Ein Lichtstrahl aus der Ewigkeit

Das glaube ich gerne: Bergzeiten sind Hochzeiten. Nach langem, beschwerlichem, schweißtreibendem Anstieg, berauscht von der Erfahrung, an seine eigenen Grenzen gekommen, aber ohne dabei gescheitert zu sein, liegt einem die ganze Welt zu Füßen. Ich muss kein Alpinist sein, um dies nachfühlen zu können. Ja selbst, wenn ich moderner Mensch den viel bequemeren Weg des Liftes wähle, so kann ich mich der Faszination der Bergwelt doch nicht entziehen.

Den Weg, den ich genommen habe, kann ich im Ganzen überschauen. Ich sehe die verschlungenen Pfade, den Ausgangspunkt meiner Wanderung, die Hindernisse, die Wegstücke, die durch den dunklen Wald führten, ehe sie wieder ans Licht kamen. Mit einem Blick bekommen ich den Überblick. Was für ein Bild für das Leben, wenn wir auf der Höhe der Zeit angekommen einmal zurückschauen und den Lebensweg betrachten.

Ich sehe aber auch den Ausblick, den Weg vor mir, ein Stück auf der gleichen Höhe und dann geht es langsam abwärts. Und man täusche sich nicht: der Abstieg ist keinesfalls leichter als der Aufstieg. Auch das ein Bild für das Leben, in dem wir unterwegs sind: auf der Höhe der Zeit, in der Mitte des Lebens, auf dem absteigenden Ast? Sicher: Matthäus berichtet uns nicht von einer Bergwanderung und malt kein Alpenpanorama. Aber er versetzt uns in eine Welt der inneren Bilder.

Jesus ist auf seiner Höhe der Zeit angekommen. Petrus konnte es nach aller gemeinsamer Wegstrecke nicht mehr verschweigen: du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn. Er hatte genug gesehen und genug gehört. Ihm sind Menschen begegnet, die an Leib und Seele heil wurden, wie neu geboren. Er hatte Worte gehört, die ihn tief berührt haben, in denen eine andere, starke Wirklichkeit aufleuchteten, aus denen Hoffnung auf Gottes neue Welt sprachen. In ihm war Glauben, tiefe Gewissheit, innere Einsicht gewachsen – wie ein Geschenk, das er zutiefst beglückt in seinen Händen hielt. Du bist Christus. In diesem Du schwingt all die Vertrautheit und die Nähe mit, die einen Glauben ausmacht, der sich ganz und gar und bedingungslos geborgen und gehalten weiß. Das ist mehr als gut Bekanntschaft oder Freundschaft, das ist ein Vertrauen, das sich im Zweifelsfalle auch einmal ganz fallen lässt in die Hände des anderen, weil ich ihm ganz und gar und gar vertrauen kann.

Gewissermaßen für uns alle spricht Petrus: du bist unser Christus, wer sich auf dich verlässt, der ist nie mehr verlassen. Das muss doch allen, die Augen und Ohren haben einleuchten – auf der Höhe, am Ende der Epiphaniaszeit, der Zeit des auf- und einleuchtenden Lichtes. Aber Jesus hat es selbst angekündigt: der Weg ist noch nicht zu Ende. Dem Aufstieg folgt der Abstieg. Der Weg führt nicht an Jerusalem vorbei. Das Kreuz wirft seine Schatten voraus. Ja, gerade da, wo das Licht am stärksten ist, sind die Schatten am schärfsten. Der Weihnachtszeit von der Geburt des Kindes in Bethlehem bis zum Berg der Verklärung folgt die Passions- und Osterzeit, in der menschliches Leid und Elend sich in der Vordergrund drängt, ehe dann die Hoffnung und Gewissheit siegt, dass Gott ein anderes, letztes Wort spricht: ein Wort des Lebens.

Sicher, wer möchte nicht in den schönsten, in den anrührendsten und dichtesten Augenblicken die Zeit anhalten, den Augenblick verewigen. Aber die Zeit verrinnt und je mehr ich sie festhalten möchte, desto schneller enteilt sie mir. Warum vergehen nur die glücklichen Momente so viel schneller als die dunklen und tragischen Augenblicke? Zerrinnt so auch der Glaube, schwindet das Vertrauen, wenn es vom Berg wieder hinab geht in die Tiefen der Wirklichkeit, in das reale Leben? Wenn wir nur auf das setzen, was wir mit eigenen Augen und Ohren wahrnehmen, was wir die Wirklichkeit nennen, dann sicherlich.

Was hatte Petrus gesehen: einen wundertätigen Wanderprediger. Er lebte ja auch in einer leichtgläubigen Zeit, die auch gut hätte singen können:. Wunder gibt es immer wieder,nur manchmal muss man warten, um sie zu verstehen. Messias, Christus nannten sich viele. Retter und Erlöser sind bis heute gefragte Persönlichkeiten. Wenn ich nur auf das setze, was ich mit eigenen Augen sehe, also meine Wirklichkeit, dann schwindet in der Tat der Glaube und am Ende gehöre ich womöglich auch zu denen, die mit Petrus, was er von sich nie geglaubt hätte, sagen: ich kenne ihn nicht. In dieser Wirklichkeit, inmitten all der menschlichen Unbelehrbarkeit kann man den Glauben verlieren.

Die Themen, die unser Leben bestimmen, sind ja seit Wochen die gleichen. Während die einen versuchen mit einem Packet nach dem anderen die Wirtschaft zu retten, sind andere schon wieder gelähmt von der Angst, den eigenen Arbeitsplatz zu verlieren. Während die einen, um das Weltklima ringen, kämpfen die anderen in den Hunger- und Elendszonen den alltäglichen kleinen Kampf ums Überleben. Während der Friede in Palästina und Israel immer wieder im Keim durch Gewalt und Krieg erstickt wird, Korruption und Machtmissbrauch in Simbabwe und anderen Ländern jede Hoffnung auf Entwicklung hemmt, verzweifeln andere an den Schicksalsschlägen ihres Lebens, weil Krankheit das Leben bedroht und der Tod all der Menschen, die wir lieben, uns in ungeahnte Abgründe stürzt.

Solche Bilder, solche Erfahrungen können alles verdecken, was auch an Schönheit und Glück, Zufriedenheit und Reichtum uns im Leben geschenkt wurde. Wenn ich nur auf das setze, was ich mit eigenen Augen sehe …

Auf dem Berg der Verklärung passiert aber etwas ganz anderes: Gott setzt Jesus in sein rechtes Licht. Die Jünger müssen eben nicht nur ihren eigenen Augen trauen, sondern dürfen dem Licht vertrauen, das im Angesicht Jesu aufleuchtet. Es ist ein Licht, das durch ihn hindurchscheint. Ein Licht, das wie aus einer anderen Wirklichkeit scheint. Mose und Elia – die beiden Gottesstreiter lassen Gottes Sache, Gottes Wirklichkeit aufleuchten und hineinleuchten in unsere uns umtreibende Wirklichkeit. Es ist beinahe wie das Licht des Ostermorgens, das durch Jesus hindurchstrahlt.

Ja,was Petrus und Jakobus und Johannes erleben, sehen und was sie ergreift ist ein Lichtstrahl aus der Wirklichkeit Gottes in unsere Welt. Und mit einem Mal erscheint diese Welt in einem anderen Licht. Denn es wird offen-sichtlich, dass es mehr als nur Elend, Krieg, Gewalt, Schuld, Krankheit und Tod gibt. Aus Gottes Ewigkeit leuchtet bereits ein anderes Licht in unsere Wirklichkeit: Ein heller Strahl des Lebens, der Vergebung und des Friedens, eine neue Welt ohne Angst und Hass, ohne Tränen und Einsamkeit. Und dieses Licht trifft heute schon, verwandelt schon heute, schafft Vertrauen.

Es hat eben nicht nur Petrus erkannt, sondern vielmehr Gott hat sich dazu bekannt: dies ist mein lieber Sohn,an dem ich Wohlgefallen habe und auf den wir hören sollen. Mit ihm bricht Gottes Welt schon an. Der Glaube, der in diesem Licht steht, dermaßen erleuchtet und genährt aus Gottes Ewigkeit, der kann in dieser Welt bestehen, der muss nicht klein beigeben bei all dem, was uns klein machen will, weil er eben schon Gottes neue Welt gesehen und geschmeckt hat. Er weiß im Sinne der Gewißheit um Gott und seine Treue, auch wenn der Weg den Berg schon wieder hinunterführt, vor den Toren Jerusalems nicht Halt machen und die Schreie kreuziget ihn nicht überhören kann. Aber wir haben den Glanz der Ewigkeit, das Licht unvergänglichen Lebens schon gesehen. Und das trägt auch durch die enteilende und zerrinnende Zeit.

Wenn ich nur auf Christus schaue, egal ob in den Höhen oder Tiefen meines Lebens, dann sehe ich dieses Licht, dann wird er mir zum vertrauten Du, dann kann ich mich ganz in seine Hand geben.

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