Erzählpredigt: Simon, sein bester Freund und die Reise nach Jerusalem

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, Ihr seid jetzt in dem Alter, in dem die Hauptperson des heutigen Predigttextes gewesen ist: 12 Jahre, vielleicht seid Ihr schon etwas älter.
Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder! Können Sie sich an Ihr 12. Lebensjahr erinnern? Was war das aufregendste Erlebnis, an das Sie sich erinnern können? Sind Sie damals schon einmal eigene Wege gegangen? Können Sie sich vielleicht sogar an eine Ausreißergeschichte Ihrer Kindheit oder Jugend erinnern? Was hat Sie bewegt, damals von zuhause auszureißen? Oder kennen Sie das gar nicht?
Die Kindheit großer, berühmter Persönlichkeiten wird von neugierigen Zeitgeistern gern genau beleuchtet: Was hat ihn oder sie geprägt, welchen Einfluss hatten die Eltern, die Großeltern oder die Geschwister?
Dem Evangelisten Lukas scheint eine wichtige Begebenheit aus dem Leben, der Kindheit Jesu so wichtig gewesen zu sein, dass er sie im Anschluss an die bekannte, wunderbare Geburtserzählung und die Namengebung mit der Darstellung im Tempel von Jerusalem ausführlich schildert.
Aber Lukas erzählt diese im Neuen Testament einzigartige Kindheitsgeschichte des 12jährigen Knaben Jesus in deutlichem Unterschied zu den Kindheitsgeschichten anderer berühmter Menschen: verständnisvoll und einfühlsam für die Beweggründe eines 12jährigen Ausreißers.
Unsere Bibel erzählt von der frühen Kindheit des im Fluss ausgesetzten Mose, ähnlich der Kindheitsgeschichte der ausgesetzten Geschwister Romulus und Remus, der Gründer der Stadt Rom, wie Oedipus oder Sargon von Akkad. Sonst bleibt ihre Kindheit im Dunklen wie man sich damals auch nicht groß für Kinder interessiert hat.
Ich denke an die Kindheitsgeschichte des späteren Buddha, Siddharta Gautama. Während seiner Geburt verkündet nach der Legende ein Seher, dass dieses Kind einmal ein großer König, ein großer heiliger Mann werden würde. Daraufhin lässt der königliche Vater von Siddharta seinen Sohn, den er zu einem König nach seinen Vorstellungen machen wollte, weder religiös erziehen, noch lässt er zu, dass Siddharta menschliches Leid kennen lernt. Schon als Kind zeigt Siddharta außergewöhnliche Begabungen und Weisheit.
Ich denke an die Kindheitsgeschichte des Mohammed. Sein Vater stirbt noch vor seiner Geburt. Und im Alter von sechs Jahren stirbt Mohammeds Mutter Amina. Mohammed wächst als Vollwaise auf.
Der Evangelist Lukas hat mir Mut gemacht, den heutigen Predigttext mit einer Erzählpredigt zu würdigen. Hauptperson ist Shimon, der beste Freund von Jesus, – der im Hebräischen Joshua genannt wurde. Ich lasse die Namen in der uns gewohnten Form: Simon und Jesus.

„Du musst doch wissen, wo er ist. Du bist sein bester Freund!“ Die eindringlichen und verzweifelten Worte von Jesu Vater, Josef Ben Eli, höre ich heute noch. Als ob ich immer alles von meinem besten Freund hätte wissen sollen. Aber recht hatte sein Vater ja. Mein Freund war sonst eigentlich kein Einzelgänger. Was hatten wir nicht schon alles erlebt, was Jungs eben so gemeinsam tun: wir hatten kleine Schiffe aus Holz gebaut, die wir dann im Fluss zum Schwimmen brachten, oder wir hatten uns eine kleine Höhle in den angrenzenden Bergen gegraben, waren gemeinsam angeln oder waren im Sommer schwimmen gegangen.
Wir konnten über Gott und die Welt sprechen. Wir kannten uns gut wie eben Freunde sich kennen. Freundschaft wird schon in unseren heiligen Schriften gelobt! (Sprüche Salomos 18,24 u.ö.)
Dann kamen wir in eine wichtige und prägende Zeit unserer Kindheit. Mein Gott, wie wichtig ist dieser Abschnitt im Leben jedes Menschen, wenn er zum ersten Mal eigene Wege gehen möchte und nicht immer dem glaubt, was die Eltern sagen. Wir waren gemeinsam beim Unterricht in der Synagoge zur Vorbereitung unserer Bar Mizwa-Feier, unserer Volljährigkeit. Dreizehn Jahre alt sind wir dann ein „Sohn der Pflicht“ mit allen Rechten und Pflichten eines Mitglieds der jüdischen Gemeinschaft. Unsere Väter sind dann nicht mehr für uns wegen der Erfüllung der religiösen Pflichten verantwortlich. Wir lernten, dass die Bar-Mizwa ein religiöses Fest ist, das uns Kindern die Liebe unserer Eltern und unserer Gemeinde zeigen soll und uns unsere Verbundenheit mit Gott und dem Judentum nahe bringen soll.
Jesus hatte eine wunderbare Familie, eine Mutter, die mit ihm und mit der er innig verbunden war und einen verständnisvollen, liebevollen Vater. Vieles hatte er auch von seinen mütterlichen Großeltern gelernt, Elisabeth und Zacharias.
„Meine Großmutter Elisabeth hat ´mal gesagt, …“ und dann musste ich mir irgendwelche Weisheiten oder Erlebnisse Jesu mit ihr anhören über ihre Fähigkeit, halb verdorrte Pflanzen wieder zum Gedeihen und zum Blühen zu bringen oder mit ihren Händen, in denen Jesus eine besondere Segenskraft zu spüren glaubte, Wunden oder Krankheiten zu heilen.
„Manche Kranken wollen gar nicht gesund werden, sie leben ganz gut mit ihrer Krankheit!“ So oder so ähnlich hatte es ihm seine Großmutter gesagt, die er wirklich sehr verehrte.
Sein anderer Großvater Eli hatte ihm zahlreiche Worte aus den Heiligen Schriften erklärt und ihn das Beten gelehrt.
„Mein Großvater hat vom Gebet so gesprochen wie es von Mose heißt: Er redete mit Gott wie ein Freund mit seinem Freunde redet. Hat Dir das Dein Großvater auch ´mal so gesagt, Simon?“ – Nein, so einen religiösen Großvater hatte ich nicht. Mein Großvater hatte nur seine Netze im Sinn, mit denen er jeden Morgen auf großen Fang ging.
Ich hatte auch keine Großmutter, die behauptete, dass die Liebe die Kraft Gottes sei und keine Liebe umsonst sei.
Wie hatte Jesus das gesagt: „Wie ein stetig fließendes Wasser ist die Liebe und nichts geht verloren von ihrer Kraft. Die Liebe strömt von Seele zu Seele und sie kennt keine Entfernungen. Gott wirkt durch die Liebe. Du spürst seine Liebe durch einen Menschen und nichts geht verloren von ihrer unsichtbaren Macht. Wenn Du erst einmal von einem Menschen geliebt wurdest, wird dich dieser Segen begleiten, wohin Du auch gehst.“
Dabei fällt mir ein, dass ich mich manchmal schon über Jesus gewundert habe. Er war immer gleich so angefasst, wenn ich nur so zum Spaß Sätze aus den Heiligen Schriften verdrehte. Warum um alles in der Welt, fühlte sich Jesus jedes Mal gleich so persönlich verantwortlich?
Einmal saßen wir am Flussufer. Jesus formte aus Lehm kleine Tiere, Frösche, die ihn wegen ihrer Verwandlungskünste so fesselten, und Vögel. Jede Vogelstimme konnte er zuordnen und manchmal lauschte er ihnen als seien es Engel.
Plötzlich nahm er einen selbst gekneteten Lehmvogel in seine rechte Hand, führte ihn ganz dicht an seinen Mund, schloss seine Augen und hauchte ihn mit seinem Atem an:
„So hat das der Ewige, gepriesen sei ER, auch gemacht.“ – Ich verstand zuerst gar nicht, was er meinte. Jesus schien das zu spüren und sagte dann weiter:
„Als Er die Menschen aus Erde vom Acker formte und ihnen den Odem des Lebens eintauchte.“ Da führte Jesus den Lehmvogel in seiner Hand wieder weg von seinem Mund, schaute ihn mit sanften Augen an. Dann schien er abzuwarten, still und neugierig, ob der sich tatsächlich durch seinen Atem zum Leben erwecken ließ. – Als nichts passierte, öffnete er seine Hand und schaute zu, als der Lehmvogel langsam aus seinen Händen auf den Boden glitt. Und zu den Lehmklümpchen, die dann herunter fielen, sagte er: „Du bist Erde, Adama, und Du sollst zu Erde werden!“
Dann kam das Frühjahr, das Passafest nahte und wir reihten uns mit unseren Familien ein in die Schar der Pilger nach Jerusalem. Auch die regelmäßigen Pilgerreisen fanden wir beide aufregend. Endlich raus aus dem kleinen Dorf in die große Stadt.
Unterwegs sangen wir Lieder, sahen uralte Stätten, mussten jedes Mal durch das samaritanische Bergland reisen, schlugen unsere Zelte am Jakobsbrunnen auf und schauten nachts in die Sterne. In Jerusalem angekommen, quälten wir uns mit den Anderen hinauf zum Tempelberg. Von weitem hörten wir die Gesänge der Priester. Und was wir schon aus Erzählungen kannten, mussten wir hier mit eigenen Ohren hören und mit eigenen Augen sehen: das ängstliche Blöcken und das viele Blut der zahlreichen geschlachteten Lämmer.
Angst hatte Jesus selten. Was auch immer ihn geritten hatte, allein im großen Tempel bei den Schriftgelehrten zu bleiben, ich weiß es nicht. Na klar, Jesus hatte schon was drauf! Ich kann mir gut vorstellen, dass sie Respekt vor ihm bekommen haben, als er sie mit seiner Neugier löcherte:
„Warum werden Menschen krank? Ist das wirklich Gottes Wille?“ – „Wirkt Gott auch in den Händen meiner Großmutter, wenn sie einem Kranken ihre Hände auflegt?“ – „Warum lässt Gott solche Ungerechtigkeit auf der Welt zu?“ Und so weiter. Ich wäre gern Mäuschen im Tempel gewesen, als mein Freund den Schriftgelehrten gelauscht und sie mit seinen Kenntnissen und seinen Fragen überrascht und in Staunen versetzt hat.
Ich frage mich nur, hat er denn keinen Gedanken an seine Eltern verschwendet? Jeder normale Junge weiß doch, dass die sich Sorgen machen, wenn ihr Ältester mit 12 Jahren plötzlich nicht mehr in der Pilgergruppe ist.
Und das Ende vom Lied: Sie waren keinesfalls stolz auf ihren Sohn als sie ihn erst nach drei Tagen im Kreis der Gebildeten und der Belesenen wieder fanden.
„Da ist ja unser Ausreißer. Warum hast du uns das getan?” Höre ich seine Mutter mit einer Stimme, die ich sonst von Maria nicht kannte. Warum suchen Eltern ihre Kinder? Warum tun Kinder einem das an? Warum entfernen sie sich, ohne Bescheid zu sagen? Warum tun sie liebend gerne das, vor dem sich die Eltern am meisten fürchten? Warum beschäftigen sie sich mit solchen Dingen und nicht mit dem, was man ihnen aufgetragen hat?
Hatte das nicht auch mit der Kraft der Liebe zu tun, die Jesus selbst im Weinstock strömen sah? Und Liebe lebt nur in Beziehungen, in Freundschaften wie unserer oder in der väterlichen und mütterlichen Liebe einer Familie.
Jesus schien es genau zu wissen, was er seinen Eltern zugemutet hatte. Er war mutig seine ersten eigenen Schritte gegangen. Schließlich pilgerte er mit seinen Eltern nach Hause zurück als sei nichts gewesen.
Erst langsam verstanden seine Eltern, was in ihrem ältesten Sohnemann so schlummerte. Dabei waren es sein eigener Vater und seine Großväter, die ihn Gott als einen Vater nahe gebracht hatten. Wie soll man lieben ohne selbst je Liebe erfahren zu haben? Wie soll einem Gott als Vater begegnen, wenn ein Mensch keinen Vater kennen gelernt hat? Doch Jesus hatte dieses Glück. Auf ihm ruhte von Anfang an ein ganz besonderer Segen.
Und ich, Simon, durfte meine Kindheit mit ihm, mit Jesus Ben Josef teilen. Für diese Freundschaft, die meine Seele beflügelt hat wie ein Lehmvogel, in den ein besonderer Odem strömt, für seine Freundschaft bin ich bis heute sehr dankbar, für diese Freundschaft bin ich meinem und unserem Gott, der die Liebe ist, der unser Vater ist, sehr dankbar!“
Amen.

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