Es braucht nicht unser Gold

Liebe Gemeinde,

lassen wir es doch ruhig noch ein wenig nachklingen, das liebe Weihnachtsfest. Wir leben kirchenjahreszeitlich immer noch in der Weihnachtszeit, ja, sogar über das Epiphaniasfest hinaus, selbst, wenn in Schneeberg, danach abrupt die Lichter ausgehen werden. Ist das nicht ein wenig zwanghaft? Aber ist denn Weihnachten auch Mitte der Schrift? Wir Evangelischen suchen danach. Luther sagt: „Was Christum treibet“. Das hat ihm die Freiheit verschafft, der Bibel die speziell lutherische Gestalt zu geben. Auch Paulus schon hat einen bestimmten Ansatz, wie eigentlich alle biblischen Verfasser. Für ihn ist das die Mitte: die Botschaft vom Kreuz, die Botschaft von der Versöhnung. Das Wort „Weihnachten“ ist bis jetzt noch nicht gefallen. Seltsam …

Damit haben wir einen besonders sensiblen Punkt in der Seele des Erzgebirgers oder Erzgebirglers berührt. Wir sind doch hoffentlich nicht diejenigen, die schon am Totensonntag mit den Weihnachtliedern beginnen und denen sie dann schon bald nach Heiligabend zu Hals heraus hängen. Also noch einmal Weihnachten. Die Erzgebirgler nennen den Abend noch einmal Heiligabend und begehen ihn ein klein wenig wie diesen. Also nehmen wir uns denn Zeit, noch ein wenig der Weihnachtsbotschaft zu lauschen. Wir hören die Weihnachtsgeschichte nach Matthäus. „Was, schon wieder- hatten wir doch schon, höre ich nur von den ganz hinteren Bänken“. Es ist Epiphaniaszeit. Unsere katholischen Kollegen nennen es Dreikönigsfest. Damit kommen die Könige vor Augen – und diesmal, ungestraft, sogar ohne die Hirten. Das könnte man sich am Weihnachtsabend keinesfalls erlauben … Und die russisch- und die anderen orthodoxen Brüder und Schwestern feiern das Weihnachtsfest nach älterer Tradition eh erst an diesem Tage.

Nun also noch einmal diese einmalige Geschichte. Aber sie ist nur vom Grundsatz her einmalig, nicht vom Erzählen. So tut es gut, jeden einmal auch für sich zu hören. Wer immer nur alles zusammen matscht, ebnet jede Besonderheit ein, macht sich ärmer, nicht reicher. Jeder Evangelist, der eine Weihnachtsgeschichte im Repertoire hat und das sind ja eigentlich nur zwei von vieren, erzählt sie ganz speziell, ganz eigen, ganz im Sinne seines theologischen Grundgedankens. Ohne diesen wird es niemals gehen, ein solches Gesamtkunstwerk wie ein Evangelium zu Papier oder zu Pergament zu bringen.

Matthäus schreibt sein Evangelium für die christliche Gemeinde, die es nun schon eine gewissen Zeit gibt. Sie hat die erste heiße Erwartung bereits abgelegt, dass das Reich Gottes mit Macht und Gewalt unmittelbar hereinbricht. Sie hat eine neue Perspektive gefunden. Nicht: Der Herr kommt bald, sofort, gleich, sondern es heißt in einem Wort aus dem Mund des Auferstandenen: Ich bin bei euch a l l e Tage bis an der Welt Ende. Die Zeit kommt wider in den Blick. Es ist eine Zeit, in der die Christen aufgerufen sind: Geht hin in alle Welt und macht zu Jüngern alle Völker. Tauft und lehrt.“ Ja, die Lehre ist das, was Matthäus besonders wichtig ist. Deshalb formt er aus den vielen kleinen Einzelüberlieferungen, die für uns so bekannte und berühmte „Bergpredigt“. Sie ist ein literarisches Produkt. Die Reiseunternehmen in Israel machen damit zwar Kasse, aber verschweigen das verständlicherweise gern. Jesus ist für Matthäus der Lehrer, der eine bessere Gerechtigkeit bringt als die der Pharisäer und Schriftgelehrten. Jesus ist es, der die Schrift, das heißt das Altes Testament, erfüllt und lehrt. Es soll dabei kein Komma und Pünktchen verloren gehen. Und damit ist auch schon irgendwie klar, wie Matthäus von Weihnachten erzählen wird. Es ist die einmalige, verheißene Erfüllung dieser besonderen Geschichte Gottes mit dem Volk Abrahams und Davids. Aus dieser Tradition heraus entwickelt der Evangelist Matthäus seine ganz eigene Weihnachtsgeschichte. Sie ist Erfüllung der Schrift. In ihr findet er auch das Material für sein Erzählen. Die messianischen Andeutungen werden in diesem Geschehen zu historischen Fakten. Es entsteht das, was niemand mehr erinnerte, was auch am Anfang nicht wesentlich war, als man vom bald-wieder- Kommenden sprach. Der Ge-kommene war am Anfang nicht wichtig oder besser gesagt, wie er denn genau geboren wurde. Die Einmaligkeit im Plan Gottes war sowieso für den Gläubigen klar. Denn: „Nichts geschieht ohne Gottes Plan. Und dieser Plan ist seit dem Anfang schon fertig.“ So war es für sie unumstößlicher Glaubensgrundsatz. Wichtig war am Anfang allein der Kommende. Ich weiß es nicht, ob wir heute so denken, so denken können, so unbefangen von Gottes Wesen denken wollen. Da gehen die Meinungen und Überzeugungen sicher auseinander, wie manchmal. Aber das ist nicht schlimm. Vielfalt ist unsere Stärke. Weil es also in Gottes Plan fest steht, darum wird es in den Worten und der Botschaft der Schrift und der Propheten schon anklingen, durchschimmern, kann erforscht und erkannt werden. So denkt Matthäus und mit ihm seine Gemeinde. Darum wird auch die Bibel nach solchen Worten durchforscht. Und die Alten konnten noch vieles auswendig, tatsächlich, sie lebten in den Schriften. Zitate waren sofort zur Hand. Sie bekamen dann auch sehr schnell eine Bedeutung zuerkannt für das Geschehen, das sich um Jesus abgespielt hat. Diese Geschichte, die nur noch bruchstückhaft in Erinnerung war, entsteht wieder neu. Das Alte Testament gibt dafür den Rahmen vor. Das Alte Testament wird besonders prägend für die Bereiche, die sehr weit zurück liegen, wie eben die Geburt Jesus – „der Retters“ – so wird sein Name gedeutet. Und diese Geburt ist eben kein Ereignis am Rande der Welt in einem galiläischen Städtchen Nazareth, sondern ein Weltereignis, was denn sonst, für Matthäus und für uns wohl auch. Und darum geht ein großes Licht auf. Deshalb leuchtet ein Stern, den die Weisen aus dem Morgenland schauen. Die Botschaft, die am Ende hinaus „in alle Welt“ gehen soll, wird hier schon an ihrem Anfang, bei der Geburt des Retters weltereignishaft. Weiter: Und Jesus ist mehr als ein irdischer König. Der damalige „Landesvater“ erschrickt, als er von solchem hört. Er forscht natürlich in der Schrift, ja das wird selbst über ihn erzählt. Deshalb wird der Ort „Bethlehem“ schnell gefunden. Es ist der Geburtsort des legendären Königs David. Diese Glanzzeit in der Erinnerung des Volkes Israel soll eine blasse Andeutung sein für die weit größere Macht und Gewalt dessen, dem diese dann gegeben wird. Erinnern wir uns wieder an den Abschluss des Evangeliums. „Mir ist gegeben alle Gewalt – im Himmel und auf Erden …“ Darum wird natürlich die Geburt des Messias in Bethlehem erwartet, wo sonst. Oder hat sich der Prophet geirrt? oder haben wir ihn falsch verstanden? Oder sind wir nur zu festgelegt für das freie Wirken des heiligen Geistes, von dem Maria geschwängert wird? Denn so wurde das Wort aus dem Propheten Jesaja interpretiert: Siehe, eine junge Frau wird schwanger werden und wird einen Sohn gebären und noch ehe er groß ist, soll dies alles geschehen, was Jesaja vor Hunderten von Jahren seinem Volk angesagt hatte. Von dem allen blieb die Hoffnung auf die Geburt des Retters: Wann kommt er endlich??? Aus der jungen Frau war unter der Hand eine Jungfrau geworden. Und heute mühen sich bibelforschende Gläubige um die mühsame Erklärung einer Sache, die im Inneren ein theologische, keine biologische Aussage ist. Und die Weisen, die Magier, kommen vom Ende der Erde um dem neu geborenen Retter die Huldigung der Welt zu bringen. Darum bringen sie auch ihre kostbaren Geschenke: Gold Weihrauch und Myrrhe. Spitzfindige Gesellen fragen dann immer danach, wo denn diese Kostbarkeiten geblieben sind und ob sie eventuell der Zimmermann Joseph in der Spielhalle von Cäsarea verzockt hat. Das sind blödsinnige und respektlose Gedanken. Sie gehen auch an dem Inhalt der Botschaft vorbei. Es ist hier nicht der Gedanke an die sinnvollste Geldanlage für das Christuskind gefragt. Ihr Banker, Versicherungsvertreter und Wechsler müsst euch einen andere Kunden suchen. Hier geht es um die Würde dessen, der über allem steht, dem alles gegeben ist, der es nicht nötig hat, von Menschen beschenkt zu werden. Der will, dass das, was wir den Geringsten tun, an ihm geschehen ist. Er braucht nicht unser Gold, nicht Weihrauch und Myrrhe. Sie sind schöne Beigaben. Sie sind Requisiten der Krippenspieler. Sie sind Hinweis auf Reichtum und Würde über irdische Maßstäbe hinaus. Darum beten die Weisen das Kind an. Darum verschwinden die Weisen auch wieder. Sie kehren weder zu Herodes noch zu dem Kind, noch zu dem erwachsenen Jesus zurück. Ihre Rolle haben sie gehabt.

Nun ist das Erzählen dieser wundersamen Geburt für Matthäus bald am Ende. Noch die biblischen Fundstücke gehen ein: Die Ankündigung beim Propheten Hosea, dass der Sohn aus Ägypten gerufen wird, führt die junge Familie in dieses Land. Und das Jeremia-Wort von den weinenden Müttern von Rama führt zur kurzen Bemerkung, dass Herodes Kinder töten ließ, um eventuelle politische Konkurrenz auszuschalten, armseliger aber unmenschlicher Versuch. Doch das israelische Königtum wird damit abgelöst. Es hat sich überlebt. Der wahre König ist Jesus. Er ist der König, dem Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden. Was sollen da irdische Könige und Kaiser, ja auch Kaiser. Das wird die Gemeinde des Matthäus mit besonderen Ohren gehört haben, unter einem römischen Kaiser, der göttliche Autorität beanspruchte. Und wir? Heute?

So sind wir also wieder in der Gegenwart. Es steht nach allem Erzählen über Weihnachten die Frage im Raum, ob dieser Herr eine Chance hat, in meinem Herzen geboren zu werden. Denn wir haben die Heilsbotschaft nur dann begriffen, wenn wir selbst zu einem geistigen Bethlehem geworden sind, zum Geburtsort des Herrn. Wenn nicht nur die Weisen kommen, sondern wir. So mahnt der Mystiker Johannes Scheffler, der schlesische Arzt und Dichter aus Breslau, der auch unter dem Namen Angelus Silesius bekannt geworden ist. Er war übrigens ein harter Kritiker des Luthertums: „Wird Christus tausendmal in Bethlehem geborgen,
und nicht in dir – du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren.“

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