Seeing is believing: Machs wie Gott: brich auf!

Lukas 2,1-20
Karlsruhe-Waldstadt / Emmauskirche 24.12.2008

Liebe Gemeinde,
alle Jahre wieder hören wir diese Geschichte von den Hirten und Engeln, von Maria und Josef und natürlich vom Heiland in der Krippe. Große Freude wurde den Hirten damals verkündigt auf dem Feld. Freude, die aber noch nicht da war, und die erst noch entdeckt werden musste. „Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat“, sagten sie sich und machten sich auf. „Seeing is believing“, sehen heißt glauben, sagten Freunde aus Südafrika, auch Hirten von ihrer Kultur her. Zuerst musste ich lachen über diesen etwas ketzerisch klingenden Satz. Er widerspricht der üblichen Lehre vom Glauben, wird aber von vielen Menschen geteilt, die da sagen: „Ich glaube nur, was ich sehen kann.“ Zuerst fand ich das herrlich schräg, aber dann habe ich entdeckt, dass die Hirten in der Weihnachtsgeschichte ja genauso dachten. Die große Freude, die ihnen angekündigt wurde, sie muss Hand und Fuß bekommen, ich muss sie sehen können. Zum Wort des Engels muss das eigene Erleben kommen! Darum brechen sie auf. Weihnachten ist eine Geschichte vom Aufbruch.
Und der erste, der aufbricht, ist Gott. Er bricht den Himmel auf und kommt zu uns Menschen als ein Mensch. Er will nicht in einem fernen Himmel hocken, weit weg von Freud und Leid der Menschen. Er will nicht der große Unbekannte bleiben, der immer Unerreichbare, der immer Unbegreifliche. Er will uns Menschen als Mensch begegnen, aus Menschenmund zu uns sprechen, will sichtbar und spürbar unter uns leben, damit wir ihn hören und verstehen können. Gott, nicht länger eine abstrakte kosmische Macht, sondern in Menschengestalt, ein ansprechbares „Du“. In seinem Sohn Mensch geworden sagt er uns wer er ist und wie er ist: ein liebevoller, ein guter Vater. Ein Gott, der voll Liebe für uns Menschen ist, ein Gott, der keine hoffnungslosen Fälle kennt, ein Gott, der dich nicht abweist, wenn du kommen willst. Gott macht sich auf zu uns Menschen, damit wir hören und sehen können, wie Gott es mit uns meint. Denn das Kind in der Krippe wird zu dem Mann aus Nazareth, der uns vorlebt, wie wir zu wahrhaft menschlichen Menschen werden.
Auf diesem Weg zu uns gibt Gott alle Größe auf. Er verzichtet auf Macht, Wissen und Können, um uns nahe zu kommen. Er will uns nicht einschüchtern, „Fürchtet euch nicht!“, sagt der Engel. Darum kommt er in einem Baby zur Welt. In Jesus Christus gibt Gott sich in die Hände von uns Menschen, braucht Marias Fürsorge und Josefs Schutz. Hilfsbedürftig, ganz angewiesen auf die Eltern, hungernd und frierend, so kommt Gott in einem stinkenden Stall in unsere Welt, in Windeln gewickelt. Der große Gott wird ganz klein und ganz menschlich. Gott will in uns die Liebe erwecken, nicht Furcht und Schrecken. Darum ein Baby, das uns ganz natürlich zur Sympathie und Zuwendung anreizt. Und doch geht es an Weihnachten um mehr als um die Zuneigung zu irgendeinem Baby. Das Kind in Windeln gewickelt ist für uns ein Zeichen, hinter dem sich mehr verbirgt.
Dass Gott uns so menschlich erscheint, dass er uns so nahe kommt, das ist Grund zur Freude! Gott ist nicht mehr fern, nicht mehr erschreckend, nicht mehr unnahbar. Er macht sich begreiflich und begreifbar. Gott schenkt uns seinen Sohn! Ja, es ist sein Geschenk an uns, dass Gott sich so zeigen will, dass wir uns jetzt vorstellen können, wie er es mit uns meint und wie er uns gerne haben möchte. Gott schenkt.
Im Unterschied zu vielen anderen Religionen kommt unser Gott aus freien Stücken zu uns. Es sind nicht wir Menschen mit unseren Leistungen, unseren Opfern, unseren Gottesdiensten, die ihn auf die Erde herabzwingen. ER kommt von selbst. Es ist seine eigene Liebe zu uns, die ihn dazu treibt. Es geht im christlichen Glauben nicht darum, wie wir zu Gott kommen, sondern wie Gott zu uns kommt. Er tut den ersten Schritt, er überwindet den Abstand, er wird Mensch, er schenkt uns seinen Sohn. Bei uns kann nur die Frage sein: „Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir?“
Wenn wir uns an Weihnachten gegenseitig Geschenke machen, dann hat das darin seinen tiefen Sinn! Gott schenkt – kann ich mich beschenken lassen? Bin ich offen dafür, etwas anzunehmen ohne gleich wieder an eine Gegenleistung zu denken? Wer sich beschenken lassen kann, der bricht aus aus dem Leistungssystem, aus dem Leistungsdruck unserer Gesellschaft! Schön, dass es Weihnachten gibt, schön, dass wir das mindestens einmal im Jahr üben: sich beschenken lassen. Können wir uns von Gott beschenken lassen? Sind wir auch offen für ihn? Er schenkt uns seinen Sohn. Das Wichtigste in unserem Leben können wir uns nicht erarbeiten, das Wichtigste müssen wir uns schenken lassen. Die Liebe eines Menschen, ein Freund, der wirklich zu mir hält, Gesundheit, Glück: all das kann ich nicht machen, nicht mir erarbeiten, nicht mir verdienen. Ich kann mich nur dafür öffnen und es mir schenken lassen. Wohl dem, der es kann! Öffnen wir uns doch dem, was uns Gott schenkt in seinem Sohn Jesus Christus! Da ist nicht nur das Kindlein in der Krippe, da ist auch der erwachsene Mann, der etwas zu sagen hatte, was unser Leben verändert. Der Dinge tat, die uns Menschlichkeit neu buchstabieren lassen. Der Menschen, das Recht zusprach, anders, neu zu werden.
Nachdem Gott aufgebrochen ist zu uns Menschen, brechen nun die Hirten auf, um Gott zu suchen. Die gute Nachricht weist ihnen den Weg: Ein Kind in einem Stall in Bethlehem. Nicht gerade das, was man sich vorstellt. Eigentlich der letzte Ort, wo man Gott suchen würde. Aber jetzt wollen sie sehen, was da geschehen ist. Sie wollen mit eigenen Augen sehen, nicht nur auf das Wort hören, selbst erfahren. For seeing is believing. Weil sehen glauben bedeutet.
Sie, liebe Festgemeinde, haben sich heute Abend auf den Weg gemacht hierher. Wir alle sind auf der Suche nach der Freude und dem Frieden, von denen der Engel gesprochen hat. Und im Weihnachtsgottesdienst hoffen wir, etwas davon zu sehen, zu spüren, zu erfahren. Darum ist es gut, dass Sie gekommen sind, ganz gleich ob Sie häufiger zum Gottesdienst kommen oder eben nur an Heilig Abend.
Wer gekommen ist, macht es so wie die Hirten: er bricht auf, um mit eigenen Sinnen zu erleben, was der Engel verheißen hat. Da werden keine Platzkarten vergeben und auch niemand weggeschickt. Alle sind Gott recht, die sehen und glauben wollen. Schließlich ist die große Freude „allem Volk“ verheißen und nicht nur den Kirchensteuerzahlern.
Als die Hirten am Ziel waren und gesehen hatten, brachen sie wieder auf. Sie gingen zurück nach Hause, zurück in ihren Alltag. Mitgenommen haben sie das Lob Gottes. Sie „priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten.“
Nach den Feiertagen, im neuen Jahr spätestens, werden auch wir in den Alltag zurückkehren. Nehmen wir aus diesem Gottesdienst, aus diesen Festtagen das Lob Gottes mit. Ganz gleich ob es eine Zeile aus einem Lied ist, ein Gebet, ein Bibelwort, eine Musik, etwas, was Gott lobt für das, was er uns schenkt. Dann wird unser Alltag von einem neuen Licht erhellt.
Nein, unsere Probleme sind dann nicht einfach weggezaubert. Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Klimawandel und wie die Schreckenswörter sonst noch heißen mögen, sie bezeichnen immer noch einen Teil unserer Wirklichkeit. Ebenso wie auch damals die Römerherrschaft bestehen blieb mit all der traurigen Wirklichkeit von Ausbeutung und Unterdrückung.
Aber über all diesen dunklen Schatten ist ein Licht aufgegangen. Sie sind nicht mehr ein schwarzes Loch, das uns verschlingt. Die Macht der Schatten ist gebrochen! Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht. Im Stall von Bethlehem leuchtet es auf. Amen.

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