Kommt und seht das Unfassbare

Hektik und Eile machen sich breit, kaum dass die Engel davon sind. Wenn ich es nicht besser wüsste: beinahe wie der Tag danach an. Also: Die Tische sind abgeräumt, der Festtagsbesuch wieder abgereist. Schnell in die Stadt, umtauschen, was nicht passt oder gefällt, schließlich steht das nächste Großereignis vor der Tür: der Jahreswechsel. Weihnachten, das war etwas für das Gemüt und für die Familie, in ein paar Tagen dagegen muss es krachen. Der Tag danach?

Es lohnt sich einmal genauer hinzuschaun. Es ist nicht der Tag danach, wir sind mittendrin. Gestern war vielmehr der Abend davor. Heute ist Weihnachten. Die Botschaft der Engel klingt im Raum „Fürchtet euch nicht! Siehe ich verkündige euch große Freude, die allem Volke widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welche ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“

Für einen Augenblick Himmel auf Erden, alles voller Lobgesang, bis dahin ungehörte Melodien, Licht, dass alle Finsternis und Dunkelheit verbannt, für einen Augenblick am Rand der Weltgeschichte Mittelpunkt von Gottes Geschichte für und mit den Menschen, ehe wieder Ruhe, Dunkelheit und Einsamkeit Einzug hält. „Was war denn das?“ würde der Überraschte fragen. „War da was?“ der Skeptiker. „Das muss ich mir eingebildet oder geträumt haben!“

Für so eine Reaktion hätte ich vollstes Verständnis. Denn die Botschaft der Engel ist ja bis in unsere Tage hinein ungeheuerlich. Sie redet davon, dass alle Furcht weichen muss. Aber nichts quält Menschen so sehr wie die Angst. Die Angst, den Ansprüchen nicht genügen zu können, zu versagen, auf die Verliererstraße zu geraten, den Anschluss zu verpassen. Die Angst vor dem Abschwung geht um. Nichts lähmt so sehr wie die Angst vor der Zukunft.

Und doch: fürchtet euch nicht – habt Vertrauen. Es ist aus mit den schlechten Nachrichten. Frohe Nachricht, frohe Botschaft für alle.

Ungeheuerlich: man stelle sich einmal vor, unseren Nachrichtensendungen zur besten Sendezeit würden die schlechten Nachrichten ausgehen. Keine Katastrophen, keine Verbrechen, keine Krisen, nur gute Nachrichten von Frieden und Versöhnung, von einer Globalisierung, die alle Menschen ohne Unterschiede als Gotteskinder und Menschengeschwister verbindet, eine Klimaveränderung, die nicht mehr die Polkappen, dafür aber das Eis zwischen Völkern und Kontinenten schmelzen lässt.

Denn etwas ist passiert: Das Kind ist geboren. Ungeheuerlich, denn ein Kind kann zwar sehr wohl das Leben auf den Kopf stellen und völlig verändern, davon können alle Mütter und Väter, aber auch die Großeltern erzählen – aber die Welt aus den Angeln heben? Was war denn das oder war das was?

Nein, ich könnte es den Hirten nicht verdenken, wenn sie zur Tagesordnung übergegangen wären und die hieße: Schafe hüten, Wacht halten wegen gefährlicher Raubtiere, Futterplätze ausspäen und zusammenhalten. Das Leben war und ist und bleibt hart.Es geht weiter und der Alltag fordert den ganzen Menschen.

Aber etwas ganz anderes geschieht: die Hirten beraten kurz untereinander: „ja, da war etwas, für einen Moment stand uns der Himmel offen, hörten wir, wie Gottes Ewigkeit klingt und erlebten wir, wie Gottes Glanz alles zum Strahlen bringt“. Und sie lassen alles stehen und liegen und sehen zu, dass sie zu diesem Kind kommen.

Ich weiß gar, wann mir das das letzte Mal passiert ist, dass ich alles hingeworfen habe, nur um möglichst schnell in erster Reihe mit dabei zu sein.

Aber die Hirten tun es. Sie sind die ersten – buchstäblich. Die ersten, die es erfahren haben, und die ersten, die die Krippe und das Kind in Windeln gewickelt, erreichen. Sie bleiben nicht anbetend und schweigend stehen, wie es eigentlich zu erwarten gewesen wäre und wie wir immer singen. Wir kennen ja die verzückte Reaktion von Erwachsenen wenn sie einem Neugeborenen begegnen und ganz leise und behutsam werden.

Nein, sie müssen erzählen von den Engeln, von dem Lobgesang, von den schönen Liedern, von der Botschaft, von ihrer Eile, davon, dass die Welt endlich hoffen und aufatmen darf. Ein Raunen, eine Wortflut, eine umtriebige Unruhe macht sich breit. Es ist kaum zu verstehen, was sie sagen und erzählen. Man möchte dazwischenfahren und „halt, bitte langsam“ rufen, „immer der Reihenfolge nach“.

Aber eine hört genau zu, möchte jedes Wort in sich aufnehmen, vielleicht, weil es ihr immer noch so schwer fällt anzunehmen, was der Engel zu ihr gesagt hatte damals, vor wenigen Monaten: „siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären und du sollst ihm den Namen Jesus geben.“ Ihr Kind, so zart und verwundbar, ist Gottes Geschenk an diese Welt, ist das Heil der Welt, mit Namen „Retter“ genannt. Jetzt sagen es also die Hirten auch.

Maria bleibt zurück mit diesen Worten und Gedanken. Ihr Herz ist voll davon. Die Hirten aber können gar nicht mehr aufhören zu singen, selbst wenn sie sich nun wieder auf den Weg machen. Etwas ist in ihrem Leben anders geworden. Etwas ganz wichtiges ist geschehen. Ihnen ist es etwas passiert.

Ich schaue mich um. Heute morgen am 25.Dezember 2008. Weihnachten. Für viele fühlt sich das schon an wie der Tag danach. Wir singen noch einmal die Lieder, wir hören noch einmal die Geschichte, die da geschehen ist. Und dann geht das Leben weiter. Aber wir gehen noch nicht wie die Hirten weiter, die auch wieder Schafe hüten, Wach vor Raubtieren halten und Futterplätze suchen müssen.

Was war wohl das wichtigste Wörtchen, die entscheidende Botschaft der Engel, die die Hirten dermaßen in Bewegung gebracht hat. Auch darüber habe ich bisher noch gar nicht nachgedacht gehabt, musste selbst von Martin Luther draufgestoßen werden. Aber es leuchtete mir sofort ein: es ist das kleine Wörtchen „euch“: „Der Stan kann auch glauben, dass Christus von der Jungfrau Maria geboren, in der Krippe von Bethlehem gelegen habe, aber dies Wort euch glaubt niemand denn die Hirten.“

„Euch“, „dir“ und „mir“ ist heute der Heiland geboren. Gott schenkt sich euch, dir und mir, tritt in euer Leben, in dein und mein Leben. Dieses Kind lebt als Immanuel – Gott mit uns, mit dir und mit mir. Der Himmel steht euch offen, dir und mir. Die Engel versprechen uns Frieden, dir und mir. Das ist den Hirten schlagartig aufgegangen.

Vielleicht ist uns dieses Licht noch nicht richtig aufgegangen, weil wir uns zu sehr oder immer noch an dem sonderbaren, ungeheurlichen aufhalten: ein Kind in Windeln gewickelt ist das Heil der Welt, der Erlöser, der Retter. Wir ahnen,was es heißt von einem Rettung und damit das eigentlich unmögliche zu erwarten: „Yes, he can“ geht es um die Welt. Gott hat sein Rettungspaket längst geschnürt und sein Versprechen eingehalten.

Der Lebensweg dieses Kindes, seine Worte und Taten, sind voller Frieden und Versöhnung, machen die Kleinen und Schwachen groß, geben Hoffnung mitten im Streit und Lärm dieser Welt, spenden Trost, wo gelitten und gestorben wird, und stehen ein für das eine große Ziel und Versprechen: Leben und nicht mehr der Tod. Und das gilt mir und dir.

Uns ist heute der Heiland geboren. Kommt und seht, und dann kehren wir wieder um und gehen unseren Weg des Friedens mit diesem Kind, diesem Mann, mit Gott und seinem Wort als Begleiter und Berater weiter. Fürchtet euch nicht, denn euch ist heute der Heiland geboren. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

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