Eine Träne im Augenwinkel

Was war geschehen, als die Hirten im Stall von Bethlehem standen und vielleicht sangen oder dachten oder fühlten, was wir eben gesungen haben: Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben. Ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben.

Vermutlich erkannten die Hirten sich selbst nicht wieder. Zunächst war diese Nacht wie jede andere auch. Eintönig und kalt. Vielleicht wärmten sie sich am Lagerfeuer irgendwo in der offenen Landschaft in der Nähe von Bethlehem. Schlafen konnten sie nicht richtig, weil sie auch in der Nacht für die Schafe verantwortlich waren. Ständig beansprucht. Nie war so richtig Pause. Das Leben war anstrengend und oft ein ständiges Mühen darum, von einem zum nächsten Tag zu kommen. Nie konnten sie richtig durchatmen. Wir wissen nicht, ob die Hirten, von denen Lukas erzählt, wirklich Tagelöhner waren, denen die Schafe nicht gehörten. Vielleicht waren sie sogar Viehbesitzer. Vielleicht verkörpern sie einfach das Volk Israel, das ein Hirtenvolk war. Ein Volk, das das Bild des Hirten für seinen Gott, seinen König und seinen Messias verwendet. Egal, ob Außenseiter oder Normalbürger – reich werden sie jedenfalls nicht gewesen sein. Und besonders fromm vielleicht auch nicht. Sie waren Menschen, die ihr Leben so leidlich bewältigen konnten. Sie hatten Hoffnungen und Sehnsüchte. Das Leben sollte mehr sein als das tägliche Einerlei an Sorgen und Problemen, Gefahren und Ansprüchen, Erwartungen und drohenden Zusammenbrüchen. Das Leben der Hirten war sicher nicht ohne Höhepunkte, ohne fröhliche Feste und schöne Ereignisse. Aber das war die Ausnahme. Und dieses Leben hatte sie selbst schroff und manchmal ein wenig grob gemacht. Man darf sich nichts gefallen lassen. Man muss den eigenen Vorteil nutzen. Die anderen machen es ja auch so. Man muss auch mal rücksichtslos sein. Denn man kriegt ja schließlich nichts geschenkt.

Die Hoffnung hatten sie aber nicht aufgegeben. Wenigstens in den Erzählungen und Gesprächen in der Nacht war sie da. Die Hoffnung auf Veränderung. Die Hoffnung auf einen Retter, einen, der die Herrschaft der Römer abschütteln würde. Der Römer, die mit ihrem angeblichen Frieden Schrecken über das Land brachten und die Menschen aussaugten. Wie jetzt wieder mit dieser Volkszählung. Für manche hatte diese Hoffnung einen Namen. Sie warteten auf den Messias Israels, den Retter. Vielleicht glaubten sie nicht so richtig daran, dass sie das noch erleben würden, dass dieser Messias kommt. Aber es war ja schon was, davon zu träumen, dass das Leben irgendwann, eines Tages, noch einmal einen anderen Glanz bekommen würde.

Und dann kommt Bewegung in diese ganz normale Nacht. Ein Licht erscheint am Himmel. Ein Licht, wie sie es nie zuvor in der Nacht gesehen hatten. Ein Engel verkündet den Hirten die Botschaft, die ihr Leben und die Welt verändern soll. Eine frohe Botschaft. Aber auch eine Botschaft, die ihnen den Schrecken in die Glieder fahren lässt. Nicht umsonst beginnt der Engel: Fürchtet euch nicht! Denn es ist ja nichts Alltägliches, dass Gott sich aufmacht in die Fremde. Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Wenn dieser Heiland in einem Palast geboren würde, dann wäre da gar nicht so viel Bewegung. Gott würde der bleiben, als den die Menschen sich ihn vorstellen, göttlich eben, erhaben, prächtig, ein Gottessohn wird geboren. Die Reichen und Mächtigen bleiben unter sich. Was geht´s Leute wie die Hirten an? Ein Gottessohn wird geboren. Na und! So wie ein Königssohn eben. Prächtige Gemächer, großer Auflauf, Medieninteresse, irgendwie auch ein armes Kind in solchem Reichtum. Das weckt Neugier. Aber es setzt doch niemanden in Bewegung. Aber genau das geschieht nicht. Gott kommt nicht in einem Palast zur Welt. Der Christus wird in einer Notunterkunft geboren. Gott kommt nicht erhaben. Gott zeigt sich anders. Gottes Sohn kommt in die Fremde. Die Wirklichkeit dieser Geburt ist Armseligkeit, Heimatlosigkeit und Dreck. Und die ersten, die es erfahren, sind entweder die Außenseiter, wenn es stimmt, dass die Hirten Tagelöhner waren, Randexistenzen der Gesellschaft, Leute, deren Zeugenaussage vor Gericht nichts galt. Oder es waren die Repräsentanten des Volkes Israel, aber dann eben nicht die oberen Zehntausend. Die frohe Botschaft wird nicht den Ministern und den Machthabern, den reichen Handwerkern oder Bauern, den Besitzern großer Viehherden gebracht, auch nicht denen, die das religiöse Leben prägten. Es waren die Arbeiter und Angestellten von damals, die Arbeitslosen oder Geringverdiener, die Hausfrau und Mutter, die sich den ganzen Tag dreht und nicht über die Runden kommt, die Großeltern, die am Rande ihrer Kräfte ihre Enkel mit großziehen, weil deren Eltern zu viel arbeiten müssen, um das Auskommen der Familie zu sichern. Die Verkäuferin, die Altenpflegerin und der Bauhilfsarbeiter, der ewige Student und der Akademiker mit Doktortitel in der Generation Praktikum. Gottes Sohn kommt in die Fremde und die frohe Botschaft erreicht zuerst die ganz normalen Menschen.

Und das löst eine zweite Bewegung aus. Die Hirten fackeln nicht lange. Sie machen sich auf den Weg, sofort, mitten in der Nacht. Obwohl das eigentlich verrückt ist. Aber das ist egal. Was sie gerade erleben, ist ja auch verrückt. Warum dann nicht gleich weitermachen? Sie laufen los. Sie lassen vielleicht sogar die Schafe im Stich. Das passiert einem nur einmal: Der Messias ist geboren. Ausgerechnet da, wo sie ihre Schafe hüteten. Und da soll man nicht gleich loslaufen? Das wollen sie sehen. Und sie sehen es. Aus der Dunkelheit der Nacht treten sie ein in den vielleicht nur weniger hellen Stall und sie finden den Christus in der Krippe. Schon wieder Kontrastprogramm. Sieht so ein Messias aus? Kann von soviel Hilflosigkeit Hilfe kommen? Sieht so Gott aus?

Alle diese Fragen sind den Hirten vielleicht durch den Kopf gegangen. Aber sie werden nicht diskutiert und philosophiert und theologisiert haben. Sie haben sich anrühren lassen. Gott hat sie angerührt. Seine Bewegung hin zu uns Menschen und die Bewegung der Hirten zur Krippe – für diese beiden Bewegungen gab es einen Schnittpunkt. Den Stall von Bethlehem. Da stehen sie – die Hirten, Grobiane ganz angerührt, Spötter plötzlich still geworden, raue Gesellen mit einer Träne im Augenwinkel.

Da stehen die Hirten und singen – vielleicht: Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben. Ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben. Und plötzlich weitet sich die Szene.

Nun sehen wir auch die weltumspannende Dimension dieses Geschehens: „Jauchzet, ihr Himmel, frohlocket, ihr Enden der Erden! Gott und der Sünder, die sollen zu Freunden nun werden. Friede und Freud wird uns verkündiget heut; freuet euch, Hirten und Herden.“1

Gott und wir Menschen – wir sollen zu Freunden nun werden. Gott bleibt Gott. Aber Gott bleibt nicht der Gott, von dem man meinen kann: Über´m Sternenzelt müsse ein lieber Vater wohnen. Mag ja sein, aber was geht der mich an? Gott kommt in die Fremde! In Armut, Heimatlosigkeit und Dreck wird er geboren. Das ist seine Bewegung zu uns Menschen und sie löst die andere Bewegung aus. Dass Menschen zur Krippe gehen und es geschehen lassen, dass Gott mit ihnen Freundschaft schließt. Denn mehr können wir nicht tun als uns anrühren zu lassen. Du kannst sagen: Ich will heil sein. Ich will ganz sein. Ich will glücklich sein. Ich will die Freude und die Wärme dieser Nacht spüren und möchte sie nicht loslassen. Und die Engel sagen: Ja! Du wirst heil sein. Du wirst große Freude erleben. Der Heiland ist geboren. Aber. Du wirst nichts davon aus eigener Kraft sein oder erleben. Es wird an dir geschehen. Gott und du – ihr sollt zu Freunden nun werden. Das wird an dir geschehen.

Und dann kann es sein, dass du dich selbst nicht wiedererkennst wie die Hirten, die eben noch auf den Feldern von Bethlehem eine alltägliche Nacht mit ihrer Last und Mühe erleben und wenig später im Stall von Bethlehem stehen und das Kind anbeten und es nicht fassen können, dass Gott und sie zu Freunden geworden sind.

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