es ankommt in der Nachfolge. Aus Petrus wird der Fels der Kirche. Johannes bleibt der Lieblingsjünger – nach kirchlicher Tradition war er noch lange Zeit als Bischof tätig. Jakobus hat bis heute den klingenden Namen, den Menschen in den Mund nehmen, wenn sie sich auf Pilgerreise begeben wollen. Sie wissen es: auch durch unsere Gemeinde läuft nun ein ausgeschilderter Weg, der auf diesem Pilgerdasein Hilfestellung geben will.

Das Herrschen Christi also geschieht durch Dienen. Sein Sterben am Kreuz war dieses Dienen für uns Menschen. Dort, wo er einsteht mit seinem Leben für das Leben der Menschen, die in der Sünde gefangen waren. Dort gibt er sein Leben, damit das Leben der anderen wieder zu einem Leben mit Gott werden kann. Kirche muss sich daran orientieren und messen. Nicht durch die Hierarchie und durch verstärkte Leitungskompetenz wird Kirche glaubwürdig, sondern durch die Hinwendung zu diesem Gekreuzigten: „Ja, ihr werdet den Kelch trinken, den ich trinke und ihr werdet die Taufe empfangen, mit der ich getauft werde!“, sagt Christus.

Im Blick auf unsere eigene Kirchengeschichte, aber auch im Blick auf aktuelle Entwicklungen ist es heilsam, sich dieses immer wieder vor Augen zu führen. Die Kirche Jesu Christi ist als unsichtbare Kirche nicht mehr Teil der Welt, sondern sie gehört bereits dem in Christus anbrechenden neuen Reich an. Sie bleibt dennoch, solange wir noch als Institution hier verankert sind und uns organisieren müssen, Teil dieser Welt. Gerade deshalb sollte sie nicht versuchen, in dieser Welt durch Anpassung heimisch zu werden oder gar versuchen, sich ihr gleichzustellen. All das, was wir hier tun können ist auf Übergang eingestellt und nicht auf Dauer. All das, was wir hier tun können, ist auf Hoffnung gebaut und nicht auf Sicherheit. All das, woran wir uns orientieren können ist aber am dem Ziel der Nachfolge Christi ausgerichtet. Einer Nachfolge, die der Welt zur Torheit geworden ist und sich auszeichnet durch die Bereitschaft, Leid zu tragen im Blick auf den Nächsten. Die Erfahrung der Zebedaiden lehrt uns, nicht nur den Erfolg ins Visier zu nehmen, denn das kann bedeuten, dass man blind wird für das Evangelium.

Judika – schaffe mir Recht, Gott! Den Sitz, den Christus eingenommen hat nach seiner Himmelfahrt ist ja doch zugleich der Richterstuhl Christi, vor dem jeder von uns, nach dem Wort der Schrift Zeugnis wird ablegen müssen. Und das Recht, welches Christus dort sprechen wird, ist nichts anderes als die Gerechtigkeit, die uns Gott versprochen hat und die uns Christus selbst schon geschaffen hat. Es wird weh tun, liebe Gemeinde, wenn wir einst konfrontiert werden mit dem, was wir waren, obwohl wir hätten anders sein können und sollen, aber wird sind durch den Tod Christi gewiss, dass uns diese Gerechtigkeit zugesprochen werden wird. Durch die Taufe und den Glauben werden wir selig werden – daran halten wir uns fest. Insofern ist es doppelt gut, dass die Zebedaiden nicht links und rechts neben diesem Richterstuhl sitzen werden, als Hilfsrichter etwa. Die Vorstellung, dass Menschen einst richten werden, trägt kein Heil in sich, sondern verbreitet Angst und Schrecken. Aber zu dem zu kommen, der selbst sich hingab, damit andere leben können, ist ein wunderbarer Trost.

Die Passionszeit, liebe Gemeinde, erinnert eindringlich daran, sich dieser Welt nicht gleichzustellen, sondern immer wieder Acht zu geben auf die innere Ausrichtung des Evangeliums. Von dieser Liebe Gottes zu leben, heißt frei zu sein. Luther formuliert das so: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemanden untertan.“ Und diese Freiheit heißt zugleich, am Dienste Christi, an der Nachfolge teilzuhaben. Luther formuliert es so: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Beides zusammen ist diese innere Ausrichtung des Evangeliums, welches von der Liebe Gottes an den Menschen kündet.

Und der Friede Gottes, der weiter reicht, als wir es uns vorstellen können, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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