Sprich ein Wort!

Liebe Gemeinde,

Wundergeschichten sind spannende Geschichten. Auch heute noch. Die Einschaltquoten sind hoch, wenn Unerklärliches, Wunderbares, Mystisches im Fernsehen berichtet wird. Unsere Welt ist rational geworden, bestimmt vom Verstand. Was ich nicht erklären kann, gibt es nicht. Und darum sind wir so begierig, etwas von Wundern zu hören und zu sehen. Zugleich bemüht sich die Forschung, jedem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Aber was eigentlich ist ein Wunder? Wir sagen: es ist ein Wunder, dass nicht mehr passiert ist. Es ist ein Wunder, dass alle gerettet wurden.

Die Bibel ist voll von Wundergeschichten. Und gern wüssten wir, ob sie so passiert sind und wie so etwas geht. Da wird Wasser zu Wein, ein Gelähmter kann wieder laufen, eine Jungfrau bekommt ein Kind. Der Verstand sagt natürlich: das geht nicht. Wie kann man heute noch so etwas glauben. Andere sagen: bei Gott ist alles möglich. Das geht doch. Auch heute. In einem modernen Lied heißt es: versucht es doch, was damals galt, gilt heute noch.

Und beide – die Kritiker wie die Glaubenden liegen bei dieser Diskussion falsch. Zumindest, was die Wunder der Bibel betrifft. Die entziehen sich nämlich der Diskussion, ob es geht oder nicht. Die berühmte Geschichte vom Hauptmann von Kapernaum, macht das deutlich. Und sie enthält gleich mehrere Wunder, die wir gern übersehen.

Was passiert. Ein junger Mann, der Adjutant eines römischen Hauptmanns ist krank. Er kann nicht aufstehen und bekommt irgendwelche Anfälle. Keiner konnte ihm bisher helfen. An Gott wird er als Römer kaum glauben. Und da passiert das erste Wunder. Sein Chef, der Hauptmann macht sich auf den Weg für ihn. Er hat von Jesus gehört und denkt, vielleicht kann der irgendwas befehlen. Er denkt nicht an sich, sondern an einen anderen. Wo erleben wir das? In der Regel sieht jeder zu, dass er mit dem Rücken an die Wand kommt. Dieser Mann erniedrigt sich sogar. Er, der Befehle gibt, bittet. Und Jesus lässt sich erweichen. Zeig mir dein Haus, ich komme mit. Ich will ihn heilen. Klar, jeden Arzt lässt man zum Kranken kommen. Aber der Hauptmann lehnt ab. Er hält sich nicht für würdig, Jesus zu empfangen. Schade, könnte man fast sagen, ich hätte gern gewusst, was der Jesus dann gemacht hätte. Wie er es gemacht hätte. Aber der Hauptmann traut es Jesus zu, dass er ganz anders heilen kann. Sprich ein Wort. Keine Formeln, keine Berührung, keine Salben, kein Drumherum. Sprich ein Wort, das macht den Knecht gesund. Das erinnert mich daran, wie sehr Worte manchmal gut tun können – oder auch verletzen können. In diesen Tagen haben viele Menschen auf die Worte von Barack Obama gehört, man kann es fast hören, wie die Welt ruft: Obama sprich gute Worte, dann wird die Welt gesund. Worte können heilen oder vernichten.

Der Hauptmann ist überzeugt, dass Jesus heilen kann. Wir wissen nicht, wie er sich das vorstellt, so auf die Ferne. Das erstaunt selbst Jesus. Er staunt über solchen Glauben. Über solches Vertrauen. Ist das nicht auch ein Wunder? Ein Mensch diskutiert nicht, ob es geht oder nicht geht, er traut es Jesus einfach zu. Er wagt es. Manchmal denke ich, vielleicht geschieht so wenig, weil wir an dieser Stelle blockiert sind. Worum sollen wir bitten? Wenn alle Ärzte abwinken um Gesundheit? Um Frieden, wo nur noch Hass ist. Um Hoffnung, wo alles den Bach runter geht? Trauen wir uns, um etwas zu beten, was aus unserer Sicht keine Chance hat? Und dieser Hauptmann macht es. Er macht sich auch noch auf den Weg.

Nun schauen wir in das Haus des Hauptmanns. Ob der Knecht weiß, was sein Vorgesetzter unternimmt? Und dann wird er gesund. Ob plötzlich oder langsam, sein Leben verändert sich. Ganz unspektakulär. Niemand ist anscheinend dabei. Wieso auch, so einen Kranken meidet man ja. Jesus macht – Nichts – mit ihm. Vermutlich wird er ihn nicht mal zu Gesicht bekommen, denn Jesus zieht ja weiter. Ganz im Verborgenen ist etwas geschehen, was keiner erwartet hat. Wir würden sagen, das ist wie ein Wunder. Gott sei Dank, es geht ihm besser. Vielleicht auch: Schwein gehabt.

Was wird er erzählen? Und was wird ihm sein Chef erzählen. Und die beiden werden feststellen, es geschah in dem Moment, als Jesus den Hauptmann nach Hause schickte.

Irgendwann haben sie es weiter erzählt. Und dann ist diese Geschichte in die Bibel aufgenommen worden. Und es ist weniger eine Wundergeschichte, weniger eine tolle Story, die Einschaltquoten schafft. Es ist eine Glaubensgeschichte. Denn Glauben heißt: Jesus einfach etwas zutrauen und darum zu bitten. Nicht immer wird es so ausgehen. Man kann ihn nicht zwingen, etwas zu tun. Aber es kann gut werden. Darauf dürfen wir vertrauen.

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