Auf dem Weg zum Reiche Gottes

Nicht nur im Sport arbeiten Menschen daran, immer besser zu werden. Auch in allen anderen Bereichen. Ganze Ratgeber-Reihen wollen mir erzählen wie ich besser werde im Beruf, beim Einkauf, im Benimm oder beim Sex.

Es geht immer noch besser und wer nicht ordentlich darum kämpft, kriegt die Quittung: ‚Stillstand ist Rückschritt’, heißt es dann schnell. Also versucht jeder ein bisschen mehr vom Kuchen zu ergattern. Davon erzählt auch eine Geschichte von Jesus und seinen Jüngern:

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Ehrlich gesagt: Mir ist diese Szene in ihrer Grundidee wohl vertraut. Das erlebe ich immer wieder und gilt unter Menschen auch als normal. Da möchten zwei Brüder, dass sich ihr Einsatz lohnt.

Sie verlangen auch nichts Unverschämtes und sind bereit, dafür einen hohen Preis zu zahlen: mit Jesus gehen, mit ihm leiden, auf Vieles verzichten.

So wie andere für ihre Karriere oder ihr Haus oder ihr Auto auf Vieles verzichten, so sind auch diese bereit mit Allem zu bezahlen und Jesus nimmt sie ernst darin.

Und doch muss er ihnen energisch widersprechen, weil sie das Wesentliche noch nicht verstanden haben. Bei der Nachfolge Jesu geht es eben nicht um eine Alltagssituation, bei der Aufwand und Ertrag zusammen passen müssen. Jesus macht keine Wahlversprechen und keine Reklame. Wer ihm nachfolgen will, wer sich zu seinem Namen bekennen will, der muss wirklich hart im Nehmen sein; denn er muss bereit sein zu dienen ohne zu wissen, was es bringt. Zu dienen nur aus dem wissen heraus, dass Christus uns gedient hat, bis zu seinem Tod am Kreuz.

Dienst ist kein Selbstzweck, sondern der passende Gegenbegriff zum Herrschen. Dienen heißt nicht automatisch immer den untersten Weg zu gehen, sondern seine Gedanken, seine Kräfte in den Dienst der Nachfolge und in den Dienst der Mitmenschen zu stellen. In der Demokratie hat eigentlich jeder Mensch, der Macht hat, diese Macht nur zum Dienen. Unsere Erfahrung gerade in einer lebendigen Demokratie zeigt, dass Macht etwas ist, dass Menschen immer wieder in Versuchung führt. Und ich glaube, dass wir da diese beiden Brüder wieder finden. Sie haben ein privates Anliegen, das bringen sie vor Jesus. Der redet freundlich aber bestimmt mit ihnen. Er macht ihnen klar, dass in diesem gemeinsamen Weg kein Platz für solche Extrawünsche ist, weil sie etwas von einem Spaltpilz in sich tragen. Die Anderen sind empört. Vielleicht auch, weil sie neidisch sind: Sie sind ja nicht auf die Idee gekommen oder sie haben sich nicht getraut, Jesus so direkt anzusprechen.

Aber vielleicht entstand auch an dieser Stelle aus einer ungeordneten Gemeinschaft so etwas wie Rangfolge und damit auch der Beißreflex, mit dem sich im Rudel jeder nach vorne beißen will.

Jesus nutzt diese Situation etwas zu sagen zum Thema’ Kirche, die in der Nachfolge des Gekreuzigten leben will’: Kirche lebt eigentlich aus dem Vaterunser – und zwar besonders aus den beiden Bitten: Führe uns nicht in Versuchung und Dein Wille geschehe. Kirche, das sind alle Menschen, die sich zur Gemeinde Jesu Christi zählen. Diese Kirche steht immer in Versuchung. Der Versuchung, sich selber auf dem besten Weg, auf dem Weg Jesu Christi zu befinden. Die Versuchung nicht damit zu rechnen, dass der Wille Gottes ganz anders sein kann, als ich es mir im Moment vorzustellen vermag. Die Empörung ist ja groß über den Papst, der sich scheinbar den Antichrist persönlich in die Kirche zurückgeholt hat mit den Piusbrüdern, jener rückwärts gewandten Sekte, in deren Reihe der Holocaust geleugnet wird und die Messe am liebsten auf Latein mit dem Rücken zur Gemeinde gehalten wird. Zu Recht kochen die Emotionen mindestens so hoch wie diejenigen der Jünger, die hier gegen die beiden Brüder protestieren. Und doch lockt die Versuchung sich zum Richter aufzuspielen: Ich weiß, was der wahre Glaube ist und mir gebührt eigentlich die größte Nähe zum Herrn in seinem Reich.

‚Richtet – auf dass Ihr nicht gerichtet werdet.’, das ist Thema des heutigen Sonntags. Es richtet sich also persönlich an jeden einzelnen Menschen. Es kann nicht sein, dass wir Menschen verurteilen, aber wir dürfen beurteilen und unseren christlichen Weg ins Leben finden. Richtet, das heißt: richtet nicht andere, sondern schaut auf euch selbst und eure Möglichkeiten, auch die verpassten.

Die Gemeinde hat diese beschämende Episode überliefert, weil sie uns helfen will, unsere Gefühle einzuordnen.

Wir könne uns dabei an das Bekenntnis der evangelischen Kirche in Barmen 1933 erinnern: ‘Die christliche Kirche ist Gemeinde von (Schwestern und) Brüdern’. Das ist heute noch brisantes Modell von Kirchenutopie. Wenn wir lernen, dass vor aller Unterscheidung erst einmal die Gemeinde und die Liebe Gottes stehen, dann haben wir schon viel gewonnen. Und wenn wir dann nicht nach eigenen Interessen fragen, sondern nach den Bedürfnissen der Schwestern und Brüder, dann sind wir auf dem richtigen Weg zum Reiche Gottes.

Nicht die Frage: Wie werde ich etwas in dieser Kirche, sondern Die Frage ‚Was kann ich für dich tun?’ taugt zum Modell für das Leben in der Kirche Jesu Christi. In der Antwort auf diese Frage kann ich lernen, immer besser zu werden und meine Ansprüche an mich hoch zu schrauben.

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