Das Rettungspaket

Von einem „Rettungspaket“ ist in diesen Tagen immer wieder die Rede, liebe Gemeinde. Von milliardenschweren Rettungspaketen, die Regierungen überall in der Welt auflegen, um den Absturz der Wirtschaft zu verhindern. „Es wird alles noch viel schlimmer“ war in Zeitung zu lesen: „Die Wirtschaft ist in einem weit schlechteren Zustand, als wir gedacht haben“, behauptet der künftige US-Vize-Kanzler Joe Biden. Wir brauchen also ein noch viel größeres Rettungspaket um Schlimmeres zu verhindern.

„Was hat das denn mit Weihnachten zu tun?“ werden manche jetzt denken. Sollen wir alle noch mehr und noch teurere Geschenke kaufen, um die rückläufige Konjunktur wieder anzukurbeln? Und andere werden sagen: „Lasst uns doch wenigsten an Weihnachten mit diesen Problemen in Ruhe. Die Zukunftprognosen sind schon düster genug; da ist es doch besser, sich in eine traute Weihnachtswelt zu flüchten und wenigsten über die Feiertage bei Kerzenschein und Plätzchenduft von einer besseren Welt zu träumen.“

Ich werde aber das Gefühl nicht los, dass beides doch irgendwie miteinander zu tun hat. Während in den Medien immer wieder von einem „Rettungspaket“ gesprochen wird, kommt mir unwillkürlich der Gedanke, dass Gott ja schon vor mehr als zweitausend Jahren ein ganz anderes „Rettungspaket“ geschnürt hat, um der Menschheit in ihren Sorgen und Nöten beizustehen und zu helfen. Im Johannesevangelium heißt es: „Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern, dass er die Welt rette.“ Und wir singen mit dem bekanntesten aller Weihnachtslieder: „Christ, der Retter ist da!“ Also ist das Kind in der Krippe in gewisser Weise auch eine Art „Rettungspaket“ für die Menschheit. Vielleicht mögen manche jetzt denken: "Jetzt schlägt der Pfarrer wieder bei ihm durch. Der muss das ja so sagen – gerade an Weihnachten – aber das hilft uns in der schwierigen Weltwirtschaftslage nicht weiter. Das Kind von Bethlehem füllt nicht die Auftragsbücher der Betriebe und schafft auch keine Arbeitsplätze. Mit Ausnahme von ein paar Angestellten auf den Christkindlesmärkten vielleicht."

Und trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass es doch mehr miteinander zu tun haben könnte: unsere Wirtschaftslage und das „Rettungspaket“ von Bethlehem. Denn vor diesem Kind in der Krippe haben alle gleichermaßen Respekt; die unbedarften Hirten aus Bethlehem ebenso, wie die weit gereisten hochherrschaftlichen Könige aus dem Morgenland. Sie alle erkennen im Blick auf dieses Kind, dass es im Leben noch ganz andere und sehr viel höhere Werte gibt auf die es ankommt. Stellen wir uns doch nur für einen kurzen Augenblick eine Weihnachtsgeschichte vor, wo die Könige sagen: „Gold, Weihrauch und Myrrhe legen wir lieber gewinnbringend an; da kann man noch ein paar Prozent dabei herausholen. Für das Kind in der Krippe tut es auch ein Päckchen Datteln.“ Oder wie wäre die Weihnachtsgeschichte ausgegangen, wenn Josef das Kind nicht angenommen und Maria verlassen hätte? Wir wäre es ausgegangen, wenn auch der dritte Wirt in Bethlehem kein Einsehen gehabt hätte und der hochschwangeren Maria nicht seinen Stall als Notquartier zur Verfügung gestellt hätte? Wenn Maria in höchster Verzweiflung abgetrieben hätte oder das Kind am Ende in der kalten Nacht erfroren oder verhungert wäre?

Ich glaube fest, dass das „Rettungspaket“, das Gott vor zweitausend Jahren in Bethlehem geschnürt hat uns auch heute noch ganz konkret und ganz praktisch helfen kann. Nämlich dort wo wir selbst durch den Blick auf dieses kleine wehrlose Kind in der Krippe erkennen, worauf es im Leben ankommt: nämlich nicht darauf möglichst viel und möglichst schnell Gewinn zu machen, sondern vielmehr überall dem Leben Raum zu geben. Fragen Sie sich doch einmal selbst: Wie sieht mein ganz persönliches „Rettungspaket“ aus? Was brauche ich, um mit mir selbst im Reinen zu sein? Wie kann ich vernünftig leben ohne meinen Mitmenschen zu schaden. Wie gelingt ein Leben, das nicht auf Kosten anderer geht? Wie kann ich meinen ganz persönlichen Beitrag dazu leisten, dass wir alle miteinander weiter kommen?

Das Kind in der Krippe füllt nicht die Auftragsbücher und schafft keine Arbeitsplätze – das weiß ich auch – aber es zeigt uns, wie wir so miteinander umgehen und leben können, dass keiner auf der Strecke bleibt, dass jeder und jede die Chance auf ein einigermaßen sorgenfreies und gutes Leben haben kann. Und es macht und klar, dass jeder – sei er nun im übertragenen Sinne „Hirte“ oder „König“ – selbst immer nur soviel haben darf, dass es am Ende noch für alle reicht. Das, liebe Gemeinde, ist das „Rettungspaket Gottes“ – in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend – und wahrscheinlich das einzige „Rettungspaket“, das der Menschheit auf Dauer wirklich hilft. Amen.

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