Den Herzensgrund beackern

I. Wenn et Bete sich lohne täät!

Liebe Gemeinde!

Anfang der achtziger Jahre wurde eine Band bekannt, die gute Rockmusik mit interessanten Texten verband. Ihr Markenzeichen war ihr Dialekt. Sie sangen ausschließlich auf kölsch. Meine Eltern hielten uns für verrückt, dass wir uns das antaten, aber wir alle liebten BAP, sangen ihre Lieder mit unserem hessischen Kölsch und lasen die hochdeutsche Übersetzung auf den Plattenhüllen. Mit einem ihrer Lieder setzte ich mich damals besonders auseinander. »Wenn et Bete sich lohne täät« hieß es. Auf hochdeutsch: »Wenn das Beten sich lohnen täte«. Hier ein kleiner Ausschnitt:

Wenn das Beten sich lohnen würde, was meinst Du wohl, was ich dann beten würde? Ohne Prioritäten, einfach so wie es kommt, fing ich an. Nicht bei Adam und nicht bei Unendlich, trotzdem jeder und jedes käm’ dran. Für all das, wo der Wurm drin, für all das, was mich immer schon quält, für all das, was sich wohl niemals ändert. Klar – und auch für das, was mir gefällt: Ein Vater unser dem Feldherrn, der drauf wartet, dass er endlich verliert, dem es hochkommt bei seinen Triumphzügen, der Obelisken genug apportiert. Ich tät beten für Sand im Getriebe, und jede Klofrau kriegt’ Riesenapplaus. Überhaupt jeder Unmengen Liebe und der Sysiphus nicht nur eine Paus’. Tät die Rubel bremsen, die rollen, Kronjuwele verbannen auf den Schrott, ließ’ alle Grenzen und Schranken verschwinden, jeden Speer, jedes Gewehr, jedes Schafott.

Als junger Theologiestudent und Mitherausgeber einer kleinen Studentenzeitung hatte ich dann auch einmal die Gelegenheit, Wolfgang Niedecken, den Sänger und Texter von BAP zu interviewen und ihn darüber zu befragen. Wolfgang Niedecken, der dieses Lied als Provokation gegen den damals in Liturgie und Traditionen erstarrten Kölner Katholizismus geschrieben hatte, erzählte mir, dass ihm die Umsetzung des Betens ins Handeln so sehr fehle. Es tat sich damals seiner Meinung nach in der katholischen Amtskirche zu wenig in Sachen Friedensbewegung, Eintreten für die Menschenrechte, Gerechtigkeit, Offenheit und Toleranz. Allerdings sah er auch einige Silberschweife am Horizont, wie das öffentliche Eintreten kirchlicher Vertreter wie den südafrikanischen Bischof Tutu gegen die Apartheid. Insgesamt meinte er, müssten die Christen vielmehr das auch im Handeln umsetzen, wofür sie beteten.

II. Liebe als Saatgut

Warum ich das erzähle? Sicher nicht, weil ich in dieser Predigt meine eigene Chartshow der 80iger Jahre eröffnen möchte. Sondern, weil ich glaube, dass dieses Lied und seine kritische Anfrage an uns Christen etwas mit dem Predigttext für diesen Sonntag zu tun hat. Es ist das Gleichnis vom Sämann, wie es der Evangelist Lukas überliefert:

[TEXT]

Jesus erzählt dieses Gleichnis als Erklärung und Aufforderung zugleich. Als Erklärung dafür, warum seine Botschaft von der Liebe Gottes von vielen Menschen nicht verstanden wird. Die Jünger werden ihn gefragt haben, wie es weitergehen soll, wie denn bitteschön das Reich Gottes seinen Anfang nehmen soll, wenn ihm doch so viele den Rücken kehren. »Warum Jesus, machst Du das hier überhaupt?«, werden sie ihn gefragt haben. »Sieh’ doch, wie wenige Menschen Deine Botschaft annehmen und wie viele abwinken und Dir den Rücken kehren. Die Menschen hoffen auf eine Befreiung aus dem Würgegriff der römischen Besatzungsmacht. Du aber redest von der Liebe Gottes, die sie nicht sehen und nicht spüren können.« »Wartet es ab!«, entgegnet Jesus. »Meine Botschaft ist wie ein Samen, den ein Sämann ausbringt. Das Wachsen dieser Saat der Liebe braucht seine Zeit, so wie das Werden des Samens zur Pflanze. Und Misserfolge gehören dazu! Seht nur den Bauern an:

[TEXT Verse 5-8]

Liebe Gemeinde! Die Versuchung ist groß, sich jetzt zu fragen, zu welcher Sorte aufnehmendem Boden und zu welcher Gruppe Hörer des Wortes Gottes die anderen und dann auch natürlich ich selbst gehöre. Bin ich einer vom Weg, der das alles nicht glauben kann? Oder bin ich dem Fels gleich und mein Glauben ist schwach und hat klägliche Wurzeln? Gehöre ich zu denen in den Dornen und bin so mit mir selbst, meiner Egozentrik und meinem Tagesgeschäft befasst, so dass daneben die frohe Botschaft untergeht? Oder gehöre ich zum guten Ackerboden, der der Liebe Gottes Gestalt in der Welt gibt? Habe ich den Luxus, als Christ ohnehin dazu zu gehören – frei nach dem Motto: ›Ich kann’s nicht erklären, aber wir sind die Guten!‹? Und wie steht es um meine Mitmenschen, die kirchlich Desinteressierten, die treuen Kirchenfernen und die kirchlichen Insider? Wenn ich die Schubladen aufmache, und die böse Welt nach den verschiedenen Hörergruppen sortiere, bin ich schnell fertig und habe ein passendes Urteil über die Sündhaftigkeit und Unfähigkeit der Menschheit, Gottes Liebe anzunehmen, wobei ich mich dann natürlich zu den ›Guten‹ zählen darf. So machen das die Zeugen Jehovas.

Aber das ist zu wenig. So erklärt es zwar, warum seine Botschaft von der Liebe Gottes von vielen Menschen nicht verstanden wird. Aber so ist das Gleichnis zu kurz gefasst und zu einseitig gedeutet. Denn es ist auch eine Aufforderung an uns, an jeden Menschen, Sie, Dich und mich! Jesus fordert mich selbst auf, mich immer wieder zu fragen, aus welchem Boden denn mein Herzensgrund besteht. Lasse ich denn das Wort von der Liebe Gottes, die allen Menschen gilt und die weitergegeben werden will, in mich eindringen? Lasse ich es zu, dass sie mich verändert? Und was mache ich mit dem Samen, wenn er denn in meinem Herzen Wurzeln geschlagen hat? Gottes Wort braucht Hörer und Täter! Was ich damit meine, verdeutlicht eine Geschichte:

Ein junger Mann betrat im Traum einen Laden. Hinter der Theke stand ein Engel. Hastig fragte er ihn: »Was verkaufen Sie, mein Herr?« Der Engel antwortete freundlich: »Alles, was Sie wollen.« Der junge Mann begann aufzuzählen: »Dann hätte ich gern das Ende aller Kriege in der Welt, bessere Bedingungen für die Randgruppen der Gesellschaft, Beseitigung der Elendsviertel in Lateinamerika, Arbeit für die Arbeitslosen, mehr Gemeinschaft und Liebe in der Kirche und … und … « Da fiel ihm der Engel ins Wort: »Entschuldigen Sie, junger Mann, Sie haben mich falsch verstanden. Wir verkaufen keine Früchte, wir verkaufen nur den Samen.«

Liebe Gemeinde! Unser Herzensgrund kann jeder der Böden im Gleichnis sein: Der fest getrampelte Weg, der steinige Boden, das mit Dornen überwucherte Feld oder der gute, fruchtbare Ackerboden. Wenn dieses Gleichnis Jesu für uns heute eine Bedeutung hat, dann doch die, dass jede und jeder sich selbstkritisch fragen muss, wie gut er sein Feld bestellt hat, damit Gottes Liebe darauf Früchte trägt. Denn die Liebe Gottes empfangen, daran glauben und darauf zu vertrauen, dass er mich liebt und mir meine Fehlschläge vergibt – das gehört untrennbar damit zusammen, dass ich diese Liebe an meine Mitmenschen weitergebe. Jesus knüpft beides so eng zusammen, dass es für uns Christen untrennbar ist:

Jesus Christus spricht:
Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben
von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt.
Dies ist das höchste und größte Gebot.
Das andere aber ist dem gleich:
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.
(Mt. 22,3740)

III. Was uns abhält

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir alle ja gern ein guter Ackerboden sein wollen; oft aber lassen wir es zu, dass die Dornen unseren Herzensgrund überwuchern. Was aber unter die Dornen fiel, sind die, die es hören und gehen hin und ersticken unter den Sorgen, dem Reichtum und den Freuden des Lebens und bringen keine Frucht.

Ja, wir haben Sorgen, jeder hat die! Und wer behauptet, die weltweite Finanzkrise habe ihn nicht wenigsten einmal grübeln Ängste über die eigene Zukunft hochkommen lassen, der leidet unter Realitätsverlust. Ja, es kann einem Himmelangst werden, wenn man die Lawine auf alle Länder zukommen sieht – gemächlich zwar, aber doch mit erschreckenden Folgen. Rezension ist gefährlich und sie ist spürbar bis in den hintersten Winkel der Wirtschaft. Jeder hält ängstlich an seinem Ersparten fest und dreht jeden Cent dreimal herum, bis er ausgegeben wird. Dabei geraten allerdings auch die aus dem Blick, die unser Geld brauchen. Und das sind nicht nur die Autobauer und ihre Zulieferbetriebe. Das sind auch die Ärmsten der Armen – in Deutschland ebenso wie in den Ländern der dritten Welt. Der Kaffee, der Orangensaft und andere Lebens- und Genussmittel werden eben dort gekauft, wo sie am billigsten sind. Ob die Produzenten selbst daran genug verdienen, um ihre Familien zu ernähren, gerät völlig aus dem Blick. Im Religionsunterricht behandeln wir gerade das Thema: ›Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung‹. Die Kinder kamen aus dem Staunen nicht heraus, als sie erfuhren, wie schlecht es Kaffeebauern geht, die vom Weltmarktpreis abhängig sind. Wie hundsmiserabel die Lebensbedingungen von Bananen- und Baumwollbauern sind. Dass viele von ihnen weniger Geld für ihre Produkte bekommen als sie für den Anbau investieren. Und das alles, damit wir Lebensmittel oder T-Shirts zu Spottpreisen beim Discounter kaufen können. Die Kinder fragten zuhause ihre Eltern nach GEPA- und TransFair-Produkten. Das sind Firmen, die Bauern faire Preise bezahlen und darauf achten, dass sie biologisch angebaut werden. Die Schüler waren selbst erstaunt darüber, wie wenig davon eingekauft wird. Ich bin weiß Gott kein Gutmensch und kein Träumer. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir alle Verantwortung für unser Tun und Lassen tragen und dass wir uns über die Konsequenzen unseres Handelns im Klaren sein müssen – auch und gerade als Christen! Wenn ein Bananenbauer an Krebs stirbt, weil er ständig hochgiftige Schädlingsbekämpfungsmittel auf seine Bananen spritzt und diese Dämpfe dann auch einatmet, trage auch ich als Kunde dieser Banane eine Mitverantwortung daran. Wenn es mir nur darum geht, möglichst wenig für Kaffee auszugeben, habe auch ich einen Anteil daran, dass ein Dorf von Kaffeebauern keine Schule bauen und keinen Lehrer bezahlen kann und somit ihre Kinder als Analphabeten aufwachsen. Wie war das? Gesundheit und Bildung sind Menschenrechte?

Bei aller berechtigten Sorge um das eigene Auskommen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten dürfen wir auch die nicht vergessen, die uns Gott als unsere Mitmenschen, als Schwestern und Brüder, an die Seite gestellt hat, sei es hier, in unserer Gemeinde, sei es in der dritten Welt. Viele Beispiele aus unserem täglichen Leben lassen sich noch anfügen, wo uns Sorgen, Egozentrik und eine ›Ich will es erst gar nicht wissen‹-Haltung den Ackerboden verderben. Vielleicht wäre das eine Hausaufgabe für jeden von uns, einmal bewusst auf dem eigenen Herzensgrund nach solchen Dornen zu suchen und sie auszureißen!

IV. Zusammenfassung

›Wenn et Bete sich lohne täät‹ sang Wolfgang Niedecken. Ja, natürlich lohnt sich das Beten. Aber Beten ist nicht allein dies, dass ich alle Bitten, Wünsche, Sehnsüchte, Ängste und auch Hoffnungen vor Gott bringe. Beten ist auch stille werden, offen sein für Gott, für das, was er mir zu sagen hat – ganz ohne Worte, still und einfühlsam. Und eines, was er ganz sicher von uns will und uns immer wieder einfühlsam zu verstehen gibt, ist sein Wunsch, der da lautet: »Pflege den Acker Deines Herzens. Achte auf ihn und lasse den Samen meiner Liebe in Dir wachsen. Bringe viel Frucht, trage diese Liebe in die Welt hinaus durch verantwortungsvolles, gerechtes und fürsorgliches Handeln. Ich helfe Dir dabei. Ich gebe Dir meinen Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit als Dünger.«

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