Die schönste Versuchung, seit es … Religion gibt?

Liebe Gemeinde,
wenn Sie das Wort „Versuchung“ hören, was denken Sie da? Vielleicht an die schöne Nachbarin, die Sie in Versuchung führen könnte? Oder an die Weihnachtsfeiertage, an denen Sie wieder mal gesündigt haben? Oder an die Versuchung, der Sie nicht widerstehen konnten, sich etwas Neues und Schönes und eigentlich zu Teures zu leisten?

Das Wort „Versuchung“ hat hier so etwas leichtes: So ernst müssen wir das nicht nehmen, denn ein Stück Schokolade mehr oder weniger oder ein Glas Bier oder Wein mehr oder weniger hat noch keinem geschadet! Doch wenn wir der Versuchung in religiöser Hinsicht auf den Grund gehen, dann sieht die Sache schon anders aus.
Da hören oder lesen wir von der Geschichte, als Jesus 40 Tage lang in die Wüste ging und vom Teufel versucht wurde. Und der kennt sich aus. Bibelfest ist er, der Versucher. So er versucht Jesus dahin zu bringen, seine Göttlichkeit aufzugeben. Dreimal probiert er es.

Die erste Versuchung kommt mir bekannt vor: Jesus ist hungrig (nach 40 Tagen Fastens nicht verwunderlich), und der Versucher bietet ihm einen Weg an, seinen Hunger zu stillen. Wie oft geht es mir so, dass ich kurz vor dem Mittagessen noch schnell eine Kleinigkeit naschen will. Und dennoch ist zwischen der Versuchung, mal schnell den ärgsten Hunger zu stillen, und der Versuchung Jesu ein himmelweiter Unterschied. Denn der Versucher will Jesus von seinem Weg abbringen. Der wollte ja fasten, um sich zu reinigen, um sich auf sein Leben als Messias vorzubereiten. Wer so fastet, steht Gott nahe. Hier will der Teufel einen Keil treiben: Einen Keil zwischen Jesus und den Vater. Doch Jesus gibt der Versuchung nicht nach, sondern antwortet: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jedem Wort, das aus dem Munde Gottes geht.“ Eine Schlappe für den Teufel, denn Jesus erklärt ja damit, dass er nicht auf des Teufels Wort, sondern auf Gottes Wort hören will.
Interessant finde ich, dass Jesus keineswegs dem Wort Gottes einen Vorrang vor dem Essen einräumt. Vielmehr wird beides einander gegenübergestellt in der Weise, dass klar ist, dass auch beides wichtig ist für uns Menschen: Leibliche Speise und Seelisches Manna von Gott.

Doch der Teufel gibt nicht auf. Er fährt ein neues, stärkeres Geschütz auf: Er zweifelt nämlich an Jesu Göttlichkeit. „Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab!“ Damit kratzt er doch ganz energisch an Jesu Eitelkeit oder Selbstbewusstsein. Wie würde ich mich verhalten, wenn zu mir jemand sagen würde: „Wenn du wirklich Pfarrer bist, dann tue doch dies oder jenes!“ Würde ich standhaft bleiben, mich der Versuchung widersetzen, oder würde ich nachgeben? Schon allein, um der Hänselei zu entgehen: „Ätsch, ich hab’s ja gleich gesagt, du bist eben doch kein richtiger Pfarrer!“
Damit Jesus in diese Frucht der Versuchung beißt, ködert ihn der Teufel mit einem Bibelwort: „Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.“ Damit maskiert er die Versuchung, stellt sein Ansinnen sozusagen so dar, als ob seine Bitte etwas ganz Normales wäre, weil sie ja von der Bibel, dem Wort Gottes gestützt werde. Doch Jesus durchschaut diese Maskierung, durchschaut die ruchlosen Absichten der Versuchers. Er gibt ihm wiederum eine Antwort, die den Teufel entwaffnet: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen!“

Nun, da alles nichts gefruchtet hat, greift der Versucher zu seiner stärksten Waffe, zur menschlichen Gier. Er bietet Jesus etwas an, das er – bei näheren Betrachten – gar nicht geben kann. Denn er sagt zu ihm: „Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.“ Und dabei zeigt er ihm die ganze Welt.
Da stellt sich mir die Frage: Wem gehört die Welt eigentlich? Gott oder dem Teufel? Auf der einen Seite hat Gott die Welt geschaffen. Auf der anderen Seite scheint tatsächlich der Teufel die Welt zu beherrschen. Deswegen gibt es Krieg, menschlichen Egoismus, Verbrechen. Wem gehört die Welt nun: Gott oder dem Teufel?
Wie dem auch sei, der Teufel jedenfalls bietet sie Jesus an, quasi als Einsatz in einer Wette, wenn der vor ihm niederkniet und ihn anbetet. Ein verlockendes Angebot. Schließlich könnte man argumentieren: Wenn der Teufel Jesus die Welt übergibt, dann hat er endgültig keine Macht mehr über sie. Und damit auch nicht mehr über die Menschen. Sollte Jesus also nicht auf diese Forderung des Teufels eingehen?
Jesus widersteht, und es war die vielleicht stärkste Versuchung. Denn wenn er darauf eingegangen wäre, hätte er den Teufel als seinen Herrn anerkannt. Und der wäre damit als Herr über Jesus auch Herr der Erde geblieben. Damit wäre die Geschichte von uns Christen vorüber, noch bevor sie angefangen hätte. So aber fegt er den Versucher hinweg, indem er ihm antwortet: „Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben: »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.«“

Damit hat der Versucher ausgereizt, seine stärkste Waffe wurde ihm aus der Hand geschlagen. Und unsere Geschichte endet mit den lakonischen Worten: Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.

Liebe Gemeinde, ich bin froh, nicht an Jesu Stelle gestanden zu haben. Denn ich hätte todsicher versagt. Hätte der ein oder anderen Versuchung nachgegeben. Wäre eingeknickt vor dem Versucher. Schließlich kenne ich mich. Die an mich herangetragenen Versuchungen sind deutlich kleiner, bescheidener, unwichtiger. Und doch habe ich schon mächtig damit zu tun, ihnen zu widerstehen:
In einer Prüfung einen Spickzettel zu benutzen? Wenn es darauf ankommt, dann fällt es mir schwer, auf dieses Hilfsmittel zu verzichten.
Oder wirklich bei der Wahrheit zu bleiben, so schwer und schmerzhaft sie auch sein mag. Denn wie oft biegen wir die Wahrheit so zurecht, dass sie für uns passt?
Wenn wir ehrlich sind, müssen wir alle zugeben, dass wir solchen Versuchungen schon erlegen sind. Wir sind halt nicht Jesus, wir sind nicht Gottes Sohn. Und das ist keine billige Ausrede, das ist die Wahrheit. Und das weiß Gott auch. Er will zwar von uns, dass wir versuchen, der Versuchung zu widerstehen. Doch wenn wir wieder einmal wieder durchgefallen sind, dann verwirft er uns nicht. Vielmehr dürfen wir bei Gott um Vergebung flehen, um seine Hilfe. Denn uns wurde zugesagt: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele.“ (Mk.10,45)
Jesus wurde gekreuzigt, damit wir leben. Im Kreuzestod hat er alle unsere Sünden auf sich geladen, all die Versuchungen, an denen wir scheitern. Er weiß, dass wir scheitern müssen, weil wir menschliche Schwächen haben. Doch unser Scheitern ist nicht für immer, denn bei Gott zählt Gnade mehr als das Recht und das Gesetz. So nimmt er uns immer wieder an, spricht uns Mut und Gnade zu: „Du bist mein liebes Kind, und ich verzeihe dir!“
Das Wort „Versuchung“ dürfen wir also nicht so leicht nehmen, wie es in unserer Welt, im Fernsehen und Internet immer wieder vorgegaukelt wird. Aber wir müssen uns auch nicht davon nieder drücken lassen. Denn in Jesus hat jede Versuchung endlich ihre Schrecken verloren.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

drucken