Wer der Versuchung der Macht widersteht bringt Mächtige ins Wanken

Liebe Gemeinde,
„Auf was verzichten Sie in der Fastenzeit?“ so fragte die Reporterin am Aschermittwoch Menschen in der Fußgängerzone. „Ich verzichte auf Süßigkeiten“ sagte eine ältere, gut gebaute Frau und das schlechte Gewissen, über den wahrscheinlich reinlichen Genuss von Süßigkeiten, stand ihr förmlich im Gesicht. „Ich wird´ erst Mal weniger trinken“, meinte ein junger Mann, dem man deutlich noch den Kater vom Vorabend ansah. „Auf alle Fälle weniger Fleisch“ sagte eine katholische Christin aus Köln, „das schreibt ja die Religion so vor“.
Fasten ist wieder in Mode, das merkt man an den Berichten zu diesem Thema und den Tipps in den Zeitungen, bis hin zur Diskussion, ob auch für den Hund im Haus Fasten sinnvoll ist oder nicht.
Fasten, Verzichten ist immer schwer. Da gibt es natürlich sinnvolle Aktionen, wenn z.B. jemand eine Zeit lang auf den Fernseher oder auf das Auto verzichtet. Aber in den meisten Fällen geht es dabei doch sehr um ein vordergründiges Fasten. Fasten im Sinne von „ich tu mir was Gutes, auch wenn es manchmal nicht leicht ist“. Ich beweise mir und anderen, dass ich nicht abhängig bin.
Liebe Gemeinde,
in den evangelischen Kirchen hat man sich von Anfang an, seit der Reformation, kritisch mit dem Fasten auseinander gesetzt. Mehr sogar, Fasten wurde in den evangelischen Kirchen oftmals abgelehnt, weil es zu sehr an Werkgerechtigkeit erinnerte. Die Reformatoren wendeten sich z.B. vehement gegen die mittelalterliche Fastenpraxis und legendär geworden ist das Züricher Wurstessen.
Während der Fastenzeit 1522 fand in Zürich ein Wurstessen statt, das in die Geschichte einging und als das “Urdatum der Zürcher Reformation” gilt. Zwingli war 1519 als Priester nach Zürich gewählt worden und seine reformatorischen Predigten hatten großen Zulauf. Einigen seiner Anhänger, ging es zu wenig schnell vorwärts. Sie trafen sich beim Buchdrucker Froschauer zum Bibellesen und zum Diskutieren. Am ersten Fastensonntag 1522 kamen sie dort zu einem demonstrativen Fastenbrechen zusammen. Zwei Würste wurden unter den Anwesenden aufgeteilt und gegessen. Das Vergehen wurde bekannt und Froschauer wurde vor den Rat bestellt. Der Rat verurteilte zwar das Fastenbrechen, zeigte sich aber konziliant. Zwingli verteidigte das Wurstessen zwei Wochen später in einer Predigt, die danach auch veröffentlicht wurde. Diese Schrift gilt als erste reformatorische Schrift Zwinglis. Die Reformation wurde in der Schweiz also sozusagen mit Würsten eingeleitet.
Liebe Gemeinde, sieben Wochen Fastenzeit; von Aschermittwoch bis Ostersamstag, sind das rund 40 Tage, wenn man die Sonntage nicht mitrechnet, die ja nicht als echte Fastentage gerechnet wurden.
Im Jahr 325 legte das Konzil von Nicäa den Ostertermin fest und schrieb für die vorangehenden 40 Tage ein Fasten vor. Tatsächlich verdanken wir diese 40tägige Fastenzeit unserer heutigen Jesuslegende, in der berichtet wird, das Jesus vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte.
Nicht zufällig steht diese Geschichte von der Versuchung Jesu durch den Teufel direkt im Anschluss an die Taufe Jesu. Ziel dieser Erzählung ist es die Bedeutung Jesu hervorzuheben, noch vor seinem ersten Wirken und noch vor der Berufung der ersten Jünger. In der Taufe wird Jesus von Gott berufen, in der Versuchungsgeschichte erweist er sich der Berufung würdig, indem er der Versuchung widersteht.
Dieser Jesus steht ganz in der Tradition der großen Männer des Alten Testamentes, die auch 40 Tage in der Wüste waren. Anders als das Volk Gottes, das 40 Jahre durch die Wüste zog und den Versuchungen, man denke nur an das goldene Kalb, nicht widerstehen konnte.
Von Mose heißt es im 5. Buch Mose, dass er „vierzig Tage und vierzig Nächte auf dem Berge blieb und kein Brot aß und kein Wasser trank“. Und vom Propheten Elia wird im 1. Buch der Könige berichtet: „Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb“.
Mose, Elia, Jesus, beim Evangelisten Matthäus stehen sie in einer Reihe. Nicht zufällig sind es genau diese beiden die Jesus bei seiner Verklärung auf dem Berg erscheinen, dem Predigttext vor 4 Wochen. In Matthäus 19 heißt es: „Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm.“
Liebe Gemeinde,
das Thema Fasten ist nur ein Nebenschauplatz in unserem Bibeltext und wir sollten es nicht überbewerten und nicht zu wichtig nehmen in unserem Leben. Ob jemand fastet oder nicht, sagt nichts über seinen Glauben oder über seine Ernsthaftigkeit aus.
Entscheidender ist in unserem Bibelwort schon die Frage: Wer hat die Macht? Wer bestimmt über den anderen? Wer lässt sich von anderen kaufen und / oder fremdbestimmen?
An der Erzählung der Versuchung Jesu wird einiges beispielhaft deutlich, auch wenn wir nicht mehr an einen Teufel, wie die Menschen damals glauben.
Das Böse, den Teufel als eigene Person gibt es nicht. Aber natürlich gibt es den Teufel in vielerlei menschlicher Gestalt. Mit diesen „menschlichen Teufeln“, darf man sie so nennen?, müssen auch wir uns heute herumschlagen. Die Auseinandersetzung mit ihnen ist immer eine Machtfrage.
Neben Geld ist Macht die größte Versuchung für den Menschen. Und es ist nicht zufällig, dass viele Menschen, die viel Geld haben, auch nach Macht streben oder ihr Geld dafür einsetzen.
Bei Machtkämpfen geht es meistens darum, den Gegner an seiner schwächsten Stelle, an seinem verwundbaren Punkt zu packen. Im Machtkampf zwischen Jesus und dem Teufel, ist das natürlich zuerst die Nahrung. Wenn jemand lange gefastet hat, dann ist das genau der wunde Punkt. Dann geht es um die Frage von Liebe und Geborgenheit. Wer wünscht sich nicht, dass Engel ihn behüten und beschützen? Die Reihe der Versuchungen gipfelt in der Aussage des Teufels: „Das alles will ich dir geben“, gemeint ist die Weltherrschaft.
Macht ist verlockend, Macht ist erotisch, anziehend. Macht ist die größte Versuchung, die es auf der Welt gibt und es ist sehr schwer die Versuchungen der Macht zu durchschauen.
Menschen, die viel Macht haben merken aber oft gar nicht, wie abhängig sie Trotz ihrer Macht, von anderen sind, dass sie letztlich Sklaven ihrer eigenen Machtgier sind. Und es ist schwer Macht wieder abzugeben, das erlebt man auch in der eigenen Kirche.
Bei Jesus aber laufen alle teuflischen Angebote ins Leere. Die Geschichte ist ein Lehrstück dafür, wie jemand, der von Gott bevollmächtig ist, seine Macht nicht für Eigeninteressen missbraucht.
Weder das eigene leibliche Wohl, noch sein eigenes Ansehen in der Bevölkerung, noch die Durchsetzung seiner Ziele mit Hilfe von anderen Mächten, lässt ihn einknicken. Jesus verkauft sich nicht, er verkauft seine Seele nicht dem Teufel.

„Jeder Mensch ist käuflich“, heißt es immer, „es kommt nur auf den Preis an!“ Tatsächlich gibt es so viele Berichte, wo Menschen sich selbst, ihre Ideen und Ideale und anderes für wesentlich weniger verkauft haben, als der Teufel in unserer Geschichte Jesus anbietet. Aber es gibt auch immer wieder Berichte von Menschen die nicht käuflich sind. Von Menschen, die gerade die Macht der scheinbar Mächtigen gerade dadurch brechen, dass sie keine Macht haben wollen, in dem sie auf die Macht der Machtlosen vertrauen.
Sehr eindrücklich wird so eine Geschichte in dem Film Jesus von Montreal, aus dem Jahre 1989 dargestellt.
Daniel, ein junger, talentierter Schauspieler, erhält in Montreal, durch einen katholischen Pfarrer die einmalige Chance, das jährlich stattfindende Passionsspiel zu modernisieren.
Auf der Basis aktueller Erkenntnisse der Jesusforschung schreibt er das Stück um und hat einen riesen Erfolg. Die Kirche aber untersagt weitere Aufführungen, wenn er das Stück nicht umschreibt, was er aber nicht tut.
Nach der Premiere wird er schlagartig zum neuen Theaterhelden, sowohl des breiten Publikums, als auch der kulturellen Schickeria. Im obersten Stock eines Montrealer Wolkenkratzer bietet ihm ein Medienmogul einen Exklusivvertrag an, mit den Worten: „Wenn Sie bei mir unterschreiben, wird Ihnen die Welt zu Füßen liegen“.
Doch Daniel identifiziert sich inzwischen schon zu stark mit der Rolle Jesu, er will kein Geld und keine Macht. Er will nicht, dass ihm die Menschen zu Füßen liegen, sondern dass von dem er überzeugt ist frei vertreten können.
Liebe Gemeinde, Menschen die sich nicht kaufen lassen, sind eine Bedrohung für die, die am Hebel der Macht sitzen. Für Daniel, den begnadeten Schauspieler, endet die Geschichte tragisch. Während einer verbotenen Vorführung kommt es zu einem Unfall an deren Folgen er später stirbt.
Die Geschichte Daniels ist eine moderne Interpretation der Versuchung Jesu.
Es sind gerade diese Geschichten, wie auch die alte biblische Erzählung, die für uns heute zu Hoffnungsgeschichten werden.
Wer der Versuchung der Macht widersteht bringt Mächtige ins Wanken.
Ein Wörtlein kann in fällen, haben wir in dem Lied: „Ein feste Burg“ gesungen. Das Zauberwort heißt „nein“. Nein ich bin nicht käuflich.
Nein! Die Teufel dieser Welt fürchten dieses Wort mehr als das Weihwasser.
Amen

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