Expecto patronum

Liebe Gemeinde,

„Expecto patronum!“ Kommt Euch dieser Spruch irgendwie bekannt vor? —- Ja, in dem Harry-Potter-Band „Die Gefangenen von Askaban“ treten teuflische Dementoren auf. Sie lösen Entsetzen aus, weil die Kälte, die von ihnen ausgeht, ihre Opfer lähmt. Sie nehmen die Seele des Opfers mit sich. Wie wehrt sich Harry Potter gegen solch eine Gefahr? Er ruft laut „Expecto patronum!“ das heißt: „Ich warte auf einen Patron, der mir hilft“. Dabei muss Harry Potter an etwas Positives denken, an eine geliebte Person oder an seine verstorbenen Eltern, die ihr Leben für ihn hingaben. Wenn ihm das intensiv gelingt, wird er von einem Nebelschleier eingehüllt, der wie eine Mauer, undurchdringbar für die teuf-lischen Mächte wirkt.

Genau das tut Jesus, als er in der Wüste von einer teuflischen Macht auf die Probe gestellt wird. Er bleibt mit seinen Gedanken ganz dicht bei Gott, seinem Vater. Ich lese, was der Evangelist Mathäus dazu schreibt:

[TEXT]

Direkt, nachdem Jesus im Jordan getauft wurde, wird er in die Wüste geführt- an jenen Ort, der voller Risiken ist und wo keine wohl überlegte Theorie mehr hilft. Ein stärkerer Gegensatz ist kaum vorstellbar: das Leben spendende Wasser der Taufe hier – die Tod bringende Dürre der Wüste dort. Die Wüste ist eine Welt voller Risiken; dort hilft keine Theorie mehr; vielmehr steht alle Macht auf dem Prüfstein. Sie ist der Ort der letzten Fragen, der letzten drei großen Versuchungen: des Hungers, der Macht und der Suche nach Liebe, Halt und Geborgenheit.

Und dort in der Wüste, da hört Jesus eine Stimme, die so ganz anders ist als die, die er kurz zuvor bei seiner Taufe hörte und die vom Himmel ihm zusprach: Du bist mein geliebter Sohn! Und jetzt scheint es als müsse Jesus der teuflischen Stimme etwas entgegnen, was ihn als Sohn Gottes auszeichnet, als müsste er sich jetzt selbst als Sohn Gottes entdecken.

In der Wüste ist Jesus der Versuchung ausgesetzt. Das Raffinierte besteht nun darin, dass der Versucher an Jesus herantritt und ihn gerade mit den Worten Gottes, mit den Worten der heiligen Schriften verführen und zu Fall bringen will. Hinterlistig fragt der Teufel: Hat Gott nicht gesagt, dass er aus Steinen Brot machen wird; Erstarrtes soll neu leben, da sind einmalige Chancen, die du nutzen musst. Deine Möglichkeiten eröffnen Lebensräume für alle Menschen: Nie wieder Hunger. Es scheint, als würde Jesus der Stimme seines eigenen Verlangens begegnen. Denn was könnte man als Sohn Gottes denn anderes bewirken wollen als die Chance zu nutzen, dass es nie wieder Hunger gebe. Aber zunächst einmal der Reihe nach:

Die Wüste, so sagt man, sei ein Ort der Wahrheit – und da ist etwas Wahres dran. In ihrer mitleidlosen Lebensfeindlichkeit zwingt sie zur äußersten Anstrengung des Überlebens. Die Wüste, so sagen die Araber, ist der Garten, in dem Gott spazieren geht. In ihr gilt nur, was wirklich stimmt. Bei der Frage nach dem Hunger geht es darum, wie Jesus den Hunger aller Menschen stillt. Der Hunger von uns Menschen ist ja nicht nur ein Verlangen nach Brot. Das Geheimnis eines Lebens besteht ja gerade darin, dass wir, wenn wir genügend gegessen und geschlafen haben, auch fragen: und was nun?

Gemessen an unserer menschlichen Sehnsucht ist alles, was die Erde bietet, nur „Stein“, der niemals sättigt. Es wäre in der Tat eine Versuchung, diese Steine für Brot zu erklären. Es wäre die teuflischste aller Versuchungen, aus Mitleid mit den Menschen ihr Leben auf die Bedürfnisse des Hungers zu reduzieren. Dies wäre eine Lüge, wenn wir den Menschen die Produkte der Erde als das Eigentliche verkaufen wollten. So würde auch unser Christsein auf die Heilung einer äußeren Not reduziert.

Aber weil Jesus als Sohn Gottes lebt, ist es seine Aufgabe, uns Menschen daran zu erinnern und uns zu verdeutlichen, dass wir alle auch davon leben, dass Gott es gut mit uns Menschen meint und dass wir einem ewigen Ziel entgegen streben. Und so antwortet Jesus mit einem Schriftwort. Dabei erinnert er sich an die Worte der Tora. Dort heißt es im 5. Buch Mose, im 8. Kap: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern er lebt zuerst und zuletzt von dem Wort, von jedem einzelnen Wort, das aus dem Munde Gottes kommt. Gott allein ist uns alles: Er bringt uns Frieden; er stillt unseren Hunger nach Leben. Gott ist der, der unser Leben trägt und der uns eine Geborgenheit gibt, die über dieses Leben hinaus reicht.

[Orgelmusik]

Die zweite Versuchung: Da führte der Teufel Jesus mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: „Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab, denn es steht geschrieben: „Seine Engel werden dich auf Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einem Stein stößt.“ Es ist nicht allein der Hunger nach der Fülle des Lebens, der uns umtreibt, es ist auch die Vertrauensfrage, die wir stellen. Inwiefern können wir uns eigentlich auf Gott verlassen? Ohne Gottes Liebe fielen wir ins Bodenlose – davon gehen wir aus. Aber: kann man diese Liebe auf die Probe stellen ? Deshalb sagt Jesus hier: „Ihr sollt den Herrn euren Gott nicht versuchen!“ „Bist du Gottes Sohn, dann ….“

Würde Jesus hier dem Ansinnen des Teufels nachgeben und sich von den Zinnen stürzen, dann würde er handeln wie ein Artist im Zirkus, der bei seiner Hochseilnummer weiß, dass unter ihm ein Netz aufgespannt ist. Ein durch Wunder bewiesener Gott, wäre kein Gott des Glaubens, sondern ein bloßer Götze unserer Angst. Deshalb wollte Jesus, dass wir über unsere Angst hinaus reifen und in ein vertrauensvolles Miteinander zu Gott finden.

Deshalb hat Jesus es später auch immer wieder abgelehnt, Wunder auf Kommando und als Beweis seiner Göttlichkeit zu wirken. Auch am Kreuz hat Jesus seinen Spötter widerstanden, die ihn aufforderten: „Bist du Gottes Sohn, so steige herab vom Kreuz, dann wollen wir dir glauben! Damit zeigt Jesus immer wieder, dass Gott mit keinem anderen Mittel als mit dem der Liebe in die Welt gekommen ist; allein die Liebe, so zerbrechlich, aber auch so stark wie sie sein kann, allein die Liebe ist der Maßstab für die Größe Gottes.

[Orgelmusik]

Die letzte Versuchung Jesu: Der Teufel führte Jesus auf einen sehr hohen Berg und sagte zu ihm: „Das alles will ich Dir geben, wenn Du niederfällst und mich anbetest.“ Viele drängt der Wille zur Macht, indem andere Menschen erniedrigt und in den Staub gedrückt werden. Und es ist auch heute ein Traum vieler Herrscher, ein für alle Mal die Verhältnisse der Welt so zu ändern, dass alles zum scheinbar Guten gewendet werden könne – auch wenn dazu Gewalt angewandt werden müsse. Aber dieser Traum wird zum Albtraum, denn das bedeutet ja: einmal die Macht des Bösen dazu zu gebrauchen um etwas Gutes durchzusetzen. Genau dieser Versuchung ist Jesus ausgesetzt.

Aber Jesus war nicht von einem Willen zur eigenen Machtentfaltung beseelt, sondern von einer verzweifelten Verant-wortung für die Welt, die in Vielem im Argen liegt. Deshalb zitiert er mit dem ersten Gebot das Grundgesetz menschlicher Freiheit: „Du sollst allein den Herrn, deinen Gott fürchten und ihn anbeten!“ Die Vergötzung irdischer Macht wird deshalb hier von dem Evangelisten Matthäus als eine teuflische Sache bezeichnet. Jesus will als Mensch vor Gott seinen Weg gehen, auch wenn er Ohnmacht erleiden sollte. Über dem Schatten, den Menschen aufeinander werfen, können wir dennoch den Himmel entdecken! Gäbe es Gott nicht, so wären wir Menschen der Willkür anderer ausgeliefert.

Die Geschichte der Versuchung Jesu zeigt uns immer wieder, dass unser aller Leben Teil einer großen Versuchungsgeschichte ist. Bereits auf den ersten Seiten der Bibel fragt die Schlange als Symbol für das Böse, so wie hier der Teufel: „Sollte Gott gesagt haben . . . „ Und diese heimtückische Frage wird bis in unsere Tage hinein wiederholt und fortgesetzt. Wir sind dabei keine Zuschauer, sondern Mittäter, wenn wir uns nicht für die Seite Gottes entscheiden. Die Geschichte der Versuchung Jesu wird schnell zu unserer eigenen Versuchungsgeschichte.

Der Weg, den der Sohn Gottes durch unsere Welt geht, ist ein Weg mit Stolpersteinen, ist ein Kreuzweg und eben kein harmloser Osterspaziergang. Weil Jesus auf seinen himmlischen Vater vertraut, deshalb lässt der Teufel von ihm ab. „Expecto patronum“ – Jesus fühlt sich nicht schutzlos: Er hat Gott an seiner Seite – den liebenden und verlässlichen Gott. Gottes Güte und die Faszination der Liebe lassen ihn jeder Versuchung widerstehen. Dass ihm noch manche schwere Prüfung bevorsteht, das scheint Jesus klar zu sein, auch dass er sich dem als seine Aufgabe stellen will, um durch die Wüste hindurch bei sich selbst anzukommen. Und ein biblisches Wort ermutigt ihn dazu: „Wer seinen Weg gefunden hat, dem dienen die Engel“.

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