Hoch-Zeit

Liebe Gemeinde,

da sollte irgendwo in Indien oder China ein großes Fest stattfinden. Ein Hochzeitsfest. Aber das Brautpaar war sehr arm. Darum hatten sie auf die Einladungskärtchen geschrieben, jeder solle bitte eine Flasche Reiswein mitbringen und am Eingang in ein großes Fass schütten. So sollten alle zu einem frohen Fest beitragen. Als alle versammelt waren, schöpften die Serviererinnen aus dem Fass. Und wie sie zum Wohl des jungen Brautpaares anstießen und tranken, da versteinerten alle Gesichter: Denn jeder hatte nur Wasser im Glas. Jetzt bereute wohl jeder seine Überlegung: "Ach, die eine Flasche Wasser, die ich hineingieße, wird niemand merken!" Aber leider hatten alle so gedacht. Alle wollten auf Kosten der anderen mitfeiern. Und so konnte das große, schöne Fest nicht stattfinden!

Es ist ein Jammer für das Brautpaar und eine Schande für die geladenen Gäste, so zu tun. Aber nun ist es zu spät und die Freude unwiederbringlich dahin. In unseren Breitengraden wird so etwas wohl kaum mehr vorkommen, selbst bei den einfachen oder ärmlicheren Hochzeiten.

Ebenfalls eine Blamage hätte beinahe das Hochzeitspaar in unserem Predigtwort erlebt. Diesmal aber lag es nicht an den Gästen, sondern am Hochzeitspaar, die anscheinend zu wenig Wein einberechnet hatten. Hören wir das Predigtwort für den heutigen 2. Sonntag nach Epiphanias aus dem Evangelium nach Johannes im zweiten Kapitel, die Verse eins bis elf:

[TEXT]

Der Evangelist Johannes lässt auf diese Art und Weise Jesu Wirken beginnen. Er macht dies ganz bewusst, ja mit einem Zeichen, das viele mit einem Wunder verwechseln. Manch einer hat gespottet, was für ein „Luxuswunder“ Jesus dort doch täte. Hätte er nicht lieber in der Zeit ein paar Kranke heilen sollen, anstatt den versoffenen Kehlen noch mehr Wein zu liefern? Ja viele, auch gerade von uns Frommen, wissen mit dieser Tat nicht recht viel anzufangen. Fördert Jesus nicht den Alkoholkonsum, den Rausch und das unsinnige Verschwenden von Zeit? Nein, wir werden uns immer wieder darauf besinnen müssen: Jesus liebte das Leben als ein Geschenk Gottes und er förderte die Freude daran. Schon seine Gegner wollten ihn diffamieren, indem sie ihn einen „Fresser und Weinsäufer“ nannten, nur weil er ihren strengen, angeblich von Gott so gewollten, Fastenregeln nicht stur folgen wollte, sondern das Leben der Menschen im Blick hatte.

Freilich war Jesus kein Gott der Orgien und der Trinkgelage, das brauche ich eigentlich nicht zu erwähnen. Von einem anderen Gott, Dionysos, dem Gott des Weines, den seine Anhänger in wilden Gelagen feierten, Bacchus ist sein lateinischer Name, wird ein ähnliches Weinwunder berichtet, es war aber kein Zeichen, wie es es bei Jesus sein sollte.

Johannes gibt uns ein paar Hinweise zum angemessenen Verständnis. Am dritten Tage war die Hochzeit, so schreibt er, wohl wissend, dass ein jeder, der sich Christus im Glauben verbunden fühlt, darin noch etwas anderes hört. Am dritten Tage war die Auferweckung Jesu von den Toten, die Überwindung des Todes selbst ñ das Leben konnte neu begriffen werden. Ja, liebe Gemeinde, es steht so am Anfang von Jesu Wirken als Prediger und Heiler, dass es diesen Hinweis auf die Überwindung der Sünde und des Todes gibt. Denn Jesu Wirken in der Welt ist für kurze Zeit der Anblick des Reiches Gottes gewesen, ein Angeld auf dieses Reich, das unter uns beginnen soll. Deswegen eine „Hoch-Zeit“, mit Essen und Trinken, das zweite Sinnbild, gut verständlich für jeden, der weiß, was das Abendmahl für die Auferbauung eines Christen bedeutet. Die Vorwegnahme des gemeinsamen Essens im Neuen Jerusalem am Tisch des Herrn – im Angesichte Gottes.

Es geht hier nicht, liebe Gemeinde, um eine gewöhnliche Hochzeit, auch nicht um einen Taschenspielertrick Jesu, der nur zufällig in der Schrift überliefert ist. Nein, es ist ein Sinnbild für das kommende Reich, für den Glauben als solchen, der auf Gottes Eingreifen hofft und sich auf seine Zusagen verlässt.

Es tut gut, liebe Gemeinde, diesen Blickwinkel am Anfang der johanneischen Erzählung von Christi Wirken zu lesen, denn damit rückt das Ziel vor Augen, das wir Christen in unserem Leben niemals vergessen sollten. Das Vertrauen darauf, dass dereinst alles überwunden sein wird, was uns jetzt noch von Gott trennen kann. Dazu gehört das Leiden, der Tod, aber auch Neid und Missgunst, unsere Streitereien untereinander, unsere Verstoße gegen die Gebote genauso, wie unser Versagen an unseren ureigensten Aufgaben, die wir als Menschen in dieser Schöpfung Gottes zugestellt bekommen haben. Die erste Geschichte von dem nicht mitgebrachten Reiswein ist ein solches Versagen und es tritt genau das Gegenteil ein, wie bei dem Weinzeichen zu Kaana: die Menschen sind ängstlich und kleinlaut, die Freude ist dahin.

Kluge Köpfe haben nachgerechnet, wie viel Wein da wohl so gewesen sein dürfte in diesen sechs steinernen Wasserkrügen, die dort zur Reinigung bereitstanden. Die Zahlen schwanken ein wenig, aber es dürften doch so um die 500 bis 700 Liter gewesen sein, die dort hinein passen. Im 30-jährigen Krieg soll ñ laut Legende ñ der Bürgermeister die Stadt Rothenburg vor der Zerstörung bewahrt haben, indem er einen 13-Schoppen-fassenden Kelch in einem Zug leerte. Das wären, selbst schlecht eingeschenkt, immer noch mehr als drei Liter. Nein, selbst, wenn die Hochzeitsgesellschaft also aus lauter solchen Bürgermeistern bestanden hätte, wäre es immer noch viel zu viel und also Verschwendung gewesen. Zumal ja der Wein, wie der Speisemeister feststellt, viel besser ist, als der ursprünglich vom Brautpaar bereitgestellte. Geht man auf Suche bei so genannten wedding-Planern, Menschen, die eine Hochzeit für andere professionell vorbereiten, so wird als Einkaufsmenge pro Gast höchstens eine halbe Flasche Wein empfohlen. Was also soll diese Menge in unserem Bibelwort?

Es ist eine ebenso zeichenhafte Menge wie in 1. Mose 18, als Gott Abraham in drei Personen begegnet und ihm die Geburt seines Sohnes ansagt. Abraham bewirtet diese drei Männer u.a., indem er für sie ein Kalb schlachten lässt. Eine enorme Menge an Fleisch für einen solch kleinen Besuch. Aber es ist Gott selbst, den er dort zu Gast hat und deswegen ist die Fülle ein guter Ausdruck dafür. Jesus setzt diese Tradition der Fülle fort. Wo Gott ist, da herrscht Fülle an Leben ohne Ende. Es wird das Neiden und Zuteilen aufhören können, weil es von allem genug gibt. Und zwar nicht, wie im Schlaraffenland, wo das Nichtstun und die Trägheit die größten Tugenden sind, sondern weil Gott eine Gerechtigkeit damit schaffen wird, die jedem das gibt, was er wirklich braucht. Auch die Unterschiede, die sich hier in dieser Welt noch festmachen lassen durch den Besitz an materiellen Dingen – auch diese Unterschiede zwischen den Menschen werden dort keine Rolle mehr spielen. Gott selbst ist die Fülle, in seiner Liebe zu seinen Geschöpfen gibt es keine Grenze.

All das beginnt in Jesus Christus. Folgerichtig beginnt Johannes sein Evangelium damit und nennt es das erste Zeichen, das Jesus tat. Er offenbarte seine Herrlichkeit damit.

„Und was ist nun mit dem Wein von dieser Hoch-Zeit?“, wird vielleicht noch mancher fragen, der immer noch von der Menge beeindruckt ist. Nun, ihm sei zur Antwort gegeben, was ein berühmter Kirchenvater im 4. Jahrhundert nach Christus dazu gesagt hat. „Dieser Wein? Wir trinken heute noch alle davon!“

Und der Friede Gottes, der uns Freude und Fülle eines Lebens mit Christus aufzeigt, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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