Drei Ausrufezeichen gegen alles Unverständnis

Liebe Gemeinde,liebe Schwestern und Brüder,

manchmal ist es nur schwer zu verstehen, was um uns herum passiert.
Was ging in dem 17-jährigen Tim in Winnenden vor sich, als er mit dem Gewehr seines im Schützenverein aktiven Vaters loszog, um in seiner Schule ein sinnloses Blutbad anzurichten, 15 Mitschüler zu töten und sich am Ende selbst das Leben zu nehmen. Das ist doch so sinnlos, dass einer am Anfang seines Lebens schon völlig leer oder orientierungslos ist, oder aber die Welten, in denen er real und virtuell lebt nicht mehr auseinanderhalten kann. Ist das Leben denn wie ein Spiel ohne Konsequenzen, wo ich alles wieder auf Null stellen kann ? Wie sollen das die Angehörigen der Opfer und des Täters je begreifen und damit leben lernen? Die Ohnmacht und Hilflosigkeit scheint überhaupt nicht mehr zu weichen.

Wie verzweifelt, verletzt oder gekränkt muss ein Familienvater sein, der seine Lebensgefährtin, sein eigenes Kind und seine Stiefkinder erschießt oder zu erschießen versucht.

Alle uns bekannten Deutungsmuster versagen hier. Und auch bei allergrößter Kraftanstrengung gelingt es letztlich nicht, sich in die Empfindungen eines Menschen hineinzuversetzen, wenn alle natürlichen oder moralischen Hemmungen abfallen und nicht mehr greifen. Mehr noch: man kann den Glauben daran verlieren, dass es am Ende mit unserer Welt doch noch gut ausgehen soll. Solch ein Glaube, auch der Glaube an die Barmherzigkeit Gott, erscheint da naiv oder verbietet sich beinahe angesichts solch brutaler Gewalt und solcher Abgründe menschlichen Verhaltens.

Es fällt jedenfalls schwer sich heute unbefangen der Freude hinzugeben, von der dieser Sonntag spricht: „freuet euch mit Jerusalem. Ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom.“ (Jesaja 66, 10.12)

Und da habe ich noch gar nicht an die erinnert, die mit einem Mal mit dem zurechtkommen müssen, was ihnen das Leben beschert an kleinen und großen Katastrophen, Krankheiten, Unfällen oder Einschnitten.

Von der Diagnose beim Facharzt bis hin zu den vergeblichen Protesten vor den Werkstoren angesichts der globalen Wirtschaftskatastrophen dieser Tage.

Das ist alles mit gesundem Menschenverstand nicht zu verstehen, mögen sich alle bei den Talkshows auch noch so große Mühe geben.

All diese kleinen und großen,privaten und öffentlichen Passionsgeschichten mit ihren lauten oder leisen verzweifelten Fragen nach dem Warum und Wozu durchziehen unbeantwortet diese Welt. Es klingt nach, ob denn da ein Gott ist, der hört und antwortet und Menschen auffängt. Gibt es ein Ohr, in dem unsere Klagen hartnäckig, bohrend wieder und wieder klingen?

Unausgesprochen ist das das Thema einer jeden Leidensgeschichte: wie soll man das verstehen oder erklären?

Eine Zeit lang mag es helfen, die Fragen wenigstens auszuhalten und zuzulassen, wenn man sie denn schon nicht beantworten kann.

Und es ist seelsorgerlich geboten, nicht gleich mit vorschnellen Antworten die eigene Hilflosigkeit zu überspielen.

Aber die Fragen kommen wieder und wieder, immer bohrender.

Das, genau das ist das tiefe Anliegen der Passionszeit. Leid nicht zu verdrängen, sondern auszuhalten und den menschlichen Fragen mitten in aller Ohnmacht und Verzweiflung den ihnen zustehenden Raum zu geben.

„Warum,Gott … Warum ich, Gott, wie kann ich damit leben, weiterleben ….“

Die Evangelisten und wahrscheinlich früher schon die Jünger hatte genau diese Frage bedrängt, wie man das verstehen kann und verstehen soll, dass Jesus fraglos und beinahe klaglos, dafür aber mit sehenden Augen den Weg ins eigene Leid, in den eigenen Tod gegangen ist, obwohl er keinem Gewalt angetan hat. Er hatte doch vielmehr Leben und Heilung an Körper und Geist auf seine Fahnen geschrieben . Nur so konnte doch glaubwürdig von Gottes neuer Welt die Rede sein, wenn sie nämlich heute schon etwas im Leben der Menschen verändern würde.
Wie kann einer sein Leben für andere opfern?

Ist mir dieser Gedanke so unbegreiflich, weil wir in einer egoistischen Zeit und Gesellschaft leben?

Haben wir den Opferbegriff verharmlost, weil Menschen heute nur noch zu Opfern werden, Opfer der Mobilität, der Globalisierung, der familiären Umstände, und dabei nur selten Opfer bringen?

Sicher gibt es in der jüngeren und älteren Vergangenheit genügend Beispiele für Menschen, die sich für andere geopfert haben. Denkenwir an den jüdischen Pädagogen Janusz Korczak, der mit den ihm anvertrauten Kindern in das Warshauer Ghetto und später nach Treblinka ging und auf jede ihm durchaus mögliche Rettung verzichtete, weil er bei seinen Kindern bleiben wollte, die ihm mehr als nur unfertige Erwachsene, vielmehr kostbare Wesen waren. Denken wir an den Franziskanerpriester Maximilian Kolbe, der für einen Familienvater in den Hungerbunker ging und am Ende als letzter einer kleinen Gruppe den Hunger überlebte und mit einer Giftspritze getötet wurde – und so Leben rettete . Vielleicht auch der Prediger von Buchenwald Paul Schneider, der nicht anders reden und handeln konnte, als es ihm das Evangelium gebot und dafür mit seinem Leben zeugte.

Es gibt Beispiele liebevoller Aufopferung von Müttern und Vätern, Geschwistern und Großeltern, aus Überzeugung und mit aller Konsequenz.

Aber können wir wirklich verstehen, was da passiert?

Ich will mich lieber nicht auf meine Märtyrerqualitäten verlassen, selbst wenn Gott mir die Widerstandskraft zuwachsen ließe, die vonnöten wäre.

Jesus ist auf dem Weg ans Kreuz – eigentlich von Anfang an, so die Botschaft auch des Johannesevangeliums, denn die Finsternis hat dieses Licht nicht begriffen und nicht ergriffen.

Das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt, sagt Johannes der Täufer mit Blick auf Jesus.

Hilft mir das zu verstehen und damit auch innerlich anzunehmen,mich darauf einzulassen?

Unser Predigttext gibt auch drei Verstehenshilfen zumindest das Geschick Jesu einmal anders anzuschauen, nicht nur mit dem verzweifelten, ratlosen Blick des Gequälten.

Der erste Blick ist ganz überraschend:

Der Weg ans Kreuz, für uns Ausdruck eines erschütternden Scheiterns der Mission der Liebe und Barmherzigkeit, zerbrochen an der Unversöhnlichkeit und Brutalität der Etablierten in Religion und Gesellschaft, Sinnbild der Gottverlassenheit dieser Welt in der Unendlichkeit des Universums und der Zeit, ist eigentlich das genaue Gegenteil dessen, was wir empfinden: es ist Zeit, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Die Dornenkrone ist der Siegeskranz, das Kreuz der Thron und Golgatha der Königspalast Gottes. Denn Gott herrscht nicht in Pracht und Prunk, mit Macht und rauschenden Klängen, sondern im Unscheinbaren, Schwachen und Hilflosen ist er zu Hause und lässt sich finden. Da, wo Menschen meinen das letzte bisschen Menschenwürde nehmen zu können, da wahrt Gott die Würde Jesu. Gott macht sich weithin sichtbar – denn das Kreuz ist weithin sichtbar aufgerichtet. Unsere Maßstäbe müssen nur gründlich zurechtgerückt werden. Wenn Johannes vom Kreuz spricht, dann spricht er immer von der Erhöhung und Verherrlichung und nicht von der Erniedrigung, die wir dabei empfinden. Weil er immer schon mitdenkt und mitglaubt, wie Gott alle unserer Vorstellungen und Erfahrungen durchkreuzt hat, weil er immer schon weiß, das der Gekreuzigte der Auferstandene ist, weil er dem Tod kein Wort mehr glaubt und sich des Lebens gewiss ist.

Deshalb dieses zweite verständnisvolle Ausrufungszeichen:

„wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“

Das versteht jeder, der einmal ein kleines Weizenkorn in der Hand zwischen den Fingern gehalten hat. Sie könnten es nicht sehen, wenn ich jetzt eins hier hätte, aber die Früchte könnten wir wachsen sehen und miteinander ernten. Es ist ein Bild gegen allen Augenschein : das Korn in die Erde gelegt, ist nicht verloren gegangen, sondern begraben braucht es seine Zeit, um zu keimen und zu wachsen und neues Leben hervorzubringen.

Das Kreuz, der Tod Jesu, seine Grablegung ist gegen allen Augenschein nicht das Ende, sondern es ist die Zeit und der Ort, wo neues sich anbahnt, wo neues wachsen kann.

Der Weg Jesu hat einen verborgenen, langsam keimenden und aufblühenden Sinn: neues, unvergängliches Leben soll sichtbar werden.
Gegen alle Sinnlosigkeit, in dem was wir nicht verstehen, steht Gottes Absichtserklärung: Leben über allen Tod hinaus, Ewigkeit gegen alle vordergründige Vergänglichkeit.

Jesus lebt, was er als Maßstab vorgibt, ein drittes Ausrufezeichen: wer sein Leben liebt, der wird es verlieren, wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird es erhalten zum ewigen Leben.

Jesus hat sein Leben nicht als seine Privatangelegenheit begriffen. Er pochte nicht auf sein Recht, sich zu verwirklichen, endlich mal an sich zu denken, sich in seinen Möglichkeiten zu entfalten.

Ich gestehe ja gerne zu, dass das gut und wichtig in unserem Leben ist, aber diese Haltung verkennt, dass wir wirklich erst dort zu Menschen werden, wo wir nicht nur bei uns bleiben, sondern uns im Miteinander und Füreinander entwickeln und entfalten. Der Mensch ist partnerschaftlich gemeint.

Mein Ich wird erst zu einem Ich, wenn es einem Du gegenübersteht – sonst wäre es gar nichts.

Ich werde weiterhin vieles nicht verstehen, ich werde weiter stumm und klagend dastehen an der Seite unschuldig Leidender und ihres Lebens Beraubter. Aber ich stehe nicht alleine da. Das Kreuz zeigt mir die Würde, die alle Opfer bei Gott behalten und es zeigt mir meine stille Hoffnung, das jeder sinnlose Tod am Ende doch zu dem Leben verwandelt wird, das Gott für uns meint und zwar um Jesu willen, als Frucht seines Weges, seines Leidens und seines Sterbens.

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