Mein Ja zu Gott und Gottes Ja zu mir

Liebe Gemeinde,
ganz schön erschrocken sein muss der Johannes. Er hat ja schon viele Menschen getauft. Die sind zu ihm an den Jordan gepilgert. Sie wollten ihr Leben ändern. Johannes hat sie zur Buße aufgerufen. Und dann hat er sie getauft. Mit Wasser aus dem Jordan. Nicht so, wie wir es heute machen, ein paar Tropfen auf den Kopf gießen. Sondern er hat seine Täuflinge im Jordan vollständig untergetaucht.
Das Untertauchen erklärte Johannes symbolisch: Wie Wasser unsere Körper reinwäscht, so sollte die Taufe die Sünden wegwaschen und damit der Mensch rein vor Gott werden.
Doch nun kommt Jesus. Ich stelle mir vor, wie erschrocken Johannes war. Den soll er taufen? Er ahnte wohl oder wusste es sogar, dass Jesus weit über ihm steht, dass er der erwartete Messias war: Den soll er taufen? Müsste es nicht umgekehrt sein: Dass der von Gott abstammende und gesendete Jesus alle anderen tauft?

Liebe Gemeinde, ich finde es interessant, dass Jesus hier nicht der Hauptakteur ist. Er macht keine Wunder, er heilt niemanden, er spricht nicht kluge Worte aus, ja er macht sich noch nicht einmal jemanden zum Feind: Hier scheint nicht Jesus wichtig zu sein, sondern Johannes. Der Johannes, von dem gesagt wird: Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste, die ruft: „Bereitet dem Herrn den Weg und macht eben seine Steige!“
Dieser unbequeme Johannes, der den Pharisäern und Sadduzäern das Gericht androht, dieser Johannes scheint im Mittelpunkt zu stehen: Er soll – wie andere vor ihm – Jesus taufen. Dass ihn das erschrecken lässt, kann ich gut nachvollziehen. Ich wäre da genauso erschrocken, genauso aufgeregt: Den Messias soll ich taufen?

Während ich dies noch denke, gleitet mein Blick wie selbstverständlich von Johannes zu Jesus. Irgendwie bleibt Jesus doch die Hauptperson in dieser Geschichte. Ich stelle mir die Frage, warum sich Jesus überhaupt taufen lässt? Er ist doch Gottes Sohn, ja Gott selbst. Und als solcher ist er doch ohne Sünde. Taufe als Wegwaschen der Sünden – macht das bei Jesus überhaupt Sinn? Es muss einen anderen Grund geben, warum sich Jesus taufen lässt.
Als unsere Geschichte geschieht, als Jesus sich taufen lassen will, da ist von Jesus noch nicht viel bekannt. Er selbst ist fast unbekannt, sieht man von Johannes ab, der sein Cousin ist, und der ihn natürlich kennt. Aber Jesus ist noch nicht aufgetreten, hat noch nicht von sich reden gemacht. Ich stelle mir vor, dass die Menschen, die gerade um Johannes herumstehen, den Jesus eher erstaunt ansehen: Schließlich reagiert Johannes so verwandelt, ohne Schimpfen, ohne Bußaufruf, einfach nur freundlich. Wer ist der, dem der große Täufer und Prophet Johannes gegenüber so ehrerbietig auftritt? Muss man den kennen, diesen Jesus?
Wie gesagt, Jesus ist total unbekannt. Denn seine Taufe steht am Beginn seiner Wirksamkeit.

Wenn wir heute kleine Kinder taufen, dann ist das mit ihnen ähnlich: Niemand – außer der Familie natürlich – kennt sie. Die Taufe steht zu Beginn ihrer Lebens. Bei Jesus steht die Taufe zu Beginn seiner Wirksamkeit. Ich glaube auch nicht, dass es auf das Von-Sünden-reinwaschen angekommen ist. Die Taufe verstehe ich vielmehr als eine Art Vorstellung oder Bekanntmachung. Wie ein Kind der Gemeinde und Gott vorgestellt wird (deshalb gehört für mich die Taufe in den Gemeindegottesdienst), so wird Jesus der Weltgemeinde vorgestellt. Und Gott bestätigt diese Vorstellung, indem er eine Stimme aus dem Himmel schallen lässt, die sagt: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!“

Was für eine Taufe, was für ein Ereignis! Ich stelle mir wieder die Menschen vor, die um Johannes herumstehen: Wie sie erschrecken! Schließlich ist es nicht alltäglich, dass man Gottes Stimme vom Himmel hört. Und dann noch mit diesem Inhalt: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!“
Nun wissen sie Bescheid, wer dieser Jesus ist. Sie haben bei Johannes Befreiung ihrer Sünden gesucht, und sie haben den schlechthin Sündenfreien gefunden.
„Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!“ Dieses Wort Gottes verstehe ich als Beauftragung und Bevollmächtigung: Mit seiner Taufe wird Jesus von Gott beauftragt und bevollmächtigt! Durch dieses Wort Gottes ist sein Leben vorherbestimmt. Noch weiß niemand, was es bringen wird, aber jetzt schon wird klar: Das Leben des Sohnes Gottes wird besonders sein!

Liebe Gemeinde,
erinnern Sie sich an Ihre eigene Taufe? Ich auch nicht, denn wir alle wurden noch im Säuglingsalter getauft. Wenn ich als Pfarrer heute Menschen taufe, dann führe ich einen Auftrag Gottes aus. Denn er hat uns durch Jesus Christus sagen lassen: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie zu halten alles, was ich befohlen habe. Und siehe, ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende!“
Wenn ich heute also taufe, dann führe ich nur etwas durch, was eigentlich Gott selbst tut: Denn mit der Taufe sagt er dem Täufling zu, ihn sein Leben lang zu begleiten. Ohne eigene Vorleistung nimmt Gott den Menschen an. Doch die Taufe ist nur die eine Hälfte des Auftrags: „Tauft sie und lehrt sie zu halten alles, was ich befohlen habe!“
Nach der Taufe kommt also die Lehre oder das Verstehen, das uns alle angeht: Denn dafür sind nicht nur wir Pfarrer zuständig, sondern jeder unter uns. Das kann die Großmutter sein, die ihren Enkeln Geschichten von Gott erzählt. Das kann der Vater sein, der zu seinem Kind über seine Erlebnisse mit Gott berichtet. Das kann der Pate sein, der nicht nur für die Geschenke da ist, sondern seinem Patenkind auch vermitteln soll, was die Taufe eigentlich bewirkt. Und im Konfirmandenunterricht wird noch einmal gebündelt, was der Mensch bisher an Erfahrung mit Gott gesammelt hat. Die Konfirmation ist dann mein Ja zu Gott: Das Ja, das meine Eltern bei meiner Taufe stellvertretend für mich gesprochen haben. Das Ja, mit dem ich nun meine Taufe bestätige und sage: „Ich bin froh, dass ich getauft bin und Gott angehöre!“ Das Ja, das in Gottes Ja zu mir einstimmt.

Erschrecken wie Johannes müssen wir also nicht. Aber den Sohn Gottes erkennen in dieser Geschichte und verstehen, dass unsere Taufe ein Abbild von Jesu Taufe ist. Und dass wir durch die Taufe zu Gott gehören. Zu dem Gott, der zu Jesus gesagt hat und zu jedem von uns sagt: „Du bist mein liebes Kind, an dem ich Wohlgefallen habe.

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