Frieden im Unfrieden

Liebe Gemeinde,

Die Hirten sind gekommen, so wie wir es eben gesungen haben. Sie haben sich aufgemacht zu dem Stall in Bethlehem. Mitten in der Nacht ist Bewegung in sie gekommen, trotz der Finsternis haben sie ein Ziel vor Augen.

Zunächst war diese Nacht wie jede andere auch: eintönig und kalt; man wärmte sich am Lagerfeuer und bewachte die Herde. Müde werden sie gewesen sein und ausgelaugt. Das Leben war anstrengend und oft ein eintöniges Bemühen um von einem Tag zum nächsten zu kommen. Gewiss: auch das Leben der Hirten war von den kleinen Freuden des Alltags aufgelockert, aber wo gab es darüber hinaus Perspektiven, Zukunftsaussichten ?

Aber auch wenn es keine konkrete Perspektiven gab, um der Enge und Armseligkeit ihres Lebens zu entkommen: Hoffnungen und Sehnsüchte hatten sie allemal. So verschieden diese auch waren; im Kern richteten sich alle darauf, dass das Leben mehr sein soll, als die­ses mühselige tägliche Allerlei.

Es muss doch ein Leben geben, das anders ist als das, was sie Tag für Tag erleben. Ein Dasein, das nicht bestimmt wird von ständiger Schufterei und der Sorge darum, ob das Einkommen für die Familie am Ende wohl reichen wird; wo man nicht mehr darum bangen muss, wie lange man als einfacher Tagelöhner beim Besitzer der Herde noch in Lohn und Brot stehen kann.

Zuhause gab es oft Streit: alle haben größere Erwartungen ans Leben, wollten sehnsüchtig ihrer ärmlichen und aussichtslosen Existenz entkommen. Wenigstens den Kindern hätten sie gerne eine andere Perspektive geboten. Doch sobald diese konnten, mussten sie selbst mit ‚ran. Schafe scheren, Wolle waschen, kämmen, spinnen, färben. Kinderarbeit – ohne die geht es nicht. Unnütze Esser kann sich hier keiner leisten.

Wer keine Familie hatte wie der alte Hirte Samuel, hatte Angst davor, eines Tages krank zu werden oder zu schwach, um das eigene Brot zu verdienen. Wovon sollte er im Alter leben? Wozu war er dann noch nütze? Jeden Tag fiel die Arbeit schwerer und wuchs die Sorge, was wohl aus ihm werden würde.

Ein raues Leben war es, das sie da Tag für Tag erlebten. Und sie hatten sich diesem Leben angepasst. Schroff und grob ging es zuweilen untereinander zu. Man darf sich bloß nichts gefallen lassen und wer den eigenen Vorteil nicht ausnutzt, der ist schön blöd. Ab und an muss man eben rücksichtslos sein, denn schließlich würde man ja selbst auch nichts geschenkt bekommen.

Es war kaum zu erwarten, dass sich etwas Entscheidendes verändern würde. Der Glaube daran, dass die Dinge sich zu einem besseren wenden würden war gering. Die Verhältnisse waren nun einmal so wie sie waren und die Hirten würden daran sowieso nichts ändern können. Die Macht lag in den Händen der Römer, welche meinten, sie könnten die ganze Welt beherrschen. Der Wille des Kaisers und seiner Vasallen wirkte sich auf das Leben der Hirten aus. Ihre Soldaten waren überall und zwangen die Menschen, sich ihrem Willen zu beugen. Wenn der Kaiser es wollte führte er Kriege, unterwarf sich Völker und beutete ihre Schätze aus. Jetzt war gerade diese Volkszählung durchgeführt worden, die doch auch nur dazu dienen sollte, das Land noch mehr auszupressen.

Ungerechte Zustände waren das. Aber sollte man einen Aufstand beginnen? Wer sollte den führen? Es ist nicht damit getan, dass die Mächtigen gewaltsam beseitigt werden. Unterdrücken, leiden, aufbegehren – wenn sich der Kreis nicht ewig wiederholen soll, muss jemand an die Macht, der für Gerechtigkeit sorgt und bleibenden Frieden für alle schafft. Doch ein Anführer, der das Zeug dazu hätte, ist nicht in Sicht.

Nein, eine wirkliche Veränderung der Situation konnten sich die Hirten eigentlich nicht vorstellen. Zu ernüchternd war die Wirklichkeit, die sie umgab.

Und doch träumten sie davon, dass eines Tages das Leben noch einen anderen Glanz bekommen könnte. Gegen alle Vernunft blieb die sehnsuchtsvolle Hoffnung an ein besseres Leben in ihnen wach.

Hoffnungslosigkeit ist ein Luxus, den sich nur die leisten können, die sich satt fühlen; der Lebenshunger der Hirten war aber groß. Und so blieben in den langen Nächten am Lagerfeuer wenigstens die Erzählungen von einer besseren Welt. Dort malten sie sich manchmal aus, wie ihr Traum von einer besseren Welt aussehen würde.

Nicht alle ersehnten sich eine charismatische Rettergestalt, die die Mächtigen vom Thron stürzen und den Armen Frieden, Brot und Gerechtigkeit geben würde. Manche waren da skeptisch und richteten ihre Hoffnung lieber darauf, dass ein wundersamer Heiland ihr Leben von Krankheit und Schmerz befreien würde. Das Wort von dem verheißenen Messias ging umher und jeder füllte diese Erwartung mit den Sehnsüchten und Wünschen, die der eigenen Not und Sorge entsprangen.

Vielleicht unterhielten sich die Hirten auch in dieser Nacht über ihre Träume, vielleicht starrten sie aber auch nur müde und leer in die Dunkelheit.

Doch da geschieht plötzlich etwas Unerwartetes: Mitten in ihrer Nacht wird es Licht und die Hirten hellwach. Sie hören die Botschaft eines Engels, der ihnen und aller Welt eine große Freude verkündet. Große Freude weil der Retter in die Welt gekommen ist. Nicht irgendwo, sondern ganz in ihrer Nähe, in einem Stall in Bethlehem. Und sie hören einen vielstimmigen Lobgesang auf Gott, der der Welt seinen Frieden verheißt.

Wie überwältigt, wie durcheinander, wie aufgeregt, wie verwirrt und wie neugierig müssen die Hirten gewesen sein. Schnell sind sie sich einig: Sie müssen nach Bethlehem, um zu sehen, was es mit dieser überwältigenden Botschaft auf sich hat.

Würden sich jetzt ihre Hoffnungen erfüllen?

Sie machen sich auf den Weg zu der Krippe und ich stelle mir vor wie sie teils wild diskutieren aber auch tief in Gedanken versunken unterwegs waren. Welche Gefühle sie wohl hatten? War es Freude, war es spannungsvolle Erwartung oder auch Skepsis und Neugier? War keiner dabei, der sich dem Zug eben anschloss, obwohl er eigentlich gar nichts erwartete.

In dem Zug der Hirten sehe ich auch uns heute als Gemeinde an die Krippe Jesu kommen.

Mit welchen Gefühlen sind wir heute Abend hier, wie folgen wir der Botschaft, die in dieser Heiligen Nacht laut wird, dass Gott ganz in unserer Nähe klein und unauffällig zu uns kommt?

Welche Sorgen und Befürchtungen tragen wir im Gepäck, welche Sehnsüchte und Hoffnungen haben uns bewogen, uns aufzumachen, uns auf den Weg zu begeben zu der Krippe im Stall? Belasten uns Dinge im persönlichen Umfeld, in der Familie, in der Ehe oder im Freundeskreis? Bewegt uns ein schmerzlicher Verlust oder haben wir Angst um Gesundheit von uns oder eines anderen Menschen? Verunsichern uns die wirtschaftlichen und beruflichen Aussichten? Sind wir ratlos und entsetzt angesichts der Finanzkrise, der Klimakatastrophe und einer schleichenden Entsolidarisierung unserer Ge­sell­schaft? Bangen wir um unsere Sicherheit, die Terror und Gewalt gefährden?

„Euch ist heute der Heiland geboren“, so verkündet es der Engel den Hirten und uns. Was erhoffen, was erwarten wir von ihm? Was soll, was kann seine Ankunft in unserem Leben heil werden lassen? Erwarten wir überhaupt irgendetwas oder haben wir uns dem Zug der Hirten eben angeschlossen, weil es erwartet wird oder wir die Leere draußen fürchten?

Die Hirten sind angekommen, und nähern sich dem, der ihnen angekündigt wurde: ein neugeborenes Kind, in Windeln gewickelt und in einem Futtertrog liegend. Wo befinden wir uns? Reicht es uns, von draußen, vor dem Stall, einen Blick hineinzuwerfen oder drängt es uns hineinzukommen, näher heranzutreten, an die Krippe zu stehen um genau zu sehen, was es mit der Botschaft der Engel auf sich hat ?

[Lied: EG 37,1-4: Ich steh an deiner Krippen hier]

Über die Hirten an der Krippe Jesu verliert die Weihnachtsgeschichte des Lukas kein Wort. Es ist wie eine Zäsur von der wir nicht wissen, wie lange sie gedauert haben mag. Als ob die Zeit stehen geblieben sei. Nur eine kurze Weile und eine Ewigkeit zugleich befinden sich die Hirten in dem Stall, bei Maria und Josef und dem Kind in der Krip­pe.

Ewig bleiben sie dort aber nicht. Und wie sie werden auch wir irgendwann wieder umkehren, zurückgehen in unseren Alltag, in unsere Ehen und Familien, in unseren Beruf, in die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse unseres Lebens.

Mit den Hirten aber ist etwas geschehen. „Als sie es aber gesehen hatten, breiteten Sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kind gesagt war…Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gesehen und gehört hatten“. Was ist passiert? Was hat sich getan dort im Stall an der Krippe? Wie kommt es, dass die Hirten voller Freude unbedingt weitersagen müssen, was ihnen dort an der Krippe begegnet ist?

Die Hirten sahen ein Kind in der Krippe liegen. Nichts besonderes war an diesem Kind, in Windeln verpackt wird es genauso ausgese­hen haben, wie jedes andere Kind auch. Und doch haben sie etwas Einmaliges dort gefunden, etwas Unverwechselbares und Unnachahmliches. Die Engel haben es verkündet und ihre Botschaft öffnet die Hirten für die wundersamste Begegnung ihres Lebens:

Gott selbst blickt die Hirten aus der Krippe an. Mit der Botschaft der Engel im Ohr bringt der Blick des Neugeborenen etwas bei den Hirten in Bewegung. In diesem Kind namens Jesus kommt Gott ihnen nahe. Die Hirten begegnen Gott selbst, das ist das Gewaltige und Große, das völlig außerhalb dessen lag, was sie sich jemals ausdenken konnten.

Wie hätte die Vorstellung einer solchen Begegnung ihre Phantasie bei den nächtlichen Gesprächen am Lagerfeuer beflügelt!

Wie hätten sie sich die gewaltigen Taten ausgeschmückt, die Gott, wenn er zu den Menschen kommt, auf dieser Welt vollbringen würde. Wie würde er für Frieden und Recht, für Rettung und Heil sorgen! Mit einem Schlag würde sich alle Sehnsucht und alle Hoffnung erfüllen!

Teilen wir diese Sehnsucht und Hoffnung auf eine klare und machtvolle Veränderung unserer Wirklichkeit?

Die Gottesbegegnung im Stall ist aber völlig anders als alle menschlichen Allmachtsphantasien. Sie ist kleiner, unscheinbarer und alltäglicher, als es sich die Hirten wohl vorgestellt hätten. Die Verwandlungen, die von diesem Gottessohn ausgehen, sind nicht laut und grell. In dem Kind in der Krippe begegnet Gott behutsam und leise, bringt die Veränderung ganz anders, als es den allzu menschlichen Vorstellungen der Hirten entspricht.

Das scheint etwas wenig zu sein und so manchem fällt es schwer zu glauben, dass Gott wirklich in die Welt gekommen ist, wenn außerhalb des Stalls doch wieder die bekannten Verhältnisse anzutreffen sind.

Auch wir werden heute aus diesem Gottesdienst gehen ohne dass der Unfriede, der unsere Wirklichkeit kennzeichnet, verschwunden ist. Der Unfriede in uns selbst, der Unfriede in unseren Beziehungen und der Unfriede in der Welt – er wird nicht einfach vergangen sein.

Und doch kommt Gott in dieser Nacht mit seinem Frieden in unseren Unfrieden. Er kommt in der Zartheit eines kleinen Kindes zu uns, und will darin uns verändern.

In der Krippe Jesu begegnen sich die Wirklichkeit der Welt und die Möglichkeiten Gottes. In dem Neugeborenen Jesus berühren sich Himmel und Erde. Die Hirten haben das begriffen. Im Anblick des Kindes erfährt ihre Sehnsucht neue Kraft und erhält ihre Hoffnung neue Glut. Denn mit der Geburt dieses Kindes ragt die Perspektive Gottes in ihr Leben hinein.

Und diese Perspektive besagt, dass nicht alles beim Alten bleiben muss. Unfriede und Ungerechtigkeit, Not und Leid, Krieg und Gewalt müssen nicht das letzte Wort haben. Gott hat eine Alternative, die mitten in unser Leben hineinkommen will.

Allerdings kommt diese Alternative Gottes anders, als es die Gesetzmäßigkeiten einer unfriedlichen Welt nahe legen. Nicht mächtig und vergewaltigend, sondern eben mit jener Zartheit eines Kindes, das die Herzen öffnet und empfänglich macht für die Veränderung, die Gott bewirken will.

Der Friede Gottes, er fängt ganz unten an. Er kommt in kleinen Ereignissen und wächst von unten. Er kommt dort, wo nicht mehr widerspruchslos hingenommen wird, dass Kollegen gemobbt oder Fremde beleidigt werden. Er beginnt, wo Leid und Elend anderer Menschen nicht mehr achselzuckend akzeptiert, sondern mitfühlend gelindert werden. Er bahnt sich an, wo Gegner trotz aller Auseinandersetzungen geachtet werden, wo das Eigene nicht absolut gesetzt und der persönliche Vorteil nicht mehr das Maß allen Handelns ist. Er fasst Fuß, wo nicht mehr auf Gewalt und Krieg gesetzt wird, sondern auf Verständigung und Gerechtigkeit.

In der Gottesbegegnung im Stall vom Bethlehem erfahren die Hirten, wie behutsam und wie überwältigend zugleich der Friede Gottes ist. Gott ist ihnen in all ihren Sehnsüchten und Hoffnungen nahe, zeigt in diesem Kind, dass er mit seinem Frieden auch ihr Leben verändern will.

Dieses Kind in der Krippe befreit sie nicht von ihrem Leben wie es ist, sondern befreit sie im Gegenteil zu ihrem Leben, zu dem Leben, das die Weite atmet, die Gott ihm zugedacht hat. Ihr Leben ist nicht mehr nur Elend und Sorge, sondern ist schon jetzt durchwoben von Gottes Gegenwart, die im Kleinen beginnt. Das haben die Hirten an der Krippe des neugeborenen Jesus erfahren und so konnten sie voller Lob aufbrechen, hinaus in die Welt, die nicht anders und doch für sie völlig verändert war.

Wer von dem Kind in der Krippe zum Leben befreit ist, wird den Frieden Gottes erfahren und weitergeben können. So kann dieser Friede Gottes in unserem Leben sichtbar werden: im kleinen wie im großen.

Ich wünsche uns, dass auch wir diese befreiende Erfahrung in mit dem Kind in der Krippe machen, so dass wir, wie die Hirten, befreit ins Leben ziehen und singen können: Fröhlich soll mein Herze springen.

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