Die drei Zeichen

Liebe Gemeinde!

Vor einiger Zeit habe ich einer Gruppe von Konfirmanden die Frage gestellt, welche drei Dinge für sie auf jeden Fall zu Weihnachten gehören. Nennt mir drei Zeichen für Weihnachten. Ziemlich schnell hatten die Jugendlichen ihre Favoriten gefunden. Das wichtigste an Weihnachten, sind erstens die Geschenke, zweitens der geschmückte Weihnachtsbaum und drittens ein besonderes Festessen. Und ich vermute, dass viele Menschen landauf landab die Einschätzung der Konfirmanden durchaus teilen. Darüber hinaus gibt natürlich noch mehr, was Weihnachten richtig weihnachtlich macht: der Heilige Abend im Kreis der Familie, die Besuche bei Verwandten an den Feiertagen, endlich mal Zeit haben, um miteinander zu reden und mit den Kindern zu spielen. Dazu die Weihnachtslieder und der Weihnachtsgottesdienst in der Kirche. Auch bestimmte Stimmungen wie Besinnlichkeit, Gemütlichkeit und Harmonie. All diese Dinge haben einen hohen Stellenwert, wenn wir an Weihnachten denken.

II.) Sicher werden viele von Ihnen darauf bestehen, dass auch die biblische Weihnachtsgeschichte am Heiligabend unbedingt mit dazu gehört. Und das obwohl es eine Geschichte ist, die das Bedürfnis nach Gemütlichkeit und Harmonie gerade nicht stillt. Eher das Gegenteil ist der Fall: Die Weihnachtsgeschichte holt uns heraus aus der warmen Stube und der schummerigen Kirche.

Die Worte aus dem Lukasevangelium, die wir gerade gehört haben, nehmen uns hinaus auf das offene Feld und führen uns in einen zugigen Stall. Im Mittelpunkt des Geschehens steht eine Familie, aber bei der geht es nicht gerade besinnlich zu. Die Geburt von Marias Kind unter den von Lukas beschriebenen Umständen war sicher eher ein Kampf ums Überleben als trautes Familienglück. Doch Gott sei Dank: Mutter und Kind überstehen die Geburt. Und Josef auch, der in dieser Nacht ohne es wirklich zu wollen Vater geworden ist, ohne Vater zu sein. So gebar Maria ihren ersten Sohn und wickelte in Windeln und legte ihn in eine Krippe – so fasst Lukas das Geschehen im Stall zusammen.

Von dort geht es wieder hinaus in die Nacht auf ein einsames Feld vor den Toren von Bethlehem, wo einige Hirten ihre Schafe hüten. Lukas erzählt, dass ihnen dort ein Engel erscheint und ihnen das Geheimnis bekannt macht. Das Kind, das in dieser Nacht in der Nähe in einem Stall geboren ist, ist nicht irgendein Kind, sondern es ist der Heiland der Welt, der schon so lange erwartete Retter, den Gott seinem Volk durch die Propheten versprochen hat. Nun ist dieses Kind geboren und die Welt soll es erfahren. Die Hirten draußen auf dem Feld sind die ersten, die die Botschaft hören. Nachdem sie die Fassung wieder gewonnen haben, machen sie sich auf die Suche nach dem Kind. Zum Glück hat ihnen der Engel ja gesagt, wonach sie Ausschau halten müssen: Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

Hier sagt die Weihnachtsgeschichte nun selber was die drei wichtigsten Zeichen in der Weihnachtsnacht sind. Das Kind – die Windeln – die Krippe, dass sind die Zeichen, die Gottes Engel den ersten Zeugen der Weihnachtsbotschaft nennt. An diesen Zeichen sollen die Hirten den Retter der Welt erkennen.

III.) Doch was sind das bloß für merkwürdige Zeichen? Was, bitte schön, haben denn ein neugeborenes Kind, Windeln und ein Futtertrog aus Holz der Welt schon Wichtiges zu sagen? Und warum sollen gerade die Windeln ein Zeichen für das Heil der ganzen Menschheit sein? Der Gedanke drängt sich ja nicht gerade von alleine auf. Wohl noch nicht einmal die Eltern, die Tag für Tag mit dem Wickeln ihrer kleinen Kinder beschäftigt sind, dürften schon einmal auf die Idee gekommen sein, das Windeln ein Zeichen der Hoffnung für die Welt sein könnten.

Die Zeichen der Weihnachtsnacht lassen uns stutzen, vielleicht sogar grübeln. Für Menschen, die sich im Alten Testament und in der jüdischen Schriftauslegung auskennen, sind diese Zeichen jedoch Hinweis auf einen größeren Zusammenhang. Das Kind, die Windeln und die Krippe – die drei Erkennungszeichen haben eine tiefere Bedeutung und haben ein gemeinsames Thema: alle drei Zeichen sind Zeichen der Rettung.

Das erste Zeichen ist das Kind. Dass die Zukunft eines jeden Volkes von Kindern abhängt, ist leicht zu verstehen. Für das Volk Israel trifft das sogar in besonderer Weise zu, denn immer wieder im Verlauf der Geschichte ist das jüdische Volk den allerschlimmsten Verfolgungen ausgesetzt gewesen. Allein die Geburt von Kindern auch in den hoffnungslosesten Zeiten hat das Überleben des Volkes gesichert.

Die Hoffnung darauf, dass eines Tages ein Kind geboren wird, ein Nachfahre des Königs David, der seinem Volk den Frieden bringt, geht auf die Verheißungen der Propheten zurück. Am bekanntesten ist die Prophezeiung aus dem Jesajabuch: Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. Diese und andere Verheißungen aus der prophetischen Tradition verbinden sich beim aufmerksamen Hören der Weihnachtsgeschichte mit der Botschaft der Engel in der Heiligen Nacht: „Siehe, ich verkündige euch große Freude, denn euch ist heute der Heiland geboren“. Mit der Botschaft von der Geburt dieses Kindes beginnt sich endlich die alte Hoffnung auf Rettung des Volkes und aller Menschen zu erfüllen.

Das zweite Zeichen, dass den Hirten genannt wird, sind die Windeln, in die das Kind gewickelt sein soll. Tatsächlich war es schon zurzeit als Jesus geboren wurde in Palästina üblich, ein neugeborenes Kind in Windeln zu wickeln. Damals legte man das kleine Kind in ein Tuch, das man dann von drei Seiten eingeschlagen hat. Mit einem langen Band wurde das Kind dann fest in die Windel eingeschnürt. Die Arme des Kindes gehörten übrigens mit in das Paket hinein.

Im Buch des Propheten Hesekiel (Hes 16,4) ist einmal von einem neugeborenen Findelkind die Rede, dass nach der Geburt draußen auf dem Feld ausgesetzt wurde, das nicht versorgt und nicht in Windeln gewickelt war. Dieses Kind, das keine Windeln hatte, war eigentlich dem Tod ausgeliefert. Anders bei Marias Kind, das die Hirten suchen und finden: obwohl es draußen auf dem Feld in einem Stall geboren wurde, ist es eben nicht nackt und bloß, sondern ist in Windeln gewickelt. Trotz aller äußeren Not seiner Geburt ist der neugeborene Retter selber ein gerettetes Kind und die Windeln sind ein Zeichen dafür: Das Kind wird leben!

Schließlich ist die Krippe das dritte Zeichen auf das die Hirten achten sollen. Das man ein kleines Kind in einen Futtertrog für Tiere zum Schlafen legt, war wirklich sehr ungewöhnlich. Die Krippe, in die Maria ihr Kind hineinlegt, muss man sich wohl als einen kleinen Holzkasten vorstellen. Und auch dabei klingt wieder eine andere biblische Tradition mit an. Die Erinnerung an Moses, der als kleines Kind von seiner Mutter in ein mit Pech ausgestrichenes Schilfkörbchen gelegt und am Ufer des Nils ausgesetzt wurde, um das Kind vor dem Tod zu retten. Und die Tradition reicht sogar noch weiter zurück. Das hebräische Wort „tewa“ bezeichnet nicht nur das Körbchen des Moses, sondern auch die Arche, in der Noah und seine Familie mit allen Tieren vor dem Wasser der Sintflut gerettet wurden. Und nun wird auch der kleine Jesus von seiner Mutter in den Kasten gelegt. Und steht so in Verbindung mit den anderen großen Rettergestalten der Bibel.

So spielen die drei Erkennungszeichen, die den Hirten über das Kind gesagt werden, auf viele biblische Traditionen an, in denen es immer um das Thema Rettung geht. Die Geburt Jesu wird eingeordnet in einen großen Zusammenhang, den allerdings nur der erfasst, der diese Zeichen verstehen und deuten kann. Was in der Heiligen Nacht geschieht, ist also die Fortsetzung einer langen Geschichte. Der Geschichte, in der Gott seinem Volk immer wieder zur Hilfe gekommen ist und sie aus der größter Not gerettet und befreit hat.

Deshalb sind das Kind, die Windeln und die Krippe die Zeichen, die es in der Weihnachtsgeschichte zu beachten und zu begreifen gilt. Sie geben an, worum es in dieser Nacht tatsächlich geht. Nicht um Gemütlichkeit, Besinnlichkeit und Lichterglanz, nicht um eine heile Welt oder eine heile Familie oder sondern es geht um nicht weniger als um die Zusage, dass Gott in diese Welt kommt um sie zu retten. Es geht um das, was wir vorhin zusammen gesungen haben: Christ der Retter ist da!

IV.) Vielleicht haben wir einen Blick dafür gewonnen, was die Zeichen der Weihnachtsgeschichte in ihrer Tiefe bedeuten. Aber was fangen wir damit an, mit dieser großen Tradition und ihrem großen Versprechen? Das Kind, die Windeln und die Krippe – können wir uns auf diese Zeichen einlassen? Können sie uns wirklich eine neue Hoffnung auf Rettung geben – für diese Welt und für unser persönliches Leben?

Vielleicht zögern wir, ehe wir antworten. Denn welchen Wert hat zum Beispiel das Zeichen des Kindes in unserer Zeit? Natürlich werden alle Eltern werden bestätigen, dass ihr Leben ohne ihre Kinder ärmer wäre, gerade jetzt in diesen Tagen. Trotzdem muss man aber wohl feststellen, dass Kinder in unserem Land oft nicht viel zählen. Die Einsicht, dass es ohne Kinder nicht weitergeht ist wohl vorhanden – trotzdem sinkt die Geburtenrate weiter. Und leider haben diejenigen ja auch nicht völlig unrecht, die sagen, dass man manche Lebensziele ohne Kinder leichter erreichen kann. Wer keine Kinder hat, ist als Arbeitnehmer oft höher geschätzt und kommt in den vielen Fällen beruflich schneller voran. Männer, die Elternzeit nehmen wollen bekommen immer noch Schwierigkeiten mit ihrem Arbeitgeber. Das ist deutsche Wirklichkeit. Außerdem ist durch viele Untersuchungen bekannt, dass Familien oder Alleinerziehende mit mehreren Kindern besonders oft von Armut betroffen sind. Es gibt in unserem reichen Land nicht wenige Eltern, die oft nicht wissen wovon sie die Windeln für ihre kleinen Kinder bezahlen sollen. Und wenn man an das Schicksal der vielen vernachlässigten Kinder in unserem Land denkt, dann mag man manchmal fast verzweifeln.

Vielleicht hätten wir größeres Vertrauen zu anderen Zeichen als gerade zu den Zeichen der Weihnachtsnacht, zu Kind, Windeln und Krippe. Warten wir nicht auf ganz andere Zeichen der Hoffnung? Würden uns nicht die Aussicht auf eine weiter sinkende Arbeitslosenquote, ein Durchbruch bei einer internationalen Klimakonferenz oder die Meldung, das nun endlich Frieden ist im Irak, in Afghanistan, im Sudan oder in Palästina mehr Hoffnung und Zuversicht geben?

Was kann das Kind in der Krippe denn schon bewegen?

V.) Nun – vielleicht ist diese Frage aber auch falsch gestellt. Vielleicht muss sie eher lauten: kann das Kind in der Krippe uns bewegen? Lassen wir uns anrühren und verändern von der Botschaft, die durch die Geburt dieses Kind in die Welt kommt?

Bekommen wir einen neuen Blick auf unsere Welt, auf unseren Nächsten und auf uns selbst, wenn wir nun hören, dass Gott seine Welt so sehr liebt und wir, seine Menschen ihm so wertvoll sind, dass es ihn einfach nicht im Himmel hält und er zu uns kommt, in unsere Welt mit all ihren Dunkelheiten? Dazu wählt er nicht den Weg der Macht, sondern den Weg des Kindes. Denn er will uns nicht erschrecken, sondern uns durch seinen Sohn seine Liebe ganz nahe bringen. Und nur, und wirklich nur durch diese Liebe wird die Rettung möglich. Diese Liebe ist greifbar nahe in dieser Nacht, in der die Hirten die Zeichen erkennen und den Retter der Welt finden: das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend.

Die Hirten jedenfalls, so berichtet uns Lukas, ließen sich von dem, was sie in dieser Nacht gehört und gesehen haben, anrühren und in Bewegung setzen. Nachdem sie das Kind angebetet hatten kehrten sie um und erzählten die gute Botschaft, damit alle erfahren, dass der Retter der Welt geboren ist.

VI.) Auch wir kehren nun zurück. In Gedanken kommen wir vom Feld aus dem Stall wieder in die Kirche und von hier führt unser Weg nachher zurück in unsere Häuser wo Geschenke, Tannenbaum und Menschen auf uns warten, vielleicht auch etwas Gemütlichkeit und Besinnlichkeit in den kommenden Tagen. Und ich rate ihnen: genießen sie das alles ruhig mit vollem Herzen.

Aber geben Sie damit noch nicht zufrieden. Glauben sie nicht, dass das schon alles ist, was sie von Weihnachten zu erwarten haben. Vergessen sie die Zeichen nicht, auf die wir im Stall aufmerksam geworden sind: das Kind, die Windeln und die Krippe. Es sind die Zeichen der Hoffnung darauf, dass diese Welt und wir Menschen, dass Sie und ich nicht verloren sind, sondern durch die Liebe gerettet werden.

Bewegen Sie die Botschaft weiter in ihren Herzen und lassen sie sich von ihr in Bewegung setzten. Denn noch immer warten viele Menschen darauf, dass auch zu ihnen jemand kommt, der mit draußen im Stall gewesen ist, der das Kind und die Zeichen gesehen und verstanden hat.

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