Wo liegt Bethlehem? Oder, warum Bethlehem?

[Die Predigt geht zurück unter anderem auf Predigtgedanken von Eugen Drewermann, aus: „Der offene Himmel“ sowie einer Predigt aus meinem Archiv, wobei ich den Verfasser leider nicht mehr benennen kann.]

„Zu Bethlehem geboren, im Stall ein Kindelein, gibt sich für uns verloren, gelobet muss es sein". Das ist kurz und knapp die weihnachtliche Botschaft. Doch warum Bethlehem? Was suchen wir an diesem Ort, was finden wir hier? Für den Glauben ist Bethlehem eine Erinnerungslandschaft, voll der Freude. Für den Glauben ist Bethlehem die Traumlandschaft der Gnade. Sind wir nicht auf der Suche nach diesem Bethlehem? Und tragen wir nicht die Sehnsucht und zugleich gute Erinnerung unserer Herzen mit uns bei unserer Suche nach Bethlehem. Mit wie vielen Erinnerungen und Sehnsüchten sind sie heute in die Kirche gekommen? Warum sind gerade an Weihnachten unsere Kirchen so brechend voll? Ich denke es liegt daran, dass wir unser Bethlehem suchen. Einen Ort, in dem wir all unsere Sehnsüchte und unseren Lebensdurst packen. Einen Ort, an dem unser Unfriede und alle Ohnmacht aufgebrochen werden. Wahrlich vieles können wir uns mit Geld kaufen, aber unsere Sehnsucht nach Bethlehem, die könne wir uns nicht stillen. Die kommt von außen auf uns zu. Gottes Bethlehem wird uns angesagt und ereignet sich einfach.

Aber wo liegt Bethlehem? Das konkrete Bethlehem einst war eine Stadt wie jede andere, zwar lieblich hingeschmiegt an einen Hügelrücken, mit fruchtbaren Feldern am Rande der Wüste, dabei aber genauso erfüllt von Leid und Schmerz, Glück und Liebe wie jede andere Stadt dieser Welt. Warum also Bethlehem? „Ein Ort in allen vier Winden, ein Ort mit Tauben und Blinden – Bethlehem. Ein Ort, so arm wie verloren, mit verschlossenen Herzen und Toren – Bethlehem. Ein Ort mit Gassen und Straßen, in denen Flüchtlinge saßen – Bethlehem. Ein Ort mit Spöttern und Frommen, ein Ort, wo wir alle herkommen – Bethlehem." So fasst der Dichter Rudolf Otto Wiemer den konkreten Ort Bethlehem, um fortzufahren: „Ein Ort, wo wir alle hingehen, das Kind in der Krippe zu sehen – Bethlehem. Ein Ort, wo wir knien auf der Erden: Gott will unser Bruder werden – Bethlehem."

Mitten in den äußerlich beschreibbaren Ort, mitten in das Gewimmel des Lebens, das auch diesen Ort erfüllt, mitten in das Walten der großen Politik, das Joseph mit seiner Frau zwingt, in die Heimatstadt zu reisen, um sich der Steuererhebung des Augustus zu stellen, mitten in das Erhabene und Lächerliche, mitten in das Schäbige und Vollmundige fällt das Licht einer anderen Welt: Gott selbst erwählt sich diese Stätte, um hier als Krippenkind geboren zu werden. Der Heiland der Welt, der König der Herzen beginnt hier seinen Weg, damit wir in ihm, Jesus – unser aller Bruder und Herr – zu Brüdern und Schwestern werden. Bethlehem, also doch der Ort, wo wir alle hingehen, das Kind in der Krippe zu sehen. Der Ort, wo wir knien auf der Erden: Gott will unser Bruder werden.

Das ist die Botschaft der heiligen Nacht. Lukas schenkt sie uns in der Kunst seiner so eindrücklichen wie wohltuenden Wortmalerei. Eine Geschichte, die mitten im großen Trubel beginnt und in tiefe Stille führt, in die erhabene Stille der Anbetung.

In der Stadt Davids wird der verheißene Messiaskönig geboren, aber alles geschieht zunächst ganz irdisch, nüchtern, menschlich, allzumenschlich. Eine ganz normale Geburt. Die Wehen, die das Kind ans Licht drängen, die Freude der Mutter, wie sie das Kind sieht, es in Windeln wickelt und in eine Krippe legt. Die Freude über das neu geschenkte Leben überstrahlt die Hektik der Tage und die Bitterkeit der Armut. Kaiser Augustus hatte sie nach Bethlehem getrieben. Hochschwanger angekommen, finden sie keinen Ort für die Geburt. Unter Schafen und Ziegen, vielleicht in einem Hinterhof wird Maria entbunden. Die große Politik weiß nichts von den Nöten der kleinen, der einfachen, der normalen Menschen. Der Kaiser denkt an die Steuererhebung und an die Militärpflicht, Gott gedenkt der Heimgesuchten, der Gebeugten und Bedrückten. Der Kaiser denkt in den Kategorien der Macht und des Erfolgs. Gott denkt in den Kategorien der Freude und der Versöhnung. Der eine denkt in den Begriffen der Ordnung, der andere lässt die Verheißung der Freiheit wehen.

Aber warum Bethlehem? Und was war da in Bethlehem? Wohinein wurde Gott geboren, von dem wir sagen, er wurde in Bethlehem geboren?

Nacht war es in der Stunde von Bethlehem. Wissen Sie, was das ist: Nacht? Wenn Menschen sehen und keine Aussicht haben und ihre Träume tot sind und die Leere sich endlos breitet und die Welt ein gähnendes Loch ist. Wo Hände nach Halt suchen und ihn nicht finden und jeder Morgen nicht mit einem Sonnenaufgang, sondern einer Sonnenfinsternis beginnt? Diesen Menschen der Nacht ist Jesus erschienen als Licht, das leuchtet im Dunkeln. Über denen, die Gott nie kannten, wird es aufstrahlen hell und groß. Das ist erfüllt seit dieser Nacht. Weihnachten wurde es über Menschen, denen Trauer und Sorgen die Vorfreude auf Weihnachten und am Leben überhaupt verfinstert haben. Mitten in ihre Lebensnacht scheint das Licht göttlicher Liebe und macht deutlich: Auch für dich wurde es Weihnachten.

Kalt war es in dieser Stunde, so sagt die Legende. Und wissen Sie, wie es ist, wenn das Herz von Menschen erfriert im Schwall kalter und liebloser Worte. Wenn etwa Kinder nie wärmende und bergende Liebe erfahren, sondern nur Ablehnung und selbst an Weihnachten mit Geschenken abgespeist werden. Wenn kalte Finger erwartungsvoll und suchend in die Leere eisiger Gefühle greifen? Diesen Menschen, die gefangen sind in ihrer Sehnsucht nach Lebenswärme begegnet Gott als wärmende Lebenssonne. Und so wie der erste Sonnenstrahl die Kälte der Nacht aufbricht, hat mit Weihnachten Gottes Wirken in diese Welt ganz neu eingesetzt.

Einsam und ausgestoßen sei es gewesen in der Stunde von Bethlehem. Und wissen Sie, wie es ist, wenn Menschen auf die Welt kommen an einem Ort, wo es ein Zuhause nicht gibt, nur ein endloses Suchen und Sich-Sehnen draußen vor den Türen der Menschen. Den Menschen der Einsamkeit wird Christus sagen: Die Vögel haben ihre Nester und die Füchse ihre Gruben, aber des Menschen Sohn hat keinen Ort, wohin er sein Haupt legen könnte. Ihr aber, kommt zu mir, ihr Beladenen, ihr Mühseligen, Geplagten. Ich will euch frei machen und euch mitnehmen in das Haus meines Vaters.

Alle die Frierenden, die, denen das Leben finster erscheint, die Ausgesetzten und die Hei­matlosen werden die Nacht von Betlehem verstehen, denn so wird das Kind sagen: Ihr, die ihr weint, selig seid ihr. Ihr, die ihr trauert, glücklich seid ihr. Ihr, die ihr noch leiden könnt, nahe seid ihr dem Reich Gottes.

Das Bethlehem der Landkarte liegt zwanzig Kilometer im Süden von Jerusalem, aber das wirkliche Jerusalem liegt dicht an dicht mit Bethlehem in unserem eigenen Herzen. In Jerusalem bewohnen andere Leute die Häuser und die Straßen. Dort trifft man die Satten, die Fertigen, die Schlafenden, die Eingerichteten, die Mächtigen, die Volkszähler, die Regenten, die Herrscher, die Kriegstreiber. Sie bewohnen die Stadt der Mörder, wird das Markusevangelium sagen. Dort erwartet man nichts, denn man fürchtet die Veränderungen. Dort klammert man sich an das, was man hat, Gedanken, Ideen, die man gelernt hat. An das Vermögen, das man erworben hat, die Bastionen und Positionen, bis zu denen man es gebracht hat. Man hat Angst, dass sich nur irgendetwas wandeln oder ändern könnte. Und die Mauern von Jerusalem sind stark. Hier hat man sich abgeschottet. Man selbst genügt sich. Hier hinein wurde Jesus nicht geboren. In Bethlehem ist er zu finden. An der Seite derer, die die Lebenslast gebeugt hat. Ihr müsst euch schon von Jerusalem nach Bethlehem begeben. Denn mit eurer Unterscheidung in Hoch und Niedrig, Mächtig und Ohnmächtig, hat Gott gebrochen. Es gibt keinen Punkt der Demütigung mehr, bis zu dem sich Gott nicht gebeugt hätte.

O ja, arm war es in Bethlehem. Und wissen Sie, was Armut ist. Wenn die Seele eines Menschen so hohl ist und so leer wie die Hand eines Bettlers am Wege. Wenn Armut bedeutet, die Zeitungen an den Straßenrändern aufzusammeln, um einen Ort zu finden, wohin man des Nachts sein Haupt legen könnte, ärmer als die Tiere? Auch die Armut dieser Menschen hat Gott erwählt. Während sie sonst vom Leben ausgeschlossen waren, schließt Gott ihnen das Leben auf.

Bethlehem, warum Bethlehem? Weil Gott einen Ort braucht, an dem er Nacht, Einsamkeit, Kälte und Armut menschlichen Lebens zu seiner Sache macht. Vor 2000 Jahren war Bethlehem der Ort, an dem Gott in diese Welt geboren worden ist. Mitten in all die Friedlosigkeit, Ohnmacht und Sehnsucht nach Leben hinein. All das soll und wird ein Ende finden. Hören wir doch noch einmal selbst: Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; 11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. 12 Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. 13 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: 14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Es gibt keine menschlichere Geschichte als die Weihnachtsbotschaft des Lukas. Sie kann unsere eigene Geschichte werden. Diese Geschichte holt uns aus der Hektik in die Stille. Keine Frage, diese Geschichte sucht nach einem Ort in unserem Leben. Bethlehem steht für den Ort Gottes in unserem Leben. Es liegt an uns, welches Bethlehem wir suchen und finden. Suchen wir die Taubheit und Blindheit der Herzen, den äußeren Glanz, den verlogenen Schein? Oder suchen und finden wir die Freude des Herzens, den Jubel der Versöhnung, das Glück der Gemeinschaft? Finden wir den Frieden, der mitten in uns anklopft und unter uns wachsen will, finden wir den Bruder und die Schwester und in ihrem Gesicht das Antlitz des Herrn!

Nur denke stets daran: Gottes Bethlehem in deinem Leben braucht keinen Ort auf der Landkarte, ausgewiesen nach Längen- und Breitengrad. Gottes Bethlehem ist der Ort, wo Gott dir geboren wird, wo du Gott neu entdeckst, der Ort, da der Friede dich berührt, die Stille dich beglückt, die Liebe sich dir schenkt und du zur Anbetung findest. Bethlehem, das ist dein Ort, wo du kniest auf der Erden und erfährst, stammelnd und jubelnd bekennst: Gott will mein Bruder werden. Der Ort, wo wir alle hingehen, das Kind in der Krippe zu sehen – Bethlehem. Der Ort, wo wir knien auf der Erden: Gott will unser Bruder werden – Bethlehem.

Paul Gerhardt sagt das so: 1. Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben; ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben. Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut, nimm alles hin und lass dir’s wohlgefallen.

9. Eins aber, hoff ich, wirst du mir, mein Heiland, nicht versagen: daß ich dich möge für und für in, bei und an mir tragen. So laß mich doch dein Kripplein sein; komm, komm und lege bei mir ein dich und all deine Freuden.

Den Segen der Weihnacht, der Menschwerdung Gottes, erfährt der, dessen Leben zum Bethlehem Gottes wird. Und du fragst Bethlehem, warum Bethlehem? Weil uns Gottes Liebe sonst nicht getroffen hätte. Der Stern über Bethlehem leuchtet da am hellsten, wo sich die Menschen am fernsten aller Liebe und Wärme wähnen. Gerade da wird es Weihnachten. Ihr, die ihr euch einsam fühlt, verkauft und übergangen vom Leben. Wo Trauer, Sorgen, Zweifel und Nöte sich vor euch wie unüberwindbare Mauern auftürmen. Für all das ist Platz in Bethlehem. Möge unser Leben zu Gottes Bethlehem werden, damit sein Friede auch uns zum Schweigen und Staunen bringt.

drucken