Fünf Sterne Hotel Bethlehem

Liebe Gemeinde am Heiligen Abend,

manche von uns werden schon in einem Fünf-Sterne-Hotel übernachtet haben. Da hat das Bad eine bestimmte Größe, vor dem Bett liegt ein Vorleger, damit die nackten Füße nicht den Teppichboden berühren müssen, Schlappen liegen bereit, ein Bademantel. Rund um die Uhr sind Essen und Trinken auch aufs Zimmer zu bekommen. Auch im Drei-Sterne-Hotel lässt es sich angenehm sein. Den Gast erwartet ein eigenes Bad, eine gute Matratze, die Minibar im Zimmer, ein gepflegter Empfang. Viele von uns werden so schon unterwegs gewesen sein und es genossen haben.

Der Abend heute bringt uns in eine andere Art Hotel. Heute, an diesem Heiligen Abend, sind wir eingeladen ins Ein-Stern-Hotel in Bethlehem.

Wir alle haben Bilder von diesem Ort im Sinn, Bilder aus der Kindheit, die uns geprägt haben und tief in unserem Herzen verankert sind. Gemälde und Illustrationen, Inszenierungen aus Weihnachtsfeiern und Krippenspielen. Unsere Tradition hat die Geschichte kräftig aufpoliert – mit niedlicher Krippe, Ochs und Esel, Tannenbaum und vielen, vielen Lichtern.

Ich lade Sie ein, heute mit einem klaren Blick auf die Unterkunft in Bethlehem zu schauen. Kein Qualitätsmerkmal! Vielleicht waren wir da auch schon mal, in Jugendtagen, in Rucksack-Zeiten, in verwanzten Unterkünften, mit Matratzenlager und ohne Dusche. Ohne Stern unterkommen, so sind viele unterwegs, weil sie sich mehr nicht leisten können. Die Absteige ist überfüllt, soviel können wir auch biblisch korrekt sagen, es war kein Platz in der Herberge für die zahlreichen Reisenden, die wegen der römischen Volkserzählung unterwegs in ihre Vaterstädte waren. Das Hotel ist überfüllt und ohne jeden Komfort. Von Ochs und Esel ist im biblischen Text nicht die Rede, nur dass im Heu die eine Frau unter Wehen Platz gefunden hat. Warum erzählt Lukas überhaupt, dass die hoch schwangere Maria mitgegangen ist auf den Weg von Nazareth nach Bethlehem? Eine Verheißung soll wahr werden und diese Verheißung findet keinen Raum im Hotel Maritim. Die Botschaft heißt: von einem kläglichen Ort geht das Heil aus, dort ist Gott Mensch geworden. Erfüllung und Rettung gehen einher mit Armut und Stallgeruch.

Eine erbärmliche Unterkunft, eine Billig-Pension für Leiharbeiter, eine Flüchtlingsstation an irgendeiner Landesgrenze, ein Internierungslager, ein Massenlager für Gefangene. Eine Notunterkunft. Es ist das Hôtel de Dieu, das Krankenhaus für die Armen, es ist die Casa Speranza für die Straßenkinder. Deshalb muss Maria mit, damit das Kind nicht in der Atmosphäre häuslicher Geborgenheit, womöglich im Schutz der Familie geboren wird, sondern damit dieses Kind in Ungeborgenheit, im Flüchtlingsstatus, im Unterwegssein geboren wird. Nein, nicht im Fünf-oder-Drei-Sterne-Hotel, das überall auf der Welt vergleichbaren Luxus bietet, sondern in der Absteige, im Stall. Lukas, der Evangelist, schickt Maria auf den Weg, damit wir gerade keine Idylle, sondern Ungeborgenheit vor Augen haben sollen.

Ja, ich lade Sie ein, diese alte, mit sanftem Glanz überzogene Geschichte mit taghellem Verstand anzuschauen. Und diese Geschichte führt uns zu Menschen auf der Flucht, zu denen in den Notunterkünften, zu denen ganz unten. Die Weihnachtsgeschichte konfrontiert uns mit dem, was wir als widernatürlich empfinden: Gott und Scheitern, Gott und Kläglichkeit. Gott und Ungeborgenheit. Der Inbegriff dessen, woraus wir uns unentwegt befreien wollen. Wo wir uns aber ausstrecken nach dem Sternenglanz unserer Wünsche und Hoffnungen, da bietet die Welt häufig nur künstliche Lichterketten, das vergängliche Glück schnell ausgepackter Päckchen, die mediale Bilderflut der Erfolgreichen. Wo immer auf den Bildern der Geburt ein glänzender Sternenhimmel, eine stille, heilige Nacht, ein sanfter Mond zu sehen ist – misstraut dem Sternengefunkel! Das Hotel Bethlehem hat nur einen Stern.

Mit den Jahren durchschauen wir oder ahnen zumindest, dass unsere Suche trotz aller Erfolge nicht aufhört, nicht ans Ziel kommt, ja, dass unser Hunger nach Leben nicht gestillt wird, sondern schlicht unstillbar bleibt. Und wir spüren und wissen, dass Trost und Hoffnung nicht aus Lichterketten, sondern aus einem einzigen Licht kommen. Wenn wir im Finstern sitzen, schenkt ein Wort zur richtigen Zeit wohl mehr Trost als der künstliche Jubel einer Fernsehsendung. Aus dem Großen ins Kleine, aus dem Erfolg in die Niedrigkeit, aus dem Stolz in die Demut – die Weihnachtsgeschichte ist keine Geschichte der Sieger. Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig, sagt Gott. Meine Kinder sind die, (die den einen Stern am Mantelaufschlag tragen mussten und die,) die in der Herberge nicht wissen, wovon sie am nächsten Tag das Essen ihrer Kinder zahlen sollen.

Wollen wir loslassen von den festen Vorstellungen, wie das Leben zu sein hat, loslassen, was wir an ererbten und aufgezwungen Bildern von Erfolg und Gewinnen in uns tragen? Wie kaum ein anderes Fest ist gerade Weihnachten an das gemütliche Zuhause geknüpft. Wo es warm ist, ist Geborgenheit. Wo wir die Unsrigen beisammen haben, ist Sicherheit. Wo wir die Tür zumachen können, ist Zuversicht. Und genau damit täuschen wir uns. Der Stern von Bethlehem bringt einen neuen Qualitätsstandard: Geborgenheit ist auch auf der Flucht möglich. Menschen erfahren Sicherheit, wenn wir unser Interesse von afrikanischen Flüchtlingslagern nicht abziehen. Dort leuchtet der Stern auf. Zuversicht erfüllt die Menschen, die Brunnen bohren und eine Schule für ihre Kinder bauen können. Geborgenheit und Erfüllung erleben wir da, wo wir gebraucht werden. Gott zieht ein in die klägliche Herberge alltäglichen Daseins. Wenn Gott an diesen Ort kommt, wird aus dem Lager ein Ein-Stern-Hotel. Da wo die Welt weniger als Herberge bietet, steht das Ein-Stern-Hotel der Hoffnung. Wo sich unser Herz öffnet für Mitmenschen, wo das ewige Bewerten, Anklagen, Verurteilen zur Ruhe kommt, da bricht Gottes Liebe durch.

Haben wir etwas zu verlieren, wenn wir heute Abend zu denken wagen: das Ein-Stern-Hotel Bethlehem ist tatsächlich die Herberge echter Hoffnung, begründeter Zukunft und Ort der erlösenden Liebe Gottes? Die Weihnachtsgeschichte erzählt uns: Der Stern von Bethlehem reicht. Er zeigt den Weg, sich selbst und die anderen so anzunehmen, uns so anzunehmen wie wir sind. Wo das geschieht, kommt unsere ewige Sehnsucht für Momente zur Ruhe. Gottes Anrede an uns ist das neugeborene Kind: im Ungeborgenen schenkt Gott Geborgenheit, in der Niedrigkeit Größe, in der Dunkelheit Glanz. Im Unerwarteten … Vertriebenen … Heimatlosen. Das ist die Verheißung, jeder noch so großartig gestylten Wellness-Oase unendlich überlegen. Dort, wo Gott ist, brauchst Du keinen Bettvorleger. Willkommen, liebe Gemeinde, im Hotel „Zum Stern von Bethlehem“!

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