Jesus reißt die Mauern ein

Liebe Gemeinde,

viele Erwartungen setzen sich auf ein Neues Jahr. Haben Sie sich selbst etwas vorgenommen? Vielleicht haben Sie sich sogar einen Schwur getan, als diese scheinbar magische Zeitenwende von 23.59 Uhr auf 0.00 Uhr – und damit 2009 – geschehen ist. Aber auch die, die sich nichts persönlich vorgeschrieben haben, tragen doch Hoffnungen in sich. Wird es meine Ehe schaffen, sich dieses Jahr wieder zusammen zu raufen?, so höre ich manche Frage. Werde ich endlich aus diesem nie enden wollenden Krankheitskreislauf aussteigen können?, so kenne ich die Klage von vielen hier. Sie könnten alle Bereiche ihres Lebens durchgehen: die Kinder, die Arbeit, das liebe und doch so unselige Geld, kaum ein Bereich ist von diesen Hoffnungen und Wünschen ausgenommen. Und diese Hoffnungen und Wünsche sind besonders sichtbar, besonders fühlbar, wenn eine echte oder scheinbare Grenze sich auftut oder überschritten wird. Deswegen ist der Neujahrstag, der übrigens erst seit 1691 durch einen Papst verbindlich wurde, so ein geeigneter, wenngleich willkürlich gesetzter Ort.

Als Jesus seine Verkündigung und seine Heilungen begann, war er ca. 30 Jahre alt, ein Zimmermann von Beruf und – laut den biblischen Berichten – bisher nicht weiter in Erscheinung getreten. Sein Neubeginn fand nach seiner Versuchung in der Wüste statt, wo ihn der Teufel die symbolische Zeit von 40 Tage bedrängte. Erst danach begann seine kurze Periode der Wirksamkeit, die ihn schließlich ans Kreuz führen sollte. Seinen ersten Auftritt vermittelt uns unser Predigtwort für den heutigen Tag. Seine Zuhörer kannten Jesus, sie haben ihn aufwachsen sehen, und nun passiert bei der Lesung des Propheten Jesaja Folgendes.

[TEXT]

Es ist, liebe Gemeinde, eigentlich eine unglaubliche Begebenheit, die dort berichtet wird. Unser Predigtwort bricht hier einfach ab und konzentriert die Geschichte damit umso mehr. Jesus, den man später den Christus, den Gesalbten Gottes, nennen wird spricht nicht über diese ganzen Hoffnungen und Wünsche, die sich in dem Prophetenwort versammeln, und er redet nicht über die Zukunft eines kommenden Heilandes. Nein, er sagt schlicht und einfach: "heute ist diese Wort erfüllt!". Die Menschen damals taten, was viele heute noch tun würden, wir wahrscheinlich auch, wenn wir in unserem religiösen Empfinden gepackt wären: sie murrten auf, sie klagten an, schließlich – und da ist heute hoffentlich eine Grenzen – schließlich versuchten sie, Jesus zu töten, was ihnen aber nicht gelang.

Spielt Jesus nur mit den Wünschen und Hoffnungen dieser Menschen? Nimmt er sie also darin nicht ernst, ihre Sorgen, ihre Mühen? Blicken wir in den Text. Um was geht es? Die Frohbotschaft soll den Armen gebracht werden. Den Gefangen gepredigt, dass sie frei sein sollen. Den Blinden, dass sie sehen sollen. Den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen. Das Gnadenjahr des Herrn soll verkündigt werden. Da ist, liebe Gemeinde, ganz schön Sprengstoff drin. Freiheit von Gefangenschaft, von Armut, von Krankheit im weitesten Sinne. Im Gnadenjahr wird darüber hinaus Schuldenerlass betrieben, die Sklaven in die Freiheit entlassen, Grund und Boden zurück gegeben. Und nun kommt einer und sagt: "Heute ist dieses Wort erfüllt."

Nein Jesus, der Christus, spielt nicht mit den Hoffnungen und Wünschen der Menschen. Er nimmt sie vielleicht sogar ernster, als sie sie selber genommen haben und gibt ihnen eine neue Richtung. Denn er konzentriert sie auf das glaubende Vertrauen in Gottes Liebe hin, die in seiner Person, in seinem Namen offenbar wird. Es sind, wenn Sie so wollen, liebe Gemeinde, nicht bloß Einzelwünsche, wie wir sie alle – nehme ich an – ständig haben, Teilbereiche des Lebens sozusagen, die man immer noch ein Stückchen optimieren kann. Wie sagt jemand aus der Gemeinde: "Gut ist nie gut genug!" Jesus geht es nicht um Einzelaspekte, sondern um den gesamten Menschen. Er sagt: wenn ihr euch auf diesen Glauben, auf dieses Vertrauen zu Gott einlassen könnt, dann ist dies alles für euch heute erfüllt. Die Menschen konnten und können es auch heute oft nicht wahrhaben, nicht verstehen. Ich bin doch noch im Gefängnis, ich bin doch noch krank, noch arm, noch zerschlagen usw. – nichts hat sich geändert.

Und doch ist eine Änderung möglich. Bonhoeffer etwa war Gefangener zum Tode und hat doch Leben und Freiheit ausgestrahlt. Genügend Kranke kennen wir, die trotz ihrer Krankheit den Weg zum Leben kennen. Nach den 40 Tagen der Versuchung durch den Teufel spitzt Jesus die Botschaft der Schrift, auf die viele Menschen hoffen, zu. Er führt sie in ein Ziel zusammen und das heißt: Gott als die Liebe zu den Menschen zu begreifen und sich dieser Liebe anzuvertrauen. Wir laufen an Neujahr Gefahr, es mit unseren Wünschen und Hoffnungen so zu halten, wie die Zuhörer in jener Synagoge damals. Nur bruchstückhaft zu denken, nur bruchstückhaft zu hoffen, nicht auf das Ganze sehen und auf das Ganze gehen.

Nur so übrigens, liebe Gemeinde, hat die Werbung und der Konsum in unserem Leben einen Erfolg. Weil sie uns kleine Dinge versprechen können, überschaubar und als Ziel erreichbar. "Wenn du nur dieses Parfüm hast, dann wirst du ein begehrter Mensch werden. Wenn du nur dieses Auto fährst, dann wirst du endlich anerkannt. Wenn du nur diesen Sessel besitzt, dann wird Ruhe in deinem Hause einkehren." Sie kennen all diese Beispiele zur Genüge. Wer am Ende eines Lebens einigermaßen ehrlich zurückblickt, wird feststellen, wie wenig er von diesen Dingen wirklich gebraucht hat, wie wenig diese Dinge zu seinem Glück tatsächlich beigetragen haben. Auf seine radikale Art macht Jesus diesen kurzfristigen Wünschen und Hoffnungen den Garaus.

"Heute ist all das erfüllt." Und das, obwohl doch offensichtlich die Einzelwünsche noch nicht in Erfüllung gegangen sind. Jesus ändert die Perspektive, er gibt ein anders Ziel vor. Ein Ziel, welches tatsächlich schon heute zu greifen ist und um welches es in jeder christlichen Verkündigung grundlegend geht. Die Ausrichtung auf Gott. Oder nochmals anders ausgedrückt: das sich-Ausrichten-lassen auf Gott. Die Hinwendung zu ihm im Vertrauen, dass Gott deinem Leben einen Sinn und ein Ziel gibt. Die Hoffnung, dass durch die Taufe tatsächlich dein Name im Himmel ins Buch des Lebens eingeschrieben wurde und du damit tatsächlich in einen anderen Machtbereich eingeordnet worden bist.

Sie alle kennen diesen Sketch – ich will ihn trotzdem nochmals erzählen, und das übrigens nicht nur, weil gestern eine große Sylvesterfeier stattgefunden hat. "Ein Betrunkener wankt nachts durch die Straßen, tastend von einem Alleebaum zum anderen. Schließlich trifft er auf eine Wand. Fein. Sie wird ihn ein schönes Stück weiterbringen. Er darf nur den Kontakt mit ihr nicht wieder verlieren. Und so tappt er mit beiden Händen dahin. Immer an der Wand lang … Was er nicht weiß: Die Wand ist eine Litfaßsäule. Er umwandert sie vertrauensvoll. Endlos. Schließlich kommt er selbst darauf, dass er im Kreis geht. Da entringt sich ein Seufzer der Resignation seiner gequälten Brust: Eingemauert!"

Jesus, liebe Gemeinde, reißt diese Mauer ein, die doch nichts anders ist, als dass wir uns in vielen unserer Hoffnungen und Wünsche im Kreise drehen, endlos, ohne Aussicht auf Erfüllung. Im Bilde gesprochen nimmt er uns bei der Hand, führt uns von der Litfaßsäule weg hin auf einen ordentlichen Weg, von mir aus denken Sie sich ein stabiles Geländer. Und dieser Weg führt hinaus aus der Nacht und aus der Trunkenheit, hinein in das Licht des Tages, wo wir nüchtern und deshalb voll echter Freude dem begegnen können, was uns wahrhaft frei macht.

Ich will Sie am Anfang dieses Jahres 2009 daran erinnern, wo diese Freiheit zu finden ist. In der Hinwendung zu Gott, im Vertrauen auf seine Liebe. Behalten Sie dieses Ziel vor Ihren Augen, diese Hoffnung in Ihrem Herzen: Noch ist ja Weihnachtszeit, erst vor kurzem haben wir dem Beginn dieser Hoffnung nachgelauscht. Lassen Sie sie wachsen in diesem Jahr und gestalten Sie es, im Vertrauen auf diese Liebe Gottes.

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