Wenn es eng wird im Leben …..

14.12.2008 Emmauskirche Karlsruhe-Waldstadt

Liebe Gemeinde,
wenn es eng wird im Leben, wenn ein Mensch spürt, dass es um alles geht, dann kommen die wesentlichen Fragen.
Für Johannes war es eng geworden. Er hat öffentlich König Herodes kritisiert wegen dessen Ehebruchs: der hatte Herodias, die Frau seines Bruders genommen, und seine eigene Frau verstoßen. Für seine Kritik war Johannes ins Gefängnis geworfen worden, hier wartete er darauf, wie es weitergehen sollte. Drohte ihm jahrelange Haft? Drohte ihm Folter oder der Tod? In seiner Ungewissheit wurde ihm auch der Nazarener fraglich: War er der, auf den er gehofft hatte oder nicht?
„Er hat seine Worfschaufel in der Hand; er wird seine Tenne fegen …. die Spreu wird er verbrennen mit unauslöschlichem Feuer“(Mt 3,12), so hatte er über Jesus gepredigt. Wie passten dazu die Werke Christi, von denen er gehört hat? Was Jesus sagte und tat, sah anders aus! Jesus heilte Kranke, nahm Ausgestoßene an und verkündete Armen das Evangelium. Jesus ließ kein Feuer vom Himmel fallen, er war nicht der Mensch gewordene Zorn Gottes, den Johannes erwartet hatte.
Zur Ungewissheit über sein persönliches Schicksal kamen auch die Zweifel über Jesus: Sollte wirklich er der Messias, der Erlöser, der Retter sein? Es sah so gar nicht danach aus! Den möglichen Tod vor Augen brauchte Johannes Gewissheit. Entweder – oder.
Wenn unser Leben in die Enge getrieben wird, dann stellen wir die wesentlichen Fragen: Wenn eine schreckliche Diagnose gestellt wird, wenn eine gefährliche OP bevorsteht, wenn eine menschliche Beziehung zerbricht, wenn ein Mensch plötzlich in die Arbeitslosigkeit geworfen wird. Dann verblasst alles Nebensächliche und nur die entscheidende Frage bleibt übrig, was durchträgt. Der Heidelberger Katechismus hat diese Frage so formuliert: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ Und er antwortet: „Dass ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben nicht mein, sondern meines getreuen Heilands Jesu Christi eigen bin, der mich erkauft hat, aus dem Bösen erlöst und bewahrt.“
Wenn die Selbstsicherheit zerstört ist, wenn auf einmal nichts mehr sicher ist, dann brechen die Zweifel an Gott voll durch. „Anfechtung“ nannte das Martin Luther. So war es auch bei Johannes.
Manche Menschen meinen, dass die Zweifel ein Zeichen von Glaubensschwäche sind und dass ein richtig gläubiger Mensch keine Zweifel und keine Anfechtung kenne. Ich bin dagegen der Meinung, dass der Zweifel zum Glauben gehört wie der Schatten zum Licht. Glaube ist nicht ohne Zweifel zu haben. Bei Johannes waren die Zweifel völlig berechtigt. So wie er sich den Messias vorgestellt hat, war Jesus offensichtlich nicht. Herodes hatte weiterhin die Macht, die Römer unterdrückten weiterhin das Volk und beuteten es aus, nichts hatte sich durch Jesus geändert in der großen Politik. Ja noch schlimmer: Jesus schien sich für die Politik, die Macht, die Revolution gar nicht zu interessieren. Stattdessen kümmerte er sich um die Bedeutungslosen: Kranke, Aussätzige, Besessene, Behinderte, Arme. Davon war kein Friedensreich zu erhoffen. Es ist bemerkenswert, dass Johannes nicht einfach den Glauben an Jesus aufgekündigt hat. Irgendetwas lässt ihn doch an diesem Jesus von Nazareth festhalten, gegen alle enttäuschte Erwartung!
Geht es uns so sehr viel anders? Wenn wir von Selbstmordattentaten hören, von Krieg und Vergewaltigungen, von Terror und Katastrophen – möchten wir da nicht auch sagen: Warum fegst du nicht deine Tenne? Warum fegst du nicht all das Böse aus dieser Welt? Wozu muss so viel Brutalität in der Welt sein? Wo ist etwas zu sehen von deinem Friedensreich? Wenn ich so frage, dann merke ich, dass mir die Zweifel von Johannes vertraut sind. War Jesus wirklich der, der kommen sollte – oder müssen wir doch noch auf einen anderen warten, der diese Welt endlich aufräumen wird? Die Zweifel sind berechtigt, denn es sind doch Gottes eigene Verheißungen, deren Erfüllung wir vermissen. Es sind ja nicht unsere Ideen, um die es geht, sondern Gottes eigene Worte, wie er sie durch die Propheten gesprochen hat. Immer wieder hat das Volk Israel Gott an seine eigenen Verheißungen erinnert, damit er sie um seines Namens willen einlösen möge. Und damit wir nicht irre an ihm werden. Das Aushalten einer Situation, in der Gott seine Verheißungen offensichtlich noch nicht erfüllt hat – wo bleiben denn Frieden und Gerechtigkeit? – bedeutet Zweifel und Anfechtung auszuhalten. Und das gehört ganz wesentlich zum Glauben. Andernfalls muss man seinen Glauben entweder aufgeben oder sich selbst betrügen. Und obwohl doch offensichtlich viel dagegen spricht, dass Jesus der ist, der da kommen sollte, halte ich mit Johannes an ihm fest. Denn etwas an Jesus lässt mich nicht los.
Glaubenszweifel lassen sich nicht durch Theorie beseitigen. Johannes geht den direkten Weg, und das ist das Einzige, was auch uns helfen kann: Johannes fragt Jesus: Bist du es oder bist du es nicht? Jesus wehrt diese Frage nicht ab, er wertet auch Johannes deswegen nicht ab. Jesus weiß sehr wohl, dass man sich an ihm ärgern kann (das Wort Skandal steckt darin!). Jesus ist skandalös anders als wir ihn gerne hätten! Das gilt bis heute! Wehe uns, wenn wir Jesus uns so zurechtgelegt haben, dass er problemlos in unser Weltbild passt! Dann haben wir ihn sicher verharmlost und für unsere Zwecke gezähmt! Jesus passt nicht in unsere Schubladen, in unsere Klischees. Darum: „Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“
Doch nun zur Antwort, die Jesus gibt: Er sagt nicht ja oder nein. Er nimmt Johannes die Entscheidung nicht ab. Der Glaube an Jesus ist immer ein Wagnis! Wer immer gehofft hatte, hier eine zweifelsfreie und eindeutige Antwort zu bekommen, wird enttäuscht! „Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt.“ Das alles hat der Prophet Jesaja als die Zeichen des kommenden Gottesreiches angekündigt. Das hat Johannes sofort verstanden und mit ihm jeder Jude, der die Prophezeiungen kannte. Es geht also nicht darum, dass Jesus ein Wunderheiler wäre. Das gab es auch schon damals viele. Die Taten Jesu bekommen ihren Sinn erst von den atl. Prophezeiungen her. Die Taten zeigen an, dass das Gottesreich mit Jesus angebrochen ist. Das ist aber keine eindeutige Antwort. Einerseits geschieht zwar etwas, was auf Gottes Reich hinweist. Doch auch das ist kein eindeutiger Beweis. Gegner von Jesus haben ihm unterstellt, er sei mit dem Teufel im Bund und könne deswegen solche Wunder vollbringen. Doch selbst wenn Johannes glauben konnte, dass mit Jesu Werken das Reich Gottes angebrochen ist, hätte das alles einen Schönheitsfehler: Von dem, der da kommen soll, vom Messias, werden solche Taten aber nicht erwartet, sondern von Gott selbst. Vom Messias erwartet man sich dagegen politische Befreiung, Königtum auf Davids Thron, weltliche Macht und ein Friedensreich, das für immer bestehen bleibt. Wenn Jesus also der Messias ist, dann jedenfalls nicht so, wie es von Gott angekündigt und von den Menschen erwartet wurde. Damit bleibt die Frage offen und wartet auf unsere Entscheidung. So ist das mit dem Glauben. Er hat keine Sicherheiten, keine Beweise, nichts was absolut unwiderlegbar wäre. Es ist mit dem Glauben wie mit der Liebe. Ich muss mich dabei selbst aufs Spiel setzen, etwas riskieren. Ich muss mich verlassen auf Gott. Es ist so wie bei einem Kind, das oben an der Treppe steht und seinem Vater unten zuruft: „Fang mich auf!“ und voll Vertrauen losspringt. Es gibt vorher keinen Beweis, dass der Vater das Kind fangen wird, aber das Kind verlässt sich darauf.
Ein ähnlicher Sprung ist der Glaube. Ich bringe Gott Vertrauen entgegen, ich traue ihm, ohne Beweise zu haben. Ich gebe meine Sicherheit auf und vertraue mich Gott an. Ohne dieses Wagnis gibt es keinen Glauben. Die Antwort von Jesus stellt Johannes und uns vor die Entscheidung, ob wir dieses Wagnis annehmen oder nicht.
Jesus liefert keine Beweise, die alles klären würden. Jesus verweist auf Zeichen, die uns zum Glauben einladen und herausfordern.
Wenn es in unserem Leben eng wird, brauchen wir Klarheit in den wesentlichen Dingen: Was gibt uns Halt und Trost im Leben und im Sterben? Unser Glaube erleidet Verunsicherung, Anfechtung. Zweifel gehören zum engagierten Glauben wie Schatten zum Licht. In unsere Zweifel hinein gibt Jesus uns Zeichen, die zum Glauben anreizen. Aber der Glaube wird uns nicht abgenommen. Beweise gibt es nicht. Es ist nötig, dass wir unsere Sicherheit aufgeben und einen Sprung machen. Indem wir Gott in die Arme springen, ergreifen wir, was nur im Glauben zu fassen ist.
„Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ „Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt“. Amen.

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