Gott schenkt sich dieser Welt

Willkommen zu Hause!

Mit den vertrauten Worten der Weihnachtsgeschichte kommen wir endlich an. Weihnachten, wie wir es erhoffen und herbeiwünschen in den Tagen und Wochen des Advents und in der Unruhe unseres Alltags und in der Verwundbarkeit und Heillosigkeit unserer Welt. Was so wenige Worte an Gefühlen, Erwartungen und Erinnerungen auslösen können. „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzet würde …“ Und sofort steht uns die ganze Geschichte vor Augen. Klingen all die Bilder und Szenen an, die noch folgen und die wir eben gehört und besungen haben.

Sie ist so ganz anders diese Geschichte, vor allem ist sie ganz konkret und wirklich. Sie ist wahrhaftig. Vor allem aber rührt sie nicht nur das Herz an, sondern öffnet uns die Augen. Sie nennt Zeit und Ort, Ross und Reiter, und spielt nicht nirgendwann und nirgendwo wie all die schönen Geschichten, die mit den Worten beginnen: „es war einmal vor langer Zeit in einem fernen Land“ und die dann enden mit der Feststellung: „und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“

Nein, in den Tagen des Kaisers Augustus, der sich zum Friedenskaiser ernannt hatte und die Welt mit dem römischen Frieden des Schreckens und der Abschreckung überzogen hatte, in einer von seinen Truppen besetzten Provinz geschah es, als er Menschen in Bewegung setzte, um seine Steuerlisten nach einer Volkszählung aktualisieren zu können, weil er Armeen und Ausrüstung für seine vermeintlichen militärischen Friedensmissionen finanzieren musste, da waren auch Maria und Josef unterwegs von Nazareth nach Bethlehem, guter Hoffnung und mit ängstlichem Blick in die Zukunft.

Hier berühren sich Weltgeschichte, globale Zusammenhänge und alltägliche Menschenschicksale mit den kleinen oder großen Freuden und Sorgen des Lebens. Es geht nicht darum, die Welt mit einfachen Bildern zu erklären und schwarz oder weiß, gut oder böse, zu malen, sondern klar zu machen: Gott kommt, mitten hinein in diese meine und ihre Welt, in der die Mächtigen meinen, die Fäden in der Hand zu halten, und in der die Kleinen versuchen ihren Alltag zu bewältigen. Gott kommt in eine Welt, die heute nicht anders gestrickt ist, als damals, nur dass die Mächtigen andere Namen tragen, an anderen Orten sitzen. Das Grundmuster ist geblieben.

Frieden ist immer noch nicht mehr als das Schweigen der Waffen, die aber jederzeit bereit liegen, ja, die an immer noch viel zu vielen Orten im Einsatz sind, um Frieden zu erzwingen an den Kriegsschauplätzen rund um den Globus. Es wäre unredlich, das bei aller Idylle und aller Sehnsucht auszublenden. Auch 2008 nach Christi Geburt war kein Jahr des Friedens, wohl aber der Friedenssehnsucht wie zu den Zeiten der Propheten Jesaja und Micha.

Die soziale Schere klafft noch immer weit auseinander. Dort der Kaiserpalast im Zentrum der Weltgeschichte im antiken Rom und hier die Hirten auf dem Feld und die werdenden Eltern, die keinen Raum in der Herberge fanden. Hier die Manager und Spekulanten, die mit Summen jonglieren, bei den uns schwindlig wird und dort Monat für Monat die Zahl der Bedarfsgemeinschaften, die von Leistungen des Grundsicherungsamtes abhängen, damit sie ihren Raum als Herberge behalten können.

Ich will damit gar nicht in die heute an vielen Stellen zu hörende Gesellschafts- und Wirtschaftsordnungskritik einstimmen. Dazu beschäftigen uns die Themen Finanz- Wirtschafts- und Immobilenkrise mit ihren Abermilliardenrettungspaketen schon über Monate hinweg viel zu sehr. Aber ich will deutlich machen, dass Gott genau diese unsere Wirklichkeit meint, in die wir mit unserem Leben, unseren Freuden und Sorgen, mit unseren schönen Erlebnissen und sorgenvollen Erwartungen eingebunden sind – auch heute Abend, so unterschiedlich wie wir sind hier in Templin oder in den vielen festlich geschmückten Kirchen unseres Landes und dann rund um die Uhr und den Globus.

Es geht nicht darum für einen Augenblick zu vergessen, wie es da draußen zugeht, selbst wenn wir das so gerne täte, sondern zu entdecken, dass Gott genau diese Welt gewählt hat, um in ihr anzukommen. Gott schenkt sich dieser Welt, in der einem doch eigentlich nichts geschenkt wird, in der es im Augenblick eigentlich auch nichts zu verschenken gibt, selbst wenn der Einzelhandel Wochenende für Wochenende im Advent nach dem Geschenkverhalten der Konsumenten befragt wird.Gesagt wird uns immer wieder: es ist nicht die Zeit für Geschenke, selbst wenn Konsumgutscheine ins Gespräch gebracht werden. Ansonsten werden bald wieder die Steuerlisten aktualisiert werden müssen nicht nur damals zwischen Nazareth und Bethlehem für die Kriegskasse des Kaisers.

Und dennoch: Gott schenkt sich dieser Welt. Ich weiß, wie leicht sich das sagt, wie schwer das aber zu glauben ist. Nicht nur für uns, sondern schon für Maria und Josef. Maria, diese junge Frau, ihrem künftigen Mann versprochen, steht mit einem Mal schwanger vor ihm und kann ihm nicht erklären, was das denn bedeuten soll. Josef, hin und her gerissen, zwischen Ehre, Anstand und Liebe und Moral . Möchte sich am liebsten heimlich davon machen, so weiß es zumindest der andere Evangelist mit Namen Matthäus zu berichten.

Jetzt unterwegs zwischen Nazareth und Bethlehem auf staubiger und stolpriger Strecke unterwegs, ferngesteuert aus Rom, mit den Ängsten und Sorgen der Zeitgenossen – so kommt Gott zur Welt? So schenkt sich Gott? Nicht in Schmuckkassette und mit Geschenkkarton, sondern in einem Futtertrog zwischen Heu und Stroh ? Ja genau so schenkt sich Gott. Genau so, dass ich einmal nicht das Gefühl habe, bei denen da oben, bei den Mächtigen und Einflussreichen, den Schönen und Erfolgreichen, mit Nachrichtenwert in den Klatschspalten, sondern bei Leuten wie uns kommt Gott an, in den Lebenswelten, mit denen wir uns herumschlagen, in unseren Lebenskrisen, die nicht groß genug sind, dass die Öffentlichkeit davon Kenntnis nimmt. Genau dort, wo die große Weltgeschichte unsere kleinen Lebenswege stört und unsere Lebensgeschichte berührt.

Die Hirten auf den Feldern sind die Repräsentanten, die Stellvertreter der Menschen aller Zeiten, die sich dem Abenteuer und dem Kampf Leben mit all seinen widrigen und schönen Seiten stellen. Wenn ich genau hinschaue, dann darf ich mich in ihnen entdecken und an ihrer Stelle, die Botschaft der Engel hören: Fürchtet euch nicht! Auch nicht in den Zeiten der größten Bankenkrise oder der gesteigerten Terrorangst. Fürchtet euch nicht vor der Heillosigkeit dieser Welt. Denn siehe : ich verkündige euch große Friede, die allem Volk und aller Welt zu allen Zeiten in allen Lebenslagen gelten soll.

Euch ist heute der Heiland geboren, Christus der Herr. Gott liegt diese eure Lebenswelt so am Herzen, das er hineingeboren wird. Frieden ist nicht nur Sehnsucht unseres Lebens, Frieden ist nicht nur unser Wunsch für unsere Familien in diesen Tagen, ein Wunsch, der Menschen oft überfordert.

Frieden ist nicht nur unsere Hoffnung für diese Welt, besonders für die Regionen, die unter Hunger, Unterdrückung, Gewalt und Krieg in besonderer Weise leiden. Frieden hat einen Namen und ein Gesicht bekommen. Frieden aus Fleisch und Blut, Frieden, der sich Gehör verschafft. Jesus von Nazareth, das Kind in der Krippe, geboren in den Tagen des Kaisers Augustus, als der meinte das alleinige Friedensmonopol zu besitzen.

Es ist kein Frieden nach dem Willen der Mächtigen, sondern ein Frieden von unten, aus der Krippe, aus dem Futtertrog in Bethlehem. Ein Frieden, der wachsen will wie dieses Kind, ein Frieden, der seine Spuren hinterlassen will in uns und in dieser Welt. Es ist ein Frieden mitten in der Nacht, in der Nacht von Bethlehem. Ein Frieden für die Nächte, in denen wir uns immer wieder gewollt oder ungewollt finden. Ein Frieden, der uns dann erfüllen und verwandeln möge.

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