Gestärkt aus der Wüste hervorgehen

Dem aufgeklärten Menschen mag der Rahmen der Geschichte, die Matthäus erzählt, merkwürdig vorkommen. Der Teufel versucht Jesus. Bilder ziehen an mir vorbei von Engelchen und Teufelchen, die in einem Menschen und um einen Menschen ringen. Siegt das Gute oder das Böse in mir, gewinnt die Vernunft oder die Versuchung Oberhand?

60% der Deutschen glauben an Schutzengel, aber es glaubt doch wohl ernsthaft kein Mensch an den Teufel. Wir erfahren das Böse am eigenen Leib und entdecken es in der Welt, aber keiner rechnet damit das Böse als Person Macht hat. Aber leugnen oder ignorieren hilft nicht.

Das Böse zeigt sich fratzenhaft immer wieder – auch in Gestalt von Menschen, die dann Auschwitz und Treblinka, den Archipel Gulag oder aber den 11. September 2001 verantworten, um nur Beispiele der letzten Jahrzehnte zu nennen.

Das Böse ist real, wer will das ernsthaft leugnen. Und so ist die Rede vom Versucher wohl eine angemessene Form sich der Versuchung zu stellen. Nicht der Versuchung, die Werbetexter die süßeste nennen, seit es Schokolade gibt, sondern der Versuchung, die Menschen und damit unsere Welt und unsere Wirklichkeit von Anfang an fest im Griff hat.

Wenn es wahr ist, dass Jesus ganz und gar Mensch ist, dass Gott bei seiner Menschwerdung nichts ausließ, was unser Menschsein ausmacht, dann konnte er gar nicht anders als den Orten der Versuchung und damit der Versuchung selbst zu begegnen.

Es sind bedeutungsschwere Orte und tiefreale Verlockungen, denen Jesus sich aussetzt, mit denen er auf seinem Weg als Menschensohn konfrontiert wird.

Eben erst hat der Geist ihm vergewissert, dass er der Sohn des himmlischen Vaters ist, jetzt führt ihn derselbe Geist in die Wüste. Gottes Wege in die Freiheit, Gottes Wege in das gelobte Land, Gottes Wege in das Leben scheinen immer durch die Wüste durchzugehen.

40 Jahre war das störrische,aber befreite Volk in der Wüste unterwegs ehe es in das gelobte Land kam.

Vierzig Tage fastet und betet Jesus in der Wüste.

Manche Leute sprechen von der Wüste als einer faszinierenden Landschaft von atemberaubender Schönheit. Ich gebe zu, dass ich da mit eigener Erfahrung (noch) nicht mitreden kann, aber für mich ist sie Ort der Entbehrung, Zeit, in der es auch am allernötigsten mangelt, Sinnbild für bedrückende, auszehrende, an den Rand der Verzweiflung bringende Wegstrecken.

Wüstenzeiten sind die Zeiten, in denen man unter einen Strauch kriechen und dann verrecken will. Alles scheint wie eine Seifenblase geplatzt, hat sich als Irrtum, als Fata Morgana, als Trugbild erwiesen. In der Wüste geht die Orientierung verloren, alle Wege scheinen gleich richtig oder falsch. Und so hat jeder schon seine Wüstenzeit gehabt.

Wie empfänglich kann man dann für verlockende Verssprechen werden.
Wie köstlich erscheint ein trockenes Stück Brot, wenn der Magen lauter knurrt, als ich denken kann, wie verständlich ist es, für solch ein Stück Brot alles herzugeben, was im Augenblick doch gar keinen Wert hat.

Ein leichtes wäre es für den Gottessohn Steine in Brot zu verwandeln.

Ein leichtes war es schon immer mit Brot das Murren der Leute zum Ersticken zu bringen. Gebt dem Volk Brot und Spiele und es ist beschäftigt. Wenn der Bauch nur satt ist, dann setzt der Verstand aus.
Wer sich damit zufrieden gibt, wer vom Leben nicht mehr erwartet als einen vollen Magen und ein warmes Bett , mag damit vordergründig gut fahren, bis er in die nächste Krise, in die nächste Wüste gerät und erschrocken feststellen muss, dass ihm nichts Halt und nichts Orientierung gibt, wenn alles weg bricht.

Das tägliche Brot ist so wichtig, dass es sich lohnt darum täglich zu bitten, aber allein ist es untauglich den Lebenshunger zu stillen, der sich in den Lebenswüsten so laut zu Wort meldet.

Da hilft nur das Brot, dass Gott uns in seinem Wort schenkt.

Worte die dann schmecken wie das Abschiedswort des Auferstandenen: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende oder die Erinnerung: Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.
Manchmal sind es aber auch die bitteren Brocken, die mein Leid oder meine Klage, mein Innerstes in Worte fassen und rufen: mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen – aus der Tiefe rufe ich ,Gott, zu dir (Psalm 130,1).

Wer das einmal geschmeckt und gekostet hat, weiß, dass das wahrhaft Lebensmittel sind.

Jesus entlarvt gnadenlos den Selbstbetrug und die Lebenslüge des Versuchers als gäbe es nur das Heute und als ginge es nur um Leib und Gut.

Es gibt einen Mehrwert im Leben und deshalb gibt es immer schon Religion, Suche nach den letzten Antworten, die Frage nach dem Ursprung und dem Ziel, das Ringen um Gott.

Der Weg aus der Wüste musste wohl in den Tempel führen, weil ich auf der Suche nach dem wahren Leben nicht an Gott vorbeikomme.

Aber die Gefahr ist groß, dass wir den Glauben, das Heilige, Gott selbst instrumentalisieren und zu Dienste machen bei dem Versuch, es uns gemütlich im Leben einzurichten.

Die Verlockung ist groß, Gott dafür verantwortlich zu machen, dass wir uns wohl fühlen und es uns gut geht. Deshalb glauben wohl so viele an Schutzengel, weil Gott für sie gleichbedeutend mit Schutz und Schirm vor allem Argen ist. Bis es uns dann trifft: das Schicksal oder die brutale Wirklichkeit, in der Unglück, Krankheit, Tod einige der schrecklichen Wahrheiten darstellen.

Gott lässt sich nicht instrumentalisieren, Gott ist nicht verfügbar, Gott spricht uns an, aber er hat dann auch seine Ansprüche, auch wenn wir sie nicht so gerne hören: Es ist dir gesagt Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott (Micha 6,8)

Hüten wir uns vor der Versuchung Gott nur lieb zu machen, er ist auch fremd und groß und unverfügbar. Er allein hat Macht, auch wenn sie manchmal wie auf dem Passionsweg Jesu den Weg der Ohnmacht wählt.

Deshalb musste der letzte Ort der Versuchung der Berg sein, ganz nah bei Gott, wo die Macht buchstäblich ihm zu Füssen liegt. Aber Macht hat nur Gott; was Menschen haben, kann und darf bestenfalls Verantwortung auf Zeit sein, das sollte in früherer Monarchie genauso gelten wie heute in der Demokratie. Nur ist es wohl schwer, sich dieser Versuchung zu widersetzen. Ich will gar nicht über die Macht der Manager oder Politiker philosophieren, weil die Machtspiele nicht nur in der Welt der Großen funktionieren, sondern ebenso in der Welt der Kleinen, in der Schule, im Beruf, machmal auch in Gemeinden, unter Christen.

Es hilft nicht, in solchen Situationen zu argumentieren oder diskutieren: da hilft nur ein klares, klärendes: weg mit dir, der du alles durcheinander wirbelst und uns ins Chaos stürzt, du Diabolos, du Teufel – das bedeutet Teufel nämlich.

Jesus geht gestärkt aus der Wüste hervor, er hat einen Klärungsprozess durchlaufen, gerüstet ist er für seinen Weg, der nun wahrlich kein einfacher und geradliniger ist. Aber auf diesem Weg treten Engel an seine Seite und stärken ihn.

Ich denke , dass solches für uns genauso gilt: wenn wir die Illusion überwunden haben, dass unser Glück allein im wohlständigen hier und heute liegt, wenn wir Gott nicht zu einem Kuschelgott verniedlichen, sondern ihm zutrauen, dass er die letzte Macht auch in der Ohnmacht hat, wenn wir uns für unseren Weg nähren an seinem Wort und zehren von Jesu Brot und Wein, dann sind seine Engel auch auf unseren krummen, steinigen Wegen unsere Begleiter zu seinem guten Ziel – heute und Morgen und an allen anderen Tagen.

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