Wendepunkt

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, ein romantischer Satz für eine Lebenswende.

Aber er passt nicht zu jeder Wende im Leben.

Einschneidende Wenden haben oft mit Qual, manchmal auch mit Zwang zu tun. Krank werden und alle Gewohnheiten über den Haufen werfen müssen, die Arbeit, den Partner verlieren. Da kommt man nicht daran vorbei, den Dingen ins Gesicht zu blicken. Oft freuen sich Menschen nicht, wenn ihr Leben eine andere Wendung nimmt. Sie kämpfen dagegen an oder schrecken davor zurück und weichen aus, solange es möglich ist. Und einen Satz wie den von Hesse empfinden sie als Hohn. Ein Zauber, in jedem Anfang? Vielleicht schon, aber dann ist wohl eher von einem dunklen Zauber die Rede, der das Leben verengt und die Sonne, vertreibt.

Wir begegnen im heutigen Predigttext einem Menschen, der den Zauber einer neuen Lebenswende zunächst durchaus im positiven Sinn erfahren hat: Petrus, von Jesus angesprochen am See Genezareth und mitgenommen auf einen neuen Weg. Nicht mehr einfacher Fischer, sondern Menschenfischer, nicht mehr gebunden an ein Haus und einen Beruf, sondern ein Leben unter offenem Himmel mit dem Weg unter den Füßen, Bewegung statt Sesshaftigkeit, Veränderung statt Auseinandersetzung mit dem Unveränderlichen und viel Schauen, statt nur Glauben.

Petrus hat gesehen wie Jesu über das nahe Reich Gottes geredet und Menschen in seinen Bann gezogen hatte. Viele Menschen. Immer mehr im Laufe der drei Jahre in Galiläa. Er hat gesehen, wie Menschen gesund wurden durch Jesu Gegenwart, gesund an Leib und Seele. Er hat erlebt, wie aus ihrem kleinen galiläischen Wandertrupp allmählich eine kleine Berühmtheit wurde im Norden Israels. Es ist schön, bewundert zu werden als treuester Jünger, Petrus, der Fels, Freund des Heilers und Predigers Jesus.

Petrus ist sehr einverstanden damit, dass es dieser ist, den Gott gesandt hat, Jesus, der Retter. Und dass diese Erwählung in seiner Heimat stattfindet, in Galiläa. Er kann auch noch ab und zu Hause bei Frau und Schwiegermutter vorbeischauen und sie haben die ganze Bevölkerung im Rücken. Die Jerusalemer Priesterclique, das Machtzentrum der Römer ist weit entfernt.
Petrus Begeisterung und Engagement ist also ungebrochen und ungetrübt.

Doch dann kommt dieser Tag. Er wird nicht der schwärzeste seines Lebens sein, aber eine Wende in die Dunkelheit, die ihm, wie kaum etwas anderes, schwer gefallen ist. Denn all das, was er bisher an Entwicklung durchgemacht hat, indem er den Weg Jesu mitgegangen war, gerät ins Wanken.

Was ist passiert?

Jesus geht mit ihnen weiter nach Norden, nach Cäserea Philippi, den nördlichsten Punkt Galiläas. Auf dem Weg dahin fragt er seine Jünger, für wen sie ihn halten? Und Petrus, den aufbauenden gemeinsamen Weg im Rücken, sagt voll Überzeugung: Du bist es, du bist der Messias, der Retter.

Doch kaum ist die Antwort heraus kommt die erste Irritation: Jesus verbietet ihnen darüber zu sprechen. Kam die Antwort zu schnell? Ist er selber sich nicht sicher? Ist es das falsche Wort?
Bevor Petrus und die anderen nachfragen können, redet Jesus weiter und was er sagt, ist nicht erfreulich:

Der Menschensohn, sagt er, werde vieles erleiden müssen, von den Ältesten und Hohepriestern und den Schriftgelehrten wird er verworfen werden; er wird getötet, aber nach drei Tagen auferstehen. Jesus redet ganz offen darüber. Nichts erspart er seinen Leuten und geht weiter, immer weiter den Weg nach Cäserea.

Die Jünger haben viel zu verdauen. Hohepriester, Schriftgelehrte? Geht es da etwa um Jerusalem? Was sollten sie da? Und wie kann einer, der so viel Hoffnung verbreitet, so ein schwarzes Bild von der Zukunft zeichnen? Sie ahnen dunkel, da kommt etwas auf sie zu, aber dem wollen sie lieber ausweichen.

Petrus, gewöhnt, auf Augenhöhe mit dem Meister zu kommunizieren, holt beim Wandern auf, nimmt Jesus beiseite und macht ihm Vorwürfe. Du bist der Messias, du hast die Menschen dazu gebracht, das Reich Gottes auf Erden für möglich zu halten. Du hast eine Verantwortung übernommen. Willst du hier alles im Stich lassen? Willst du sehenden Auges in deinen Untergang gehen? Hier wirst du geliebt und hier wirst du gebraucht!

Jesus bleibt stehen und wendet sich um, sieht alle seine Jünger an. Und in einem Ton, wie sie ihn noch nie von Jesus gehört haben, vielleicht nur im Umgang mit seiner Mutter, der armen Maria, herrscht er Petrus, den Treuen, den Fels vor allen anderen an:

Weg mit dir, du Satan, geh mir aus den Augen! Denn du hast nicht im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“

Eine herbe Degradierung. Da war Petrus die ganze Zeit nahe an Jesus dran, fast auf Augenhöhe mit ihm und nun wird er wieder zurückgeworfen, in die Menge der Menschen, ganz an den Anfang geschickt. Jesus gibt ihm keine Chance daran vorbei zu sehen oder aufzubegehren. Denn sie sind gerade angekommen in Cäserea Philippi und er versammelt eine Menschenmenge um sich und winkt seine Jünger in die Menge hinein. Kein Unterscheid mehr, allen gilt seine Rede und alle stellt er vor eine Entscheidung, ob sie die entscheidende Wende in seinem Leben mitgehen wollen oder nicht:

Wer mir nachfolgen und mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. 35 Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten. 36 Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden? 37 Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse? 38 Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem abtrünnigen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln.

Lebenswende – Jesus ruft die Stunde Null aus. Alles was vorher war, das war wichtig, Lebenshilfe, das unvergessliche Bild einer besseren Welt, das immer wieder eindrücklich aufschien. Aber in dieser Klarheit kann es nicht weiter gehen, nicht in dieser Welt.

Jesus stellt die Menschen vor die Wahl: Ihr könnt hier bleiben. Ihr könnt weiter vom Reich Gottes reden, in dem die Blinden sehen und die Lahmen gehen werden und ihr könnt den Armen die gute Nachricht von der Gerechtigkeit Gottes weiter sagen, Kranken helfen. Das geht. Aber das hat mit mir nichts mehr zu tun. Denn all das hat euere Erwartungen genährt, dass das so weiter gehen kann, leicht und schön. Aber die Welt ist größer als Galiläa und der Hass und die Angst der Menschen gehen tief. Drei Jahre Reden und Heilen werden sie nicht beseitigen.

Ihr denkt, ich würde dem Hass und dem Unrecht, das daraus erwächst, genauso leicht und überzeugend begegnen, wie ich hier Kranken und Ausgestoßenen begegnet bin. Ihr irrt euch. Ich bin ein Mensch wie ihr.

Nein, Gott hat mich zur Liebe berufen. Und diese Liebe leitet mich. Sie gibt mir die Freiheit, alles zurückzulassen, was euch an mir angezogen hat und mich einzureihen unter die Geschundenen und Angespuckten. Diese Liebe führt mich, zu den Leidenden, ins Zentrum des Schmerzes, der Ohnmacht, ins Zentrum der Verhältnisse, die Armut und Reichtum, Recht und Unrecht in Kauf nehmen, ins Zentrum der menschlichen Unzulänglichkeit und Schuld. Ich werde leiden, wie die Ohnmächtigen leiden, denn Gott redet auch dann, in dieser Ohnmacht und Verzweiflung oder seine Worte sind nichts wert.

Ich werde mich verleugnen, das Bild des Retters, das ihr von mir habt, mein Leben hingeben und dadurch sichtbar machen, dass keiner am Leiden vorbei kommt, der mit Gottes Augen die Welt betrachtet. Alle Rettung, die von Gott kommt und von Gott erhofft wird, kommt nicht daran vorbei, nicht am Kreuz, das ein jeder auf sich nehmen muss, der liebt und sich daher an den Ecken der Welt blutig stoßen muss.

Im Text steht zu Anfang der Satz: Ich werde verworfen und getötet werden, aber nach drei Tagen auferstehen. Aber dieser Satz zeigt nicht die geringste Wirkung. Der Glaube an die Auferstehung verscheucht das Leiden nicht und den Schrecken nicht und macht die Entscheidung, vor die Jesus seine Jüngerinnen und Jünger und auch uns stellt, nicht leichter.
Immer wieder stoßen wir auf das Kreuz, das uns zur Entscheidung auffordert. Und Momente, in denen nichts weiter zu sehen ist, als das Leiden, das mit der Aufnahme des Kreuzes erwächst. Der Hinweis auf die Auferstehung darf nicht als fertige Antwort missbraucht werden.

Es gibt Menschen, die ihr ganzes Leben einem behinderten Kind widmen. Es gibt Menschen, die nie eine Familie gründen, sondern ganz für andere da sein wollen. Es gibt große Menschen wie Albert Schweitzer, der einen Brief über die Zustände in Afrika bekam. Dieser Brief passte nicht zu seinem Leben, Orgelspielen, Theologie und Philosophie treiben gehörten dazu und er liebte es. Doch diesen Brief konnte er nicht wegschieben. Schweitzer hat auf seine Art sein Kreuz auf sich genommen. Bis er 30 war hat er alles getan, was er liebte, und was zu ihm passte und dann all dies verleugnet, Medizin studiert und sein restliches Leben den Kranken von Lambarene gewidmet. Auch er konnte nicht wissen, wie das ausging, ob er dem Klima gewachsen war, ob er nicht bitter darüber werden würde, dass das, was er liebte zu tun, fehlen würde in seinem neuen Leben. Er konnte nicht wissen, dass sein Leben erfüllt und reich werden würde durch seinen Entschluss. Im Moment des Entschlusses war es wie ein freier Fall ins Nichts, nur im Vertrauen darauf, dass es Gott ist, der hinter der rufenden Stimme steht und damit das Leben.

Solche Menschen werden bewundert, aber vor ihnen und ihrer Entscheidung schrecken die meisten zurück. Es gibt diese großen Lebenswenden, die wenige von uns vollziehen, aber die Chance dieser Wende in Jesu Sinn zu begehen, haben wir nicht nur einmal, nicht nur im großen Stil, sondern immer wieder, täglich.

Jeder nehme sein Kreuz auf sich, hat Jesus gesagt, nicht mein Kreuz, sondern ein jeder sein Kreuz. Es geht nicht darum, andere nachzuahmen, auch nicht Jesus nachzuahmen, außer vielleicht ihren Mut und ihr Vertrauen. Es geht darum, den Moment zu erkennen, an dem ich merke, jetzt bin ich dran. Es wird mir schwer fallen, den Mund aufzumachen, es wird mir schwer fallen, zu helfen, es wird mir schwer fallen, mich zurückzunehmen, aber da sitzt einer am Boden, der reißt mich aus meiner Routine heraus, da merke ich, da geschieht jemanden Unrecht in meiner Schulklasse, bei einem Kollegen, das fordert ein Eingreifen mit Folgen, die ich nicht absehen kann. Da fordert mein Beruf meine ganzen Kräfte, doch was bleibt dabei auf der Strecke? Meine Familie, Freunde, mein Engagement in der Gemeinde? Darf ich das so weiter machen? Da muss ich mein Bild von mir ändern, mich von alten Bildern trennen und doch geben und doch helfen und mich doch mit Menschen abgeben, die ich gestern abgelehnt habe. Es gibt Momente, das ist die Stunde Null angesagt und ich sehe etwas an anderen, an mir, das mir vorher nicht klar war, doch ich sehe, ich komme nicht daran vorbei und der Zauber, der mein Leben und mein Bild von mir gehalten hat, zerreißt und es ist Zeit etwas zu ändern, einen anderen Kurs einzuschlagen.

Die Gnade Gottes ist nicht billig zu haben, hat Bonhoeffer gesagt. Wir haben die Freiheit, ihr auszuweichen, wie auch Jesus diese Freiheit durchaus hatte, was wäre sein Tod am Kreuz sonst wert, wenn er willenlos auf den Weg getrieben worden wäre. Die Gnade Gottes ist nicht billig zu haben, denn sie beinhaltet den Blick auf das Leiden. Die große Liebe zum Leben lässt nichts anderes zu in dieser Welt. Das Christentum ist daher eine Religion, die es ihren Leuten nicht leicht macht. Denn Nachfolge auf dem Weg Jesu, das heißt dann in diesen Momenten auch, nicht mehr zurückzukönnen, wie Paul Gerhardt es ausdrückt: Ich hang und blieb auch hangen an Christus als ein Glied; wo mein Haupt durch ist gangen, da nimmt er mich auch mit. Er reißet durch den Tod, durch Welt, durch Sünd, durch Not, er reißet durch die Höll, ich bin stets sein Gesell.

Keiner der Gesellen Jesu ist ausstiegen damals in Cäserea. Aber wenn sie gewusst hätten, was es bedeutet, diesen Weg mit Jesus zu gehen, so wie ihn Paul Gerhardt beschrieben hat, sich selbst, seine Hoffnungen und Träume verleugnen, die ganze Ohnmacht zu begreifen, das ist ihnen erst klar geworden, als sie entsetzt im Garten Gethsemane davon gerannt sind oder wie Petrus im Hof geleugnet haben, Jesus zu kennen. Keiner hat in diesem Moment diese Probe bestanden. Aber letztlich dann doch. Sonst wäre es nicht weiter gegangen mit dem Christentum. Sie haben diese Wende von glücklichen Hippies und zu ernsthaften, leidensbereiten Aposteln hinbekommen. Sie sind der Anrede Gottes nicht ausgewichen und haben ihr Herz seiner Liebe geöffnet, mit allen Folgen, aus Lebensdurst, nicht aus Masochismus, aus dem Vertrauen in die Gegenwart Gottes in aller Dunkelheit, nicht aus Verherrlichung der Dunkelheit. „Du bist der Messias“, dieses Bekenntnis kostet Petrus zuletzt sein Leben, aber das Leben, das er geführt hat, hätte er nicht eintauschen wollen, nicht um alles Geld der Welt. Du bist der Messias: Dieses Bekenntnis hat Petrus im entscheidenden Moment nicht geholfen. Er selbst war gefragt. Und sein Kreuz, die Absage an Einfluss und Berühmtheit und Selbstbewusstsein, die Hingabe an die Ohnmacht, das musste er tragen, er ganz allein.

Im Vertrauen, das wir in Gottes Hände fallen und das Leben entdecken, wünsche ich uns den Mut, diesen Stunden nicht auszuweichen, in denen die Uhr auf Null gestellt und eine Wende in unserem Leben, in unserem Alltag vor uns auftaucht. Und dass wir in der Gemeinschaft mit Jesus Christus Brot und Wein teilen und ihm und einander nicht ausweichen, wenn er zu uns redet.

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