Anpassung oder Kreuz, Macht oder Niedrigkeit, Satan oder Gott – bei Versuchung geht es um alles!

Waldstadt / Emmauskirche

Liebe Mitchristen,
was verbinden Sie mit dem Wort „Versuchung"? Die Werbung hat diesen Begriff weichgespült auf kleineren oder größeren Luxus, auf den wir auch verzichten könnten, wenn wir nur beherzt „Nein!" sagen. „Milka – die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt". Wie niedlich! Die lila Kuh verbinden viele von uns eher mit der Versuchung als den teuflischen Versucher, der uns an die Abgründe unseres Lebens führt. Dahin also, wo es um Leben und Tod, Sein oder Nichtsein geht!
Was ist Versuchung? Der griechische Schriftsteller Nikos Katzanzakis hat sich die Versuchung in seinem Buch „Die letzte Versuchung" folgendermaßen vorgestellt: Jesus hängt am Kreuz, unendliche körperliche Qualen, und dann hat er eine Vision In dieser Vision sieht er sich selbst, wie er dem Leidensweg ausgewichen ist. Er hat Maria Magdalena geheiratet, eine Familie gegründet. Und nun sieht er sich in dieser Vision als glücklichen Ehemann und Vater, allseits geachtet, im Wohlstand lebend. Das Buch von Katzanzakis phantasiert dies als Jesu letzte Versuchung, denn in seiner Qual überfallen Jesus Zweifel, ob er nicht diesen anderen Weg hätte wählen sollen. Er fragt sich, ob er nicht ganz radikal verkehrt gelebt und entschieden hat. Dichtung hin oder her, ich glaube Katzanzakis hat hervorragend dargestellt, was das Wort Versuchung bedeutet. Es geht nicht um ein paar Kalorien mehr oder weniger, es geht nicht um diesen oder jenen Fehler, den wir vielleicht gemacht haben. Die ganze Art unseres Lebens, unser Lebensentwurf steht da auf dem Spiel. Es geht um das radikale Verfehlen des richtigen Lebens, es geht um Leben aus der Wahrheit oder aus der Lüge! Und das ist auch klar: die Versuchung ist so gut und so stark, dass wir uns nicht mit einem kleinen inneren Ruck darüber hinwegsetzen können. Dazu ist die Möglichkeit, die uns in der Versuchung geboten wird, zu verführerisch, zu vorteilhaft – so scheint es jedenfalls.
Ich möchte nun Jesu Versuchung verstehen als Urbild für die Versuchung der Kirche in unserer Zeit. Jesus ist 40 Tage in der Wüste und fastet. Wüste, das ist ein Bild für eine schwere Durststrecke, die jemand zu bewältigen hat. Wüste: ein Ort des Hungers, des Durstes, der Einsamkeit. Ich meine unsere Kirche befindet sich in der Wüste. Seit das Christentum im vormals christlichen Abendland nach und nach zerbröselt, seit der christliche Glaube eher für eine exotische Schrulle gehalten wird als für eine tragende Lebenshaltung, spätestens seit da ist die Kirche in der Wüste. Schwindender Einfluss in Politik und Gesellschaft – Thron und Altar, eine kaum noch vorstellbare Möglichkeit, sicher auch keine wünschenswerte – sinkende Mitgliederzahlen, sinkende Steuereinnahmen, Verkauf von Kirchen, all das vermittelt das Gefühl, dass der Kirche in der Wüste ein rauer Wind entgegen bläst. Wie oft haben wir uns in den vergangenen Jahren in kirchlichen Entscheidungsgremien hauptsächlich mit uns selbst beschäftigt als Kirche, weil Sparen angesagt ist und Stellenkürzungen, Strukturreformen usw.
In der Wüste ist Jesus allein, nur mit sich selbst beschäftigt, mit den Ängsten, Alpträumen und Visionen, die da aufkommen bei Hunger und Durst und Einsamkeit. Da kommt der Versucher und sagt: Wieso nimmst du das auf dich? Du kannst dein Problem doch selbst lösen: Mache einfach diese Steine zu Brot, und dein Hunger wird weg sein. Mache diese Steine zu Brot und mache dich und alle Menschen satt! Nie wieder Hunger! Sie werden dich dafür lieben! Sie werden dir nachlaufen! Machs doch wie die Römer: sie geben den Menschen Brot und Spiele und schon fallen die Menschen vor dem Kaiser nieder. Das ist deine Chance, Jesus, nutze sie!
Die Versuchung für die Kirche: Macht doch aus dem Evangelium ein Sozialprogramm, eine Moral, eine humane Ethik, die Menschen werden es euch danken. Mit Moral, Ethik und sozialen Engagement können die Leute etwas anfangen, das wird euch Anerkennung verschaffen in der Gesellschaft, so wird man euch für relevant halten. Die Politiker werden das gebrauchen können als Stütze für ihre jeweilige Ideologie. Und schließlich braucht die Gesellschaft ja gemeinsame Werte – bedenkt doch, wie nach und nach unsere Gesellschaft auseinander fällt, sich entsolidarisiert! So könnte das Surrogat eurer Religion gut als sozialer Kitt herhalten. Das wäre immerhin sehr nützlich. Menschen, die aus Humanität Gutes tun, werden sich freuen über den religiösen Rahmen, den ihr ihrem Tun gebt, eine Art Heiligenschein. Sozialprogramm, Moral und Ethik, ja so könnt ihr das Evangelium vermarkten, euch Einfluss verschaffen, euren Hunger nach Anerkennung stillen. So werden euch die harten Brocken des Evangeliums zum Brot, von dem ihr leben könnt. Das ist keine zarte, sondern eine heftige Versuchung – können wir widerstehen?
„Der Mensch lebt nicht von Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht." Nachdem Jesus mit Gottes Wort widerstanden hat, lässt sich der Versucher auch auf diese Ebene ein. Es ist wie bei einem Computerspiel: es geht jetzt auf einem höheren Level weiter und die Bedingungen werden schwieriger. Nun argumentiert auch der Teufel mit frommen Worten. „Wirf dich hinab, denn es steht geschrieben", so lautet die Versuchung jetzt. Bitte schön, steht doch alles in deiner Bibel drin. Wenn du daran glaubst, warum tust du es dann nicht?
Der Teufel benutzt die Bibel als eine Art Steinbruch, wo man an beliebiger Stelle etwas Passendes herausbrechen und es dann für seine Zwecke benutzen kann. „Mit Worten lässt sich trefflich streiten, mit Worten ein System bereiten". Spätestens seit Islamisten die Welt mit Terror überziehen, wissen wir, wie verhängnisvoll eine fanatische Buchstabengläubigkeit sein kann. Wer im heiligen Krieg stirbt, kommt gleich ins Paradies. Steht doch im Koran – jedenfalls wenn man die richtigen Stellen kombiniert und anderes nicht beachtet. Eine Vorstellung übrigens, die auch bei den christlichen Kreuzzügen eine wichtige Rolle gespielt hat. So hat man Ritter zum Kämpfen und Sterben motiviert – obwohl das schwerlich mit Zitaten aus dem NT zu begründen ist. Auch die Kirche steht immer wieder in der Versuchung, die Bibel als Steinbruch für ihre Zwecke zu benutzen. Gerade auch in den frömmsten Kreisen ist diese Versuchung da. Es geschieht immer wieder: da hat eine Gruppe von Menschen eine bestimmte Lebenseinstellung, eine bestimmte Moral, ein bestimmtes Ethos, und dann wird dies begründet und gerechtfertigt mit Zitaten aus der Bibel. Ich gebe zu: ich wüsste auch nicht, wie man daran vorbei käme. Schließlich wollen wir uns ja auf die Bibel beziehen, wir wollen darin unsere Wurzel sehen. Die Frage ist, ob die biblischen Zitate sozusagen das religiöse Mäntelchen abgeben für eine Einstellung, die auch ohne Bibel da wäre. Kommen sie also nachträglich hinzu als fromme Begründung? Wird im Steinbruch Bibel dann eben das herausgesucht, was gerade passend ist und das andere weggeschoben? Wird eine Ideologie gezimmert aus biblischen Versen? Wohl bemerkt: ich glaube nicht, dass dies von allen bewusst und in böser Absicht getan wird! Die Versuchung besteht ja gerade darin, dass alles in Ordnung scheint, dass alles belegt ist, dass man ja beste Absichten hat. Das Teuflische daran ist, dass es auch für die Betroffenen täuschend echt aussieht, was sie da tun! Dass man dem eigenen Wunschdenken, dem eigenen Machtstreben aufgesessen ist, das merkt man erst hinterher – wenn überhaupt. Den Geist verleugnen und mit dem Buchstaben eine Ideologie verzieren, das ist heute immer wieder eine Versuchung für die Kirche, gerade wenn sie zu politischen und gesellschaftlichen Problemen Stellung nimmt. Darum muss es in der Kirche den theologischen Streit geben! Jesus antwortet auf ein Bibelwort mit einem anderen. Das bedeutet: was wirklich zählt, kann nur in Rede und Gegenrede gefunden werden. Das Ganze der Heiligen Schrift und vor allem ihr Geist ist dabei die Richtschnur.
Das letzte und stärkste Geschütz, das der Versucher nun auffährt, ist die grenzenlose Macht. Alle Reiche der Welt werden Jesus angeboten, grenzenloser Einfluss, wie viel Gutes könnte er tun! Der Preis dafür: Abkehr von Gott und Anbetung des Satans!
Liebe Mitchristen, wir dürfen nicht vergessen, dass der Satan in der Bibel einer der Engel Gottes ist. Er ist also nicht das ekelhafte, nach Schwefel stinkende, gehörnte Wesen, wie uns Mittelalter und Fasching glauben machen wollen. In einer anderen Bezeichnung trägt er den Namen Luzifer, zu Deutsch: Lichtträger. Will heißen: das Böse kommt nicht in schrecklicher und leicht erkennbarer Form auf uns zu, sondern durchaus in Lichtgestalt. Es scheint positiv zu sein. Sonst wäre es ja auch keine Versuchung. König über die Welt zu sein, das musste für Jesus doch weitaus attraktiver sein als der furchtbare Tod am Kreuz und die wankelmütige Christenheit, die daraus hervorgehen würde. Wäre es nicht viel effektiver gewesen? Diese Frage wird Jesus beschäftigt haben. Glanz oder Tod? Macht oder Niedrigkeit? Jesus musste sich entscheiden.
Hat die Kirche heute den Mut, den Weg der Niedrigkeit zu gehen, den Mut, sich nicht anzupassen an alles, was erfolgversprechend ist, verwertbar, vermarktbar? Hat sie den Mut auf Anerkennung, Einfluss und Glanz zu verzichten, um dem Evangelium treu zu bleiben? Auch hier ist die Versuchung massiv: Was könnte nicht alles bewirkt werden, wenn die Kirche sich schön anpassen würde: immer auf dem neusten Stand der Mode, immer schön im Trend, immer auf gleichem Kurs mit der Gesellschaft. Ich kann Kirchenpolitiker verstehen, die so denken. Aber dies ist der Weg der Selbstverherrlichung, nicht der Weg des Kreuzes! Das ist der Weg, auf dem das Salz seine Würze verliert!
Du aber, liebe Kirche, du aber, lieber Christenmensch, du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen! Amen.

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