Nicht verschlafen!

In wenigen Stunden, liebe Gemeinde, ist das Jahr zu Ende. Was ist das für ein Jahr gewesen, dieses Jahr 2008. Man darf gespannt sein, wie die Geschichtsschreibung dieses Jahr beurteilen wird, irgendwann einmal. Es kann sein, dass es dabei nicht so gut wegkommt das Jahr 2008. Vermutlich wird es das Jahr der Finanzkrise sein, das Jahr der schlechten Prognosen und das Jahr der schlechten Nachrichten, zumindest seit September. Dabei hätte es ganz anders kommen sollen: Das Jahr der Fußballeuropameisterschaft hätte es werden sollen, ein neues Sommermärchen hatten wir uns erträumt. Oder das Jahr der ersten chinesischen Olympiade. Aber so perfekt die Spiele auch inszeniert wurden, die strahlende Oberfläche konnte die Risse nicht völlig überdecken, mit der die Menschenrechtslage in China das Bild immer wieder eingetrübt hat. Russland war plötzlich wieder auf der politischen Bühne erschienen als global Player mit großen Ambitionen. Im Herbst brachen dann die Börsen ein und das Stichwort Finanzkrise hat allen anderen Themen die show gestohlen. Milliarden und Abermilliarden Dollars und Euros verdampften in wenigen Augenblicken zu Nichts. Die Schnelligkeit mit der sich die Finanzkrise ausbreitete wie ein Lauffeuer und ihre gewaltigen Ausmaße rund um den Globus waren im wahrsten Sinn des Wortes atemberaubend. Genauso wir die Panik, die sich in ihrer Folge ausbreitete. Gegen die Krisenstimmung konnte selbst der Wahlsieg von Barak Obama nur für einige Tage einen Contrapunkt setzen. Immerhin, kurzzeitig flackerte die Hoffnung auf, dass mit seinem Sieg auch ein Ruck durch Politik und Wirtschaft gehen würde. Nur allzu schnell wurde deutlich, dass die Aufgaben, die Obama während der nächsten Jahre zu schultern hat, keinen großen Spielräume lassen werden, für bahnbrechende Veränderungen und Fortschritte. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat letztlich allem anderen den Rang abgelaufen und dem vergangenen Jahr den prägendsten Stempel aufgedrückt. Vor allem deshalb, weil das Thema auch im nächsten Jahr die Nachrichtenspalten füllen wird. Das Jahr 2008 endet kriegerisch. Die unendliche Geschichte des Konfliktes zwischen Israel und den Palästinensern wird in diesen Tagen um ein neues blutiges Kapitel länger.

Was war das für ein Jahr, das vergangene Jahr? Über die große Politik werden andere urteilen, aber was hat das vergangene Jahr für uns bedeutet. Viele unter uns heute Abend haben einen lieben Menschen in diesem Jahr verloren. Weite Teile der vergangenen Monate waren geprägt von Abschied und Trauer, von einem tastenden Neubeginn und vorsichtiger Neuorientierung. Einen Menschen verlieren bedeutet oft auch, dass wir das Leben neu lernen müssen. Wie ist uns das gelungen, fragen wir in diesen letzten Stunden des Jahres vielleicht. Und was hat dabei geholfen? Was ist uns geblieben von diesem Menschen, was werden wir für immer behalten aus der gemeinsamen Zeit?

An einem der letzten Abende des vergangenen Jahres haben einige alten Freunde zusammen gesessen. In diesem Jahr feiern alle das Jahresende getrennt. Sie waren zusammen gekommen damit alle noch einmal zusammen sein konnten am Ende des Jahres. Und dann, es war schon spät, hat jede und jeder erzählt, wie das vergangene Jahr für sei oder ihn gewesen ist. Bei einem hat die berufliche Unsicherheit das ganze Jahr geprägt, bis weit hinein in das persönliche Befinden. Sein Betrieb ist privatisiert worden. Die Aktionäre erwarten mehr Gewinne, der Betrieb wird also verschlankt. Es geht buchstäblich um die Existenz. Manche, die das hörten, waren betroffen. Man war oft zusammen in diesem Jahr, man wusste von den Problemen, aber dass sie für ihn so gravierend war, das war manchen doch entgangen. Eine der Frauen erzählte, dass sie in den letzten Monaten einen guten Teil ihres ererbten Vermögens verloren hat. Auch da wurden Ängste spürbar und die Frage, wie tief es noch bergab gehen wird. Eine andere Frau erzählte davon, dass es ihr im vergangenen Jahr gelungen war, ihre Praxis nach der Trennung von ihrer Kollegin wieder auf stabilen Grund zu stellen. Mit harter Arbeit, unter großen persönlichen Opfern und Einsatz. Aber es ist bergauf gegangen. Ein anderer erzählte, dass eine tief greifende persönliche Krise ihm zur Einsicht verholfen hat, dass er manches endlich gelassener angehen kann, kräftesparender. Ein einziges Wort im richtigen Moment hatte gereicht, ihm die Augen zu öffnen, und ihm eine neue Sicht eröffnet. Es waren sehr unterschiedliche Geschichten, die da erzählt wurden. Allen war gemeinsam, dass aus ihnen deutlich wurde, wie unvorhersehbar das Leben ist, wie dünn und leicht zerbrechlich der Boden ist, über den wir uns bewegen. Unversehens ändern sich die Dinge, ein Moment genügt, und alles ist anders als es eben noch gewesen ist, vieles geschieht, ohne das wir einen Einfluss darauf nehmen können. Am Ende aber waren sich alle einig: Es hat gut getan, das Jahr für sich ein Mal rückblickend zu überschauen und Bilanz zu ziehen. Es hat gut getan, den anderen zuzuhören und ihre Geschichten zu erfahren. Es gab manches, was man von einander nicht gewusst hat.

Das gestrige Kalenderblatt des anderen Advents – manche kennen diesen besonderen Adventskalender vielleicht – enthielt Fragen, die dem Leser helfen sollten, eine persönliche Bilanz seines vergangenen Jahres zu ziehen: An welchen Traum erinnere ich mich? hieß die erste Frage. Eine überraschende Frage, fand ich: An welchen Traum erinnere ich mich? So ernst nehme ich meine Träume nicht, dass ich ihnen viel Aufmerksamkeit schenke. Aber immerhin erinnere ich mich, dass ich manch kuriosen Traum geträumt habe im vergangenen Jahr. Vielleicht, denke, lohnt es sich, meine Träume im neuen Jahr ernster nehmen. Es gab andere Fragen: Wer oder was hat mich wirklich überrascht? Welche Person hat mich enttäuscht? Welcher Streit ist gut ausgegangen? Was habe ich verloren oder gefunden? Welchen Wunsch habe ich mir erfüllt? Welchem Vorsatz bin ich treu geblieben? Welche neuen Freunde habe ich gefunden? lautete eine Frage. Was war mein glücklichster Tag, mein traurigster Moment, mein größter Erfolg, die größte Niederlage? Worauf bin ich stolz? Woran bin ich stärker geworden? Welcher Abschied fiel mir schwer? und Was hat sich zum Guten gewendet? Alles spannende Fragen. Anregende Fragen, die neugierig machen auf die eigenen Antworten. Überraschende Antworten manchmal, die eine neue Sichtweise schenken: Woran bin ich stärker geworden? zum Beispiel. Es waren die ärgerlichen Momente, die überflüssigen Probleme und Herausforderungen, Momente, die ich leidvoll erlebt hatte, die mich – bei genauer Betrachtung -, wenn ich sie gemeistert habe, reifer und klüger und stärker gemacht haben. Abschiede hat es gegeben im vergangenen Jahr, traurige, schmerzhafte. Und – Gott-sei-Dank – es gab auch manches, was sich zum Guten gewendet hat.

Haltet euch bereit und lasst eure Lampen nicht verlöschen! Seid wie Diener und Dienerinnen, die auf ihren Herrn warten, der auf einer Hochzeit ist. Wenn er dann spät zurückkommt und an die Tür klopft, können sie ihm sofort aufmachen. Sie dürfen sich freuen, wenn der Herr sie bei seiner Ankunft wach und dienstbereit findet. Ich versichere euch: Er wird sich die Schürze umbinden, sie zu Tisch bitten und sie selber bedienen. Diese Worte aus dem Lukas-Ev. bekommen wir am Ende des Jahres 2008 gesagt. Wir wissen es längst und müssen es doch immer wieder mühsam lernen: Wir haben wenig Macht, liebe Gemeinde, was die Vergangenheit betrifft, wir haben wenig Einfluss auf das, was die Zukunft uns bringt. Die größte Macht, die wir haben was Leben und Zeit angeht, haben wir über den Augenblick, über die Gegenwart, über das was vor Augen und Händen liegt. Die Gegenwart, das, was uns begegnet in Raum und Zeit, das ist die Sprache, die Gott mit uns spricht. In unserem Hier und Jetzt begegnet uns Gott. Nicht irgendwann und irgendwo spricht Gott zu uns, sondern in den Menschen und Dingen, die da sind in unserem Leben hier und jetzt. Haltet euch bereit und lasst eure Lampen nicht verlöschen! Seid wie Diener und Dienerinnen, die auf ihren Herrn warten, der auf einer Hochzeit ist. Nicht anders als im Glück und Unglück, das uns hier und jetzt widerfährt, in den Segnungen und Herausforderungen unserer Gegenwart zeigt uns Gott sein Gesicht. Darauf richtet eure Erwartungen, rät Paulus, seid hellwach und aufmerksam auf Lebensgestalten unter denen Gott euch begegnet!
Wenn er (der Herr) dann … zurückkommt und an die Tür klopft, können sie ihm sofort aufmachen. Sie dürfen sich freuen, wenn der Herr sie bei seiner Ankunft wach und dienstbereit findet. Im Augenblick der Gegenwart ereignet sich das Reich Gottes für uns. Wenn wir in den Widerfahrnissen unseres Lebens Gott Angesicht erkennen, dann wird darin nichts anders als Liebe sein. Selbst in den Unglücken wird er wirklich sein als Trost und Kraft und vergebende Liebe. Ich versichere euch, sagt Paulus zu denen, die wach und bereit sind für den Augenblick Gottes: Er wird sich die Schürze umbinden, sie zu Tisch bitten und sie selber bedienen. Nicht mit der Vergangenheit haben wir eine Verabredung und auch nicht mit der Zukunft, wir haben eine Verabredung mit dem Augenblick, mit der Gegenwart. Darin begegnet uns Gott. Und in dieser Begegnung, wenn wir sie nicht müde und resigniert verschlafen oder ängstlich verträumen, finden wir die ganze Fülle der Zeit.

drucken