Menschenwort

Liebe Gemeinde!

Er hat »der ganzen Welt ein neues Gesicht gegeben; sie wäre verloren, wenn der nun Geborene sie nicht erstrahlen ließe zum Glück aller Welt. Richtig urteilt, wer in diesem Geburtstag den Anfang des Lebens und aller Lebenskräfte für sich erkennt; nun ist die Zeit vorbei, wo man es bereuen muss, geboren zu sein … Die Vorsehung … hat diesen Mann … als Heiland gesandt; allem Krieg wird er ein Ende machen und alles herrlich ausgestalten. In seiner Erscheinung sind die Hoffnungen der Vorfahren erfüllt … . Der Geburtstag des Gottes ist Grund für diese Freudenbotschaft für die Welt. Von seiner Geburt an muss eine neue Zeitrechnung beginnen« (Hirtenlied des Vergil über Octavian Augustus: Die Inschrift von Priene. Nach Grundmann S. 77 zitiert Preisker, Neutestamentliche Zeitgeschichte S. 301).

So schwärmt der römische Dichter Vergil über den römischen Kaiser Augustus, der auch in unserer eben gehörten Weihnachtslesung vorkommt. Im Lexikon lesen wir über ihn: “Augustus (* 23. September 63 v. Chr. als Gaius Octavius † 19. August 14 n. Chr.). Er gewann die Machtkämpfe, die auf die Ermordung Cäsars 44 v.Chr. folgten. Von 31 v. Chr. An war er Alleinherrscher des Römischen Reiches. Er setzte dem Jahrhundert der Römischen Bürgerkriege ein Ende und baute die Römische Republik in eine Monarchie um. Seine Herrschaft mündete in eine lang anhaltende Zeit des Friedens.“ Blanke Information. Sinn und Bedeutung erhalten diese nüchternen Tatsachen erst, wenn sie mit dem Leben von Menschen zusammentreffen, die sie auslegen, weil sie Bedeutung für ihr Leben gewonnen haben – wie Augustus Bedeutung für Vergil gewonnen hat: menschgewordener Gott und Heiland, Friedefürst und Lebensquelle, Erfüllung der Verheißungen.

Der erste Teil der Weihnachtslesung, wie wir sie eben gehört haben, bringt ebenfalls nur nüchterne Informationen: Meine Damen und Herren! Die heutigen Meldungen in Schlagzeilen: Palästina: Kaiser Augustus lässt Steuerzahler registrieren. Registrierungspflichtige leiden unter Raumnot. Notgeburt im Viehstall. Dann tut sich statt des Mundes des Vergil der Himmel auf und verkündet den Sinn des Ganzen. Hören wir selbst:

[TEXT V. 6-8]

Wenn man das Evangelium des Vergil über Kaiser Augustus kennt. Dann wird schnell klar, welche Sprengkraft die ersten Kapitel des Lukasevangeliums über Jesus enthalten. Lukas beschreibt die Geburt Jesu so, wie Kaiser Augustus gefeiert wurde. Im Klartext heißt das: Der wahre Heiland ist nicht der römische Kaiser, sondern Jesus! Das römische Weltreich verfehlt seinen Sinn, weil es die Fakten falsch auslegt! Es sucht den Sinn des Lebens und der Welt beim Kaiser: in staatlicher Ordnung, in Befehl und Gehorsam. Lukas wirft dem römischen Reich vor: Ihr sucht Gott, den Sinn des Ganzen in den obersten gesellschaftlichen Etagen. Ihr glaubt, ihr lebt ein erfülltes Leben und kommt Gott näher, wenn ihr möglichst weit aufsteigt. Ihr täuscht euch! Ein geordneter Staat ist noch lange nicht Lebenssinn. Macht kann Vieles bewirken. Aber dem Leben einen Sinn geben kann sie nicht. Äußerer Friede ist noch lange kein Frieden mit dem Leben, mit Gott und der Welt. Das wissen wir heute. Wir leben in nie da gewesenem Wohlstand, einem geordneten Staat und in einer Zeit äußeren Friedens. Lebenssinn aber ergibt das noch keinen. Manchmal fast hat man das Gefühl, dass der Sinn dabei verloren geht.

Wie auch immer wir uns vorstellen dürfen, wie das gewesen sein mag, als für die Hirten der Himmel aufging – sie erkannten: „Wir brauchen uns nicht zu fürchten. Plötzlich macht hier unten alles Sinn. Wir sind nicht meilenweit von einem lebenswerten Leben entfernt. Nein: Wir sind mitten drin. Das Leben wird greifbar: in einem Kind in der Krippe. Am Rand der Gesellschaft sind wir mitten im Leben: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Wie gefallen Gott, obwohl wir gesellschaftlich wirklich unten angesiedelt sind. Wir gefallen Gott. Er wird in unser Leben hineingeboren. Unglaublich, aber wunderbar.

[TEXT V. 15-16]

Die Hirten sind die erste christliche Gemeinde: Menschen, denen sich plötzlich Welt und Himmel erschossen haben; denen plötzlich alles einen Sinn ergab; die sich plötzlich wiederfanden mitten im Leben; denen klar wurde, dass ihr Leben nicht irgendwo dort oben Sinn machen würde, sondern der Sinn der ganzen Welt Gestalt annimmt, mitten unter ihnen vor ihren Augen. Gott wird für sie greifbar in der Krippe. Und sie überzeugen sich davon und greifen zu.

[TEXT V. 17-20]

Und wir heute? Menschen, deren Lebenskomfort wohl weit höher liegt als selbst der des Kaisers Augustus. Wo finden wir uns wieder? Als Augustus, dessen Lebenssinn darin besteht an der Spitze zu stehen? Als Vergil, für den ein geordneter Staat und gute persönliche Beziehungen zur Macht Glück bedeutet? Finden wir uns als Hirten, die glauben, ein Leben im Abseits zu führen, bevor sich der Himmel öffnet? Oder ahnen wir etwas von einem offenen Himmel, aber irgendwie kommen wir nicht wie die Hirten aus uns heraus? Schaffen es nicht, das, was uns bewegt, in Worte zu fassen und weiterzuerzählen. Und so nimmt es für uns einfach keine Gestalt an, bleibt schwammig, bekommt kein Fleisch und Blut? Es bleibt unkenntlich. Manchmal denke ich deshalb, dass wir Gott nicht kennen. Sonst würden wir uns anders verhalten. Vielleicht ahnen wir etwas. Aber das Ganze findet oft keine Worte, keine Gestalt, bleibt Gedankenfetzen zwischendurch. Das Wort ward Fleisch, schreibt der Evangelist Johannes über die Geburt Jesu. Uns, so nehme ich wahr, fällt es oft schwer, dass etwas überhaupt erst mal ein Wort wird; dass wir ausdrücken können, was uns bewegt. Aber es scheint uns doch eine Sehnsucht zu treiben, dass das Leben mehr ist, dass es einen Sinn hat. Manchmal ahnen wir, denke ich, dass da Himmel ist – in mit und hinter diesem Leben.

Was uns bewegt, braucht Worte und Bilder, um Sinn und Gestalt zu gewinnen. Kommen wir deshalb in die Kirche? Damit wir an den Worten der Bibel lernen, selbst Worte zu finden für das, was uns bewegt, für den Sinn, der hinter allem steht? Wollen wir an der Erfahrung der vielen Generationen von Menschen, die in der Bibel zu uns sprechen, lernen, selbst zu sprechen? Singen wir die Lieder mit, weil wir spüren, dass da jemand Worte gefunden hat für etwas, was uns bewegt? Sprechen wir deshalb das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser, obwohl es vielleicht nicht ganz unsere Worte sind, weil es Worte sind, die zumindest besser sind als gar keine? Hören wir uns die Predigten an in der Hoffnung, in ihnen ab und an ein oder zwei Sätze zu entdecken, die das ausdrücken, was wir fühlen oder ahnen, was wir aber selbst nicht in Worte fassen konnten? Besuchen wir den Gottesdienst, damit er dem, für was uns die Worte fehlen, Wort und Gestalt gibt? Damit Gott, der Sinn des Ganzen, greifbar wird, Mensch wird in uns? Was mich betrifft, gibt es da keinen Zweifel. Jede Predigt, die ich halte ist die Suche danach, wie Gott Gestalt annehmen kann in Worten; und wie diese Worte Mensch, werden können in mir und in Ihnen. Und ich merke, wie es Menschen, die ein Leben lang allsonntäglich den Gottesdienst besucht haben, leichter fällt, das in Worte zu fassen, was sie bewegt – scheinbar, weil sie gelernt haben, sich Worte zu leihen, die sie einmal gehört haben, und die zu ihnen passen. Und ich glaube nicht nur bei mir, sondern auch bei anderen zu entdecken, dass wir, wenn wir gelungenen Worten zuhören, lernen, selbst Worte zu finden, die wahr und richtig sind. Worte, die dem Gestalt verleihen und das sichtbar machen, was schon immer da ist, was aber erst Gestalt annehmen und geboren werden will – in uns.

Mit Weihnachten hat das deshalb etwas zu tun, weil wir Jesus als das Wort Gottes eben als den bekennen, der das nach außen gekehrte Innere Gottes ist. Das ist die Botschaft von Weihnachten: An diesem freien und freundlichen Menschen könnt ihr erkennen, wie Gott ist. Er hat nicht geschwiegen, sondern Bilder und Worte ausgebreitet, wie Gott sich uns denkt. Weihnachten ist deshalb die Spitze aller Wunder, weil hier nach außen kommt und Gestalt gewinnt, was im Innern verborgen ist.

„Fürchtet euch nicht!“, sagen die Engel den Hirten. Denn es bedeutet Mut, das Innere in Bildern nach außen zu kehren wie es die Hirten tun, wenn sie aller Welt erzählen, dass sich der Himmel aufgetan habe, und der Christus geboren sei als Kind in einem Stall – in ihrer Welt, in ihrem Leben. Die Weihnachtgeschichte und vor allem die Hirten in ihr lehren uns: Gott muss nicht schwammig bleiben. Wir können Gott kennen lernen. Er wird Gestalt annehmen. Gott wird dort Mensch, wo Menschenherzen nach außen kommen und die dürren Gerippe der Tatsachen mit Worten und Bilder dessen füllen, was ihr Leben bewegt. Und je weiter sie nach innen kommen. Desto mehr werden sie auch den zu sprechen kommen, dessen Atem ihr Leben ausmacht seit Anbeginn (Gen 2,7). Das Wort ward Fleisch, nennt das der Evangelist Johannes in seiner Weihnachtsgeschichte. Der Sinn der Lebens nimmt Gestalt an. Und er beginnt zu leben dort, wo Menschen ihn teilen, ihn sich mitteilen, wie die Hirten.

Maria hat alles, was ihr die Hirten erzählten, längst von einem Engel gehört. Aber wir lesen erst hier, als die Hirten es ihr erzählen: Dass sie beginnt, es in ihrem Herzen zu bewegen. Gott wird eben Mensch durch Menschenwort.

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