Gott geht zelten

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns. Und wir sahen seine Herrlichkeit.

Wunderbares Lutherdeutsch: Das Word ward Fleisch und wohnte unter uns. Man kann die griechischen Worte, die Luther vor langer Zeit so schön in Sprache fasste, aber auch anders übersetzen: Das Wort ward Fleisch und zeltete unter uns. So kann man es auch sagen, und vielleicht kommt das den alten Worten des Johannesevangeliums sogar etwas näher. Und darum erzähle ich ihnen heute, wie es war, als Gott einmal zelten ging:

Eines Tages fasste Gott einen Entschluss: Es musste sich etwas ändern. So konnte es nicht weitergehen mit ihm und den Menschen. Sie waren sich so eigenartig fremd geworden mit der Zeit. Die Menschen redeten immer weniger mit ihm. Einige kamen immer noch mit ihren Bitten und Wünschen zu ihm, manche mit ihren Sorgen. Aber dass ihn jemand so richtig von Herzen anklagte oder sich bei ihm ausweinte, das kam in letzter Zeit immer seltener vor.

„Wieso nur?“ Gott schüttelte den Kopf. Dabei hätten die Menschen doch Grund genug, sich bei ihm auszuweinen. Ungerechtigkeit und Unterdrückung wohin er schaute, Leid und Schmerz, Einsamkeit und Verzweiflung. Was war nur aus seinen Menschen geworden? Hatte der Kummer sie so müde gemacht, dass sie keine Kraft mehr hatten, nach ihm zu rufen? Waren sie so enttäuscht vom Leben, dass sie von ihm nichts mehr wissen wollten? Was war nur aus seinen Menschen geworden? So hatte Gott sich das nicht vorgestellt, ganz am Anfang, als er Himmel und Erde gemacht hatte.

„Ich muss noch mal ganz neu anfangen mit den Menschen“ dachte Gott. Einen Moment hielt er inne. Neu anfangen mit den Menschen – das hatte er schon einmal versucht. Ziemlich radikal war er damals gewesen. Eine Flut hatte er über die Erde geschickt und alles Leben vernichtet. Nur Noah und die mit ihm in der Arche waren, hatten überlebt. Aber es hatte nichts genützt. „Diesmal muss ich es anders machen“, dachte Gott. „Diesmal schicke ich keinen Regen. Diesmal schicke ich mich selbst“.

Ein paar Tage überlegte Gott, wie er es am besten anstellen sollte, sich zu den Menschen zu schicken. Es war ja nicht so, dass er sie nicht immer mal wieder besuchen kam. Manchmal kam er mit Pauken und Trompeten manchmal mit leisem Säuseln. „Aber nein“, dachte sich Gott, „diesmal soll es anders sein. Diesmal soll es so sein, dass die Menschen merken, dass ich ganz nahe bin.“ Gott dachte nach. Endlich hatte er eine Idee: „Ich werde einer von ihnen!“ Gott freute sich über seinen Einfall und lächelte. Und Gott ward Fleisch. Mensch mit Leib und Seele. Gott aus Fleisch und Blut.

Etwas ungewohnt fühlte sich Gott in seiner neuen Haut. So klein. Und verletzlich. Und irgendwie begrenzt. Das kannte er sonst gar nicht von sich. „So fühlt sich das also an“, dachte Gott. Er streckte sich ein paar Mal, dann suchte er schnell alles zusammen, was er mitnehmen wollte. Als erstes packte Gott sein Zelt ein. Nichts, was trennt, hatte Gott sich vorgenommen. Alles so schlicht und einfach wie möglich. Hauptsache nah bei den Menschen. Keine festen Mauern. Ein Zelt. So wie damals, in der Wüste. So stopfte Gott das Zelt und was er sonst noch brauchte in seinen Rucksack. Und dann schickte er sich endlich zu den Menschen.

Er schlug sein Zelt in irgendeinem gottverlassenen Herrgottswinkel auf. Ein kleiner Ort, ein paar Häuser, ein paar Geschäfte, eine Kneipe. Die Menschen hier waren nicht schlechter oder besser als anderswo. Da also schlug Gott sein Zelt auf. Das heißt: Er wollte es aufschlagen. Aber das war nicht so einfach.

Gott klingelte am nächstbesten Haus. Er dachte sich nichts dabei. Er war Gott, niemand würde auf die Idee kommen, ihn abzuweisen. Eine Frau öffnete. „Guten Tag“, sagte Gott. „Ich bin das Licht der Welt. Ich würde gerne mein Zelt in ihrem Garten aufstellen.“ Die Frau starrte ihn verständnislos an, tippte sich an die Stirn und machte Gott die Tür vor der Nase zu. Gott war erstaunt. Er ging zum nächsten Haus.

Es dauerte etwas, bis jemand zur Tür kam. „Guten Tag“, sagte Gott. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Ich würde gerne mein Zelt in ihrem Garten aufstellen.“ „Wahrheit? Gibt es nicht. Das Leben ist eine einzige Lüge. Stellen sie ihr Zelt woanders auf.“ Gott wollte gerade etwas einwenden, aber da war die Tür schon zu. Gott war erstaunt. Er ging zum nächsten Haus. Und zum übernächsten. Und zum dritten und vierten… überall dasselbe.

Gott verstand die Welt nicht mehr. Warum wiesen ihn die Menschen ab? Hatten sie Angst vor ihm? Waren sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt? Wollten sie ganz einfach nicht gestört werden? Hatten sie Angst, er würde ihr Leben durcheinanderbringen? Licht, Wahrheit, Leben – das musste sie doch irgendwie berühren. Was war nur geschehen mit den Menschen? War da denn gar keine Sehnsucht mehr in ihnen? Oder konnte es sein, dass sie ihn gar nicht erkannten? Aber – das war doch unmöglich, so blind und taub konnte man doch nicht sein. Oder vielleicht doch? Hatten sich die Menschen etwa so sehr daran gewöhnt, Gott im Himmel zu glauben, dass sie ihn auf Erden gar nicht mehr erwarteten? Oder stellten sie ihn sich so groß und herrlich vor, dass sie ihn so klein nicht glauben konnten?

Gott hatte noch nicht überall geklingelt. Er versuchte es noch einmal. Als die Tür geöffnet wurde, räusperte er sich kurz. „Guten Tag. Ich bin das Brot des Lebens. Ich würde gerne mein Zelt in ihrem Garten aufstellen.“ Sein Gegenüber blickte ihn mit müden Augen an. „Brot? Gib mir lieber Geld, damit ich meine Stromrechnung bezahlen kann.“ Gott schwieg. Erst jetzt fiel ihm auf, dass im Haus kein Licht brannte. Er wollte sich gerade umdrehen und gehen, da sagte der andere: „Zelt, hast du gesagt? Na ja, warum nicht. Komm, ich zeig dir, wo du es aufstellen kannst.“ So verbrachte Gott seine erste Nacht auf der Erde.

Im Dorf sprach es sich schnell herum, dass der, der gestern überall vor der Tür stand, doch noch einen Zeltplatz gefunden hatte. Einige winkten müde lächelnd ab. „Ach, lass mich doch mit dem in Ruhe“. Andere waren neugierig. Schließlich passierte es nicht jeden Tag, das jemand vor der Tür stand, irgendetwas von Licht, Wahrheit, Brot und Leben erzählte und einen Ort zum Bleiben suchte. So kam es, dass sich am Abend der eine oder andere noch ein wenig die Beine vertreten wollte und dabei – rein zufällig – an dem Garten vorbeikam, in dem Gott zeltete. Gott lächelte still in sich hinein. Versteckte sich da vielleicht hinter der Neugierde doch noch ein Rest Sehnsucht?

Gott stand an diesem Abend lange am Gartenzaun. Jeden, der vorbeikam, grüßte er freundlich. Manche nickten nur kurz und gingen schnell weiter, als würden sie sich irgendwie ertappt fühlen. Andere taten so, als hätten sie nichts gehört. Einige blieben stehen. Wechselten ein paar Worte mit Gott über den Gartenzaun. Vorsichtig. Bloß nicht zu viel Interesse zeigen. Schließlich wußte man nicht, mit wem man es zu tun hatte. Am Ende wurde man den Fremden nicht mehr los, so etwas konnte schnell passieren, und was dann?

Am nächsten Abend hatte Gott ein Feuer vor seinem Zelt gemacht. Der Mann, dem der Garten gehörte, hatte sich zu ihm gesetzt. Schweigend saßen die beiden da. Es schien, als wisse der Mann nicht so recht, was er mit dem Fremden reden sollte. Aber irgendwie saß er trotzdem gerne mit ihm am Feuer. „Wie lange ist das schon so?“ fragte Gott, „So ohne Strom, meine ich.“ „Die dritte Woche jetzt“, sagte der Mann. Und dann erzählte er und erzählte und hörte gar nicht wieder auf. Von verlorener Arbeit und gescheiterter Liebe, von Streit und Enttäuschung, von Aussichtlosigkeit und dem Gefühl nichts mehr Wert zu sein. Gott saß still dabei. Es war schon eigenartig: Da musste er erst Fleisch werden, klein, verletzlich und irgendwie begrenzt, damit sich mal wieder ein Mensch bei ihm ausweinte. Er war froh, dass er sich entschieden hatte, auf die Erde zu kommen. Endlich konnte er mal wieder so richtig Gott sein.

Immer öfter kamen jetzt abends Leute vorbei. Saßen mit Gott am Feuer und erzählten. Manche kamen nur einmal und dann nie wieder. Andere kamen öfter. Manche waren fast jeden Abend da. Von den Leuten im Dorf wurden sie still belächelt. Nur manchmal fragte jemand: „Was macht ihr denn da?“ Und dann erzählten sie von der Wärme des Feuers, die irgendwie bis ins Herz drang. Erzählten von Licht und Wahrheit, von Brot und Leben und von der wunderbaren Geborgenheit unterm Sternenhimmel. Und manchmal, ganz selten, da sagte jemand vorsichtig und zögernd als könne er es selbst nicht ganz begreifen: „Weißt du, wenn ich da am Feuer sitze, dann habe ich manchmal das Gefühl: Gott ist ganz nah. Dann sitz ich da und für einen Moment weiß ich, dass nichts mich von Gott trennen kann. Das ist so wie … wie bei einem Kind und seiner Mutter.“

Was aus den Menschen im Dorf geworden ist? Manche treffen sich immer noch abends am Feuer. Und erzählen. Ein paar von damals sind noch dabei. Einige sind mit der Zeit weggeblieben. Andere sind dazugekommen. Gott ist schon lange nicht mehr da. Naja, wenigstens steht sein Zelt nicht mehr im Garten. Aber das Feuer, das brennt noch.

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