Wenn Letzte zu Ersten werden

Liebe Gemeinde!

In dieser Geschichte steckt Ärger. Und das ist gut so. Denn das, was normal ist, wird hier auf den Kopf gestellt. Das, was sonst unten ist, wird hier nach oben gekehrt und umgedreht. Das gibt natürlich Konflikte. Davon erzählt unser Gleichnis. Es will uns einen Weg zeigen, mit dem Streit über „die da oben und die da unten“ eine neue Ordnung auf die Füsse zu stellen.

Erste können schnell Letzte werden. Das zeigt das Leben immer wieder.

„Hochmut kommt vor dem Fall“ sagt ein Sprichwort. Manchmal mit Bedauern. Manchmal mit Schadenfreude.

„Die da oben dürfen sich doch alles erlauben“ sagen andere. Und freuen sich klammheimlich, wenn es doch anders kommt.

Die Ausnahme bestätigt die Regel. Und es kommt gut, wenn es dann auch mal anders läuft. Dann freuen wir uns – oder ist es Schadenfreude?

Vor ein paar Tagen stand in der Zeitung, dass der Verkehrsminister von NRW erwischt wurde. Er wurde mit 109 km/h in einer Ortschaft geblitzt, wo er nur Tempo 50 fahren durfte. Zwei Monate kein Führerschein und eine teure Geldstrafe waren dran.

Der Minister selber sagt, dass er das gut fand, dass jeder gleich behandelt werde, er auch. Dass er die Strafe gerecht fand.

Ich frage mich – das wäre ja noch schöner, wenn ein Verkehrsminister mit einem solchen Vergehen durchkommen würde. Wenn es möglich wäre, so eine Schuld unter den Teppich zu kehren. Das müsste doch eine Selbstverständlichkeit sein, dass ein Vergehen geahndet wird, und die da oben nicht besser wegkommen, als der einfache Mann oder die einfache Frau. Ja noch vielmehr – hat ein Verkehrsminister doch eine besondere Verantwortung, eine moralische Aufgabe, ein Verhalten vorzuleben, auch uns gerade im Straßenverkehr. Die Letzten werden die Ersten sein. Und so freuen wir uns – Neiddebatte (!!)– wenn einer da oben mal einen auf die Mütze bekommt.

Wir legen Rangfolgen auf. Beliebtheitsskalen für Politiker, als ob wir sie für „Deutschland sucht den Superstar“ wählen würden. Wir erstellen Listenplätze – für Fußballvereine und Spitzensportler, aber auch Börsennotierungen. Wir schauen darauf, wer aufsteigt, und wer absteigt – und in der Wirtschaft scheint der Abstieg zur Zeit Trend zu sein.

Es ist ganz gut, dass nicht immer die Ersten die Ersten bleiben. Es ist aber auch gut dass die Letzten nicht immer auf dem letzten Platz bleiben.

Dabei erzählt Jesus in dem Gleichnis eine Geschichte, in der die Rangfolge durcheinander gerät, quer zu unseren Beobachtungen, schräg zu unseren Erwartungen. Jesus beginnt mit einem seltsamen Ausgleich.

Die Geschichte beginnt mitten in dieser Welt bei einem Thema, das viele Menschen beschäftigt. Dem Thema Arbeit. Wie wird sie verteilt? Was ist Arbeit wert? Wie sicher ist meine Arbeitsstelle?

Auch hier kennen wir Trends. Die Zahl der Menschen, die Sorge um ihren Arbeitsplatz haben, ist in den letzten Monaten deutlich gestiegen. Die Konkurrenz steigt. Wer kriegt einen Job? Wer behält ihn?

So beginnt das Gleichnis auf dem Arbeitsmarkt, auf dem sich heute oftmals entscheidet, ob Menschen zu den Ersten oder zu den Letzten gerechnet werden.

Im Gleichnis hören wir von Arbeitslosen, die von der Hand in den Mund leben.

Von Last und Hitze hören wir, und so vom Druck, unter dem die Arbeit geschieht. Heute würden wir vielleicht etwas anderes dazu sagen: unpersönliche Kälte, Leistung, Effizienz. Die ganze Geschichte läuft auf den Abend zu: die Lohnauszahlung, die der ungewöhnliche Arbeitgeber, der Weinbergbesitzer in Szene setzt.

Jetzt geht es plötzlich los mit dem Konflikt. Da stehen alle mit dem einen Silbergroschen in der Hand. Die Ersten und die Letzten, sie sind am Lohn nicht zu unterscheiden.

Das ist mehr als „gleicher Lohn für alle“. Das ist eine große Gleichmache. Jeder und jede bekommt das, was er zum Leben braucht. Das läuft quer zu den Erwartungen.

Mancher meinte schon, mit diesem Gleichnis würde Jesus für den Sozialismus eintreten – dass jeder den gleichen Lohn, egal für welche Arbeit bekommt. Da ist was dran. Aber auch nicht. Es liebt nicht am Recht der Arbeiter, dass sie ihren Silbergroschen bekommen. Es liegt an der Entscheidung des Weinbergbesitzers, der die Verfügungsgewalt hat, mit seinem Besitz und Lohn zu verfahren wie er will. Das ist kein Sozialismus, sondern im Gegenteil die Macht des Kapitals, den Lohn zuzumessen und auszuteilen.

Das Gleichnis wird oft bezeichnet unter dem Titel „Die Arbeiter im Weinberg“. Ich kann den Namen verstehen. Aber genauer betrachtet ist die wichtigste Person in dieser Geschichte der Weinbergbesitzer, und nicht seine Tagelöhner, die er nach Belieben und aus deren Not anstellt.

Wir sollten das Gleichnis besser umbenennen: „Das Gleichnis von dem werkwürdigen Besitzer eines Weinbergs“.

Schauen wir noch näher auf den Besitzer. Ihm gehört der Weinberg – also nichts von Sozialismus, wo allen alles gehört. Er stellt Leute an – wie er es braucht. Er hat die Verfügungsmacht. Bei den ersten Arbeitern sagt er einen Tageslohn zu – einen Silbergroschen. Das war der übliche Lohn für einen Tag. Bei den anderen Arbeitern sagt er nur: Ich will euch geben, was recht ist. Er macht also keine feste Zusage, und die Leute müssen das akzeptieren. Sie sind froh, überhaupt etwas zu haben.

Damit ist der Clou schon angelegt, dass am Ende der Lohn ausgezahlt wird, und jeder das gleiche bekommt. Jetzt ist der Ärger groß. Geschickter wäre es gewesen, wenn der Lohn umgedreht ausgezahlt worden wäre. Die Ersten hätten als erste ihr Geld bekommen, wären glücklich nach Hause gegangen, und die anderen hätten sich gefreut über den Bonus.

So ist der Ärger vorprogrammiert. Ich glaube, der Weinbergbesitzer wollte den Ärger. In dieser Geschichte steckt Ärger, und der muss raus, muss geäußert und geklärt werden.

Ich stelle mir vor, wie das wäre in einer Schule. Am Ende des Halbjahrs holt der Lehrer sein Büchlein raus und gibt die Noten bekannt.

Ein Schüler, nennen wir ihn mal Fritz, der immer mitgemacht hat, klasse Arbeiten geschrieben hat, sich immer am Gespräch beteiligt hat. Fritz bekommt zum Schluss eine 1. Er freut sich, weil er nun von der Realschule auf das Gymnasium wechseln kann.

Eine Schülerin, nennen wir sie mal Franziska, hat sich bemüht, recht gute Arbeiten geschrieben, meistens die Hausaufgaben, oft mitgemacht, falls sie nicht gerade mit ihren Freundinnen Blödsinn gemacht hat. Auch sie bekommt eine 1. Das freut sie und überrascht sie, denn sie war sich nicht sicher, ob sie den Umstieg auf die anderen Schule schaffen würde. Franziska ist überrascht und freut sich sehr.

Ein Schüler, nennen wir ihn mal den Tom, hat so la – la mitgemacht. Eigentlich interessiert ihn mehr der Fussball. Und die Mädchen. Jedenfalls war das mit dem Lernen nicht so einfach. Die Arbeit hat er verhauen. Die Hausaufgaben oft nur schnell mal bei anderen abgeschrieben, wenn überhaupt. Und im Unterricht – gut, es war auch etwas Pech, dass er mit dem Handy bei der Arbeit erwischt wurde. Auch der bekommt eine 1.
Das ist gut für Toms Bewerbung auf die Lehrstelle, die in einem halben Jahr beginnt.

Und zum Schluss eine Schülerin. Nennen wir sie mal Evelyn. Naja. Also ab und zu war sie ja mal da. Sonst hat sie mehr mit den Freundinnen am Kaiserplatz abgehangen. Seit der Vater aus dem Haus ist, geht es schon besser, aber die Mutter ist meist auch nicht da. So steht sie allein da, hat zu nichts mehr Lust. Letztens hatte sie da so einen Typen kennen gelernt. Sie sind einfach abgehauen, nach Holland. War dann doch nicht so toll. Sie war froh, als sie da wieder raus war. Jetzt sitzt sie wieder in der Klasse und fragt sich was sie machen soll. Evelin erwartet nichts – und bekommt eine 1.

Wir können uns vorstellen, was nun los ist. Die einen freuen sich, sind überrascht, die anderen sind empört, wofür haben sie sich angestrengt. Totale Willkür würde die einen sagen. Und wenn der Lehrer am nächsten Tag Hausaufgaben aufgibt, wird ihm der Musterschüler Fritz antworten: „Wozu soll ich das machen – ich bekomme doch sowieso eine 1, auch für das Nichtstun.“ Die Eltern würden dem Rektor auf das Dach steigen und sich beschweren. Vielleicht bekommt eine schwache Schülerin, wie die Evelyn, doch die Kurve und sieht eine Möglichkeit, eine Chance, ihr Leben anders zu gestalten.

Auf jeden Fall gibt es Ärger. Das ist auch notwendig und gut so. Der Lehrer ruft den Ärger hervor, so wie der Weinbergbesitzer. Er will die Beschwerden hören und mit denen ins Gespräch kommen, die sich schlecht behandelt sehen

Das macht mir Mut, wenn ich mich auf der verärgerten Seite des Lebens sehe. Das macht mir Hoffnung, nicht bei meinem Ärger stehen zu bleiben, sondern ihm auf den Grund zu gehen.

Es gibt Ärger, den wir pflegen und kultivieren, wie einen Kaktus auf der Fensterbank, aber ohne dem Streit auf den Grund zu gehen. Wie oft findet sich hinter vielen Wortgefechten das miese Gefühl, nicht geliebt zu werden. Wie häufig steckt hinter all dem Zurückrechnen, Aufrechnen die tiefe Angst, nicht gesehen zu werden und nicht geschätzt zu werden.

Mag sein, dass wir den Ärger nicht los werden, wenn wir ihm auf den Grund gehen. Aber wir können den Konflikt offen legen, und erwachsen damit umgehen. So bekommen wir die Chance, zum Wesentlichen zu kommen. Es gibt die Gelegenheit, den Streit an der richtigen Stelle auszutragen, und die Kraft nicht an falscher Stelle zu erschöpfen.

Der Weinbergbesitzer wie der Lehrer, sie stellen die üblichen Ranglisten auf den Kopf. Sie handeln paradox – quer zu dem üblichen Ranking. Damit rufen sie den Streit und die Auseinandersetzung hervor. Sie stellen die Verhältnisse in Frage.

Und das ist gut so. Stellen sie sich mal vor, wie das ist für diejenigen, die immer zum Schluss kommen. Wie ist das Gefühl für die, die leiden unter den Ranglisten, die immer zu spät kommen?

Oder wie ist das für die auf den Top-Positionen, die ständig die Angst haben, zu stürzen. Wir können nicht ständig nur leisten und glänzen. Wir brauchen auch den Schein der Barmherzigkeit auf unser Leben.

In den Umbarmherzigkeiten unseres Lebens sind wir manchmal ganz unten. Durch Krankheit, Tod und Schuld gefangen. Da gibt es Stunden, da sind meine Hände leer. Ich fühle mich abgehängt, wenn ich echt nichts vorzuweisen habe.

Wenn dann einer kommt und fragt nicht: „Was hast du geleistet?“ sondern fragt mich ehrlich: „Was brauchst du jetzt, um zu leben, wirklich …?“ Dann ist das schon ein Stück von dem, was ich brauche. Dann blitzt für mich das Himmelreich auf. Auch für Evelyn, die ihren Weg noch nicht sieht. Oder für Tom, der sich anstrengen muss, um zu seiner Lehrstelle zu kommen. Oder für Fritz, der scheinbar souverän alles besteht, aber über vieles hinweg geht. Oder für die vielen Menschen, die sich bemühen, die das Gefühl haben, abgehängt zu werden, die immer wieder meine, sich hinten anstellen zu müssen.

„Mein Auge, das oft scheel drein sieht“, kann dann gut sehen – einen Augenblick über die Rangfolge hinweg – auf den Grund auf dem wir leben; und der gilt in Ewigkeit; Gottes Güte. Das ist Hoffnung. Gott stärke sie in uns allen. Das ist gut so.

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