In vino veritas

Liebe Gemeinde!

Christliche Kirchen haben im Vergnügungsviertel von Amsterdam vor vielen, vielen Jahren eine Bar eingerichtet. Sie trägt den Namen „Die Hochzeit zu Kana“. Haupt- und Ehrenamtliche betreiben sie und zeigen somit Präsenz vor Ort, wo Menschen auftanken, wo sie stranden, sich an Wegkreuzungen befinden. Hier ist jede und jeder willkommen. Da wird keine und keiner als Dreck angesehen, keine und keiner nach ihrer und seiner Herkunft gefragt. Da wird mehr als nur ein Getränk, ein kleiner Imbiss gereicht. Da wird Wärme und Geborgenheit ausgeschenkt. Da gibt es Menschen, die sich dazu setzen und zuhören, wenn jemand seine /ihre Lebensgeschichte erzählt.

Warum gerade dieser Name: „Die Hochzeit zu Kana“?

Auf dieser Hochzeit zu Kana wirkt Jesus sein öffentliches Wunder und bezeugt damit: Gott sagt Ja zu uns Menschen. Er schenkt Lebensfreude.

Damit erfüllt sich in Jesus die alte messianische Hoffnung, dass mit dem Messias auch eine Zeit der Wein- und Kornfülle da ist. Aber immer wieder wurde Jesus schon zu seinen Lebzeiten angefeindet. Einer der Vorwürfe lautet: „Siehe, was ist dieser Mensch für ein Fresser und Weinsäufer…“ (Mt 11,19) Ein Asket war er nicht und hat so etwas auch nicht gelehrt. Im Gegenteil, seine Lehre vollzieht sich gerade bei Gastmählern, beim Weintrinken. Dabei fällt bei der Hochzeit zu Kana auf: 1. Es ist ein ausgezeichneter Wein; denn der Speisemeister stellt erstaunt fest: „Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie betrunken werden, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückbehalten.“ (Joh.2,10)

Und 2. fällt auf: Jesus macht davon eine ordentliche Menge. Sechs Wasserkrüge voll!!!

„Ein Spötter soll dem Kirchenvater Hieronymus (347–420) einst vorgerechnet haben, dass Jesus auf der Hochzeit zu Kana über 600 Liter Wasser in allerbesten Wein verwandelt habe, obwohl die Hochzeitsgesellschaft schon viel getrunken habe. Hämisch habe er den Kirchenlehrer gefragt, ob die Hochzeitsgäste diese ungeheure Menge dann wohl ganz ausgetrunken haben. Worauf Hieronymus dem Spötter ganz ruhig geantwortet habe: ‘Nein, wir trinken bis heute noch davon!‘“ (entnommen aus A. Kühner, Hoffen wir das Beste, 3.Aufl.1998, S.90)

Seit der Hochzeit in Kana gilt, dass wir Jesus nicht ohne den Wein verstehen können und guten Wein nicht ohne Jesus. Das lassen Sie sich mal auf der Zunge zergehen: Jesus, den die Kirche als Retter bekennt, als Retter der Welt, der tritt zuerst in Erscheinung als Retter eines Hochzeitsfestes. Vor diesem Gott braucht niemand Angst zu haben. Denn Gott gibt und schenkt ohne Maß und Einschränkung. Wenn Sie heute Mittag zum Essen oder am Abend ein gutes Glas Wein trinken, denken Sie mal nach, was in einem Kanon sehr treffend beschrieben wird. „Gott, weil er groß ist, schenkt am liebsten große Gaben. Ach, dass wir Armen nur so kleine Herzen haben.“ (Angelus Sibelius)

Ja, immer wieder hat Jesus das Bild des Hochzeitfestes aufgegriffen, um auf das Reich Gottes zu verweisen. Als großes Fest, sollen wir es uns vorstellen. Und wenn wir uns darum bemühen, hier und da und von Zeit zu Zeit den Himmel auf die Erde zu holen, dann dürfen wir dabei das Feiern der Liebe und des Lebens nicht vergessen.

Das gelingt uns auch ab und an, aber doch zu selten. Jedenfalls scheinen das viele Menschen so zu empfinden. "Kirche ist so eine triste Angelegenheit", sagen viele – und nicht nur – Kirchenfremde und fühlen sich bereits durch manche Kirchengebäude abgeschreckt und vom Ablauf der Gottesdienste nicht besonders angesteckt. In der Tat müssen wir schon zugeben, dass wir oft die Freude eher in unserem Herzen – hoffentlich wenigstens dort – als auf den Lippen tragen. Dabei gibt es so viele Menschen, die diese Freude am Leben, diese Lebensfreude, nötig haben – gerade dann, wenn sie das Leben nicht mehr als liebens- und lebenswert erachten!

Natürlich ist das eine große Herausforderung. Denn im Leben ist uns nicht immer nach Feiern zumute. Viele, zu viele Situationen gibt es, die uns am Leben verzweifeln lassen und manch eine/n an die Grenze des Ertragbaren führen. Wie zum Beispiel die Menschen in Israel/Palästina, die in Angst leben und jeden Tag mit dem Tod konfrontiert werden. Wie zum Beispiel die Angehörigen von Beata C., die durch einen Skiunfall ihre Mutter, ihre Ehefrau, ihr Kind verloren haben. Wie zum Beispiel der thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus, der in diesen Unfall verwickelt war und sich nun fragen muss, ob er womöglich einen Teil der Schuld am Tod eines Menschen trägt. Wie zum Beispiel der Großunternehmer Adolf Merckle, der – obwohl selbst Milliardär – dem Druck des Marktes nichts mehr entgegenbringen vermochte und sich deshalb vor einen Zug warf. Es sind diese Geschichten, die wir in den Medien interessiert verfolgen, weil sie den Teil unserer eigenen Alltagswelt widerspiegeln, der uns das Leben schwer macht … und bestimmt nicht ans Feiern denken lässt.

Auch unser Predigttext blendet diese Erfahrungen nicht aus. Sie haben ihren Platz in dem kurzen Dialog, den Jesus mit seiner Mutter führt und so eigenartig verläuft. Der Sohn erscheint mir da sehr schroff zu reagieren. Aber das liegt vielleicht ja auch daran, was er in diesem Moment mit der Anfrage seiner Mutter verbindet. "Was geht’s dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen." Die Stunde, die Jesus meint, seine Stunde, ist das dramatische Geschehen von Golgatha. Es ist die Stunde, da sich nicht Wasser zu Wein, sondern Wein zu Blut verwandelt wird. Selbst im fröhlichen Trubel einer Hochzeitsfeier kann er diesen Teil seines Lebensweges nicht ausblenden. Und dennoch lässt er sich davon nicht gefangen nehmen. Schließlich sorgt er dafür, dass das Fest nicht ins Stocken gerät. Er will nicht, dass die dunklen Stunden, so grausam sie sind, die Momente der Lebensfreude trüben oder gar zerstören. Und zugleich macht dieser kurze Dialog zwischen Jesus und seiner Mutter deutlich, dass Lebensfreude, die Gott schenkt, nicht zu verwechseln ist mit einer weinseligen Laune, die kurze Zeit die Sorgen des Lebens vergisst. Die Lebensfreude, die Gott schenkt, erwächst aus der Hingabe Jesu für uns, indem er Leid und Schuld auf sich nimmt.

In dir ist Freude in allem Leide,
o du süßer Jesu Christ!
Durch dich wir haben himmlische Gaben,
du der wahre Heiland bist;
hilfest von Schanden, rettest von Banden.
Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet,
wird ewig bleiben. Halleluja.
Zu deiner Güte steht unser G’müte,
an dir wir kleben im Tod und Leben;
nichts kann uns scheiden. Halleluja.
(EG 398,1)

Daher ist es Jesus auf dieser Hochzeit zu Kana so wichtig, Wein auszuschenken. Denn im Wein liegt Wahrheit, wie ein uraltes Sprichwort sagt: in vino veritas.

Die erste Wahrheit, die im Wein liegt, ist: Wein ist nicht ganz von dieser Welt. Es gibt eine alte jüdische Erzählung, die von der Erstehung des Weinstocks erzählt. Ein Engel war es, der Adam und Eva aus dem Paradies vertrieb. Adam und Eva weinten. Mitleidig lehnte sich der Engel an seinen Stab. Die Tränen, die der Engel aus Anteilnahme mit Adam und Eva vergoss, fielen beim Stab zu Boden. Der Stab trieb Wurzeln und die Früchte waren süß wie die Tränen des Engels. Das war der erste Weinstock.

Schöner und anschaulicher kann nicht erzählt werden, dass im Wein etwas Himmlisches bewahrt ist. Wir machen uns das vielleicht nie so richtig klar: es könnte alles wie Moos und Regenwasser schmecken. Wir würden wohl satt werden, aber wir bekämen durch das Essen und Trinken keine Gefühle der Freude. Mahlzeiten hätten nichts Schönes, nichts, was man immer wieder feiern könnte. Am Wein also können wir erkennen, das Gott es gut mit uns meint, dass er nicht nimmt, ohne zu geben, dass wir bei allem was wir erleiden müssen, froh werden können an den Erweisen seiner Zuwendung. So möchte der Wein unser Herz weit machen, weise und einfühlsam. Der Wein kommt aus dem Mitleid eines Engels und möchte zur Anteilnahme führen. So erinnert uns der Wein daran, dass wir uns fremdes Leid zu Herzen nehmen sollen. So erfahren wir ein Stück Himmel auf Erden.

Die zweite Wahrheit, die im Wein liegt, ist: Wein ist das Zeichen des Friedens. Als Abnahm zu Besuch bei dem König Melchisedek ist, bewirtet er ihn mit Brot und Wein. Und eine (apokalyptische) jüdische Schrift sagt etwas Eigentümliches über den Messias, den Retter der Welt: Er sei friedlich wie ein Weinstock. Denn aus dem Holz des Weinstockes kann man keine Waffen machen.

Darum hat Jesus den Wein geliebt und ihn zum Symbol erwählt. Denn Christen trinken nicht, um zu vergessen – sondern um sich zu erinnern! Der Kelch, der beim Abendmahl gereicht wird, zielt auf Erinnerung. Er will uns erzählen von der Güte Gottes, von erfahrener Gemeinschaft durch Vergebung und Neuanfang in Jesu Nähe, Der Wein ist bis heute ein Zeichen für eine geschwisterliche Welt in Frieden. Und der Frieden kann nur da gelingen, wo er in unserem Herz entsteht.

Die dritte Wahrheit, die im Wein liegt, ist: Wir sind zu Großem befähigt und das erwartet auch Gott von uns. Wein gibt es nicht ohne ein gelungenes Zusammenwirken von Mensch und Natur. Daher ist der Weinberg ein Sinnbild für liebevolle Pflege und Zuwendung überhaupt. Wo so viel Mühe und fortlaufende Zuwendung nötig ist wie für einen Weinberg, da will man auch einen Ertrag sehen. Auch Gott will Früchte sehen. Es soll keiner glauben, Gott würde ständig bei uns nach Fehlern suchen. Er sucht vielmehr nach Früchten. Er weiß, was in uns steckt. Er sagt, ich habe euch sehr gut gemacht. Jetzt bringt bloß keine faulen Früchte!

Gott hat uns begabt, damit wir etwas daraus machen. Niemand ist zu klein und unbedeutend, dass er nicht Gärtner in seinem Weinberg der Liebe und Gerechtigkeit sein könnte.

Zu guter Letzt die Lebensfreude feiern heißt: über der Gabe des Weins den Geber nicht zu vergessen, ihm zu danken und ihn zu loben. Wo das geschieht, denn Prost. Ach, nein in der Kirche heißt es ja: Amen. Ja so soll es sein!

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