Nichts ist vergebens

Welchen Sinn macht es eigentlich, dass wir mit einem großen Aufwand Gottesdienste vorbereiten und gestalten, dass wir von unserem Glauben erzählen und ihn leben?

Ich jedenfalls kenne in unserer Gemeinde viele Menschen, die ihren Glauben leben, gerne von ihm weiter erzählen. Da gibt es Menschen, die nehmen Strapazen auf sich, weil ihnen das so wichtig ist. Aber manchmal sind gerade diese Menschen auch am Boden. Sie leisten so viel – und sehen so wenig Erfolg. Eher sehen sie Misserfolg, Erfolglosigkeit – und suchen dann manchmal auch die Schuld bei sich. Solchen Menschen erzählt Jesus ein Gleichnis.

[TEXT]

Ein Kontrastgleichnis erzählt Jesus, ein Gleichnis, das aus dem Kontrast heraus erklärt: Da geht ein Mensch seiner Arbeit nach. Er tut das, was er gelernt hat, was viele Generationen vorher auch schon getan hat – und kann nicht verhindern, dass ein großer Teil seines Aufwandes für die Katz ist. Und trotzdem sät er, weil er hofft, dass dieser großen Saat eine derart große Ernte folgt, dass es unterm Strich ein Segen bleibt.

‘Unsere Großeltern wussten es noch: Saatzeit ist Tränenzeit.’ Im Speicher lagert Korn und die Familie hat nicht mehr viel zu Essen. Trotzdem wird das Saatgut nicht angetastet, bis es soweit ist: Der Hunger bleibt, aber das Korn muss in die Erde geworfen werden allein in der Hoffnung. So geht der Sämann über seinen Ackert. Er trägt das Leben seiner Familie, er streut bedächtig und mit Schwung. Jedes Zuwenig wird sich rächen. Stellen sie sich vor, da würde dauernd jemand rufen. Dorthin, dorthin nicht, dort kommen Vögel, dort sind Felsen unter der Krume, dort entsteht bald wieder ein Trampelpfad, dort könnten im Frühsommer Dornen wachsen, die alles ersticken. Der Sämann würde bald entnervt aufgeben. Aber weil keiner ruft geht er weiter und streut seinen Samen. Er weiß, was er tut, er kennt die Verluste, die er macht und würde es Sinn machen, Samen nur zielgerichtet zu werfen, er würde es tun, aber es macht keinen Sinn. Die Menschen, die Jesus zugehört haben, kanten das.

Und dann überrascht er sie doch, indem er sagt: So ist es mit dem Werfen des Wortes Gottes auch!

Die Saat wird aufgehen, das ist allein das Ziel seiner Geschichte. Wo Menschen säen, haben sie die Verheißung, dass ihr Tun Frucht bringt, hundertfach, auch wenn wir schier verzweifeln möchten, weil Vieles so fruchtlos ist.

Ich habe keine Ahnung, warum, so viele Menschen verloren gehen, kaputtgehen, zerstört werden, sich selbst zerstören. Ich stehe manchmal fassungslos vor Berichten von Menschen, die sich gegenseitig kaputt machen oder die kaputt gemacht werden von unmenschlichen Verhältnissen.

Das Gleichnis kann auch nur einen Hinweis geben: Alle sind guter Same. Und wenn ich Menschen treffe, die sich selbst oder andere kaputt machen, dann kann ich mir sagen: In ihnen ist derselbe Same wie in mir! Er konnte sich nur nicht entfalten. – Und dennoch: es bleibt ein grausames Spiel mit allen Erwählungstheorien, ein grausames Spiel, mit dem wir uns nie abfinden dürfen.

Der Same ist das Wort heißt es in der Erklärung, die die Gemeinde später diesem Gleichnis beigegeben hat. Das bedeutet für mich in meinem Leben: Finde dich nicht damit ab, dass Menschen verloren gehen, setze immer das Wort dagegen, dass keiner verloren gehen darf. Dieses Wort, es kann dich aufrichten, es kann auch andere Menschen aufrichten.

Ziel dieser Geschichte ist ja nicht dabei stehen zu bleiben, dass etliches kaputt geht. Ziel ist, dass wir lernen von den Sämännern und –frauen, dass wir unseren Weg gehen, Samen ausstreuen und den Rest in Gottes Hand legen.

Das Gleichnis widerspricht nicht der Ökonomie, sondern ist auch ökonomisch sinnvoll. Jeder Kaufmann gibt viel, Geld für Werbung aus und würde zu gerne dort sparen, wenn er nur wüsste, welche Werbung effektlos verpufft und welche Erfolg bringt.

Das ist manchmal schwer, ich möchte doch gerne alles selber regeln, managen, alles im Griff behalten. Aber vielleicht muss ich genau das noch lernen: Das Meine tun und zulassen, dass die Dinge ihren Lauf gehen.

Manchmal darf ich auch darauf hoffen, dass nicht alles aufgeht, was ich gesät habe. Aber was im Vertrauen auf die Liebe Gottes gesät ist, hat eine Verheißung auch wenn nicht alles aufgeht. Zum Sämann gehört auch, dass er dem guten Samen Zeit lässt, aufzugehen. Die Hoffnung ist Teil des Säens. Zur Hoffnung gehört das Tun und das Warten.

Das ursprüngliche Jesusgleichnis zielt in kurzen prägnanten Sätzen aufs Ziel: dreimal Ungeschick; dann der Großteil, der auf fruchtbaren Boden fällt und Frucht bringt. Der Sämann in diesem Gleichnis ist unwichtig, auf den Boden kommt es an, bzw. Auf das menschliche Hören. Wo immer gesät wird, muss Frucht kommen. Wo immer das Wort vom Reich gepredigt wird, da verfehlt es seine Wirkung nicht.

Risikofreies Säen gibt es nicht und risikofreies Reden von Gottes Reich gibt es auch nicht. Da geht etliches verloren oder wird nicht verstanden oder falsch einsortiert. Damit muss ich leben.

Das Gefühl von Mutlosigkeit, Resignation kann die Predigt verhindern. Jesus bestätigt die Menschen erst einmal in diesem Gefühl: dreifachen Misserfolg erzählt er um dann zur Pointe von hundertfachen Erfolg zu erzählen.

Nicht immer ist Erntezeit. Es gibt auch die Zeit der Saat, des Wachstums – und es gibt die Zeit der Ruhe. So wie ich vom winterlichen Strauch auch nicht sage, er ist tot, soll ich auch die Menschen sehen. Auch wenn von ihnen scheinbar keine Wirkung ausgeht, sind sie doch nicht ohne Glauben und vielleicht muss ich sie nu ihren Glauben leben lassen – und manchmal kommen die wunderbarsten Ergebnisse zum Vorschein.

Aber ich darf auch darauf vertrauen, dass dort wo Menschen Liebe leben, Evangelium verkünden ein Same gesät wird, der aufgehen will. Nichts ist vergebens, auch wenn ich den Eindruck habe.

Manchmal muss ich anderen vielleicht auch die Chance geben bei mir gute Wort zu säen, dass die Gemeinschaft des Heiligen Geistes auch bei mir aufgeht.

drucken