Simeon und Hanna – Abschied in Frieden, die Zukunft begrüßend

Predigttext: Lukas 2,22-40
Karlsruhe-Waldstadt / Emmauskirche
am 28.12.2008

Liebe Mitchristen,
es war wieder religiöser Alltag eingekehrt bei Maria und Josef. Die Aufregungen der Geburt im Stall, die Engelsbotschaft, der Besuch der Hirten, das alles lag jetzt hinter ihnen, so wie wir das Weihnachtsfest hinter uns haben. Religiöser Alltag kehrt wieder, ein ganz normaler Gottesdienst. Wahrscheinlich erwarten Sie heute nichts Besonderes, nichts Spektakuläres in diesem Gottesdienst. Vielleicht versuchen Sie einfach etwas Ruhe zu finden nach den Feiertagen. Vielleicht suchen Sie Gott in den etwas leiseren Tönen, die nun zwischen den Jahren zu hören sind.
Maria, Josef und das Christuskind, sie gehen nach Jerusalem, weil Mose es so vorgeschrieben hat, um Jesus Gott zu weihen. Das war nichts Besonderes, sondern das, was jede jüdische Familie tun musste, wenn der erste Sohn geboren war. Und noch zwei weitere Personen sind da im Tempel, Simeon, ein alter Mann, der nicht sterben kann, bevor er den Heiland gesehen hat und eine 84-jährige Witwe, die sich gewohnheitsmäßig im Tempel aufhält.
Lukas erzählt uns eine sehr anrührende Szene: Der alte Mann nimmt den Säugling auf seinen Arm und schaut ihm in das noch verrunzelte Gesichtchen. Wir kennen alle diese Szene, denn sie geschieht immer wieder. Alte Menschen fühlen sich in besonderer Weise hingezogen zu Kindern und besonders zu Säuglingen. Wie oft kommt es vor, dass sich fremde ältere Menschen über einen Kinderwagen beugen und das Neugeborene sehen wollen. Es rührt mich schon an, wenn ich das so vor mir sehe: ein alter Mann mit einem Säugling auf dem Arm. Werden und Vergehen so dicht beieinander. Der alte Mann, der sein Leben hinter sich hat, der im Begriff ist, sich aus dem Leben zu verabschieden, er stellt die Vergangenheit dar. Der Säugling, der noch ganz im Werden ist, der viele tausend Möglichkeiten noch vor sich hat, der ins Leben erst hineinwächst, er stellt die Zukunft dar. Mit dem Blick auf die Zukunft ist es wohl leichter zu sterben.
Simeon ist in einer Hinsicht anders als viele alte Menschen: er geht nicht in der Vergangenheit auf, er lebt nicht von dem, was einmal war. Er labt sich nicht an seinen Erfolgen und Verdiensten. Er ist aber auch nicht verbittert von der Vergangenheit, wie viele es sind. Wie viele alte Menschen plagen sich bis an ihr Ende mit Verletzungen, die ihnen zugefügt worden sind, mit Bitterkeit über Menschen, denen sie nicht vergeben können, mit Selbstvorwürfen wegen ihrer Versäumnisse oder Fehler. Oder sie hadern mit dem Schicksal, das ihnen übel mitgespielt hat. Simeon hätte wohl auch Grund gehabt, so zu sein. Er war fromm und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, vermerkt Lukas ausdrücklich. Was bedeutet das? Er hatte vermutlich einiges zu erleiden von den Römern, mit denen die Frommen immer in Konflikte gekommen sind. Er musste wohl mit der Erfahrung leben, dass es denjenigen, die Gott treu sind, keineswegs immer gut geht, sondern denen, die sich mit den Verhältnissen und den Machthabern arrangieren. Wer allzu fromm war, bekam den Druck Roms zu spüren. „Wo bleibt denn der Trost Israels?", so wird er wohl öfter gefragt haben. Wann wird der große Befreier kommen, der Messias, der nicht nur Israel aufrichten, sondern auch die Herzen der Heiden Gott zuwenden wird? Lange schon wartete er vergeblich darauf. Trotzdem ist Simeon offen für das Hier und Heute, offen für Gottes Geist, durch den er sich anregen lässt, in den Tempel zu gehen. Nicht Verbitterung und Resignation beherrschen ihn, sondern der Geist Gottes leitet ihn. Und so kann er in Jesus den sehen, den er so lange erwartet hat. Er blickt auf den Säugling und sieht die Zukunft. Er ist hellsichtig in diesem Moment und erkennt mehr als mit dem bloßen Auge zu sehen ist. Da findet sein Herz Frieden, da sieht er seine Sehnsucht gestillt. Jetzt kann er in Frieden sterben. Er sieht, dass Gott diese Welt in seinen Händen hält, dass Gott vorgesorgt hat. Da braucht es keinen Kampf und keine Verbissenheit mehr. Jetzt kann er die Welt loslassen, gelassen sterben. Es fällt vielen Menschen schwer, in Frieden zu sterben, weil sie den Heiland nicht erblicken konnten in ihrem Leben, weil sie die Geborgenheit in Gott nie erlebt haben.
Wir stehen in einer ähnlichen Situation wie Simeon: auch wir müssen Abschied nehmen, loslassen, einen der vielen kleine Tode sterben. Das Fest ist vorbei, wir müssen es hinter uns lassen und mit ihm ein weiteres Jahr unseres Lebens. Haben wir es als sinnvoll erlebt, dieses Jahr oder als leere Zeit? Erlebten wir es als Zeit, die unter den Händen zerrann, oder haben wir den Heiland gesehen? Haben wir ab und zu ein Stück Himmel erlebt? Haben wir gespürt, dass Gott uns durchträgt, auch wenn es finster geworden ist? Das alte Jahr ist im Vergehen, das neue steht kurz bevor. Beides dicht beieinander, so wie der Alte und der Säugling. Jetzt brauchen wir die Hellsichtigkeit des Simeon! Denn es gilt, mehr zu sehen als vor Augen ist!
Maria und Josef wundem sich sehr über das, was Simeon da gesagt hat. Und jetzt sagt Simeon noch klarer, was Weihnachten jenseits der Glitzerreklame, der Weihnachtsbäume, der Geschenke und Duftkerzen bedeutet, im Alltag bedeutet: „Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und zum Aufstehen für viele in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird.“ Der Heiland bringt eine große Hoffnung in diese Welt – keine Frage! Er bring aber keineswegs die große Harmonie, die wir an Weihnachten so gerne hätten: ihm wird widersprochen werden, durch ihn werden einige zu Fall kommen, „Raum in der Herberge" wird er auch als erwachsener Heiland nicht finden. Die Welt wird gegen ihn sein und ihn vernichten. Das sagt Simeon zu Maria, als er ihr prophezeit: „Auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen.“ Da ist verschlüsselt vom Kreuz die Rede, unter dem Maria weinend stehen wird. Weihnachten, die Geburt des Heilandes, das ist abgesehen von der Geburtstagsfeier eine äußerst zweischneidige Sache. Matthäus erzählt, dass der Neugeborene sofort durch Herodes verfolgt wurde, der auch vor Kindermord nicht zurückschreckte, wenn es um seine Macht ging. Deshalb die Flucht der Familie in ägyptisches Asyl. Das gehört auch zur Realität von Weihnachten, aber es passt so gar nicht zu unseren Bedürfnissen nach Harmonie und Heilsein. Doch nun, das Fest hinter uns lassend und uns dem Alltag im neuen Jahr zuwendend, wird dieser Aspekt wichtig und unausweichlich: Wo Jesus zur Welt kommt in unserer Mitte und durch uns, da ist er von Anfang an verfolgt. Wo der Glaube in uns entsteht, ist er sofort auch angefochten und bedroht. Die große Hoffnung, das Licht in der Finsternis, sie sind in unserem Alltag bedroht und müssen geschützt werden wie der neu geborene Säugling. Wo wir unseren Glauben leben, da bricht nicht die allseitige Sympathie und die allseitige Harmonie aus, sondern es kommt zum Fall und Aufstehen, zum Entweder – Oder, zur Annahme oder Ablehnung. Wo wir Zeichen des Glaubens setzen, da wird uns widersprochen werden. Das also bedeutet Weihnachten jenseits der Festtage: ein Licht ist in uns entzündet, aber von Finsternis bedroht. Eine Hoffnung ist uns gegeben, aber sie wird sich gegen das Gespött durchsetzen müssen. Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben, aber wir werden ihn gut beschützen müssen, damit nicht die Herodes und seine Nachfolger ihm das Leben nehmen. Achtsam müssen wir sein mit unserem Glauben. Zum Glück sind wir dabei nicht allein: so wie Gott Josef seinen Engel geschickt hat, um ihn zu warnen und das Neugeborene zu schützen, so steht über unserem Leben die Zusage, die Jesus dem Petrus gegeben hat: „Simon, Simon, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre." (Lk 22,31-32) Der in uns geboren werden und durch uns zur Welt kommen will, der schützt uns auch.
Bedenken wir noch ein wenig die Prophetin Hanna! Auch sie ist ein ungewöhnlicher Mensch! Nur sieben Jahre war sie verheiratet, dann verwitwet. Welch schweres Schicksal mag sie wohl gehabt haben! Jahrzehntelang allein leben, in der Gesellschaft wenig geachtet – allenfalls wegen ihrer religiösen Begabung. Warum sie wohl nicht wieder geheiratet hat in so jungen Jahren? Jedenfalls ist sie kein bitteres und böses altes Weib geworden, wie wir es manchmal nach einem solchen Schicksal vorfinden. Sie ist wie Simeon ein offener Mensch geblieben, offen für das Hier und Heute und offen für die Zukunft, die sie wie Simeon von Gott erhofft. Fasten und Beten, Tag und Nacht, das war ihr Lebensinhalt, aber dennoch war sie nicht dumpf und gleichgültig geworden. In ihrer religiösen Routine war sie offen, etwas Neues von Gott zu erwarten. Darin kann sie für uns ein Vorbild sein. So sehr unser Gottesdienstbesuch eine gute Gewohnheit sein mag, so wichtig ist es, immer wieder neu hinzuhören, neu die Dinge des Glaubens zu betrachten und auf jeden Fall offen zu sein für das, was mir Gott vielleicht gerade heute sagen will. Es ist für unseren Glauben abträglich, wenn wir meinen, alles schon zu kennen, wenn wir gar nicht mehr richtig zuhören und schon alles zu wissen meinen. Hanna hat sich die Offenheit für Gott bewahrt, durch Jahrzehnte religiösen Alltages hindurch! Aber nun ist Hanna auch anders als der introvertierte Simeon, der inneren Frieden und Trost gefunden hat. Hanna ist sozusagen die erste Evangelistin: Allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten, erzählte sie von Jesus. Sie breitet die freudige Nachricht aus. Sie erzählt, was sie gefunden hat. Ich meine, wir brauchen beide Gestalten in uns: den Simeon, der seinen Frieden gefunden hat, der nun loslassen kann und auf die Zukunft Gottes vertraut. Er ist nun ein Mensch mit innerem Gleichgewicht. Und wir brauchen eine Hanna in uns, die gerne weitergibt, was sie empfangen hat. Sie lobt Gott und teilt mit anderen Menschen ihre Hoffnung. Nach innen hin gestärkt und nach außen hin Jesus verkündigend, so lasst uns froh und mutig ins neue Jahr gehen. Amen.

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