Heilige Egoisten

[Anmerkung: Die Predigt entstand unter Verwendung einer Bibelarbeit von E.Jüngel aus: Jüngel, Predigten 5, 2004, S.166 ff.]

Was wäre wenn … Was wäre gewesen, wenn der Besitzer dieses Weinbergs aus dem Gleichnis, das wir heute gehört haben, nicht dafür gesorgt hätte, dass die letzten Tagelöhner, die nur eine Stunde gearbeitet hatten, als Erste den Lohn bekommen?

Was wäre gewesen? Nichts!

Diejenigen, die volle 12 Stunden im Schweiße ihres Angesichts gearbeitet hatten, wären wie gewohnt als erste entlohnt worden, hätten wie den vereinbarten Lohn bekommen – 1 Denar, das war der Mindestlohn für einen Tag Arbeit, davon konnte man so gerade eine Familie ernähren – sie hätten es zufrieden eingesteckt und wären nach Hause gegangen.

Die nächsten wären gekommen, hätten sich vielleicht gewundert über den guten Lohn für etwas weniger Stunden Arbeit – und wären freudig gestimmt nach Hause gegangen. Die Letzten, die mal gerade noch für eine Stunde Arbeit angeheuert waren, hätten mit großer Überraschung ihr Geld genommen – den Denar, den sie brauchten, denn soviel brauchte ein Mensch damals um sich und seine Familie über einen Tag zu bringen mindestens – und die Letzten wären dankbar staunend mit ihrem Lohn gegangen. Vielleicht hätten Sie es lieber keinem erzählt – man kennt ja den egoistischen Neid der anderen ….

Aber so ist es in dieser Geschichte nicht. Matthäus sagt ja schon: „die Letzten werden die Ersten sein“ – das ist sein Aufhänger für diese Geschichte. Die „funktioniert“ nämlich sonst gar nicht.

Aber darauf kommt es eben an: Dass die normale Welt, dass das, was wir schon kennen, auf den Kopf gestellt wird. Die Perspektive ändert sich total – ach ja und da steht es ja auch geschrieben: das ist gar nicht hier auf Erden – das ist ja eine Beschreibung des Himmelreiches!

Von dort sollen wir diese Geschichte sehen und aus dem Perspektivenwechsel unsere Welt und uns selbst neu erkennen! Das ist der Sinn dieser Geschichten, die Jesus erzählt hat. Wir sollen diese Geschichten nicht eins zu eins in unsere Lebenswelt übertragen. Das geht auch gar nicht – ein solcher Arbeitgeber wäre ja schnell bankrott! Aber ein bestimmtes Prinzip des gedeihlichen Lebens wird uns hier in weltlichen Bildern vor Augen geführt.

In dieser Geschichte geht es um das Thema der Gerechtigkeit. Ein „heißes“ Thema, in der Gesellschaft, im Privatleben, denn – was ist denn bitte schön „gerecht“?

Wenn alle das Gleiche bekommen? Ist das „gerecht“?

Bestimmte Leute in dem Gleichnis „murren“ – und ist das nicht auch zu verstehen? Die haben den ganzen Tag geschuftet – harte Arbeit im Weinberg von morgens um sechs bis abends um sechs. 12 Stunden. Sie bekommen zwar, was recht ist, den verabredeten Lohn. Aber die anderen, die die eigentlich Pech hatten und kein Engagement bekamen am morgen nicht, am Vormittag nicht und nicht am nachmittag – aber noch gerade noch kurz vor Feierabend, – die bekommen das Gleiche.

„Ungerecht“ murren die Ganztagesarbeiter als sie mitbekommen, dass die Teilzeitkräfte und die Kurzarbeiter genauso viel in ihrer Lohntüte haben. Und das stimmt: aus dem Blickwinkel der irdischen Lohngerechtigkeit ist das ungerecht.

Es ist amüsant, dass der Vorwurf der „Gleichmacherei“ hier mal an den Arbeitgeber gerichtet ist. Das kennen wir ja in unserer Welt anders: da geht der Vorwurf von rechts nach links. Arbeitgeber werfen den Gewerkschaften vor, mit „Gleichmacherei“ die Gesetze des Marktes und der gerechten Lohnverteilung auf den Kopf stellen. Im Gleichnis dreht sich das um: Jetzt wird der Arbeitgeber der Gleichmacherei bezichtigt und sein großzügiges Handeln wird geradezu als ein Unrecht empfunden.

Die Antwort auf diese Vorwürfe liegt ja auf der Hand: Zwar mag die Gabe an die Kurzarbeiter als ungerecht empfunden sein gegenüber denen, die den ganzen Tag arbeiteten und sich mühten – ein Unrecht ist es aber nicht – denn der Besitzer des Weinberges ist frei, gütig zu sein. Das sagt er auch.

Offen bleibt aber – und das ist das wirklich bewegende in dieser Geschichte – wie denn dieser Konflikt zu lösen ist, der die Schwerarbeiter mit einem „bösen Blick“ zurück lässt: Sie murren und blicken „böse“ auf diejenigen, denen einfach Güte widerfährt. Morgens noch war alles in Ordnung: der Vertrag stand, sie waren es zufrieden. Aber was am Morgen noch stimmte, macht sie am Abend wütend, ihr Blick ist finster. Sie sind auch gedemütigt und das entlädt sich in ihrer Entrüstung: waren sie denn so dumm sich abzurackern, und anderen widerfährt einfach so Gutes? Ich fühle mich erinnert an so manche erboste Äußerung über Empfänger von Sozialhilfe. Ich will das hier nicht zitieren, weil schon das Herzen verhetzt. Aber wir kennen das alle.

Und nun ist es also so im Himmelreich! Da gibt es mehr als Menschen verdienen. Da gibt es das, was zum Leben gebraucht wird, um menschenwürdig leben zu können. Das ist nicht „gerecht“ im Sinne von Lohngerechtigkeit. Das ist nicht verteilt nach dem Grundsatz „jedem das Seine“ nach der gemessenen Leistung, gemessen am Maßstab des gesellschaftlichen Nutzens, sondern da wird verteilt nach der Regel: „jedem das, was er braucht“. Das ist nicht gerecht im Sinne weltlicher Gerechtigkeit. Aber dieser Herr ist mit seiner Güte im Recht.

Bleiben wir noch einen Augenblick bei dem Verhältnis von Gerechtigkeit und Güte, das hier so spannungsreich und ja realistisch beschrieben wird:

Natürlich hätte ein Weinbergbesitzer auch die Anweisung geben können, den Lohn nach der Leistung zu berechnen, so wie wir das in dieser Welt eben tun: Die Kurzarbeiter hätten dann 1/12 Denar verdient. Das ist durchaus gerecht – aber nicht genug zum Leben. Wir erinnern uns: Ein Denar war der Mindestlohn für einen Tag Leben für eine Familie. 1/12 Lohn – das wäre sozial verantwortungslos.

Das heisst also: wo eine gesetzliche Gerechtigkeit rücksichtslos durchgezogen wird, da entsteht soziale Verwahrlosung, da geraten erst einzelne Menschen und am Ende eine ganze Gesellschaft ins Elend. Kürzer gesagt: Gerechtigkeit ohne die Möglichkeit der Güte wird zur Tyrannei, führt ins Unrecht, weil es die Menschlichkeit und die Menschenwürde Einzelner und ganzer Gruppen verletzt.

Im Kleinen wissen wir das alle: Gesetzlichkeit hat ihre Grenzen, auch wenn sie „gerecht“ ist.

Machen wir einen kleinen Ausflug in die Literatur: Erich Kästners hat die Gefahr unmenschlicher Tyrannei eines starren Rechtssystems ohne Gnade in seinem Roman „Das fliegende Klassenzimmer“ beschrieben: da erzählt der Hauslehrer: es gab dort in der strengen Schule den Jungen, der sich aus dem Internat ohne Erlaubnis wegschleicht, um die sterbenskranke Mutter zu besuchen. Der Junge wird denunziert und bekommt durch einen harten Lehrer die gerechte Strafe für unerlaubtes Sich-Entfernen vom Schulgelände – die lächelnde Gnade kommt in diese Szene, weil der Freund des kleinen „Täters“ den Hausarrest absitzt, damit die Krankenbesuche bei der Mutter weiter geschehen können. Der Hauslehrer erzählt das, um die Bedeutung und das Verhältnis von Güte und Recht zu verdeutlichen. Es muss Ausnahmen geben, wenn das Leben menschlich bleiben soll. Erich Kästner beschreibt hier so ganz nebenbei in einem Kinderbuch das Entstehen von Tyrannei und auch die Möglichkeiten von subversivem Widerstand gegen das starre Rechtssystem. Solidarität ist der Schlüssel dazu. Das ist natürlich eine Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich gewesen.

In der Geschichte, die uns Jesus erzählt hätte es auch so gehen können: Stellen Sie sich vor, der Weinbergbesitzer hätte nicht Güte vor Recht gehen lassen und hätte tatsächlich 1/12 Lohn nur gezahlt für die Letzten:

Was hätte dann geschehen müssen, um des Lebens willen, um des Himmels willen? Ich glaube, diese Geschichte hätte dann Arbeiter gebraucht, die von ihrem Denar, den sie erhalten haben abgeben können. Solidarität. Gerechtigkeit mit Güte gepaart – damit alle überleben. Soziales Handeln muss einsetzen, wo Soziale Verantwortung der Herrschenden nicht wahrgenommen wird, wo das Recht allein nicht ausreicht, um würdiges Leben zu ermöglichen. Das ist nötig. Das ist anständig. Das tut not. Solidarität.

Überleben ist aber noch kein gutes Leben – das ist Notzeit, Notprogramm. Für eine Weile tauglich und gut und richtig, auf Dauer zu wenig. Unsere alternativen Wirtschaftsideen sehe ich in diesem Zusammenhang: Oikokredit, und die Fair-Handelskooperativen. Wir haben oft davon gesprochen in der Gemeinde, haben inzwischen auch Anteile bei Oikokredit, haben uns selbstverpflichtet, faire Produkte zu verwenden: Kaffee, Tee. Wenn Sie darüber mehr wissen möchten, dann informieren wir Sie! Und machen Sie ruhig selbst mit, wenn es Ihnen möglich ist. Das alles sind wichtige Solidaritäts-Programme, die Gerechtigkeit und Güte miteinander verbinden – aber eigentlich – das wird muss deutlich werden – sind das „Notprogramme“ – solange bis wir Menschen es hinbekommen, wirklich in allen unseren Lebens- und Wirtschaftvollzügen Gerechtigkeit mit Güte zu verbinden. Dann wären die Unternehmen, die „neben“ der freien Marktwirtschaft arbeiten, überflüssig. Klar – das ist das Himmelreich. Verkehrte Welt – aber nicht unmöglich!

Zuletzt – wieder ein Blick auf die Geschichte von den Arbeitern im Weinberg und auf mich und Dich als Hörerin und Hörer dieser Geschichte:

Wenn Jesus erzählt hat, dann wollte er uns verstricken, wollte uns einbinden und mitnehmen in seine Vision vom Leben – also: Wo sind wir jetzt als Person in dieser Geschichte: Entdecke ich mich als eine Person, die mit bösem Blick auf des Herrn Güte und die Empfänger schielt, oder entdecke ich mich als eine Person, die mit Freude auf denjenigen blickt, dem Gott gut will und Gutes tut – mehr noch als mir selbst.

Eberhard Jüngel, ein protestantischer Theologe, sagt auf dem Kirchentag in Leipzig von sich selbst: „Im ersten Fall bin ich ein jämmerlicher Egoist, dem nicht mehr zu helfen ist. Und es besteht für diesen jämmerlichen Egoisten reichlich Grund, über sich selber zu weinen. Vielleicht vermögen es ja die eigenen Tränen, den bösen Blick wegzuschwemmen. Im zweiten Fall aber will es die zwar verzwickte, aber durchschlagende Logik der Freude, dass sogar auch ich noch von der Güte profitiere, die Gott einem anderen als mir zuwendet: nämlich dann, wenn ich mich an dem derart Bevorzugten freue, „als wär`s ein Stück von mir.“

Das, liebe Gemeinde, ist zwar immer noch ein wenig egoistisch gedacht. Aber wenn wir uns am Vorteil eines anderen so freuen, „als wär´s ein Stück von uns“ , dann ist aus dem Egoismus des bösen Blickes sozusagen ein „heiliger Egoist“ geworden!

So kann Jesus von einer so ganz und gar weltlichen Geschichte wie der von den Arbeitern im Weinberg aus uns alten Egoisten auf höchst weltliche Weise so etwas wie „heilige Egoisten“ machen! (E.Jüngel)

Es ist dann ein Gleichnis, das Wunder wirkt. Und das wollen diese Geschichten, die Jesus erzählt, tun: Wunder wirken in einer Welt, die tatsächlich wunderbar ist, dann wenn sie das Wunder des Lebens hoch achtet und Gedeihlichkeit fördert. Mit der Geschichte von den Arbeitern im Weinberg lernen wir wie das geht: Gerechtigkeit geht nur gut mit Güte. Gerecht soll es sein unter uns in der Welt und mit Güte. Abschiednehmen heisst es, von gesetzlicher Rechthaberei und sich freuen über gütige Großzügigkeit auch dann, wenn sie mir gerade nicht gilt. Was ich davon habe? – – Die Freude! Lebensfreude – den hellen Blick. Das ist ein wahrhaft gütliches Leben und der Schlüssel zum Himmelreich.

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