Ein Kind wie alle anderen?

Liebe Gemeinde,liebe Schwestern und Brüder,

„kleine Kinder – kleine Sorgen; große Kinder – große Sorgen“
Da muss was dran sein an dieser alten Weisheit. So kann man nämlich auch diese einzige Episode aus der Kindheit Jesu lesen, die die Evangelien außer den Geburtsgeschichten vor dem Auftreten des erwachsenen Jesus von Nazareth für merk-würdig gehalten halten. Und merkwürdig ist diese Geschichte in der Tat. Merkwürdig, dass die Eltern Jesu einen ganzen Tag brauchen, um sein Fehlen zu bemerken. Merkwürdig, dass sie ihn est nach drei (!) Tagen lebendig wiederfinden, obwohl sie doch gleich alle Orte aufsuchen,an denen sie gemeinsam gewesen sind. Merkwürdig, dass Maria dem Heranwachsenden Vorwürfe macht und mit seiner Antwort ratlos dasteht. Maria versteht ihren Sohn nicht mehr. Womit wir wieder beim Anfang wären: kleine Kinder – kleine Sogen; große Kinder – große Sorgen.

Und doch muss es sich auf irgendeine Art doch um eine so wichtige Episode zwischen Geburt und Taufe im Jordan, dass sie eben für Lukas als einzige merk – würdig war und ansonsten eben nichts merkwürdiges in den ersten dreißig Jahren geschah. Es lohnt sich also, sich einzureihen in die Schar der Pilger nach Jerusalem, die sich aus Anlass des bevorstehenden Passahfestes auf den Weg gemacht haben. Jesus ist zwölf Jahre alt, kurz vor der Religionsmündigkeit. Er müsste eigentlich noch nicht mitpilgern, soll aber wohl langsam an die religiösen Traditionen und Bräuche seines Volkes herangeführt werden. Bald steht die Bar Mizwa bevor, die Aufnahme in die Gemeinde der Erwachsenen, dann ist auch er für Erfüllung der religiösen Aufgaben und Verpflichtungen eigenverantwortlich. So macht sich also die Familie mit Freunden und Bekannten auf den Weg, auf den Pilgerweg.

Pilgern ist eine besondere Form des Unterwegs sein.
Pilgern ist eine besondere Ausdrucksform der Suche und des Glaubens , die heute von vielen Menschen auch im protestantischen Raum wieder gepflegt wird. Wo Menschen Gott suchen, gibt es zwei ganz unterschiedliche Wegreisen hin zu ihm: den Weg in die Wüste, in die Einsamkeit, in die Anfechtung, in der Hoffnung, dass Gott begegnet, sich finden lässt. Das scheint unserem Lebensgefühl entgegenzukommen, denn alles, was mit Glauben und Gottesbeziehung zu tun hat, ist heute privatisiert und gehört zu den intimen Lebensbereichen, über die man nicht oder nur wenig spricht. Dieser Weg in die Wüste und druch die Wüste sind wichtig. Jesus wird sich immer wieder in die Wüste zurückziehen, weil er so am besten mit Gott eins sein kann.

Aber auf seiner Lebensreise hat er wohl Heimatlosigkeit, nicht aber die Einsamkeit gewählt, sondern die nachfolgende Jüngerschar. Es gibt auf dem Weg der Gottessuche eben auch den Pilgerweg, das gemeinsame Unterwegssein. Denn der Glaube kann letztlich nicht privat und für sich bleiben, er braucht die Gemeinschaft und die Bewegung, das gemeinsame Singen und Beten und die besonderen Orte, die aufgesucht werden und an denen sich zu verdichten scheint, was uns die Geschichten der Bibel über den Glauben unserer Vorfahren erzählen. Wer einmal im Heiligen Land oder an Stätten unseres Glaubens war, kann das vielleicht nachempfinden.

Aber noch eine ganz andere wichtige Erfahrung können wir beobachten. Für das Vertrautwerden mit dem Glauben der Väter und Mütter ist die Familie von ganz wichtiger Bedeutung. Der heranwachsende Jesus lernt in der Familie den Glauben und die Bräuche seines Volkes. Er vwächst wie selbstveständlich hinein. Heute wird auch bei uns der Lernort Familie wiederentdeckt. Christliche Unterweisung kann nicht nur an Christenlehre, Religionsunterricht oder Konfirmandenunterrichrt delegiert werden, sondern findet in den Familien statt. Im Tischgebet oder im Abendgebet, im gemeinsamen Gottesdienstbesuch am Sonntagmorgen, im Lesen der Losung wachsen Kinder in Traditionen hinein und kann der Glaube, der sich darin bewahrt hat und sich äußert, auch von Generation zu Generation Fuß fassen. Für die Familien aus Nazareth war das damals noch gar keine Frage.

Sie sind unterwegs Jahr für Jahr wie es die Tradtion verlangt. Und am Ende des Festes kehren sie wieder heim – gestärkt und bereit für den Alltag der nach dem Fest und dem Pilgerweg kommt. Vielleicht rührt daher die trügerische Sicherheit und Gelassenheit der Eltern , die ihren Sohn zunächst überhaupt nicht vermissen, sondern bei Freunden oder Spielgefährten vermuten.

Aber Jesus ist im Tempel zurückgeblieben, nicht um seinen Eltern Sorgen zu machen, auch wenn es durchaus symbolisch verstanden werden kann, dass Jesus seinen Eltern verloren gegangen ist. Ist das doch in jeder Eltern-Kind-Beziehung die ganz große Gefahr und ein ganz großer Schmerz, einander zu verlieren. Wie mühsam und schwierig ist dann der Prozeß, sich wiederzufinden und zusammen zukommen.

Nein Jesus ist im Tempel zurückgeblieben, damit deutlich wird, wohin er gehört und wes Geistes Kind er doch buchstäblich ist.
Maria hat es vom Engel angesagt bekommen: heilig und Gottes Sohn wird dieses Kind genannt. Elisabeth nennt sie Mutter ihres Herrn, die Hirten können gar nicht aufhören von der Weihnachtsbotschaft der Engel zu erzählen. Maria hört diese Worte und bewahrt sie, aber Worte sind erst einmal nur Worte und noch nicht Wirklichekeit und Jesus ein Kind wie andere Kinder. So mögen Maria und auch Josef geglaubt und auch gelebt haben. Und so hat es über viele Jahre ja wohl auch funktioniert. Aber ein Kind wie andere Kinder?

Eben nicht! Und die Schriftgelehrten und Lehrer im Tempel spüren dies ganz genau ohne es wirklich erklären zu können. Da sitzt ihnen nicht nur ein begabter Knabe gegenüber, der gerade in einer intensiven Phase die Fragen nach Gott und der Welt stellt. Eine Phase, die wir übrigens als Familien und als Gemeinde bei unseren nicht verpassen dürfen und die zum Reifen und Erwachsenwerden unbedingt dazugehört und die wir daher sehr ernst nehmen sollten.

Nein, die Schriftgelehrten spüren, dass hier aus dem Munde Jesu die Autorität der Schrift spricht. Jesus redet nicht wie ein Gelehrter, sondern wir einer, der Gott kennt und in sein Herz schaut; es ist als ob Gott spricht. Der Evangelist Johannes hat diese Erfahrung in den Anfang seines Evangeliums einfließen lassen: Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns. Ja, das war die Autorität, die die Zuhörer nicht nur verwunderte, sondern erschütterte, eben so wie eine Gottesbegegnung nur erschüttern kann.

Damit wir wissen, mit wem wir es zu tun haben, erzählt Lukas diese eine merk-würdige Begebenheit aus der Kindheit und Jugend. Es ist Gott, der aus den Worten und Taten dieses Menschen spricht: wahr Mensch und wahrer Gott. Ein Geheimnis, dass auch Maria- trotz Engel und Hirten – und Josef erst langsam begreifen müssen und vor dem auch wir immer nur staunend und, ich gebe zu, auch stammelnd stehen können.

Nach drei Tagen finden Maria und Josef ihren Sohn lebendig wieder. Was für eine Symbolik. Noch einmal werden später Menschen meinen, Jesus an die Mächte des Todes verloren zu haben und werden ihn nach drei Tagen lebendig wiederfinden. Erst einmal aber kehrt Jesus mit seinen Eltern wieder heim. Die Geschichte ist noch lange nicht vorbei, sie fängt mit Weihnachten eigentlich erst richtig an, denn dies Kind aus der Krippe muss wachsen, der Jugendliche muss erwachsen werden. Sein Weg wird in die Wüste und unter Menschen führen. Gott wird mit ihm und er wird mit Gott sein. In ihm sehen und hören wir Gott und dürfen wir auf ihn hören: Worte des Lebens, der Klarheit, der Ermutigung und des Trostes auf unserer Lebensreise.

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