In den Spiegel schauen

Am siebten Tage ruhte Gott, heißt es – und dieser siebte Tag der Woche hat darum im Judentum eine besondere Bedeutung: Er ist nicht einfach Weekend oder Shopping-Tag oder Tag zum Ausspannen, sondern er ist Tag der Ruhe, weil Gott an diesem Tag die Ruhe geschaffen hat.

Wenn darum in der Bibel von sieben Tagen die Rede ist, muss man immer an das Schöpfungswerk denken und an den Tag der Ruhe. So wie in unserer heutigen Episode:

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Das Wort Verklärung kommt in unserer Sprache eigentlich nicht vor. Höchstens das wir mit verklärtem Blick schauen, also irgendwie nicht ganz von dieser Welt. Aber in dem Wort kommt Klarheit vor und ‚etwas klären’. Da findet kein rationaler Erklärungsversuch statt, aber eine Klärung, da wird etwas klar. Verklärung ist so etwas wie ein Türspalt, der sich auftut, damit die Jünger das Wesen Gottes sehen können. Das ist wohl gemeint, wenn es heißt: er wurde verklärt vor ihnen.

Es ist eine Geschichte von einer Bergwanderung. Jesus geht mit drei Jüngern auf einen Berg. Und Bergwanderer kennen den Kick am Gipfel. So geht es hier auch. Allerdings ist der Kick weder ein großartiger Landschaftsblick noch eine prächtige Jause, sondern ein Ausblick der Extraklasse.

Der Ausblick auf Gott und dessen Willen eröffnet sich. Der Vorhang öffnet sich ein bisschen und was die drei (Lieblings-)jünger sehen reicht: Alles ist hell und glänzend, Jesus im Gespräch mit Mose und Elia. Eine grandiose Kulisse, zu der Petrus nur noch einfällt, dass man diesen Augenblick am besten festhalten müsse, sich häuslich einrichten muss, Hütten bauen, eine ‚Herberge zur göttlichen Aussicht’ bauen.

Seine Idee wird nicht gehört, sie verhallt, weil die Geschichte weitergeht.

Petrus erinnert mich hier ein wenig an den Versucher in der Wüste. Dieser will das Beste, aber ist darin genauso gefährlich wie jener. Der Fels der Kirche droht mit seinem Verharrungsbegehren das Heil zu verhindern. Er möchte die Situation exklusiv festhalten und gefährdet darin den Auftrag Jesu an alle Welt. Der Versucher erhält Antworten, der Jünger nicht, vielleicht auch, weil bei Petrus noch auf einen Erkenntnisgewinn zu hoffen ist. Vielleicht aber auch, weil wir für und die Frage beantworten dürfen: Hütten bauen oder weiter Volk, das mit Gott durch die Welt geht?

Darauf weist Gott selber hin. Bei der Taufe hat er sich öffentlich zu seinem Sohn bekannt. Hier sagt er den Jüngern, die später als Basis der Kirche dastehen sollen: ‚Das ist mein lieber Sohn, auf den sollt ihr hören.’
Unser Leben hängt davon ab, ob wir wirklich bereit sind, ‚auf ihn zu hören’. Dieser Kernfrage sehen sich schon die Jünger ausgesetzt. Die Nachfolge allein reicht wohl noch nicht – das Hören und das Tun müssen dazu kommen.

Nach einer Bergwanderung, so erzählen Menschen, geht man gestärkt vom Berg hinunter. Ob das bei dieser Bergwanderung auch so war? Oder ob die Enttäuschung da war. Tolle Aussicht, aber nicht festhaltbar. Nur die Erinnerung bleibt, der Augenblick lässt sich nicht festhalten, auch wen er noch so schön ist.

Vielleicht begann mit dem Abstieg auch eine gewisse Ernüchterung. Auf den Höhepunkt folgte der Alltag und die Jünger haben Manches mit ihrem Herrn erlebt und vielleicht oft an diese Bergwanderung zurückgedacht. Vielleicht auch mit ein wenig Beschämung. Da haben wir so etwas erlebt und konnten doch unsere Treue nicht durchhalten. Da werden sie schon mit Schuldbewusstsein der Gemeinde nach Pfingsten erzählt haben, wie sehr sie sich entfernt haben von diesem Auftrag. So hat sich diese Geschichte im Bewusstsein der Gemeinde gehalten und wurde Teil der Evangelien.

Wen das so ist, verrät es auch viel über das Selbstbewusstsein der ersten Christinnen und Christen: Das waren Menschen, die lebten in dem Bewusstsein: Für uns ist Gott Mensch geworden und für uns hat er so Vieles ertragen. Und darum hörten sie auf, sich selbst zu belügen, sich und Anderen vorzuspielen, was für Helden oder Heilige sie gewesen sein, und wie fromm sie waren.

Sie haben im Laufe ihres Weges gelernt, sich selber im Lichte Christi zu sehen. Sie haben gelernt, eigene Schuld zu sehen und anzuerkennen. Sie haben gelernt, was ich vielleicht immer wieder neu lernen muss. In den Spiegel schauen, mich mit meinen Fehlern, meinem Versagen zu sehen und zuzugeben, dass ich das wirklich bin.

Oft läuft die Sache ja anders: Wenn mir ein Fehler unterläuft, finde ich jemanden, der eigentlich Schuld ist. Mag ja sein, dass ich die Vorfahrt nicht beachtet habe, aber der Andere war bestimmt zu schnell. Vielleicht hab ich einen Termin verschwitzt, aber die viele Arbeit oder sonst was war Schuld – Ich?? Niemals!!

Wenn ich Jesus als den Sohn Gottes und als meinen Heiland erkenne, vielleicht lerne ich dann auch Ja zu sagen, zu mir selber. Ja zu sagen auch zu meinem Fehlverhalten, das ich auch bei bestem Willen mitunter an den Tag lege.

Die Geschichte zeigt mir, dass allein die Begegnung mit Jesus niemanden zu einem perfektem Menschen machen kann. Nicht einmal eine derartige Erscheinung.

Ich muss lernen, immer wieder auf das Licht zu schauen, dass es hell wird in meinem Leben – dauerhaft hell.

Keine Hütten, keine Konserven: Leben muss ich lernen, immer wieder neu zu leben als Mensch, der sich geborgen in der Gnade Gottes weiß.

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