Gemeinschaft im Namen des einen Gottes

Liebe Gemeinde!

Wie stelle ich das an, wenn ich jemanden manipulieren will? Wenn ich meinen Willen, das , was ich denke, was richtig ist und wahr durchsetzen will?

Als erstes muss ich den Menschen aus seinem Zusammenhang herauslösen. Muss ihn vereinzeln. Und ihm dadurch zeigen: es geht um ihn. Ich kann dem Menschen schmeicheln, ihm schöne Augen, schöne Worte machen. Wenn Menschen Komplimente bekommen, denken sie zumindest für diesen Augenblick nur an sich selbst. Alle anderen Menschen spielen keine Rolle. Denn sie ja gemeint und viel größer, schöner oder schlauer als alle anderen. Wer sich schmeicheln lässt, der ist butterweich, den kann man formen.

Ich kann natürlich auch einen Menschen herauslösen, herausholen aus seiner Gemeinschaft, aus seinem Netzwerk, indem ich ihn klein mache, anschreie vor allen anderen, erniedrige.

Immer aber geht darum: will ich jemanden manipulieren, muss ich ihn alleine haben. Wer in Gemeinschaft ist, fest eingebunden, der ist schwer zu beeinflussen. Das Manipulieren hört sich zwar erst einmal schlimm an – aber jede Werbung funktioniert nach diesem Prinzip:

Ich sage dem einzelnen Menschen, dass ihm etwas fehlt zu seinem Glück. Dass er nicht gut genug gekleidet ist, dass sein Auto zu alt oder zu klein ist, dass in seiner Familie, in seiner Gemeinschaft ja nicht immer nur Friede und Freude ist. Ich reisse Gräben auf und dann biete ich ein Produkt an, dass dieses Problem behebt: neue Kleidung, ein schnelles Auto, ein Fertigprodukt, dass der ganzen Familie schmeckt.

Natürlich: Nicht jede Werbung ist schlecht, und nicht alles konsumieren ist vom Teufel.

Aber es zeigt für mich: Menschen sind anfällig für Beeinflussung, für Manipulationen. Und oft ist erst ihm Nachhinein klar: wo bin ich zwar auf eine Werbung z.B. hereingefallen, meinem Leben aber hat das nicht geschadet. Und wo bin ich auf Menschen hereingefallen, auf falsche Versprechen hereingefallen und habe echten Schaden davongetragen. Viele Betrogenen in der Finanzkrise können davon ein Lied singen.

Der Mensch ist anfällig. Wenn man sich ein Baby anschaut, dann wird auch deutlich warum. Ein Baby ist auf andere angewiesen, es ist schutzlos und machtlos. Und letztlich ändert sich das für uns Menschen das ganze Leben nicht. Natürlich werden wir selbstständiger, haben mehr Macht als ein Baby. Wer jemals aber in eine Naturkatastrophe verwickelt war, der merkt wie klein wir Menschen bleiben, selbst wenn wir erwachsen sind. Und wie viele der Sicherheiten, die wir in unserem haben, auch nur bis zu eine gewissen Grenze Sicherheiten darstellen. Jeder Airbag, jeder Damm, jede Sicherungsmaßnahme in einem Flugzeug – alles hat Grenzen. Und auch unsere menschlichen Sicherungsmaßnahmen – das gegenseitige Vertrauen, die Absprachen in einer Gesellschaft, die staatlichen Behörden – alles das ist nicht so fest und tief gegründet, dass ein z.B. ein Krieg absolut unmöglich und undenkbar wäre.

Wir Menschen sind angewiesene, schutzbedürftige Wesen. Und hier setzt der Teufel in unserem heutigen Predigttext an.

Jesus ist in besonderer Weise verwundbar. Er hat gefastet. Er hat Hunger – echten Hunger und Hunger nach Gemeinschaft. Und dann beginnt ein Rededuell. Es stellt sich heraus: auch Teufel hat die Bibel gelesen – Bibelkenntnis alleine jedenfalls scheint nicht gegen den Teufel zu helfen. (Predigttext lesen)

Auf die erste Forderung – oder soll man sagen: auf das erste Angebot? antwortet Jesus mit einem Vers aus dem 5. Buch Mose: man solle Gott nicht in Versuchung führen. Und der Mensch leben von Gott, nicht nur vom Brot. Daraufhin kontert der Teufel mit dem beliebten Taufspruch aus Ps 91: die Engel würden dafür sorgen, dass Jesus selbst in Fall vom Turm überleben würde.

Schließlich die letzte Verführung: alle Macht dieser Welt. Wäre das nicht auch gut?! Das klingt zunächst einmal wie das, was man am leichtesten abweisen könnte. Aber Jesus könnte die Macht ja für Gutes nutzen.

Die Römer rauswerfen aus Israel. Alle hätten genug zu essen. Das Land wäre fruchtbar, es gäbe keine Missernten mehr. Jesus könnte für Respekt sorgen und Sicherheit für Frieden. Was würden wir mit soviel Macht machen? Vielleicht ja auch nur Gutes – also das, was sich eben alle Menschen eigentlich so wünschen: Frieden auf Erden. Im Film Bruce Allmächtig ist Bruce für einen Tag Gott. Er ist allmächtig. Und er macht mit dieser Macht nichts Schlimmes.

Aber den oder anderen Vorteil für sich versucht er schon herauszuschlagen.

Und vielleicht würde auch ich, wenn ich alle Macht der Welt hätte, Gutes tun. Aber dann schon auch dafür sorgen, dass in Düsseldorf 2009 ein wunderbarer Sommer wäre für meine Geburtstagsfeier. Und schon würden andere vielleicht darunter leiden, denen das vielleicht zu trocken oder zu heiß wäre.

Und ich glaube kein Mensch wäre dagegen gewappnet, nicht dem ein oder anderen mal was auszuwischen oder etwas zu seinem eigenen Vorteil zu tun.

Das ist zutiefst menschlich.

Und deshalb ruft der Jesus schließlich dem Teufel ins Gesicht: weiche von mir. Geh weg.

Und er begründet das wieder mit dem 5. Buch Mose. Ich glaube, das ist kein Zufall. Das Programm des 5. Buch Mose ist, dass es nur einen Gott gibt. Das 5. Buch Mose heißt auch Deuteronomium. Das ist lateinisch und heißt: das zweite Gesetzt. Auf andere Weise wird noch einmal erzählt wie Mose auf dem Berg Sinai die Gesetze Gottes empfängt.

Und diese Konzentrationen auf den einen Gott setzt der Jesus hier in der Geschichte gegen das zutiefst Menschliche, das der Teufel hier vertritt.

Der Teufel setzt die menschliche Schwachheit voraus und bietet die einfachen Lösungen: Macht, Magie, Zauberei.

Die Geschichten von Jesus aber erzählen von einem anderen Umgang mit der Schwachheit und der Verletzlichkeit von uns Menschen. Nämlich, dass es zuerst darum geht, diese Schwachheit zu akzeptieren. Zu akzeptieren, dass wir Menschen schutzbedürftig sind und wenig Macht haben.

Und diesen Zustand sollen die Menschen nicht mit den einfachen Lösungen hinter uns lassen, sondern uns gemeinsam stärken. Und sollen diese Schwachheit, diese Verletzlichkeit als Chance begreifen: Dass wir die anderen brauchen. Dass die anderen uns brauchen.

Und dass wir staunen: was möglich ist, wo Menschen einander vertrauen, wo Gemeinschaft der Schwachen ist, also Gemeinschaft der Menschen.

Wo nicht einer sagt: da geht es lang. So sieht es aus. – das ist die einfache Lösung, die der Teufel anbietet.

Jesus möchte, dass die Menschen zusammenkommen und sich gegenseitig wahrnehmen. Und dadurch, dass sie sich wahrnehmen, ist das Wunder möglich, dass Gemeinschaft entsteht. Ist das Wunder möglich, dass Menschen sich beistehen –

Und wenn es einen Willen Gottes gibt: dann dieser, dass Gemeinschaft entsteht. Gemeinschaft, die auf das Leben blickt, Gemeinschaft, in der sich die Menschen stützen, und nicht gegenseitig im Namen des jeweils Stärkeren über’s Ohr hauen – Gemeinschaft, im Namen des einen Gottes.

Ich lese zum Abschluss ein Gedicht von Marie Luise Kaschnitz „Gottes Verlangen“:

Verlangen wirst Du, daß wir, die Lieblosen dieser Erde,
Deine Liebe sind.
Die Häßlichen Deine Schönheit,
Die Rastlosen Deine Ruhe,
Die Wortlosen Deine Rede,
Die Schweren Dein Flug.

Aber jeder wird wissen: dies ist Dein letztes Geheimnis.
Dein Fernsein Deine Nähe,
Dein Zuendesein Dein Anfang,
Deine Kälte Dein Feuer,
Deine Gleichgültigkeit Dein Zorn.

Und einige wirst Du bisweilen beweglich machen,
Schneller als Deine Maschinen und künstlichen Blitze,
Überflügeln werden sie ihre Angst.
Fahrende werden sie sein. Freudige.

Möge Gott uns das Wunder seiner Gemeinschaft schenken, dass uns behütet vor allen teuflischen Verführungen.

drucken