Das Fest geht weiter

Liebe Gemeinde!

Der Glaube, so heißt es in einem schönen Bild, ist wie ein Vogel, der am frühen Morgen singt, wenn es draußen noch dunkel ist. Ein Bild der Hoffnung, ein Bild, das zum erwachenden Frühling und Frühsommer besser passt als zu einem grauen Wintermorgen, aber ein Bild, das irgendwie eingeht und gut tut: Der Glaube ist wie ein Vogel, der am frühen Morgen singt, wenn es draußen noch dunkel ist. Der Glaube wird damit als etwas umschrieben, was einem Mut macht, morgens aufzustehen und in den Tag hineinzugehen, Herausforderungen anzunehmen, Schönes zu genießen, ja, und auch Schweres zu tragen – wenn es doch so ist, dass am nächsten Tag wieder im Morgengrauen die Vögel zu singen beginnen.

Kann man aber auch dies sagen: Der Glaube ist wie ein Glas mit Wasser, das wie Wein schmeckt, ja das zu Wein verwandelt wurde? Jetzt wird es ein bisschen schwierig, merken sie das? Jetzt kommt nämlich jene Geschichte ins Spiel, die wir eben als Evangelientext für den heutigen Sonntag gehört haben und die in ihrer Art und Aussage einmalig in der Bibel ist. Nur der Evangelist Johannes erzählt davon, dass Jesus bei einer Hochzeit in dem Dörfchen Kana, unweit von Nazareth, aus Wasser Wein gemacht haben soll. Die Weinvorräte waren ausgegangen, und auf ein Wort Jesu hin war in den Wasserkrügen, die zur Reinigung bereit standen, auf einmal Wein. Und sogar ein sehr guter. Können Sie das glauben? Und: Ist diese Geschichte für ihren Glauben wichtig, ist sie für unseren Glauben wichtig?

Ich kenne Menschen, die sagen: Alles andere kann und will ich gerne glauben: Dass Jesus Kranke gesund gemacht und Tote auferweckte, ja, dass er selbst von den Toten auferstanden ist. Nur dies eine, also bitte: Das kann ich nicht glauben. Dass er nämlich angeblich Wasser in Wein verwandelt hat. Das ist auch kein Wunder, das ist eher eine Art Zauberkunststück. Oder nur eine mirakelhafte, wenn auch nette Erzählung. Eine Geschichte, und weiter nichts.

Ja es ist zunächst nur eine Geschichte, die uns berichtet wird. Sie hat ihren Platz in der Bibel gefunden und behalten. Immer schon gab es freilich Menschen, die meinten: Sie gehöre gar nicht dort hinein. Sie stelle Jesus als einen Zauberer dar, oder als einen Illusionisten wie Uri Geller oder David Copperfield. Und solche Leute seien doch letztlich Betrüger. Und so habe das Ereignis auf der Hochzeit in Kana auch niemals stattgefunden, oder es sei in Wirklichkeit ganz anders zugegangen und werde Jesus nur zugeschrieben. Im Übrigen, so wird argumentiert, gebe es ganz ähnliche Geschichten aus vorchristlicher Zeit, etwa aus dem griechischen Dionysos-Kult. Die Geschichte von dem Weinwunder sei dann eben nur auf Jesus übertragen worden.

Sind wir damit mit dieser Geschichte fertig und bin ich damit am Ende meiner Predigt angekommen? Nein, noch nicht. Denn wenn wir so denken, wie bisher geschildert, dann bleiben wir beim Vordergründigen stehen. Dann blicken wir nämlich nur auf das, was sich in den Vordergrund drängt, nämlich auf die großen Krüge, in denen der Überlieferung zu Folge vorher Wasser war und dann schließlich Wein. Das Bild von diesen Krügen kann derart stark werden, dass wir das Entscheidende übersehen, oder besser: Den Entscheidenden übersehen. Nämlich Jesus selbst. Diesen bis dahin ganz unauffälligen und weitgehend unbekannten Mann aus Nazareth, der nach jenem spektakulären Ereignis in Kana, Nazareth und ganz Galiläa bekannt wurde.

Allerdings ist es hier ein wenig wie bei der Frage nach dem Ei und der Henne: Was war eher da? Ist Jesus durch dieses Zeichen bekannt geworden als der Messias, der Retter, der Heiland? Oder aber ist ihm, der nach und nach durch viele Zeichen als Messias, als Retter und Heiland bekannt wurde, auch dieses Zeichen zugesprochen und zugetraut worden, dieses Weinwunder, das tatsächlich schon einige Jahrhunderte vor Jesus in der Literatur auftaucht, in Griechenland etwa oder auch in Ägypten? Ist dieses Wunder nun wirklich so geschehen, wie es der Evangelist Johannes berichtet, oder nicht, oder hat es nur eine symbolische Bedeutung – oder ist es noch ganz anders zu verstehen, hintergründiger vielleicht oder tiefer gehender, als man beim ersten Hören oder lesen meint?

Wer jetzt auf eine eindeutigem, klare Antwort aus ist, wird jetzt möglicherweise enttäuscht werden. Denn gerade im Johannesevangelium ist das Auftreten Jesu nie eindeutig oder wird zumindest nie einhellig aufgenommen, sondern ist immer umstritten. Ich will das ein wenig deutlich machen: Am 2. Weihnachtstag haben wir einen Abschnitt aus dem 1. Kapitel des Johannesevangeliums gehört: Dort heißt es: Er war in der Welt, aber die Welt erkannte ihn nicht. Heute am Ende der Erzählung vom Weinwunder in Kana im 2. Kapitel des Johannesevangeliums heißt es: Seine Jünger glaubten an ihn. Unmittelbar im Anschluss an diese Wundergeschichte berichtet Johannes von der gewaltsamen Tempelreinigung – die bei den anderen Evangelisten erst viel später erzählt wird und durch die sich Jesus bestimmt nicht nur Freunde gemacht hat; und da heißt es bei Johannes in diesem Zusammenhang: Viele glaubten an seinen Namen, also an seine Vollmacht. Wieder zwei Kapitel weiter im Johannesevangelium wird die Begegnung mit der Samariterin am Brunnen erzählt, und dort heißt es abschließend: Noch viel mehr glaubten um seines Wortes willen. Und lesen wir noch zwei Kapitel weiter, dann stoßen wir auf die Geschichte von der Heilung des Kranken am Teich Bethesda und von der Speisung der 5000 und erfahren, dass aufgrund dieser Zeichen die einen Jesus am liebsten umbringen möchten und die anderen ihn zu ihrem König machen wollen. So unterschiedlich kommt also das an, was Jesus tut.

Wie kommt nun die Geschichte vom Weinwunder in Kana bei uns an? Ob wir sie verstehen oder nicht, ob wir sie bezweifeln oder für wahr halten – wir befinden uns auf jeden Fall in Gesellschaft mit jenen Menschen, die damals um Jesus waren. Sein Auftreten, seine Botschaft, seine Zeichen riefen von Anfang auf unterschiedliche Reaktionen hervor. Und das hat einen tiefen Sinn: Das, was mit Jesus in die Welt gekommen ist, lässt nämlich Menschen niemals unberührt, damals nicht und heute nicht. Die einen werden durch ihn überzeugt und zum Glauben geführt, andere wiederum machen nach der Begegnung mit ihm eine Kehrtwendung und wenden sich gegen ihn. Der umstrittene Jesus – so lautet ein Buchtitel – ist auch der, der uns in dieser Wundergeschichte begegnet. Schon das kurze, merkwürdige Gespräch mit seiner Mutter macht das deutlich. Was wir vielleicht rein menschlich gesehen als Abweisung erleben, ist nur eine Bestätigung dessen, dass Jesus eben als der, der von Gott kommt, nicht von Menschenwille und Menschenmeinung abhängig ist. Seine Gegenwart bringt eben eine ganz andere Dimension in das Leben der Menschen hinein. Und von diesem Gedanken her sind wir ganz schnell bei der Aussage, die die Geschichte vom Weinwunder zu Kana zum Inhalt hat: Da, wo Jesus auftritt, da bricht das reich Gotte an. Und das hat Konsequenzen – im Großen wie im Kleinen. Wo durch den Kreuzestod Jesu die Macht des Todes gebrochen wird, da kann sich auch im Kleinen, ja im Kleinlichen Gottes Macht zeigen. Eine beinahe schief gelaufene Hochzeitsfeier wird dadurch gerettet, dass Jesus dabei ist. Will sagen: Das menschliche Leben, dass immer wieder aus einem Gemenge von Planung und Fehlkalkulation besteht, von Freude und Enttäuschung, Mangel und Überfluss, Unverständnis und Begeisterung, dieses menschliche Leben bekommt dadurch wieder Hoffnung und Sinn, dass Jesus in der Mitte der Menschen erscheint. Dass die beinahe verunglückten Feier in Kana durch Jesus gerettet wurde, steht stellvertretend auch für unser Leben: Wo die gute Stimmung zu kippen drohte, tritt Jesus auf, und das Fest geht weiter, und zwar besser als es angefangen hatte und vorgesehen war – wofür die Qualität des Weins als Zeichen steht.

Das ist das Zeichen: Wo Jesus dazu kommt, wird alles anders – und alles wird gut. Eine ganz einfache Botschaft – die nicht bei dem Weinwunder von Kana stehen bleibt, sondern sich auf wunderbare Weise bis in unsere Gegenwart, ja bis in unser Leben fortsetzen kann. Da wo Jesus dazu kommt, wird alles anders – und alles wird gut. Da, wo Menschen an ihn glauben, da wird dementsprechend auch vieles anders und besser.

Manche haben auch da vielleicht ihre Zweifel. Andere wiederum meinen, im Vertrauen auf Jesus Christus würde sofort alles besser – aber das liegt wohl jenseits unserer Möglichkeiten. Ein kluger Mensch hat in diesem Zusammenhang einmal gesagt: Es ist nicht die Aufgabe der Christen, die Welt zu verändern. Aber wenn sich die Christen auf ihre Aufgaben besinnen, dann verändert sich die Welt. Schauen wir uns um, dann erleben wir freilich häufig das Gegenteil davon, auch das Gegenteil von dem, was uns die Geschichte aus Kana vermittelt: Teile unserer Welt, Teile unserer Gesellschaft feiern fröhlich und unbedacht weiter und der Wein fließt bei ihnen in Strömen, während anderen entweder das Wasser bis zum Hals steht oder sie im Kampf um das tägliche saubere Wasser in Kriege verwickelt werden. Die einen feiern und schicken Silvesterraketen von der Terrasse los, die anderen feuern und schicken ihre Raketen auf Straßen und Schulen, die voller Menschen sind. Die einen fragen: Wie kann Gott das alles zulassen, und manche von denen, die so fragen, lassen es selbst zu, dass so etwas geschieht. Und viele fragen überhaupt nicht mehr, sondern sehen nur noch zu, dass sie ihren Spaß haben, so lange es geht, und erkennen nicht, dass so manches Fest zu einem Tanz auf dem Vulkan wird oder in eine Schieflage gerät, so wie auf dem sich aufbäumenden Deck der sinkenden Titanic.

Ein reichlich düsteres Bild, so werden Sie einwenden, liebe Gemeinde, aber es ist nichts anderes als das Bild einer Welt ohne Jesus Christus und ohne das Vertrauen auf ihn. Es ist das Bild einer trostlosen Hochzeitsfeier, bei der die Weinvorräte zu Ende gegangen sind, das Bild eines Festes, das in einem Desaster endet, und das Bild eines Lebens, das letztlich ohne Hoffnung ist. Dem steht die Geschichte von der Hochzeit in Kana gegenüber, die eigentlich keine Wundergeschichte ist, wohl aber eine wunderbare Geschichte. Weil angesichts der menschlichen Unvollkommenheit und Fehlkalkulation Jesus erscheint, darum wird alles gut. Deswegen feiern wir auch zu Beginn eines neuen Jahres das Erscheinungsfest feiern. Erscheinung heißt auf griechisch: Epiphanias. Auch der heutige (morgige) Sonntag gehört zur darauf folgenden Epiphaniaszeit. Auch dieser Sonntag, dieser Gottesdienst kann zu einem Fest werden, wenn wir Jesus in unserer Mitte Raum geben, und alles, was wir im uns im neuen Jahr vornehmen, was wir planen, sagen und tun, wird ganz anders werden, wenn wir es im Namen Jesu tun und nach seinem Willen ausrichten. Dann müssen wir nämlich angesichts mancher Herausforderungen und Probleme weder resignieren noch verzweifeln, sondern können wie die Leute von Kana sagen: Das Fest geht weiter.

drucken