Wie es wirklich war

Liebe Gemeinde!

Wir leben heute in einer Kultur, die sich dafür interessiert „wie es wirklich war.“ Alle Nachrichtensendungen versprechen uns das. Und wir selbst – je jünger wir sind, umso mehr Fotos machen wir von den Dingen, die wir erleben. Wir dokumentieren wie es war – die Urlaube, die Hochzeiten, die Taufen, die Feten, die Geburtstage.

Und Sendungen im Fernsehen haben Erfolg, die die Welt erklären wie sie ist – diese Sendungen heißen dann Galileo, Welt der Wunder, Welt des Wissens usw.. Und überall erklärt man uns, komme es auf das Wissen an. Wir würden in einer Informationsgesellschaft leben. Und tatsächlich sind viele Informationen, viel Wissen im Internet oft nur einen Mausklick entfernt. Es geht um Fakten. Das ist das, was zählt. Wahr ist, was bewiesen ist, wofür es „Beweise“ gibt – Fotos und Filme.

Frühere Generationen – und das ist noch nicht so lange her – hatten diese ganzen Möglichkeiten nicht. Fotos waren komplizierter zu machen, das Lexikon hat man sich vielleicht einmal im Leben gekauft und dann – wenn überhaupt – das ganze Leben lang benutzt.

Wer aber älter ist, hat vielleicht nur 20 Fotos vom Urlaub – oder nur 3 oder 4 von der Kindheit, weil der Rest im Krieg verloren gegangen ist oder bei der Flucht. Und ist deshalb mehr darauf angewiesen zu erzählen. Davon wie die Kindheit war. Davon, was man im Urlaub erlebt hat. Und es ist ja auch so: selbst man von einem Urlaub 500 Digitalfotos hat – sie erzählen nichts davon wie es sich angefühlt an. Wie es sich angefühlt hat – davon muss man erzählen.

Wie es war, den Berg hochzusteigen – wie es war, morgens in die eiskalte See zu springen. Wie es war, als es 40 Grad warm war. Wie es war, als es 2 Wochen lang im einsamen Ferienhaus nur geregnet hat. Wie es war in der Kindheit, als es noch keinen Kühlschrank, keinen Fernsehen gab, als es im ganzen Dorf nur ein Telefon und kein Auto gab.

Von all diesen Dingen kann man nur erzählen. Erzählen wie es sich anfühlt. Und beim Erzählen achtet man nicht auf die Fakten. Der Regenurlaub, den man überstanden hat, der wird im Nachhinein verklärt. Der Berg, den man bestiegen hat, wird in der Erzählung immer größer, genau wie der Fisch, den man geangelt hat, es ist immer heißer als es „in echt“ war, die Feten immer großartiger, die Uhrzeit, zu der man nach Hause kam, wird immer später im Rückblick. Und die eigene Kindheit oft immer heimeliger. Wir erzählen wie es sich anfühlte, nicht wie es war.

Menschen, die zu der Zeit lebten als die Bibel entstand, interessierten sich in ihrem Leben überhaupt nicht für Fakten. Dafür wie es „wirklich“ war. Es gab nur die Erzählung. Und niemand machte überhaupt Urlaub, es gab kein Fernsehen, und Nachrichten erreichten die Menschen erst nach Wochen, Monaten oder Jahren. Da konnten sich keine Fakten behaupten. Damit die Geschichten, die Nachrichten weitergegeben wurden, mussten sie „spannend“ sein. Sie mussten nicht erzählen wie es war, sondern wie es sich anfühlte. Dann waren die Geschichten „wahr“ – dann wenn sie spannend waren und etwas erzählten, was den harten Alltag erträglich machte, was zerstreut, was einen aufbaute.

Ich erzähle Ihnen das, um zu sagen, dass alle die Geschichten der Bibel so entstanden sind – auch die Geschichten, die wir in den Weihnachtsgottesdiensten und auch heute an diesem 4. Advent hören.

Da saßen Menschen vor 1950 Jahren zusammen und die Kinder und die Jugendlichen fragten die Ältern über diesen Jesus aus. „Ihr betet doch zu diesem Jesus – ist er ein Gott?“. Und die Erwachsenen sagten: „Nicht direkt ein Gott, aber dann irgendwie doch …“

Und jemand warf ein: „Man muss ganz weit ausholen.“ Jetzt wussten die Kinder, dass die Erwachsenen von dem König David erzählen würden. Und dann von dem Retter, der irgendwann einmal kommen sollte. So einer wie König David, aber natürlich anders. Großartiger. Ein Held. Aber er würde aus der Stadt Davids kommen, aus Bethlehem. So wie der Prophet Micha das vorhergesagt hatte. Und dann kamen die Geschichten von den beiden Frauen. „Ihr müsst wissen“, sagte jemand aus der Runde, „Jesus ist nicht einfach wie ein Gott in diese Welt hinabgestiegen und als erwachsener Mann erschienen. Jesus war kein Geist, sondern ein Mensch. Er wurde geboren wie andere Menschen aus.“ Ein anderer sagte: „Aber es war ein besondere Geburt. Denn die Mutter, Maria, war noch Jungfrau.“ Ein kleines Kind fragte dazwischen: „Was ist eine Jungfrau?“ Die Erwachsenen in der Runde räusperten sich, die Jugendlichen wurden ein wenig rot. Und schnell erzählte jemand weiter.

Von Elisabeth, einer Verwandten von Maria. Die war auch schwanger. Und eigentlich konnte Elisabeth zusammen mit ihrem Mann, Zacharias, der Priester war, kein Kind bekommen. Und jetzt war sie doch schwanger. Wie Maria.

Und so erzählten sich damals die Menschen Geschichten, erzählten weiter, was sie gehört hatten. Und erst 60 Jahre nachdem Jesus hingerichtet worden war, wurden diese Geschichten aufgeschrieben. Und dabei sicherlich dabei noch mal verändert.

Also – 60 Jahre wurden diese Geschichten weitererzählt. 60 Jahre lang hatte immer wieder jemand Interesse gehabt, zu reden und die Geschichten nicht verloren zu geben. Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass die Menschen damals mehr noch als wir heute in Deutschland und Europa ihre Grenzen gespürt haben.

Der Tod war viel gegenwärtiger als heute. Das Leben war viel bedrohter. Eine Missernte – und da gab es kein Geld vom Staat, es gab kein Krankenversicherung. Und wer arm war, der musste, so wie heute viele Menschen auf dieser Welt, erst mal nur überleben. Ein geregeltes, sicheres Leben gab es nur für sehr, sehr weniger Menschen. Pläne konnte man kaum machen. Es konnte immer anders kommen. Und dann haben sich diese Menschen damals die Frage gestellt: Wo ist denn Gott in unserer Not?

Und dann hört man von irgendwoher Sätze wie: 52 Gott stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. 53 Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Diese Sätze behält man nicht für sich, wenn sie einen betreffen. Und man hört von einem wunderbaren Retter.

Auf einmal passt alles zusammen. Gott ist nicht Schuld an der Armut und der Not, sondern Gott ist auf Seiten der Armen, der Kranken, der „Elenden“. Und wenn man das den Anderen erzählt, die ebenfalls an ihre Grenzen gestoßen sind, dann werden diese Sätze ihre Runde machen. Bis sie schließlich Maria in den Mund gelegt werden: 46 Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, 47 und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; 48 denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. 49 Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist. 50 Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten. 51 Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. 52 Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. 53 Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. 54 Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, 55 wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.

Wer jung war und gesund, wer reich und schön, wer erfolgreich und wohlhabend war, der hätte diese Geschichten wahrscheinlich gehört und vergessen. Warum sollte er sie weitergeben? Vielleicht wollte er sie auch gar nicht hören. „Er stößt die, die Macht haben, vom Thron.“ – das hört man nicht gerne.

Ist aber Gott deshalb nur da, wo Menschen arm sind und krank und elend? Ich glaube nicht. Gott lässt sich nicht begrenzen. Aber er ist an den Grenzen. An den Grenzen des menschlichen Lebens. Gott hat eine andere Zeitrechnung. Einen anderen Blick. Gott ist da, wo man ihn nicht vermutet, zu Zeiten, wo man nicht mit ihm rechnet. In Umständen, die man ihm nicht zutrauen würde.

Wer ein geregeltes Leben führt, abgesichert, der hat es aber eben schwerer, diesen Gott wahrzunehmen. Weil da Gott ist, wo Dinge zu Unzeiten passieren. Wo Menschen an ihre Grenzen kommen, wo man nicht mehr weiter weiß. Da werden Geschichten von diesem Gott erzählt. Von einem Menschen, der auf wunderbare geboren wurde, der Kranken, Ausgestoßenen, Fragenden, Zweiflern begegnet ist. Von einem Menschen, dem all das zum Verhängnis wurde, weil sich die Mächtigen und Wissenden nur ungern hinterfragen lassen. Vom einem Menschen, der gestorben ist auf grausame Weise.

Und davon wie es dann es eben nicht aufhörte. Dann hatten nicht wieder die gesiegt, die den Palästen wohnten und es sich gut gehen ließen. Es hatten nicht gewonnen, die auf alle Fragen eine schnelle Antwort hatten. Die von dem „notwendigen Übel“, von „zu ergreifenden Maßnahmen sprachen.“

Nein, einmal hatte Gott gewonnen. Und ist seitdem lebendig in den Geschichten, die zu den normalen Zeiten quer laufen. Ist lebendig in Geschichten, die – wie es Maria besingt – die von Barmherzigkeit und Gnade an denen handeln, die dem Leben vertrauen, trotz allem, was dagegen spricht.

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