Wachet! Wartet! Seid bereit!

Waldstadt / Emmauskirche, am 31.12.2008

Liebe Mitchristen,
heute Abend wird es wieder geschehen, eine ganze Nation wacht, um den Beginn des neuen Jahres mitzuerleben. Alles fiebert auf den Zeitpunkt hin, an dem die Uhren 0,00 Uhr anzeigen. Alles wird bereit gehalten bis dahin: die Böller werden zurechtgelegt, die Sektflaschen entkorkt – und dann das Herunterzählen wie beim Countdown: 10, 9, 8, 7, usw. Der Silvestertag lehrt uns jedes Jahr, was das heißt: Wachet! Wartet! Seid bereit! Unser Predigttext rät uns dasselbe, wenn auch auf einer anderen, auf der geistlichen Ebene. Lassen Sie uns dem nachgehen, was das für das kommende Jahr heißt.
Wachen, das kann etwas sehr Schönes sein! Wer ist als Kind schon gern ins Bett gegangen? Man will doch wissen, was da noch vor sich geht, was die Erwachsenen noch tun, während sie ihre Kinder schlafend wähnen. Oder als Jugendlicher: was war schöner, als eine Nacht durchzuwachen! Natürlich nicht allein, sondern zusammen mit anderen. Da kann man sich so schön Geschichten erzählen, bis die Sonne aufgeht. Da will man auch sehen, ob man das wirklich durchhält, die ganze Nacht. Ja, wachen kann sehr schön sein, erleben, was man sonst nicht mitbekommt, den Zauber der Nacht erleben und das triumphale Gefühl, es durchgestanden zu haben, wenn morgens die Sonne aufgeht.
Wachen kann aber auch furchtbar sein: wenn man sich unruhig von einer Seite zur anderen wälzt, ständig umgetrieben wird von Sorgen oder einem schlechten Gewissen. Oder denken wir an einen Soldaten, der Wache halten muss und auf keinen Fall einschlafen darf, wie groß die Müdigkeit auch sei. Es droht sonst Arrestzelle oder Schlimmeres! Da wird wachen zur Qual.
In welchem Sinn ruft uns das Bibelwort zum Wachen auf?
Wachet! D.h. passt auf, nehmt eure Chancen wahr, verschlaft nicht die Welt. Die Kirche hat in unserer schnelllebigen Gesellschaft keine Chance mehr, das Evangelium an den Mann und die Frau zu bringen, wenn sie nicht schnell reagiert auf die Entwicklungen. Es wäre doch töricht, z.B. die Medien unserer Gesellschaft ungenutzt zu lassen. Zeitung, Radio, Fernsehen, aber jetzt auch Video und Internet, das alles sind Möglichkeiten, heute Menschen zu erreichen und sie mit dem Evangelium anzusprechen! Wie viele alte Menschen sind geradezu auf Radio- und Fernsehgottesdienste angewiesen, weil sie ans Haus gebunden sind. Und wo könnte man junge Menschen besser erreichen als im Internet? Es hilft nicht, die neuen Möglichkeiten der Technik zu verteufeln, sondern es ist wichtig, zu sehen, wo die Entwicklung hingeht! Wachet, d.h. behaltet das im Blick, nutzt es für das Evangelium und wartet nicht ab, bis euch das alles überrollt hat. Frühzeitig wahrnehmen, was vor sich geht, frühzeitig lernen, wie wir es nutzen können, das ist unsere Aufgabe als Kirche! Wir dürfen uns nicht eine Verschlafenheit leisten, die der Entwicklung um Jahre hinterher hinkt, sonst versäumen wir unseren Auftrag.
Wachet, das heißt aber auch, wachsam zu sein gegenüber den Gefahren. Gefahren werden eben auch mit den neuen Techniken mitgeliefert. Diese gilt es ebenso frühzeitig zu sehen und davor zu warnen. Wenn wir wachen, dann halten wir zu allem auch eine kritische Distanz, wir lassen uns nicht blenden, wir lassen uns nicht einlullen. Wir machen nicht gedankenlos mit. Sondern wir achten sorgfältig darauf, was davon gut tut und was nicht! Und gut und schlecht oder gut und böse werden wir dann auch entsprechend beim Namen nennen. Es ist nicht gut, wenn allzu viele Computerspiele die Kinder von der eigenen Kreativität abhalten. Es ist nicht gut, wenn Erwachsene ihre natürlichen Freunde vernachlässigen oder aufgeben, weil sie im Internet ihre Bekanntschaften suchen und unterhalten. Das gerät dann leicht zu einem Leben aus zweiter Hand. Es ist nicht gut, wenn Kinder leicht an Gewaltspiele und an Pornographie herankommen. Das erzieht zum Draufhauen und zur Verrohung und Entmenschlichung der Sexualität. Als Kirche und als einzelne Christen haben wir da ein Wächteramt. Es gilt Alarm zu schlagen, wenn Gefahr im Verzug ist. Es ist aber mindestens genau so wichtig, eine positive Erziehung zu diesen Dingen zu entwickeln. Es hilft nicht, nur zu sagen, was schlecht ist. Es ist unerlässlich, dass wir als Kirche und einzelne Christen positive Gegenbeispiele setzen. Im guten Sinne streiten, Interessenkonflikte offen aussprechen lernen statt Intrigen, Mobbing und Gewalt, das wäre auch in der Kirche ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Eine Sexualerziehung, die aus christlicher Perspektive eine positive Einstellung zu Erotik und Liebe lehrt, muss dringend aus der Taufe gehoben werden! Sonst überlassen wir unsere Kinder der Sexwerbung und der Sexualerziehung der Schmuddelsender! Wir müssen als Christen aufhören, die Themen Gewalt und Sexualität als Tabu zu behandeln! Sie spielen in jedem Menschenleben eine wichtige Rolle! Verdrängen und wegschauen hilft nicht! Zu lange hat man in der Kirche nur mit Verboten hantiert und darüber versäumt, eine positive, eine spirituelle Einstellung dazu zu entwickeln und zu erziehen! Wir dürfen diese Entwicklung nicht länger verschlafen! Wir leben nicht auf einer frommen Insel, fernab von der Welt und ihren Gefahren und Stürmen. Gott will, dass wir in eben dieser Welt seine Boten sind, die gute Nachricht bringen: Zu den Menschen, in unserem Haus, in unserer Nachbarschaft, in unserem Freundes- und Bekanntenkreis. Denen sollen wir als wache Christen begegnen, die nicht nur Nein sagen, sondern auch vorleben, wie es anders gehen kann. Das ist schwer, das ist anspruchsvoll, aber das ist unser Auftrag!
Wartet! Das ist die zweite Aufforderung an uns! Warten hat auch zwei Gesichter: es kann furchtbar langweilig sein und nervtötend. Wenn ich z.B. meinen Zug verpasst habe und muss eine Stunde warten! Oder wenn ich im Restaurant auf mein Essen warten muss und es dauert schon l 1/2 Stunden. Da werde ich sehr unleidig. Es gibt aber auch ein gespanntes Warten: wenn Heiligabend herankommt oder der Urlaub, dann ist das ein Warten mit Vorfreude. Und in diesem Sinn fordert uns unser Bibelwort zum Warten auf! Es soll ein Warten mit einer Erwartung sein! Wir sollen etwas von unserem Gott erwarten, wirklich erwarten! Z.B., dass er unsere Welt trägt und erhält, dass er sie nicht einfach im Chaos versinken lässt, wie sehr wir Menschen auch daran arbeiten. Wir erwarten von Gott, dass er sein Reich in unserer Welt aufscheinen lässt, dass er immer wieder Zeichen setzt, dass er immer wieder zeigt, dass er und nicht ein paar mächtige Politiker diese Welt regieren. „Aber davon merkt man ja fast nichts!“, sagen Sie? Vielleicht liegt das daran, dass viele Menschen nichts mehr von Gott erwarten, innerlich bei Gott sozusagen gekündigt haben. Aber es geht um noch mehr als das! Es ist auch die Frage, ob wir noch etwas von uns selbst erwarten und uns etwas zutrauen! Das meine ich so:
Wenn wir etwas mit Freude erwarten, dann stellen wir uns auch darauf ein, wir bereiten uns darauf vor: Wenn z.B. Besuch kommt, dann wird das Wohnzimmer aufgeräumt und gründlicher als sonst geputzt. Leckeres Essen wird gekocht usw. Wie bereiten wir uns eigentlich auf das Kommen Gottes vor? Auf den Anbruch seines Reiches? Normal wäre, dass wir uns so verhalten, dass unser Tun und Lassen zum Reich Gottes passt, so dass sich Gott bei uns wohl fühlen kann, wenn er kommt. Aber ich glaube, dass viele Christen diese Vorbereitung innerlich aufgegeben haben, nicht mehr wirklich warten.
Viele glauben auch nicht mehr, dass sie selbst etwas Gutes bewirken können, es gibt bei vielen Menschen ein Gefühl der Ohnmacht. Man fühlt sich als kleines Rädchen, das ja doch nichts bewirken kann. Aber das ist falsch! Manchmal bleibt eine Uhr stehen. Ein kleines Rädchen im Uhrwerk arbeitet nicht mehr mit – schon bleibt die ganze Maschine stehen! Kleine Ursache, große Wirkung! Darum: lasst uns nicht so mutlos sein! Entmutigt durch kleine Zahlen, durch schwindende gesellschaftliche Bedeutung. Auch ein kleines Häuflein kann viel bewirken, wenn es daran glaubt, dass es etwas ausrichten kann! Sollten wir als Christen mutloser sein als so manche Bürgerinitiative? Das kann ja wohl nicht wahr sein!
Aber warten, das heißt neben der Vorbereitung auch: Geduldig sein! Nicht die Dinge übers Knie brechen wollen! Rom ist auch nicht an einem Tag erbaut worden. Das fällt auch vielen schwer, das geduldige Zuwarten. Manche Dinge brauchen eben ihre Zeit, müssen wachsen, müssen reifen können! Als Musiker merke ich das sehr schnell bei mir, wenn etwas noch nicht ausgereift ist. Dann habe ich ein Stück geübt, kann es aber nur mit Not und Mühe spielen. Gehe ich damit ins Konzert, dann mache ich bald diesen, bald jenen Patzer. Das ärgert mich dann gewaltig. Aber es ist eigentlich der Ärger, dass ich nicht habe lange genug warten können oder warten dürfen. Denn wenn ein Stück Zeit hatte, in mir zu reifen, dann kann ich es auch sicher und überzeugend spielen. So kommt auch manche Stümperei in der Kirche zustande: wenn nicht gewartet werden kann, wenn schnell die sichtbaren Erfolge her müssen, wenn das Samenkorn, kaum gesät, schon geerntet werden soll. Wir sind es in unserem Alltag nicht mehr gewohnt zu warten. Das Leben verläuft nach dem Motto: ich will alles, und zwar sofort! Wartezeiten werden nicht mehr respektiert.
Seid bereit! So lautet die dritte Aufforderung unseres Bibelwortes. Es erinnert mich an die Geschichte vom Auszug aus Ägypten. Das Volk saß gestiefelt und gespornt, um jederzeit losgehen zu können. Jederzeit zum Aufbruch bereit! Das wäre wichtig, wenn wir das in der Kirche und in der Gemeinde lernen könnten! Wie gerne ruhen wir uns auf dem Gewohnten und Bewährten aus! „Das war schon immer so!" und „So etwas gab es noch nie!", das sind die beiden kirchlichen Standartargumente gegen alles Neue. Wir müssen aber aufbrechen zu neuen Formen des Gottesdienstes, zu neuen Formen des Gemeindelebens, sonst können wir Gottes Auftrag nicht erfüllen! Seid bereit! Diese Aufforderung will uns wach halten! Seid bereit, die Vergangenheit hinter euch zu lassen und aufzubrechen in ein neues Jahr!
So spricht Gott: „Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht? Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde.“ (Jes 43,19) Amen.

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