Weihnachtsglanz

[Die Predigt ist eine Gemeinschaftproduktion von Pastor Christoph Maaß, Achim und Anke Döding]

Liebe Gemeinde,

Anfang November leuchtete für eine kurze Zeit Weihnachtsglanz auf. Erinnern Sie sich? Nein, ich meine nicht, weil es schon seit zwei Monaten Lebkuchen und Zimtsterne zu kaufen gab. Auch nicht, weil eine Ausstellung die nächste jagte und die neuesten Dekorationsideen zum Fest auf den Markt kamen. So etwas wie Weihnachtsglanz leuchtete auf, nachdem das Ergebnis der Präsidentenwahl in den USA bekannt wurde. Hoffnung wurde wach, dass es zu einem Politikwandel kommen wird, zu ernsthaften Friedensbemühungen im mittleren Osten, zum politischen Dialog auf Augenhöhe. Nein, Barack Obama ist nicht der Messias – und es bleibt abzuwarten, wie viele der hoch gesteckten Erwartungen an ihn er dann wirklich erfüllen kann, wenn er im Amt ist. Ihn erwarten schwere, fast unlösbar erscheinende Aufgaben. Aber mich hat die Reaktion auf seine Wahl trotzdem angerührt: Zunächst einmal, mit wie vielen Glückstränen die schwarzen US-Amerikaner diesen Sieg gefeiert haben – 40 Jahre nach der Ermordung von Martin Luther King. Mich hat es aber auch angerührt, dass auch bei uns ganz viele Menschen voller Freude das Ergebnis der Wahl zur Kenntnis genommen haben. „Hast Du schon gehört? Ist das nicht wunderbar?“ Manche sind nachts lange aufgeblieben oder morgens sehr früh aufgestanden, nur um möglichst schnell zu wissen, wie es ausgegangen ist. Wir, die wir immer so abgebrüht sind, die wir so gerne auf die da oben schimpfen und den Politikern doch eigentlich gar nichts mehr zutrauen – auf einmal geht es doch, dass wir Veränderung für möglich halten? Auf einmal lassen wir uns anstecken von der Hoffnung, dass eine andere Welt, ein gerechtes Miteinander und Frieden machbar sind?

Da waren wir auf einmal, Anfang November, ganz dicht beim Thema Weihnachten. Heute am Heiligabend erinnern uns an eine Geburt, die vor ungefähr 2000 Jahren in einem fernen Land geschah. Und das, was da passiert ist, das hat auch viel Jubel und Begeisterung ausgelöst bei den Engeln und bei den Hirtenfamilien, bei den wahrheitssuchenden noblen Weisen und bei allen, die sehnsüchtig auf die Geburt des Retters warteten. Auch heute soll uns das Geschehen von damals noch betreffen, Auswirkungen haben, etwas verändern – jedenfalls wenn Weihnachten für uns mehr ist, als nur ein paar schöne Feiertage, an denen wir unsere Familientraditionen und Brauchtum pflegen. Das Kind in Bethlehem will Mut machen zur Veränderung, auch heute noch. Wie ist das möglich? Ein Kind verändert die Welt, kann das sein?

Ein Kind verändert die Welt. Zumindest Väter und Mütter werden diesen Satz sofort nachvollziehen können. Ein Kind bedeutet: Alles wird anders. Auf einmal werden die Nächte kurz, der monatliche Kinobesuch fällt regelmäßig aus. Kinderfreie Abende wollen organisiert sein. Über Vieles beginnt man nachzudenken: Wann waren wir eigentlich das letzte Mal bei unserem Lieblings-Italiener? Wäre das jetzt nicht ein guter Zeitpunkt, um mit dem Rauchen aufzuhören? Muss die weite und nicht ganz ungefährliche Motorradreise mit Freunden nach Südeuropa wirklich sein? Ein Kind verändert die Welt. Vieles sehen die Eltern auf einmal anders. Das Thema „Verantwortung“ zum Beispiel. Man freut sich über das Krabbeln, die ersten Schritte. Das Lächeln des Kindes entschädigt für viele Einschränkungen. Und dass die erste selbständige WC- Nutzung des Kindes den Vater mit Stolz erfüllen kann, hätte er vor der Geburt wohl auch nicht gedacht.

Wir erinnern uns heute an die Geburt von Jesus Christus. Der Evangelist Lukas schildert – sicher legendenhaft, aber mit einer inhärenten Wahrheit, die über einen Tatsachenbericht hinausgeht – die Umstände dieser Geburt. Eine arme Geburt, auf den Feldern, draußen vor der Stadt. Genauso, wie es in vielen armen Ländern heute noch geschieht. Wir hören von einer bewegten Mutter und einem Vater, der die Zähne zusammenbeißen muss: „Ist es mein Kind“, fragt er sich und bleibt dann doch. Dieser Jesus Christus hat das Leben nicht nur seiner Eltern verändert. Nach ihm war die Welt und ihre Geschichte nicht mehr dieselbe. Durch Jesus haben wir ein neues Bild von Gott. Jesus erzählt von einem Gott, der „Liebet eure Feinde sagt“ und nicht: „Tötet die Andersgläubigen“. Jesus erzählt von einem Gott, der die Freiheit von uns Menschen will – keine Menschen, die aus Angst vor ihrem Gott erstarren. Jesus erzählt davon, dass der gute und liebevolle Umgang untereinander viel mehr Sinn ergibt, als rund um die Uhr an das eigene Wohlergehen zu denken.

Weihnachten 2008. Die Krise der Finanzmärkte wird Auswirkungen auf uns alle haben – die mit den Niedrigsteinkommen trifft es zuerst und am härtesten. Die Autofirmen haben Produktionsstopps angekündigt, andere Branchen werden folgen. Gleichzeitig wird uns gesagt, viel Konsum ist Bürgerpflicht – gerade jetzt. Auch der nächste Terroranschlag wird nicht lange auf sich warten lassen – wie viele Menschen müssen noch sterben? Der Klimawandel scheint jetzt sogar noch schneller einzutreten, die Prognosen geben Anlass zum schnellen Handeln. Nur: Das passiert nicht. Bei anderen stehen vielleicht Trauer oder persönliche Sorgen im Vordergrund: Wie soll ich nur Weihnachten überstehen ohne meinen Partner, meine Partnerin, wenn es doch schnell wieder Alltag wäre! Ob wir es hinkriegen, vernünftig miteinander umzugehen, ohne dass wieder die uralten Kamellen für Streit sorgen? Werde ich wieder gesund werden?

Die Weihnachtsbotschaft des Jesus von Nazareth hat es schwer. Wir überhören und übersehen sie so leicht, im Gewirr von Ängsten, Sorgen und Weihnachtsrummel.

Aber alle Jahre wieder bietet uns die Weihnachtsbotschaft eine neue Perspektive für unser Leben an. Und die heißt: Auch wenn manches in unserem Leben dunkel und düster ist wissen wir trotzdem seit der Geburt Christi: Gott geht mit uns! Das befreit nicht von allen Sorgen, aber es kann unsere Sicht auf die Dinge verändern und Kraft geben zur Veränderung. Das Kind in der Krippe widerspricht bis heute allen denen, die sagen, dass die Welt nun mal so ist wie sie ist. Christliche Hoffnung gründet sich auf das Gegenteil, auf einen Gott, der Menschen herausgerufen hat aus ihrem Trott. Wir wissen: bei uns hat schon einmal einer die dunkle Nacht erhellt. Bei uns hat schon einmal einer Menschen in ihren Sorgen und ihrer Not angesprochen und hat sie froh gemacht, und mutig. Bei uns hat schon einmal einer gezeigt: Ein anderes Leben ist möglich.

Mit stiller Kraft, mit der Geburt eines Kindes hat Gott für einen Moment alle Gewalt dieser Welt ein Ende gemacht. In jedem Weihnachtsfest feiern wir diese Geburt, die damals geschah und wir feiern sie als ein Ereignis, das auch heute geschieht, für uns. Von der Finsternis, die uns umgibt wissen wir aus der Tageszeitung und aus eigener Erfahrung. Dagegen aber setzt Gott das Licht, das den Hirten leuchtete und allen, die sich aufmachen zum Kind. Darum: Lassen wir uns auch heute von der Freude anstecken, die damals ihren Anfang nahm. Lassen wir es zu, dass das Licht der Weihnacht unsere Herzen heller macht. Trauen wir es Gott zu, dass er uns und diese Welt verändert: „Hast Du’s schon gehört? Ist das nicht wunderbar?“

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