Wimpernschlag

Der für die heutige Christvesper vorgegebene Predigttext, liebe Gemeinde, umfasst die Weihnachtsgeschichte bis zu der wunderbaren Doxologie der himmlischen Heerscharen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

Hinter dieser einzigartigen Doxologie, der einzigartige Anlass: „Und sie gebar ihren ersten Sohn …“. Der erste Sohn, die erste Tochter: Diese wunderbar frei von allem Dunkel leuchtenden Augen, das zarte Gesicht, das Köpfchen zum Streicheln, die winzigen Hände und Füßchen, dieses Neugeborene:

„Für einen Wimpernschlag hält die Welt den Atem an. Ein neuer Stern ist erwacht, mit dir, mit deinem ersten Schrei“ so eine Dichterin.

Wie gerne strecken wir dann unsere Arme aus und lächeln und blinzeln ihm zu, hören uns in Laute verfallen, die uns zu anderen Zeiten niemals in den Sinn gekommen wären. Glück, Glück und noch einmal Glück! Vor allem natürlich, wenn es das eigene Kind ist oder das eigene Großkind. Dann erhält die Welt eine neue Mitte, ein neuer Stern strahlt in das Herz. Der Evangelist Lukas berichtet nicht über die Geburt irgendeines Kindes, sondern von dem Glück und noch einmal Glück für alle Menschen: „Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens“. „Und sie gebar ihren ersten Sohn“, aus dessen Augen alle Menschen bis heute mit dem Wohlgefallen betrachtet werden, mit Liebe, die niemals zerbricht. Gott, dein Gott, schaut dir in die Augen, durch Kinderaugen, und sein ewiges Wohlgefallen strahlt dir aus ihnen entgegen. Wenn das kein Glück ist für dich und für mich, für uns Menschen, was sollte man dann Glück nennen? Wenn das nicht die Mitte der Welt ist, was sollte dann Mitte der Welt werden können? Das ewige Wohlgefallen Gottes durch dieses einzigartige Kind!

Da ist ein Sohn geboren, auf den irdische Herrscher ihr Handeln ausrichten; da ist ein Sohn geboren, der zerbrochene Beziehungen verwandelt, da ist ein Sohn geboren, dessen Licht hell in das Dunkel der Zukunft hineinleuchtet. Der Evangelist Lukas findet ästhetische Wunderworte, gestaltet filigran den Bogen der Geschichte wie sonst niemand vor ihm und niemand nach ihm, und malt das Bild mit dem Herzblut des Erleuchteten, dessen Gefühle sich in diese Weihnachtsgeschichte hinein verlieren. In seinem Herzen leuchtet eine Mitte, ein Stern erleuchtet seine Welt.

Dieser einzigartige Weihnachtsstern konkurriert jedoch nicht mit den politischen Konstellationen. Zwar steht der strahlende Stern über ihnen und raubt ihnen damit ihre Letztbedeutung, macht sie sozusagen zu Vorletzten, aber dennoch bleiben sie gültig, so gültig, dass auch Josef und Maria den politischen Anweisungen folgen. Das Licht der Geburt dieses Kindes befreit den Betrachter Lukas aus den engen Grenzen geschichtlicher Präzision! Wie denn nun: unter dem König Herodes, der bis 4. vor Chr. regierte oder unter dem Statthalter Quirinius, der ab 6 nach Chr. tätig war, und plötzlich Bethlehem als Geburtsort anstatt Nazareth? Dass dieser Weihnachtsstern leuchtet, mit Kraft und Verwandlungsmacht über die Herzen der Menschen, darauf kommt es dem Betrachter Lukas an. Und dennoch: Als vorletzte Wirklichkeit, unter diesem Stern, gewinnt die politische Ebene eine neue Bedeutung: Lukas lässt Josef und Maria dem folgen, was er an politischen Vorgaben in der Heilsgeschichte als nötig erkennt. Sie ziehen los, sie lassen sich schätzen, sie erreichen den Ort, an dem schon der Prophet Micha aus der Ferne den Weihnachtsstern hat aufgehen sehen – und Lukas folgt bis seinem Blick nach Bethlehem.

Liebe Gemeinde: Da strahlt ein Stern mit Letztbedeutung. Deshalb dürfen wir die politische und wirtschaftliche Sphäre unseres Lebens niemals mehr verabsolutieren, im Wissen um ihre Relativität jedoch dennoch an und in ihr mitwirken. Im Wissen um Grenzen und Kompromisse in allem wirtschaftlichen und politischen Handeln, im Wissen darum, dass letztes Glück mehr ist als Wirtschaft, Politik und andere Lebensbereiche, im Wissen darum, eben: mitarbeiten, mitwirken, mitgestalten, in die Parteien eintreten und die Gesellschaft zum Guten verändern; den Kompromiss – trotz mancher Schmerzen – innerlich bejahen und handeln: Unsere Gesellschaft und die Kirchen brauchen Menschen, die sich engagieren, politisch engagieren, wie es Lukas mit seinem Bericht selber getan tat, und die das Feld nicht den Extremisten überlassen. Solche, die tätig sind, und nicht untätig: Josef und Maria folgten dem Ruf. „Es ist besser ein Licht anzuzünden, als über die Finsternis zu klagen“. In den letzten Jahren, liebe Gemeinde, sind viele Menschen aus manchen politischen Parteien ausgetreten, aus Enttäuschung, aus Frustration über Richtungen, die sie nicht unterstützen konnten. Besser wäre es jedoch, nach Kräften dort mitzuarbeiten, wo man Probleme sieht – nicht in der Distanz liegt die Lösung, sondern im Mitwirken zum Besseren! Lukas bindet das politische ein, er kann das, gerade weil es zwar wichtig, jedoch nicht mit Letztbedeutung behaftet ist, die er nur jenem Weihnachtsstern zusprechen kann.

Und das Kind, und sein Vater und seine Mutter? Dieser einzigartige Weihnachtsstern, der hier aufgegangen ist, verwandelt nach Lukas ebenfalls belastete Beziehungen. Uns allen sind diese Worte gut bekannt und wir wissen auch, dass sie oft eben doch nicht gelten:

Wir wollen niemals auseinander gehen,
Wir wollen immer zueinander stehn.
Mag auf der großen Welt auch noch so viel geschehn,
Wir wollen niemals auseinandergehn.

Was soll man dazu sagen? Leider zu oft, schnell gesprochen, schnell gebrochen! War nicht der Engel Gabriel erschienen und hatte das Kind ganz auf die Seite Gottes gestellt und es dem Josef praktisch aus der Hand genommen? Und war Josef nicht jener Gedanke gekommen, der sich im Matthäusevangelium findet, nämlich seine Verlobte aufzugeben? ABER: Unter diesem strahlenden Weihnachtsstern verfliegen die Bedenken des scheinbar betrogenen Josef, so dass er trotz allem zu seiner Maria hält, sogar soweit, dass sie nach Lukas als Mann und als Frau in Bethlehem einziehen. Dieser Weihnachsstern, wenn sein Strahlen bemerkt, wenn erkannt wird, dass Du und ich, dass wir alle mit dem Wohlgefallen Gottes beschenkt sind, dass uns die Liebe Gottes immer und ewig gilt, unverbrüchlich, dass Gottes Menschenfreundlichkeit aus diesen Kinderaugen hervorstrahlt, aus den Augen des Neugeborenen, dann fällt es leichter, noch einmal darüber nachzudenken, ob man sich Weihnachten nicht doch versöhnen sollte, ob nicht doch der Anruf gemacht werden sollte und das Gespräch eröffnet, oder ob alles beim alten bleiben muss: das Schweigen und die innere Zerrüttung, die Ablehnung, vielleicht auch der Hass, ob nicht dieser Stern der unaufhebbaren Liebe Gottes ein Zeichen darstellt, im Kleinen und im Großen, in der Ferne und in der Nähe. Der Vater kann die Kinder ansprechen, die Kinder den Vater, der Exmann die Exfrau und umgekehrt, weil Gottes JA durch diese Augen deutlich macht, dass belastete Beziehungen heilen können, dass Versöhnung möglich ist und das Leben – trotz aller Grenzen und Kompromisse heilvoller werden kann, als es ist. Es kann sich noch etwas ändern. Nichts muss so bleiben wie es ist. Es hängt auch davon ab, ob die Menschenfreundlichkeit Gottes in den Augen des Kindes gesehen wird. Der strahlende Stern kann Beziehungen verwandeln.

Und die Hirten? Auf dem Felde? Sie halten Wache in der Nacht. Sie, die schlecht bezahlten Gesellen, die nicht wissen, wie sie überleben sollen, die von ihrem Herren, vielleicht dem Besitzer des Stalles oder dem reichen Weinbauern gerade soviel erhalten, dass es zum Überleben reicht: Sie halten Wache draußen in der Kälte der Nacht, die sie frieren lässt, in den Dunkelheiten der Wirren und Unsicherheiten, in den Gefährdungen ihres Lebens, inmitten der Krisen, die ihnen den Lebensmut rauben können. Ihnen, gerade Ihnen, erstrahlt der Weihnachtsstern, vom Himmel, und nimmt ihnen die Angst vor dem, was auf sie zukommt, vor den Krisen, die auf sie warten: Wenn Gott Wohlgefallen an uns hat, dann wird er auch in den Krisen bei uns sein und uns helfen, dann wird ein neuer Tag anbrechen nach der Dunkelheit. Bis dahin darf das Leben entzündet und angesteckt werden von jenen Kinderaugen, von dem, was aus ihnen strahlt, von der Menschenfreundlichkeit Gottes, die jede Dunkelheit erhellt.

Dass wir alle an diesem Weihnachtsfest mit vielen Befürchtungen und Unsicherheiten in die Zukunft blicken, ist kein Geheimnis. Gerade die Schwächsten in unserer Gesellschaft sind besonders betroffen: die Alleinerziehenden, die Arbeitslosen, die Zeitarbeiter, die Hartz IV-Empfänger, diejenigen, die mehrere Jobs haben und von keinem ganz leben können – und die Obdachlosen. Wir sind eine reiche Gesellschaft – oder sind wir eine arme Gesellschaft, weil wir es uns leisten können, dass Menschen unter uns leben, die frieren müssen, weil sie die Heizung und den Strom nicht bezahlen können? Den Hirten leuchtet der Weihnachtsstern, die Schwächsten brauchen das Licht am meisten. Deshalb müssen wir fordern, dass allen Menschen in unserm Land ein menschenwürdiges Leben möglich gemacht wird mit den Geldern, die dazu nötig sind.

Die armen Hirten, liebe Gemeinde, das sind nicht nur die Schwächsten in unserm Land, sondern auch jene, die in anderen Ländern leben und noch weniger haben als die Ärmsten unter uns. Sie sind unsere fernen Nächsten, sie sind jene, für die wir im Namen Jesu leuchtende Sterne werden können.

Ich möchte deshalb allen danken, die einmal oder immer wieder für „Brot für die Welt“ gespendet haben, wofür wir jedes Jahr im Dezember und auch heute sammeln. Mit Hilfe Ihrer Spenden, konnten für die Ärmsten der Armen in Afrika, in Südamerika und auf anderen Kontinenten viele Lichter angezündet werden, Weihnachtssterne, die eine dunkle Zukunft erleuchten.

Aus den Augen der Kinder, der Mütter und Väter, denen geholfen werden konnte – in unserm Land und in der Ferne – leuchtet das Licht der Liebe Gottes. Wie Gott uns beisteht, so stehen wir einander bei. Dann braucht niemand Angst zu haben vor der Zukunft. „Und sie gebar ihren ersten Sohn …“.

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