Die Taufe Jesu

Liebe Gemeinde,

die Geburt im Stall ist vorbei und auch die Weisen aus dem Morgenland haben sich wieder auf den Heimweg gemacht. Der Zorn von König Herodes, in dem er mörderisch versucht hat die Menschwerdung Gottes zu verhindern, der ist längst verraucht. Die Flucht der Familie mit dem neugeborenen Kind nach Ägypten nur eine kleine Episode am Rande. Der Evangelist Matthäus hält sich nicht lange mit der Kindheit und Jugend dieses Jesus von Nazareth auf. Und so stehen wir bereits im 3. Kapitel am Ufer des Jordan. Dort tauft seit einiger Zeit Johannes die Menschen. Mit drastischen Worten macht er ihnen klar, dass es so nicht weitergehen kann. Selbst die Pharisäer und Sadduzäer, die die es doch ganz genau genommen haben mit den Geboten Gottes, selbst die müssen sich anhören: Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? (Mt 3,7). Trotzdem sind die Menschen zu ihm gepilgert. Johannes hat sie wachgerüttelt, sie an ihre Sünden erinnert, sie zur Umkehr aufgerufen. Als Zeichen dafür hat er sie im Jordan getauft. Dieses Untertauchen hatte für Johannes symbolischen Charakter: Wie Wasser unsere Körper rein wäscht, so sollte die Taufe die Sünden wegwaschen und damit der Mensch wieder rein wird vor Gott. Viele Menschen hat er so getauft.

Eines Tages steht dann sein Vetter Jesus vor ihm. Ich lese aus Kapitel 3 die Verse 13 bis 17:

[TEXT]

Johannes zögert: Den soll er taufen? Er ahnte wohl oder wusste sogar, dass Jesus weit über ihm steht, dass er der erwartete Messias war. Und den soll er nun taufen? Vielleicht erinnert er sich ja auch an seine eigenen Worte: Der aber nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, ihm die Schuhe zu tragen. (Mt 3,11). Eigentlich müsste es dann doch umgekehrt sein: Dass Jesus ihn selbst und alle anderen tauft!

Liebe Gemeinde, Johannes hat Recht mit seinem Zögern. Warum nur lässt Jesus sich taufen? Denn nötig hat er diese Taufe nicht. Johannes versteht seine Taufe ja als Bekräftigung der Umkehr vom Bisherigen. Als Bekräftigung der Abkehr von dem, was alles daneben ging, von allen Sünden. Die Johannestaufe war also eine Taufe zur Vergebung der Sünden – so heißt es bis heute im nizänischen Glaubensbekenntnis, das auch wir manchmal noch im Gottesdienst bekennen. Doch Jesus, des Messias, der passt nicht in die Kategorie der Sünden. Er hat keine gestörte Beziehung zu Gott, dem Vater, so wie wir Menschen sie meistens haben. Er setzt Gott nicht an die zweite Stelle oder noch weiter nach hinten. Ich und der Vater sind eins, (Joh 10,30) sagt er einmal im Johannesevangelium. Da ist also nichts, was an Sünden weggewaschen werden müsste. Warum also, will Jesus sich taufen lassen?

Im Matthäusevangelium ist die Taufe Jesu der Auftakt zu seinem öffentlichen Wirken. Bis dahin ist er den Menschen unbekannt – wahrscheinlich wissen die vielen Menschen am Jordan gar nicht, mit dem Johannes da redet. Seine Taufe ist wie ein Doppelpunkt zu dem, was sich ab da rasant ereignet. In diesem Bericht von seiner Taufe geht es deshalb auch mehr um den Getauften als um den eigentlichen Vorgang der Taufe, der ist fast schon nebensächlich. Erst nachdem sich Johannes weigert, Jesus zu taufen, erst daraufhin sagt Jesus dann seine allerersten Worte im Evangelium: Lass es jetzt geschehen! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.

Was für eine seltsame Antwort! Warum sagt Jesus nicht: „Doch, doch, das hat schon alles seine Richtigkeit!“ oder „Ich will mich aber taufen lassen von dir!“. Er sagt: Lass es jetzt geschehen! Man hat den Eindruck, als ob es gar nicht an ihm oder Johannes liegt, über die Tauffrage zu entscheiden, sondern dass schon längst alles entschieden ist. Diese Taufe ist Auftakt und Doppelpunkt für das, was sich dann entwickeln wird. Matthäus schildert das in seinem Evangelium ganz bewusst so, als ob der Weg Jesu von Beginn an vorgezeichnet wäre bis hin zu Verhaftung und Kreuzigung. Es muss also so sein, damit die Dinge ins Rollen kommen. Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.

Die Theologen sind sich nicht einig, was es mit dieser Gerechtigkeit auf sich hat. Ich denke, dass Matthäus damit die Heils- und Rechtsordnung Gottes meint. Die Taufe zur Vergebung der Sünden ist ein Teil dieses himmlischen Planes zur Rettung der Menschen – dann darauf läuft letztendlich im Evangelium ja alles hinaus. Jesus füllt mit dem wie er lebt und handelt, mit dem, welche Menschen er trifft und wie er ihnen begegnet, damit füllt er diese Gerechtigkeit mit Leben. Und er lebt sie jetzt selber vor. Jesus redet nicht nur neunmalklug darüber, sondern er tut es, er erfüllt die Gerechtigkeit.

Lapidar berichtet Matthäus dann weiter: Da ließ er’s – also Johannes es – geschehen. Obwohl Johannes doch zu Recht gezögert hat und lässt es dann doch geschehen und tauft Jesus. Mit dieser Taufe setzt Jesus einen Doppelpunkt und zugleich ein Ausrufezeichen. Damit soll allen klar werden, was das für ein Weg ist, den Jesus auf der Erde gehen wird. Mit seinem Eintauchen in das Jordanwasser, da taucht Jesus auch die Gemeinschaft all der Menschen ein, die sich dort versammelt haben. Er reiht sich ein. Der, von dem Johannes sagt er sei es nicht wert, ihm die Schuhe zu tragen, der stellt sich zu den Menschen. Er stellt sich zu dem Pharisäer, der tief in sich weiß, dass er oft zu stolz ist und dass er Gott bestechen will mit seiner Frömmigkeit. Dass er auf andere herabschaut und sich für etwas Besseres hält. Er stellt sich zu dem Sadduzäer, dem sein Tempeldienst über alles andere geht und der anderes nicht gelten lässt. Er stellt sich neben den Dieb und den Zöllner. Er stellt sich neben dich und mich und lässt sich taufen.

Und darin erweist Jesus sich tatsächlich als der Immanuel – der Gott mit uns. So hat es schon der Prophet Jesaja (Jes 7,14) angekündigt und ein Engel erinnert Josef daran, als Maria schwanger wird: Und sie werden ihm den Namen Immanuel geben, das heißt: Gott mit uns (Mt 1,23).

Liebe Gemeinde, diesen Schritt, den Jesus da vollzieht, das ist echte Solidarität mit uns Menschen. Das ist nicht nur die intellektuelle Sympathie, die wir immer so aufbringen, wenn es um die anderen geht. Um die Bedrückten und die in Not. Keine vordergründige Sympathie, die kurz betroffen ist vom Schicksal anderer, um dann doch gleich wieder auf sich selbst zu schauen, auf das eigene Wohlbefinden. Keine politisch korrekte Sympathie mit denen, die gerade im Rampenlicht stehen und öffentliche Aufmerksam erregen, bis auch sie wieder in die Vergessenheit zurückfallen. Jesus taucht ein in das Jordanwasser und die Gemeinschaft mit uns Menschen. Er ist der Gott mit uns und nicht über uns. Er ist der Gott neben uns und nicht vor uns. Und um diese Solidarität und Gemeinschaft zu zeigen, auch darum lässt Jesus sich von Johannes taufen.

Auf die Taufe selbst legt Matthäus dann keinen Wert – wichtig ist ihm das, was dann geschieht: Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach. Von der Taufe an sich erwähnt Matthäus nichts – warum wohl? Es wäre doch interessant zu wissen, wie das genau war und was Johannes gesagt hat. Doch Matthäus hält in seinem Bericht nur das für ihn Wichtige fest, nämlich die 2 wesentlichen Bestandteile dieser Taufe: Ein Zeichen – das Wasser und dann der geöffnete Himmel – und ein Wort – die Stimme Gottes. Und diese Stimme Gottes gibt dann für alle das Entscheidende über den Täufling Jesus von Nazareth bekannt: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Das ist der Gottesknecht, von dem schon der Prophet Jesaja im Namen Gottes in der Schriftlesung (Jes 42,1) heute ganz ähnlich sagt: Siehe, das ist mein Knecht […], an dem meine Seele Wohlgefallen hat.

Liebe Gemeinde, bis heute zeichnen 2 Teile auch unsere Sakramente aus, zu denen ja neben dem Abendmahl auch die Taufe gehört. Schon der Kirchenvater Augustin hat das so beschrieben, als er gesagt hat: „Es tritt das Wort zum Zeichen und macht ein Sakrament.“ Diese beiden Dinge braucht es, eines alleine genügt nicht.

Grund und Anlass für unsere Taufe, dafür, dass sie und ich getauft sind und das wir bei uns die Kinder taufen ist aber nicht diese Taufe Jesus damals am Jordan und seine ersten Sätze. Grund und Anlass dafür ist der letzte Satz, den Jesus im Matthäusevangelium sagt (Mt 28,20): Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Matthäus rahmt sein Evangelium sozusagen mit der Taufe. Der Auftakt ist die Taufe Jesu am Jordan mit den beiden Teilen, die es dazu braucht. Und mit dem Bekenntnis Gottes: Dies ist mein lieber Sohn. Der Schlusspunkt ist dann der Taufbefehl, der alle Christen im Blick hat und uns den Auftrag gibt, zu taufen.

Meistens sind es kleine Kinder, die getauft werden, manchmal auch Jugendliche oder Erwachsene. Für die Täuflinge ist das bis heute ein Auftakt im doppelten Sinne: Viele sehen sie an diesem Tag das erste Mal und die Gemeinde nimmt die Getauften als neue Mitglieder bewusst wahr. Und für die frisch Getauften ist das der Beginn eines Glaubensweges auf den Spuren Jesu. Die meisten von uns werden sich allerdings an ihre eigene Taufe nicht erinnern. Die Kinder werden getauft, ohne selbst etwas zu ihrer Taufe tun zu können – damit wird für uns alle sichtbar, dass nicht wir es sind, die sich da entscheiden. In der Taufe können wir alle sehen, dass Gott sich für uns entschieden hat. Martin Luther hat deshalb die Taufe mit dem Siegel unter einem Vertrag verglichen, der an dessen unverbrüchliche Gültigkeit erinnert.

Mit der Taufe haben wir aber nur den ersten Teil des Taufbefehls erfüllt. Um den zweiten auch zu erfüllen, nämlich die Täuflinge alles zu lehren, was Christus uns befohlen hat, da braucht es schon andere dazu. Deshalb stellen wir unseren Täuflingen Paten an die Seite. Sie haben schon mehr Erfahrung mit der Kirche und diesen Spuren Jesu. Sie sollen die Kinder bei ihren ersten Schritten als Gemeindeglieder begleiten. Deshalb gibt es später auch den Konfirmationsunterricht. Da wird noch einmal über die wichtigsten Fragen und Grundlagen unseres Glaubens nachgedacht. Die Konfirmation ist dann mein Ja zu Gott: Das Ja, das meine Eltern und Paten bei meiner Taufe stellvertretend für mich gesprochen haben. Das Ja, mit dem ich nun meine Taufe bestätige und sage: „Ich bin froh, dass ich getauft bin und Gott angehöre, dass ich Gottes Kind bin!“ Das Ja, das in Gottes Ja zu mir einstimmt.

Denn nicht nur bei der Taufe Jesu am Jordan bekennt Gott: Dies ist mein lieber Sohn. Auch zu jedem einzelnen Täufling sagt er das: „Du bist meine Tochter, du bist mein Sohn an dem ich Wohlgefallen habe. Dir schenke ich meinen Geist. Dich werde ich ein Leben lang nicht aus den Augen lassen.“

Liebe Gemeinde, und warum sollten wir unseren Kindern vorenthalten? Die Erfahrung, Gottes Kind zu sein. Das Wissen, von ihm begleitet zu werden und auch aus seinem Geist zu leben – auch wenn man das vielleicht nicht immer merkt. Die Taufe ist ein gutes Vorzeichen und ein guter Auftakt für ein Menschenleben. Ein Auftakt, in dem wir sehen und hören, dass wir Gottes Kinder sind. Dass uns so viele Möglichkeiten offen sind und wir wirklich aus dem Vollen schöpfen können. Ganz so, wie es uns die neue Jahreslosung noch einmal ins Gedächtnis ruft in diesem Jahr: Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich (Lk 18,27).

drucken