Tödliches Missverständnis

Liebe Gemeinde!

Meine Jugend war nicht ganz leicht. Ich hatte beinahe dauernd das Gefühl, nicht verstanden zu werden. Das mag vor allem in der Pubertät Vielen so gehen. Und Viele mögen später darüber lachen. Bei mir war es so, dass sich später immer mehr herausstellte, dass ich tatsächlich nicht verstanden wurde. Selbst im Studium setzte sich das fort. Gelegentlich sagen mir Jahre später Leute, dass sie das, was ich getan habe, immer für völlig falsch gehalten hatten und erst jetzt merken, dass ich Recht hatte. Dann freue ich mich, weil ich dann ein Stückchen weniger einsam bin.

Ich glaube, dass ich Erwartungen von Menschen sehr stark spüre – vielleicht stärker als andere. Vielleicht wehre ich mich aber auch nur weniger stark als andere. Erwartungen lasteten auf mir beinahe so lange ich denken kann. Als ich 18/19 Jahre alt war, hatte ich einen Traum – zusammengewürfelt aus den Erwartungen, die ich spürte und dem Gefühl, selbst nicht verstanden zu werden: In der Obereisenheimer Kirche hängt über dem Altar ein beinahe lebensgroßer Gekreuzigter in einem Rahmen aus Flechtwerk. Im Hintergrund braune Berge: Einer von ihnen Golgatha. Aber an diesem Tag fehlt der Gekreuzigte. Ich bin gerade damit beschäftigt, die Gruppenstunde für die Kindergruppe vorzubereiten – in der Kirche, warum auch immer. Die Gemeinde, allesamt mir bekannte Gesichter aus dem Dorf, drängen immer weiter zu mir. Ich weiche zurück. Sie drängen mich zum Altar. Ich sage ihnen, sie sollen das lassen. Aber sie nehmen mich wie immer nicht ernst. „Doch, doch, ich sei schon der Richtige“, sagen sie. Ich mache doch die Kindergruppe so gut. Und für die Jugend gäbe es auch keinen anderen. „Nein“, schreie ich. „Mach´s doch selbst. Ich bin´s nicht!“ Aber sie packen mich. Ich sehe sie noch wie heute: Die einzelnen Gesichter, die mir im Dorf fast täglich begegneten. Sie versuchen mich hochzuheben, auf den Altar und dort festzunageln, wo der Gekreuzigte fehlt. Was ich auch sage, und wie ich auch schreie und um mich schlage- es hilft nichts. „Einer muss es doch machen“, sagen sie. „Und du kannst es am besten.“ Ich weiß noch, wie ich sie hasste dafür. Ich konnte es vielleicht wirklich am besten. Aber das heißt nicht, dass man mich deshalb zum Opfer machen musste. Denn dass ich es vielleicht am besten konnte, war nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte war, dass sie es selbst nicht wollten, weil sie Angst hatten, es selbst nicht zu können. Und weil natürlich niemand das Opfer sein wollte. Denn dass das Dorf ohne Gewissensbisse gerne jemanden opferte, das wussten sie alle. Also lieber mich. Das war die einhellige Meinung. Und niemand wollte anerkennen, dass ich dagegen war. Und ich damit Recht hatte, dass es ein Schwachsinn ist, hier jemanden über den Altar nageln zu wollen. Niemand wollte oder konnte verstehen, was ich sagte.

[TEXT Verse 31-32]

Mein Gott, ich hätte mir einen Petrus gewünscht in meinem Traum – jemanden in der Meute, der gesagt hätte: „Hau doch ab, Junge! Ich helf dir, ich hau dich raus. Und dann nichts wie weg!“ Aber da war kein Petrus weit und breit.

[TEXT VERSE 33-36]

Wir können nicht anders als das Richtige zu tun – das, wovon wir überzeugt sind. Wir können es nicht lassen, ohne Schaden an unserer Seele zu nehmen. Jesus ist überzeugt, dass er nach Jerusalem gehen müsse, dort viel leiden, verworfen und getötet werden müsse – und am dritten Tag danach werde er auferstehen.

Aber warum das alles? Warum kann er nicht einfach in Frieden alt werden, in Frieden sterben – und dann wieder auferstehen? Auch dann hätten doch alle gewusst, dass im Reich Gottes der Tod keine Rolle spielt. Warum ist Jesus überzeugt, dass er durch das Leiden müsse? Welchen Sinn soll sein Leiden haben?

Mir bleibt verschlossen, warum jemand sich mehr oder weniger freiwillig zum Opfer machen lässt. Es sei denn, dass ihm die Kraft oder der Wille fehlt, sich gegen eine Erwartung zu wenden, die stärker ist als alle anderen: Die Erwartung seiner Lebenswelt. Was die Welt, in der Jesus lebte, die Dörfer und kleinen Städte Galiläas, erwarteten, war klar: „Hosianna, dem Sohn Davids!“ Sie erwarteten den Gottessohn, den Anbruch des Gottesreiches auf dem Zion, in der Stadt Davids. Ich glaube, dass Jesus sich gefangen nehmen ließ von dieser Erwartung, wie sich so viele vor und nach ihm gefangen nehmen ließen. Einer Erwartung, die Palästina bis heute nicht zur Ruhe kommen lässt.

Aber WIE der Retter, der Mann Gottes sein sollte, darüber gingen die Meinungen auseinander. Das Volk erwartete einen glanzvollen Nachfolger König Davids. Aber einige wenige Kapitel der heiligen Schrift zeichneten im Jesajabuch neben diesem glanzvollen Bild ein ganz anderes: Einen geschundenen, zuletzt ermordeten Gottesknecht, der keine neue Glanzzeit heraufführt, sondern scheitert an der Ignoranz der Welt. Er wird nicht als Gottessohn erkannt. Und doch bringt sein Leben eine frohe Botschaft, die größer ist als jeder widererstandene Glanz alter Herrlichkeit.

Je näher Jesus Jerusalem kommt, dieser Stadt der Erwartungen, je mehr wird er selbst zur Erwartung. Jesus teilt die Erwartung des Volkes, dass nun der Heiland kommen müsse – und dass er es sei. Nur das eine unterscheidet ihn vom Volk: Das Volk erwartet den glanzvollen Messias. Er sieht sich als den Gottesknecht aus dem Buch Jesaja, als den Messias, der zum Scheitern verurteilt ist. Gerade sein Scheitern soll der Wahrheit zum Durchbruch verhelfen, soll Erlösung bringen:

Jesus hat in der Zeit, in der er den Menschen von Gott erzählte immer wieder feststellen müssen, dass sie nichts verstanden. Dass ihre Erwartungen in die falsche Richtung gingen. Sie erwarteten, dass jemand kommen solle, der für Sie die Welt so richten würde, dass alles gut würde. Und Jesus sagte immer wieder: Nein! Versteht ihr´s denn nicht?! Nicht die Welt muss sich verändern, ihr müsst euch verändern. Glücklich sein heißt nicht, in einer perfekten Welt zu leben. Glücklichsein heißt, in der Welt, wie sie ist, liebevoll, friedlich und aufrichtig zu leben, Mitleid zu haben mit allen, die leiden und selbst gerecht zu leben. Versteht ihr´s denn nicht?!

Sie verstanden es nicht. Immer wieder betont der Evangelist Markus: Sie verstanden es nicht. Markus vertritt ein erschreckendes Menschenbild: Menschen weigern sich so lange von falschen Erwartungen Abstand zu nehmen, bis sie wirklich keine andere Möglichkeit mehr haben. Sie nehmen dafür sogar in Kauf, dass der, auf den sich ihre falschen Erwartungen richten, daran zugrunde geht. Denn falsche Erwartungen zerstören den, auf den sie sich richten. Für die, auf die sich falsche Erwartungen richten, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Flucht oder die Korrektur der falschen Erwartungen.

Wie wäre mein Traum weiter gegangen, wenn ich nicht vor Grauen aufgewacht wäre? Ich wäre wohl einige Zeit dort gehangen, verzweifelt am Kreuz. Dann wäre ich gestorben. Und dann hätten sie wohl gemerkt, dass sie einen Fehler gemacht hätten. Ein Toter ist zu nichts mehr nütze. Spätestens wenn er tot ist, muss man sich von falschen Erwartungen an ihn verabschieden.

Das, denke ich, ist der Grund, warum Jesus in Leiden und Tod geht: Er zwingt die Menschen, sich von ihren falschen Messiaserwartungen zu verabschieden: Schritt für Schritt merken sie: Dieser Mann wird uns die Welt nicht so richten, wie wir sie gerne hätten. Und sie reagieren wie so oft, wenn Erwartungen enttäuscht werden: Haus dem Hosianna wird das Kreuzige-ihn.

Bis hierher ist die Geschichte eine menschliche Tragödie. Selbst der Tod Jesu bewirkt nur, dass die Leute um eine Hoffnung ärmer sind. Dass sie sich von Gott verändern lassen müssen, statt zu erwarten, dass Gott die Welt für sie richtet, das haben sie immer noch nicht verstanden – auch durch den Tod Jesu nicht. Eine Tragödie der Festgefahrenheit! Ein Menschenbild zum Verzweifeln. Und doch wird das jeder von uns kennen.

Das Wunder, das Evangelium, von dem Markus erzählt, ist, dass drei Tage, nach Jesu Tod, drei Tage, nachdem Jesus ihre falschen Erwartungen zerstört hatte, einige wenige Menschen tatsächlich langsam zu verstehen begannen. Es war für sie, als hätte sich alles umgedreht. Jetzt erst, nachdem sie ihn zu verstehen begannen, wurde dieser Jesus richtig lebendig für sie. Sie begannen die Welt mit seinen Augen zu sehen. Sie erkannten nicht nur: Wir hatten falsche Erwartungen gepflegt. Wir haben falsch gelebt. Sie erkannten vielmehr, nämlich: Er hatte ja Recht, als er ein Leben und einen Gott predigte, das man überall und jederzeit in jeder Welt leben kann: als Kind unter Gottes Himmel, von heute auf morgen. Wenn wir glücklich sein wollen, muss nicht jemand die Welt für uns verändern, sondern wir müssen uns verändern lassen.

Das ist das Wunder, das der geschundene Messias vollbringen sollte: Dass die Welt erkennt, dass sie anders leben muss, weil er Recht hatte, mit dem was er sein Leben lang gesagt hatte: Liebt einander. Neidet einander nicht. Verzeiht. Denn alles, was ihr braucht, gibt euch Gott – jeden Tag. Der geschundene Messias sollte das größte Wunder vollbringen, das möglich ist: Eine Kehrtwende im Leben der Menschen, ein Erkennen der Wahrheit: Glückliches Leben heißt nicht die Wiederherstellung alte Zustände. Glücklichsein heißt: Mitleid zu haben, sanftmütig zu sein, nach Gerechtigkeit zu streben, barmherzig, friedfertig und aufrichtig zu sein. Selig sind die.

Das ist das Evangelium des geschundenen Messias. Der Menschensohn musste leiden und sterben, damit wir uns von unseren falschen Erwartungen verabschieden. Und er musste auferstehen, damit wir verstehen.

Und bis heute bleibt die Frage: Verstehen wir? Und wie oft haben andere noch dafür zu leiden, damit wir auferstehen zu einem neuen, glücklichen Leben – hier und jetzt, ohne dass uns ein anderer die Welt so richtet wie wir sie vielleicht gerne hätten?

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